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ein kind, kein kind ::: babyflaute in deutschland

Die Süddeutsche verkündete es an diesem Montag, in den Nachrichten wird es erwähnt, und da ich zu Hause hocke und meine zwei kranken Kleinen sowie die allererste eigene Mittelohrentzündung meines Lebens pflege, hörte ich es auch zu jeder vollen Stunde in den Radio-Nachrichten: die Geburtenzahlen in Deutschland sinken weiter, die Deutschen sterben aus.

Das an sich ist ja keine Neuigkeit. Das kennen wir ja hierzulande schon seit Jahren (außer hier im Prenzlauer Berg, da wachsen die Babybäuche wie gedüngt). Aber während in anderen europäischen Ländern die Geburtenzahlen leicht angestiegen sind, hat es in Deutschland die durchschnittliche Frau nur noch auf 1,39 Kinder gebracht. Neu an dieser Nachricht ist, dass das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erstmals untersucht hat, was die Gründe für die Babyflaute in Deutschland sind. Und wenn ich die lese, weiß ich gar nicht, wo ich mit dem aufregen anfangen soll.

1. Kinder sind in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kein Quell der Lebensfreude und Zufriedenheit mehr.

Übersetzt: die Hedonisten sind auf dem Vormarsch. Menschen, die Angst davor haben, ihrer heilige Selbstverwirklichung nicht mehr genügend huldigen zu können, wenn sie die Verantwortung für ein Kind übernehmen, für ein anderes, ganz und gar abhängiges Individuum. Menschen, die befürchten, ihre eigene Individualität aufzugeben, wenn sie sich der Aufgabe widmen, kleine Menschen großzuziehen. Menschen, deren Ängste schwerer wiegen, als die leise Verheißung, es könnte beim Projekt Familie auch um Glück gehen. Ich kann dazu nur sagen: ja, diese Aufgabe kann einem Angst machen, bestenfalls flößt sie einem jedenfalls eine gehörige Portion Respekt ein. Und das ist auch gut so, denn die lebenslange Bindung an so ein Kind, das man gezeugt und geboren hat (oder für das man sich per Adoption sehr bewusst entschieden hat), ist genau das: eine Verantwortung, die ein Leben lang bleibt. Da hilft kein Jobwechsel, keine Scheidung, kein Umzug: Eltern bleibt man für immer, das geht nie mehr weg. Außerdem ist diese Erfahrung, das Erleben des eigenen Elternseins, ein totaler und existentieller Schritt in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Ich kann zwar bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, wieso man davor zurückschrecken könnte, aber, liebe Leute: ihr wisst ja gar nicht, was ihr verpasst!

Ja, ihr behaltet eure individuelle Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit, ihr reist und macht beispiellose Karrieren (macht ihr die wirklich?), ihr könnt immer weiter in die angesagtesten Clubs und Bars pilgern, Euer Geld für Klamotten, Autos, gestyltes Essen und Partys ausgeben, aber ihr werdet nie den magischen Augenblick erleben, wenn euer Kind euch das erste Mal bewusst anschaut, anlächelt, küsst. Wenn es euch ansieht, wie die Offenbarung des Glücks und das nicht nur einmal, nein, immer wieder. Wenn ihr in den Augen eurer Kinder die reinste, unschuldigste, bedingungsloseste Liebe seht, die ein Mensch nur erfahren kann, einfach so, als wäre es nichts. Die Eltern unter uns wissen das. Und sie wissen, dass kein Sonntagsbrunch-Flohmarktbummel-Fernreisen-Lifestyle der Welt das ersetzen kann. Und ihr? Werdet ihr merken, wenn ihr in diesem Zwangsjugendlichen-Status hängengeblieben seid? Wahrscheinlich wäre es besser, wenn nicht.

2. Die Berufstätigkeit der Mütter als Quelle für „Kindesleid“ ist in Westdeutschland immer noch die verbreitete Ansicht.

Ja, isses denn wahr? Es ist für mich schier unglaublich, dass offensichtlich die 50-er-Jahre Mutti-Mentalität aus den Heinz-Erhardt-Filmen immer noch nicht tot ist. Ganz Europa (außer Ungarn, Österreich und laut Studie offenbar Russland) kommt wunderbar zurecht mit berufstätigen Müttern und, oh Wunder, bringt nicht ganze Heerscharen von Psyschopathen hervor, die mit ihrem Leben nicht zurecht kommen, weil Mama zu Hause nicht täglich um 12:30 das warme Essen auf den Tisch gebracht hat. Nur West-Deutschland hat’s noch nicht kapiert. Das Wort „Rabenmutter“ haben wir Wessis wohl offenbar gerne aufbewahrt und kultiviert: eine gute Mutter lässt ihre Kinder nicht fremdbetreuen, sondern sorgt selbst für das seelische Wohl ihrer Kindern. Alle anderen sind Rabenmütter. Dass sich da seit meiner eigenen Kindheit in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts nichts getan haben soll, als meine Mutter in der ganzen Nachbarschaft die einzige voll berufstätige Frau war und deshalb auch immer Zielscheibe für gehässige Attacken wurde, weil wir Kids natürlich eine Kinderfrau brauchten (für die ungläubigen in Ostdeutschland Aufgewachsenen: West-Kindergärten schlossen um 12:00 und zum Mittagessen gings nach Hause!), will mir nicht in den Kopf. Und bedeutet im Klartext: westdeutsche Frauen entscheiden sich gegen Kinder, weil die Tatsache, dass sie berufstätige Mütter wären, die ihre Kinder in Kitas betreuen lassen würden, gesellschaftlich nicht bzw. wenig anerkannt ist. Das ist nicht nur rückständig, das ist geradezu peinlich.

