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muttertag ::: way down on memory lane

Geburtshaus Charlottenburg

Muttertag ist ja so ’ne Sache.

Als ich klein war, wurden dazu noch Gedichte und Lieder in der Schule gelernt, was Herzförmiges gebastelt und Blumen organisiert. Tatsächlich standen mein Bruder und ich für unsere Verhältnisse früh auf und schlichen in ein nahes Wäldchen, wo man Wiesenblumen pflücken konnte. Die Muttertagssträuße meiner Kindheit bestanden also weitgehend aus Schafgarbe, Wiesenschaumkraut, Hahnenfuß und, je nach Temperaturen, frühem Klatschmohn.

Wir machten Frühstück und taten heimlich, schmückten den Tisch und verschenkten die üblichen Gutscheine für „Müll wegbringen“, Rasenmähen oder Treppe kehren. (Nicht, dass wir all das nicht ohnehin hätten tun müssen, aber geschenkte Dienstleistung ist ja aus Kindersicht immer was ganz anderes als erfüllte Verpflichtung. ) Manchmal sangen wir was Selbstausgedachtes, mein Bruder war ein großer Komponist und Dichter in Kindertagen, und ich erinnere mich daran, dass ich immer das Gefühl hatte, meine Mutter sei ehrlich glücklich und dankbar an diesen Morgenden.

Meinen ersten Muttertag verbrachte ich 2003 in einer halb eingerichteten, sonnendurchfluteten Wohnung im Friedrichshain, zwischen bis zur Decke aufgestapelten Umzugskartons auf der ausrangierten Praxiscouch meiner Schwiegermutter – bis in die letzte Faser meiner Existenz glücklich. Es ist erstaunlich, dass ich mich an diesen Tag so gut erinnere, vielleicht liegt es auch daran, dass wir Fotos gemacht haben und dass wiederum meine Mutter und Schwester zu Besuch waren. Aber es war ein sonniger herrlicher Tag mit üppigem Frühstück in der gerade in Betrieb genommenen Küche, mit Blumen und einem ausgedehnten Spaziergang durch den Volkspark, mit dem schönsten liebsten Baby der Welt in meinen Armen und flankiert von einigen meiner Lieblingsmenschen. Die Erinnerung endet damit, dass wir meine Mutter und Schwester zum Ostbahnhof brachten und dann noch irgendwo am Märchenbrunnen rumhingen, wo ich zwischen blühenden Rosen meine Tochter stillte…

… abgesehen von diesem ersten Muttertag, der in meiner Erinnerung so etwas Besonderes war, sind alle Muttertage weitgehend gleich vom Ablauf her und haben auch sehr viel mit den Muttertagen meiner Kindheit gemein – wenngleich meine Kids hier mitten in der Stadt natürlich nicht Blumen pflücken gehen. Erwartungsvolle Gesichter mit Kaffeeduft und Kindergemälde sind aber nach wie vor Bestandteil des Rituals. Und ja, ich bin ehrlich glücklich und dankbar am Muttertag und hoffe, meine Kinder sehen und spüren das, so wie ich es immer bei meiner Mutter gespürt habe.

Seit ich selbst Kinder habe, die mich an den Muttertagsmorgenden am Bett besuchen, mir Gänseblümchen in Schnapsgläsern als Blumenstrauß präsentieren, mir riesige Becher mit pechschwarzem Kaffee und viel Zucker darin kredenzen und dabei erwartungsfroh grinsen, denke ich jedes Jahr aufs Neue daran, wie ich selbst als kleines Mädchen am Bett meiner Mutter stand, begeistert von diesem Tag und ganz besonders angefüllt mir Muttertagsliebe für meine Mutter. Und außerdem natürlich stolz auf mich selbst wegen meiner Sträußchen und Bilder und des (noch nicht verschütteten) Kaffees.

Als erwachsener Mensch bin ich dazu übergegangen, meiner Mutter Sträuße zu schicken und sie anzurufen – natürlich nicht nur an Muttertag, sondern auch so. Aber an Muttertag eben mit dem besonderen Gefühl, etwas mit ihr zu teilen, was ich in der Zeit VOR den Kindern nicht wusste: wie es gewesen sein muss für sie als wir klein waren. Wie glücklich sie wirklich gewesen ist. Wie sehr ihr Herz übergelaufen ist an jedem dieser wuseligen und chaotlischen Sonntage, an denen wir über sie herfielen. Wie groß ihre Freude über jedes ihr gewidmete Lied, Bild oder Gedicht tatsächlich gewesen sein muss.

Letztes Jahr habe ich an Muttertag eine Freundin gebeten, einen Strauß ans Grab meiner Mutter zu bringen, denn ich bin 630km weit weg von dem Friedhof, auf dem sie seit noch nicht 2 Jahren begraben liegt. Als sie noch lebte, konnten wir diese Entfernung überbrücken. Wir taten das täglich per Telefon, fast jedes Wochenende per Skype und ganz regelmäßig mit Besuchen: sie bei mir und ich bei ihr. Jetzt sind es nicht nur 630km Strecke, an deren Ende ein Friedhof liegt. Es ist eine Art unendlicher Stille und Schwere, die ich mit keinem verschickten Blumenstrauß, keinem Skype-Call und keiner Reise mehr überbrücken kann.

