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anker der liebe ::: über vergänglichkeit und die kraft der erinnerung

Flatlay Kraft der Erinnerung | Berlinmittemom.com

Neulich saß ich mit einer Runde lieber Freundinnen beim Frühstück und wir quatschten über unsere Leben und Kinder und Jobs und einfach alles. Und ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwann erzählte ich eine Anekdote aus dem Leben meiner Uroma, der Großmutter meiner Mutter, die zu den sagenumwobensten Figuren meiner Familiengeschichte gehört und von der mir schon als Kind erzählt wurde. Zitate von ihr haben sich bis heute in meiner Familie gehalten und wenn ich meine Geschwister, Tanten oder Cousinen treffe, fallen auch bei ihnen die Zitate und Sprüche, die von dieser Uroma Trudi stammen.

Genau wie ich als Kind, lieben auch meine Kinder die lustigen und außergewöhnlichen Geschichten über ihre Vorfahrin und hören kichernd und fasziniert zu. Obwohl sie sie nie kannten und ich sie nie kannte, ist sie unvergessen und lebt in den Geschichten in der Familie fort. Bilder gibt es von ihr nur wenige, aber das liegt natürlich an der Zeit, in der sie geboren wurde und gelebt hat und in der Fotos ohnehin eine Seltenheit waren. Aber durch die sagenhaften Geschichten und Familienlegenden ist sie noch da. Auch ohne Fotos.

Und sie ist nicht die Einzige in der Familie, die über ihren Tod hinaus mit uns allen verbunden geblieben ist. Mit meiner Mutter ist es ähnlich. Wie oft spreche ich von ihr, wie oft denke ich an Dinge, die sie immer gesagt und getan hat und wie oft schaue ich mit meinen Kindern die Fotos und Videos von ihr an und wir erinnern uns gemeinsam. Die Kinder holen ihre Omaschatzkistchen raus und wickeln sich jedes in seinen Omaschal. Wir bilden uns ein, dass diese Tücher oder andere Erinnerungsstücke noch nach ihr riechen oder freuen uns, wenn wir von dem geerbten Omageschirr zusammen essen. Und die Kraft der Erinnerung trägt uns plötzlich ein großes Stück näher zu ihr.

Meine Mutter ist erst fünfeinhalb Jahre tot und auf eine Weise ist das eine kurze Zeit. Auf der anderen Seite ist das Leben gerast seitdem und sie hat beispielsweise drei weitere Enkelkinder bekommen, die sie niemals kennenlernen konnte. Wenn wir uns aber unsere Erinnerungen an sie mit Geschichten, Fotos und Lieblingsstücken ganz nah ranholen, ist sie auf eine Weise wieder da. Die Kraft dieser Dinge und Geschichten ist immens und manchmal ist die Stimmung so intensiv, dass ich meine Mama dann ganz nah spüre. Dann lachen wir und weinen auch manchmal und vermissen sie. Und ich bin dankbar für all die kleinen und großen Bruchstücke aus meinem Mosaik der Erinnerungen an ein Leben mit ihr, die ich mir bewahre wie einen Schatz.

Flatlay Kraft der Erinnerung | Berlinmittemom.com

Bilder und Geschichten: der Anker der Erinnerung

Aber dann… denke ich über mich nach. In dieser kleinen Familie hier bin ICH die Mutter. Und ich bin ebenso vergänglich wie meine legendäre Uroma Trudi oder meine Großeltern oder meine liebe, lustige, kluge Mama. Und während die Kinder in den Alben blättern auf der Suche nach Bildern von sich mit dieser Oma, an die sie zum Teil nur ganz rudimentäre Erinnerungen haben, frage ich mich, wie es sein wird, wenn ich mal nicht mehr da bin. Wenn ich diejenige bin, an die sich nur noch erinnert wird und nichts mehr von mir übrig sein wird als Bilder, Geschichten und vielleicht die digitale Spur dieses Blogs.

