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ein brief ins kaiserinnenreich ::: liebe mareice…

Kaiserinnenreich, Familien Blog, Inklusion, Berlin, Mareice Kaiser

Liebe Mareice,

gerade wollte ich dir einen Kommentar zu deinem letzten Blogpost "Behinderte Momente #8" hinterlassen, weil mich die Reaktionen darauf so berührt, bewegt und aufgewühlt haben. Aber dann fiel mir ein, dass ich dir noch viel mehr zu sagen hätte und habe mich entschieden, das hier zu tun. Vielleicht trägt die Öffentlichkeit meines Blogs zusätzlich zu deiner wunderbaren Plattform Kaiserinnenreich ja dazu bei, das Bewusstsein für den achtsamen und selbstverständlichen Umgang mit Behinderungen allgemein und behinderten Kindern im Besonderen zu schärfen.

Es gibt einiges, was ich immer über dich denke, wenn ich von dir lese. Als ich auf dein inklusives Familienblog aufmerksam wurde, durch einen Facebookpost der lieben Anja vom Tuten der Schiffe, war ich zuerst von deiner Wortgewalt beeindruckt. Von deiner großartigen Sprache, in die ich mich gleich verliebt habe. Von deiner Fähigkeit, zu erzählen und zugleich Anliegen zu formulieren. Aber auch von deiner Bereitschaft, deine Themen neben die Themen anderer Menschen zu stellen und ihnen Raum zu geben. Von deiner Offeheit und deiner Neugier auf andere Konzepte, andere Lebensentwürfe, andere Ideen. Von der Klarheit, mit der du sprichst und der Klarheit, die darunter liegt, und mit der du mit deinen Töchtern und deinem Mann dein Leben lebst: als Familie mit einer Besonderheit.

Nun ist die Besonderheit bei euch ausgesprochen besonders, denn deine kleine Tochter, Kaiserin I, ist mehrfach schwert behindert und ihr lebt jeden Tag damit, dass sie sogar für die Ärzte ein "Supersonderspezialkind" ist – du, dein Mann und Kaiserin II. Und natürlich sie selbst. Es ist nicht allein die Selbstverständlichkeit, mit der du über eure Erfahrungen schreibst, die für die oben genannte Klarheit sprechen, es ist auch die Offenheit, mit der du das tust.

Jetzt hast du leider auch an deinem ganz persönlichen und wunderschönen Netzort, dem Kaiserinnenreich, Anfeindungen der abscheulichsten, abstoßendsten Art erfahren müssen von einer Person, die deine geliebte Tochter  mit Worten bezeichnet (und abgewertet) hat, die ich hier nicht wiederholen möchte. Mein Impuls beim Lesen dieser Kommentare war: ich möchte nicht mit dieser Unperson sprechen. Ich möchte nicht versuchen, sie zu überzeugen, dass sie Unrecht hat. Und ich möchte gar nicht darauf eingehen, was sie für eine widerliche Sprache führt. Ich möchte mit DIR sprechen. Denn du bist diejenige, die das abkriegt. Du bist die, die hier verletzt wird. Kaiserin I erfährt zum Glück nichts davon und ist in der Liebe und der Fürsorge ihrer Familie glücklich. Aber das du dir so etwas anhören musstest und dabei die Größe hattest, das auch noch frei zu schalten, hat in mir den Wunsch geweckt, dir über meine spontanen Reaktionen hinaus etwas zu sagen. Nicht deiner unmenschlichen Kommentatorin. Dir.

Dir möchte ich sagen, wie sehr du mit deinem Blog, deinen Texten und den Einsichten in dein Leben das meine bereicherst, so oft ich bei dir lese und mich durchs Kaiserinnenreich klicke. Und ich bin nicht die Einzige der das so geht, davon zeugen unter anderem die vielen Kommentator*innen, die in die direkte Konfrontation mit der Person gegangen sind, die dich und deine Entscheidungen angefeindet hat.