Es gibt jetzt, an diesemm Muttertag, nur einen einzigen Weg, den ich gehen kann, um meine Mutter zu erreichen. Um ihr zu sagen, wie schön es immer war, ihre Tochter zu sein und wie sehr ich das vermisse, jeden Tag. Um ihr zu sagen, dass ich immer an sie denke, in jeder Kleinigkeit in meinem Alltag, in so vielen Gesten und in unzähligen Gedanken. Dass die Mutter, die sie für mich und meine Geschwister war, immer in mir ist und in jeder meiner Handlungen mit meinen Kindern und dass ich mich darauf freue, das auch an meinen Geschwistern zu sehen, wenn sie Kinder haben werden. Und das ist der Weg: die lebendige Erinnerung.

Ich erzähle meinen Kindern von den Muttertagen früher und davon, wie es für meine Mutter immer war, als sie das kleine Mädchen war und Blumensträuße für meine Großmutter pflückte. Wir werden an sie denken und uns an sie erinnern, an ihr Lachen, an ihre Wärme, an ihr großes Herz und ihre Lebenslust. Zusammen mit der dicken Kaffeetasse und allen Kindern werde ich im Bett liegen und mich mit ihnen über meine Mutter, ihre Oma unterhalten. Und wir werden ganz viel kichern und vielleicht werde ich auch ein bisschen weinen.

Das ist jetzt der beste und schmerzlichste Teil von Muttertag für mich, an den ich mich noch nicht gewöhnt habe – und wird es wahrscheinlich bleiben, so lange ich lebe.

Muttertag 2003 mit meiner Mutter und meinem Herzensmädchen. Und in schwarz-weiß meine Großmutter mit mir 1973.

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

(Else Lasker-Schüler)

13 Kommentare

  1. Jetzt muss ich auch weinen. Ein sehr schön geschriebener Artikel, Danke! Für mich ist Muttertag genau so, wie Du ihn beschreibst – er hat für mich nichts mit überteuerten, sinnlosen Präsenten oder lieblosen Pralinenschachteln zu tun, sondern mit selbergemachten, liebevollen Kleinigkeiten und Aufmerksamkeiten. Dieser Zauber aus meiner Kindheit, jetzt weitergelebt mit meinen Kindern.
    Meine Mama lebt im Gegensatz zu Deiner noch. Einen Teil des Wegs, den du mir vorausgegangen bist. Ich fühle mit Dir und weiß, das er auch auf mich warten wird.

  2. annesonne sagt

    ein sehr schöner artikel anna! und ein sehr schöner Kommentar von aleXXblume, dem kann ich mich eigentlich nur anschließen! im moment ist mein kleiner wirbelwind noch zu klein, aber ich freue mich schon auf die ersten selbstgebastelten geschenke 🙂

  3. minusch sagt

    es war schön, ein wenig in deine liebevollen erinnerungen abzutauchen. sie sind so anders als meine…

    wir haben als kinder am muttertag immer irgendetwas falsch gemacht und ich erinnere mich eher an die enttäuschung meiner mutter, als an ihre mütterliche freude. sie ist wohl ein anderer mensch. ein andere mutter.

    deswegen haben mein mann und ich beschlossen, mutter- und vatertage als familie zu gestalten und zu verbringen. am vatertag darf der papa bestimmen, was gemacht wird, welchen kuchen es gibt und was wir essen. am muttertag darf ich das. und ich rechne fest damit, dass unsere söhne irgendwann einen kindertag pro kind fordern werden. was ich auch schön fände.

    ich finde den gedanken schön, neben dem geburtstag noch einen weiteren ehrentag zu haben. was ich nicht möchte, ist meine kinder mit erwartungen unter druck zu setzen, die sie nur enttäuschen können. dann doch lieber alle gemeinsam.

    ich bin eben auch eine andere mutter.

    minusch

  4. Ich kann Deine Gefühle sehr gut nachvollziehen und finde es schön, dass Du Deine Mutter weiterhin in Euren Alltag integrierst. Sie lebt jetzt in Dir weiter, indem Du Dinge tust, die Du von ihr gelernt hast. Und vielleicht werden Deine Kinder genau diese Dinge auch von Dir lernen. Was kann man mehr erreichen?

  5. Saili sagt

    Ich möchte deinen Text sehr sehr sehr!!!!! So viel Liebe überall!
    In diesem Sinne: einen wunderschönen Muttertag für dich!

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  7. Jetzt kullern mir tatsächlich ein paar Tränchen die Wanger herunter! Ich bin mir sicher du wirst deine Mama in guter Erinnerung behalten 🙂

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