In der Familie bin ich die, die die Fotos macht. Einerseits liegt das am größeren Interesse an der Fotografie ansich, andererseits natürlich am Bloggerjob, der mich viele Momente viel selbstverständlicher festhalten lässt. In der Folge bin ich aber dann tatsächlich diejenige, die am seltensten fotografiert wird.  Auf Urlaubsbildern sind es immer die Kinder, einzeln und zu zweit oder zu dritt, die auf den Bildern zu sehen sind. Als nächstes gibt es dann viele Papa-Kinder-Fotos und am seltensten werden Mama-Kinder-Fotos gemacht. Die Selfiefunktion am Handy löst dieses Dilemma ein bisschen auf, aber diese schönen vertieften Situationen zwischen meinen Kindern und mir werden selten festgehalten.

Denn es ist so: irgendwann bin ich weg, so wie meine Mutter jetzt und ihre Mutter vor ihr und meine Urgroßmutter Trudi. Irgendwann werde ich vergangen sein und nur noch eine Erinnerung in den Herzen und Köpfen meiner Kinder (und hoffentlich Enkelkinder) und dann suchen sie nach Erinnerungsfotos von sich zusammen mit mir und es werden entsprechend weniger sein, als die mit Papa oder den Geschwistern.

Und vielleicht schauen sie Urlaubsbilder und sehen auf allen sich selbst am Strand und sich selbst beim Reiten und sich selbst beim Toben durch die Wellen und ja, es ist mein verliebter Mamablick durch die Linse, der diese Momente festhält, aber ich bin nicht auf den Bildern. Jedenfalls nicht sichtbar.

In diesen unbeschwerten Momenten, in denen ich die Bilder gemacht habe, die sie sich dann vielleicht anschauen, haben wir nicht an den Tod gedacht. Natürlich nicht. Denn wir waren ganz im Augenblick und haben uns hineingelegt wie die glücklichen Menschen, die wir in diesem Moment waren. Wir haben nicht darüber nachgedacht, dass der Tod zum Leben gehört und uns eines Tages unweigerlich voneinander trennen wird. Dass wir uns nicht ewig festhalten können und dass wir gerade vielleicht Erinnerungen schaffen, die uns in fernen veränderten Tagen ohne einander geliebte Schätze aus der Vergangenheit sein werden, an denen wir festhalten und an denen entlang wir Geschichten erzählen werden. Über die, die nicht mehr bei uns sind.

Seit meine eigene Mama nicht mehr da ist und vor allem meine beiden jüngeren Kinder immer wieder feststellen, wie wenige Erinnerungsfotos es von ihnen mit der Oma gibt, wird mir das immer wieder bewusst. Wir sind nicht unsterblich. Natürlich wissen wir das, aber meistens denken wir nicht daran. Und das ist gut so!

Aber wenn es um unsere geliebten Kinder geht, darum, dass sie uns natürlicherweise irgendwann überleben werden, dass sie übrig bleiben, so wie wir übrig bleiben und ohne unsere Eltern weiterleben, dann ist es vielleicht auch für uns wichtig, ab und zu doch daran zu denken.

Wir gehen ihnen voran

Wir werden nicht für immer da sein. Irgendwann lassen wir unsere Kinder zurück und hoffentlich haben sie dann die Herzen gefüllt mit wunderschönen und liebevollen Erinnerungen an uns. Aber wenn sie dicke Fotoalben haben über ihr Leben mit uns, wenn sie geschriebene Briefe (oder Blogbeiträge!) und Babytagebücher haben oder Schatzkisten mit Erinnerungsstücken an gemeinsam verbrachte Momente, dann können sie diese Dinge betrachten, berühren, ihre Nase darin vergraben und die erlebte Zeit physisch greifen. Und sie können Geschichten dazu erzählen. Sie werden lachen und weinen und uns vermissen, aber sie werden Dinge haben, mit denen sie die Geschichten wieder ganz nah an sich heranholen und sie weiter erzählen können. Ich denke daran, wie meine Mutter in meiner Kindheit in einer kleinen Zigarillokiste immer ein Stück Rosacentifolia Seife aufbewahrte und ab und zu daran roch, weil das die Seife war, die ihre geliebte Oma, meine Uroma Trudi immer benutzte und sie diesen Geruch mit der unbeschwerten Ferienzeit bei dieser Oma verband. Ich denke daran, wie ich einen Schal meiner Mutter wie meinen Schatz hütete, weil er in meiner Wahrnehmung noch immer nach ihr roch und wie ich ihn eines Tages verlor und kreuzunglücklich war, weil ich diese greifbare Erinnerung verloren hatte. Ich denke daran, wie meine große Tochter ihre Omaschätze hütet und sich an ihnen erfreut, wenn die Sehnsucht allzu groß ist und wie Tränen der Sehnsucht und gleichzeitig Liebe und Dankbarkeit uns in solchen Momenten zeigen, wie viel Glück wir bereits erfahren durften – mit diesen wunderbaren Menschen in unseren Leben.