Ich möchte dir sagen, wie wichtig ich finde, was du tust und wie sehr ich es schätze, wie du es tust. Für mich ist dein Blog ein wunderbarer Ort, den ich nicht etwa besuche, um meine eigene "Normalität" bzw. die meiner Kinder zu bestätigen. Ich lese bei dir, weil deine intensiven und zugleich so unaufgeregten Schilderungen eures Alltags, die vielen Geschichten über das Leben mit deinen Töchtern und deine Gefühle als ihre Mutter, über die du schreibst, mich in meinem eigenen Mutter-Sein inspirieren, zum Nachdenken bringen und ich mich in vielen Dingen wieder erkenne. Ich mag deine Art, zu denken und die Grundhaltung, mit der du deinen Kindern begegnest. Viel von dem, was du erlebst, kenne ich aus eigener Anschauung, vieles kenne ich überhaupt nicht und es interessiert mich, wie du die Dinge löst. Welche Entscheidungen du triffst und warum.

Das Kaiserinnenreich ist ein Ort der zeigt, dass ein Leben mit Kindern außerhalb der gängigen "Norm" ebenso normal ist, weil es nämlich (Kaiserinnen-)Alltag ist. Ich komme zu dir und höre dort deiner Stimme zu, weil sie mir immer wieder in Erinnerung ruft, was die Dinge sind, mit denen du wirklich täglich kämpfen musst: Behörden, Krankenkassen, die Reaktionen anderer Menschen auf dein behindertes Kind etc. Ich komme zu dir, weil ich mich viel zu oft selbst dabei erwische, wie ich mich in meinem 0815-Leben gemütlich einrichte und mir zu wenige Gedanken darüber mache, mit was andere Menschen um mich herum sich auseinandersetzen müssen, jeden Tag. Ich komme und lese deine klugen, eindringlichen und oft mutigen Texte, weil sie mich daran erinnern, dass es mir nicht egal ist, wie es anderen Menschen geht. Was ihre täglichen Herausforderungen sind. Und was meine Verantwortung dabei sein muss: mich ebenfalls aufstellen, an ihre Seite. Meine Stimme dafür benutzen, ihre Themen lauter zu machen. Mein Umfeld damit zu "beschallen" und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass nicht alles jenseits der eigenen kleinen "Norm" weit weg geschoben wird.

Liebe Mareice, deine Stimme ist wichtig. Sie klingt klar und schön und sie sagt die Wahrheit über viele Aspekte unseres Lebens hier in diesem Land. Das Kaiserinnenreich ist dein Megaphon und verstärkt deine Botschaft. Ich danke dir für diesen Ort und für das, was du dort tust. Wenn ich irgendwie kann, unterstütze ich dich gern, wie zum Beispiel jetzt beim Voting für die BoBS, für die dein Blog nominiert wurde. Oder vielleicht durch diesen Brief an dich, der hoffentlich viele meiner wunderbaren, interessierten Leser*innen dazu verlocken wird, zu dir zu klicken, das Kaiserinnenreich zu betreten und sich dort gründlich umzuschauen. 

Ich wünsche dir für deine Themen die besten Leser*innen, große Bandbreite und weiterhin so viel Kraft und Energie, sie zu bearbeiten. Ich wünsche dir so viele kluge Menschen an die Seite, wie du durch deine Texte nur erreichen kannst. Es ist wunderbar zu sehen, wie viele dir zur Seite stehen, wenn du angegriffen wrist. Und dir ganz persönlich wünsche ich alles Glück der Welt mit deiner kleinen Familie, den kleinen Kaiserinnen und dem dazugehörigen Kaiser. Sei umarmt und sei dir sicher, ich begleite dich und bin mit meiner Stimme zur Stelle, wenn erwünscht. Und außerdem stehe ich natürlich parat für das schon lange anberaumte gemeinsame Frühlingskäffchen.

Deine Anna

Mehr über Mareice und ihr Blog auch im schönen Interview bei M i Ma: Ein Blick ins Kaiserinnenreich.

17 Kommentare

  1. Dank dir für deinen offenen Brief! …und dass ich dadurch einen wunderschönen, neuen Blog entdeckt habe!
    Ich finde es sehr traurig, dass unsere Gesellschaft so wenig Herz für diejenigen aufbringt, die nicht so funktionieren wie die meisten. Es ist traurig, dass die meisten Kinder mit (möglichen) Behinderungen abgetrieben werden. Und ich finde es traurig, dass die meisten Menschen nicht vor Augen haben, dass sie selber, ihre Kinder oder jeder Mensch in der Verwandt- und Bekanntschaft jederzeit selber zu einem Menschen mit Beeinträchtigungen werden können.
    Leider müssen sich dadurch Menschen, die mit einer Behinderung leben wollen oder die es Kindern erlauben, zu leben, egal wie krank sie sind, ständig rechtfertigen oder/und sie sind üblen Kommentaren aussetzen.
    Liebe Grüße,
    Sonja

  2. Papa Kaiser sagt

    Liebe Anna,

    es tat sehr gut, Deinen Brief an Mareice (und Familie) zu lesen.

    Vielleicht lernen wir uns auch mal kennen. Dann kann ich Dir mitteilen, was es gerade mit mir gemacht hat. Zu mehr  als einem aus der Mitte des Herzens springenden DANKE bin ich gerade nicht in der Lage! 

    Liebe Grüße,

    Thorben

  3. Eine wunderbare Idee, dieser Brief.

    Als ich besagten Kommentar gelesen habe, blieb mir gefühlt für einen Moment das Herz stehen von soviel (Selbst-)hass. Und ich habe schon viele gewaltvolle Trollkommentare gelesen. Dieser hier war der menschenfeindlichste.

    Neulich hörte ich im Radio ein Interview mit einer klugen Frau. Sie ist eine jüdische Zeitzeugin und reist seit vielen Jahren durch die Welt, um Vorträge zu halten und mit den Menschen zu sprechen. Sie sagte sinngemäß: „Nur mit Fundamentalisten, mit denen rede ich nicht. Denn die sind unüberzeugbar. Warum soll ich also meine Zeit mit ihnen verschwenden?“

    Diese Frau kam mir im Bezug auf den Kommentar später in den Sinn. Es hat keinen Zweck, mit Menschen zu diskutieren, die solch fundamentalistisches Gedankengut hegen – es wird nie zu etwas führen.

    Dennoch finde ich es schön, dass so viele Menschen klar Stellung bezogen haben. Und für Mareice lass ich nen Kuss hier. Gut, dass es Dich gibt, meine Liebe.

  4. Eva sagt

    Liebe Anna,
    ich finde Dich schon lange toll, aber mit diesem Text hast Du voll in mein Herz getroffen 🙂 Ich kannte das Kaiserinnenreich schon vor Deinem Brief und war total erschuettert angesichts der widerwaertigen Kommentare, die auf Mareice und ihre Familie zielten. Ich hoffe, dass durch diesen Beitrag noch viele, viele LeserInnen ihren Weg ins Kaiserinnenreich finden, die diesen Blog ebenso bereichernd finden wie ich (uebrigens einer meiner absoluten Lieblingsblogs).

  5. Sarah sagt

    Liebe Anna, 

    danke für den treffenden Text! Ich war erschüttert über den Troll. toll dass Du dem Kauserinnenreich – einem meiner wenigen Lieblingsblogs – diesen Platz einräumst und wie gewohnt die richtigen Worte findest!

  6. Liebe Anna, das hast du so gut geschrieben. Ich habe mich ähnlich gefühlt mein lesen des Kommentars und war denn halben Tag wütend. Dein Brief ist echt schön! J

  7. Sehr schön geschrieben, das bestätige und unterschreibe ich ebenfalls gerne. Ich habe mich zum Glück zurückgehalten, besagten Kommentar zu kommentieren, denn ich wäre wohl vor Wut schnell auf dieses Trollniveau gesunken… Herzlichen Dank für deine Worte <3

     

    caro

  8. Pingback: Die kaiserliche Woche // KW 16 | Kaiserinnenreich

  9. Anna sagt

    Ach, ich hab mir gewünscht, dass jemand auf den Kommentar genau sowas antwortet, ich konnte das nicht in Worte fassen. Danke! Und wo ich schon mal da bin, guck ich mich hier noch mal ein wenig um.. Anna

  10. Sunshine alias Die andere Marina sagt

    Liebe Anna! 

    Danke für dein beherztes Eingreifen! Ich bewundere deine Wortgewalt und die Art, wie du immer wieder den richtigen Ton triffst jeden Tag aufs Neue! 

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