Ich habe mir vorgenommen, für meine Kinder bewusster solche Erinnerungen zu schaffen. Nicht, indem ich Momente künstlich aufbausche oder zelebriere, sondern indem ich die Kleinigkeiten in unserem Alltag miteinander sammele und ab und zu festhalte. Ich werde meine Kinder auch mal öfter selbst an den Auslöser lassen und den Berlinmittedad öfter bewusst bitten, Fotos von den Kindern und mir gemeinsam zu machen. Ich werde darauf bestehen, dass gemeinsame Bilder von allen gemacht werden, vor allem an wichtigen Tagen wie Geburtstagen und Weihnachten oder auch auf gemeinsamen Reisen, auch wenn die Kinder mal maulen und nicht so gerne wollen. Ich möchte Erinnerungen schaffen, in denen sie blättern können und stelle mir vor, wie sie irgendwann auf dem Sofa sitzen, in ferner Zukunft, ohne mich, aber vielleicht mit einem eigenen Kind oder Enkelkind auf dem Schoß und von mir erzählen.

„Siehst du, das ist meine Mama, deine Oma/Uroma. Das war an meinem Geburtstag vor meiner Einschulung, da hat sie mir einen Glücksbringer geschenkt, den ich an meinen Schulranzen hängen konnte, damit ich jeden Tag begleitet zur Schule gehe. Schau, den Anhänger habe ich hier…“

Und es mag sentimental oder kitschig klingen, aber ich hoffe und wünsche mir, dass es so sein wird. Dass es mir gelingen wird, die Leben meiner Kinder mit wunderschönen Erinnerungen an unsere Zeit als Familie zu füllen, immateriellen wie materiellen. Und dass diese Dinge von mir bleiben, wenn ich nicht mehr da bin. Denn ich weiß, dass diese Erinnerungsstücke nicht nur auf eine Weise die Person lebendig halten, die nicht mehr da ist, sondern dass von ihnen auch ein großer Trost ausgeht. Wir dürfen uns nämlich mit diesen Erinnerungen wenigstens für Momente in die wundervolle gemeinsame Zeit zurück begeben, selbst wenn sie unwiderruflich vorbei ist und können aus den Fotos, Geschichten und kleinen Schätzen große Kraft ziehen. Es liegt auch ein großes Glück darin, sich an die Liebe zu Menschen zu erinnern, die nicht mehr da sind. Denn selbst wenn diese Erinnerung auch schmerzt und mit Sehnsucht gefüllt ist, die Liebe und die Erfahrung dieser Liebe ist nicht weg, nicht gestorben, nicht vergangen. Wir tragen sie in uns und können sie mit Geschichten, Fotos und kleinen Schätzen aus vergangenen Tagen wieder spürbar machen, zum Leben erwecken und sogar an unsere Kinder oder andere Menschen weitergeben. Das ist ein großes Geschenk.

Ich vermisse meine Mama jeden Tag und dennoch bin ich dankbar und glücklich, dass ich ihre Tochter bin und so viele wundervolle Erinnerungen an ihre große Liebe zu uns habe, die mich mit ihr verbinden – über den Tod hinaus. Das wünsche ich mir für meine Kinder auch.

Denn ich bin nicht unsterblich. Und ich weiß das.

9 Kommentare

  1. Britta sagt

    Liebe Anna,

    ein ganz wundervoller Text, der mich sehr berührt. Ich selbst habe mich im letzten Jahr viel mit diesem Thema beschäftigt aufgrund einer Krebserkrankung. 

    Danke dafür! Fühl Dich gedrückt!

    LG Britta 

  2. Fleur sagt

    Meine liebe Anna, ich habe glaube ich noch nie kommentiert. Aber hier und jetzt möchte ich Dich wissen lassen, dass Du wirklich wundervolle Texte schreibst, welche immer mitten ins Herz treffen.

    Meine kleine Tochter beschäftigt der Tod schon einige Zeit, unser Hund ist vor zwei Jahren gestorben und das lässt sie immer noch nicht los. Ausserdem pflegen wir in unserem vier Generationen Haus auch die Uroma, auch da ist das Thema präsent, obwohl sie physisch noch da ist.

    Oft enden schöne Sonntagsfrühstücke damit, dass wir uns heulend in den Armen liegen weil sie Sachen sagt wie: “Mama, ish wünsch mir vom Christkind, das ihr nie sterbt.“ 

    Gerade darum gehen mir deine Texte über Anker besonders nah. Du wirfst ganz sicher in Deiner Familie viele wertvolle Anker. Aber bei Deinen Leser/innen nicht weniger.

    Tausend Dank dafür.

    • Jetzt heul ich. <3 Danke dir für deinen lieben und so persönlichen Kommentar. Und wenn du deine kleine Tochter das nächste Mal drückst, sag ihr, es gibt ein unsichtbares Band der Liebe zwischen den Herzen von Kindern und ihren Eltern und egal, wie weit weg sie voneinander sind, es kann nie nie zerreißen. Es ist wie eine Sicherheitsschnur, die uns hält. Und das funktioniert das ganze Leben lang. Ganz liebe Grüße!

  3. Tanja sagt

    Oh liebe Anna,

    jetzt sitze ich weinend am Frühstückstisch… Ich bin ziemlich schlecht im festhalten von Erinnerungen, die Babytagebücher liegen jungfräulich hier, und außer großen Kisten mit besonders liebgewonnener Kleidung, selbstgemalten Bildern und  Fotos gibt es hier nichts. Aber die gefühlten Erinnerungen, die gibt es! Mein Vater ist vor wenigen Wochen gestorben. Als wir jetzt sein Auto verkauft haben, hat meine jüngste Tochter dem Käufer die Annekdötchen erzählt, die sie mit dem Opa immer gemacht hat – das war so schön und traurig. Die Erinnerungen werden blasser, aber die Gefühle bleiben ganz warm!

    Hab herzlichen Dank für diesen wunderschönen Artikel!

    Herzliche Grüße,

    Tanja

  4. Ach Anna, das ist so wunderbar geschrieben. Hier sitze ich und heule. Und ja, du hast so recht! Meine Kinder kannten meine Oma nicht, aber auch sie ist lebendig in unserer Familie. Wenn die Kinder nach Oma Emmi Pfannkuchen fragen ode wir über uralte, lustige Geschichten von ihr Lachen. Seit mein Vater vor 8 Jahren starb, sammeln wir auch viel bewusster Erinnerungen. Wir nehmen uns mehr Zeit, Zeit mit der Oma, Zeit für uns nur als Familie. Und auch wenn der Schmerz da ist, es macht mich so glücklich, wenn wir alle vom Opa sprechen und uns erinnern- was bleibt ist die Liebe. Und das ist gut. Danke für deinen tollen Text! Liebe Grüße Sabine 

  5. Hannah sagt

    Liebe Anna,

    Vielen Dank für deine tollen Texte. Oft erkenne ich Gedanken von mir darin wieder. Auch meine Mama ist seit vier Jahren nicht mehr bei uns und konnte meine beiden Töchter nicht mehr kennenlernen. Ihr Leser ja gerne und viel. Hast du evtl. ein paar Buchempfehlungen für mich, um Kinder an das Thema Tod ranzuführen? Meine Große ist jetzt drei Jahre und bald wird sicherlich die Frage kommen wo ihre zweite Oma von der wir viel reden ist.

    Danke und liebe Grüße

    Hannah

  6. Jazmin sagt

    Mir sind gerade echt die Tränen gekullert. du sprichst mir aus der Seele…ich bin auch "die Fotografin" in der Familie. vielen Dank für diesen wundervollen Text❤️

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