Schön ist ja, dass diese Aspekte hier vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erhobene Statistiken entstammen und somit keiner der rückständigen Menschen in diesem Land wieder sagen kann, das sei alles nur eine Erfindung von „geifernden Feministinnen“ und in Wirklichkeit seien die Bedingungen für Frauen und ihre Lebensentwürfe in diesem Land Zucker. Natürlich haben die Feministinnen und überhaupt jeder Mensch, der sich mit den tatsächlichen Bedingungen für Frauen in Deutschland jemals befasst hat, das alles schon lange gewusst. Und auch laut gesagt. Aber vielleicht kommt es jetzt, aus dieser Quelle stammend, für die am Feministinnen-Abwehr-Reflex-Leidenden auch endlich mal in den Köpfen an. (Ursprünglich stand hier ein anderer, ein kürzerer, ein missverständlicher Satz. Danke Elaria, dass du mich per Kommentar darauf aufmerksam gemacht hast, wie ungenau ich geschrieben hatte, was ich meinte. Deshalb habe ich es geändert.)

3. Deutschland ist ein „Niedrig-Fertilitätsland“. 

Heißt: Deutschland hat die elftniedrigste Geburtenrate in Europa. Heißt laut Statistik auch: Nordeuropa hat wesentlich höhere Geburtenraten durch erfolgreiche Gleichstellungspolitik. Heißt außerdem: Frankreich hat wesentlich höhere Geburtenraten durch konsequent geschaffene Bedingungen für die gute Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit.

Hört das jemand? Werte Politiker_innen dieses Landes? Hört ihr das?

4. Weltweit sind Deutschlands Frauen auf Platz 1 beim völligen Verzicht auf Kinder.  

Vor allem hochqualifizierte Frauen. In bestimmten Jahrgängen sind es 30% der Frauen mit Hochschulabschluss. Die Befragungen ergeben, dass sie Beruf und Familie für unvereinbar halten.

Kommt das außer mir vielleicht noch jemandem tragisch vor? Schaut bitte mal jemand auf die anderen europäischen Länder, in denen das NICHT so ist? Ich möchte nach Frankreich auswandern.

Und ich stelle wieder einmal fest, dass ich offenbar was diese Fragen angeht, in einem Vakuum lebe: in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, unter den Nachbarn und den anderen Eltern in der Schule/Kita trifft das nicht zu. Ich bin eine Mutter von drei Kindern und habe in meinem Alltag automatisch mehr Berührungspunkte mit anderen Müttern, als mit kinderlosen Frauen. Aber die Mütter, die ich kenne (und das sind hier wirklich viele) sind fast ausnahmslos berufstätig. Ich kenne Schauspielerinnen, Beraterinnen, Ärztinnen, Juristinnen, Medien- und Werbefrauen, Unternehmerinnen, Übersetzerinnen, Ladeninhaberinnen, Apothekerinnen, Kneipenbesitzerinnen, Arzthelferinnen, Schulleiterinnen, Lehrerinnen, Physiotherapeutinnen, Grafikerinnen, Krankenschwestern, Sekretärinnen, Innenausstatterinnen, PR-Frauen, Verlegerinnen, Designerinnen, Moderatorinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Künstlerinnen, Psychiaterinnen, Erzieherinnen – alle in ihren Berufen. Und alle MÜTTER.

Ist das hier die Insel der Glückseligen? Berlin? Was läuft da im Rest der Republik? Es kann doch nicht sein, dass das in anderen Städten, kleinen wie großen, nicht möglich sein soll. Liebe Kommunen und Länder, was treibt ihr da?

(Umgekehrt gilt übrigens laut Statistik: gut ausgebildete Frauen kriegen kaum noch Kinder, Frauen ohne Schulabschluss dafür gerne drei oder mehr.)

5. In Ostdeutschland gibt es weniger Familien mit vielen Kindern als früher.

Der Ruf von berufstätigen Müttern ist in Ostdeutschland gesellschaftlich vollkommen in Ordnung, also gibt es hier grundsätzlich wohl nach weniger Frauen, die kinderlos bleiben. Uff, eine Erleichterung. Aber dafür bekommen ostdeutsche Frauen weniger Kinder als früher. Hier entscheiden sich die Familien aus existentiellen Gründen oft für nur ein Kind: für ein zweites ist nicht genügend Geld da.

An der Stelle möchte ich eigentlich gerne weinen: im Westen gibt es diese Existenzangst offensichtlich nicht, dafür aber die Angst, den Beruf nicht weiter ausüben zu können oder im Falle der Berufstätigkeit gesellschaftlich als Rabenmutter gebrandmarkt zu werden, im Osten aber, wo diese beiden Faktoren keine große Rolle spielen, fürchten die Frauen um ihr Auskommen, wenn sie mehr als ein Kind bekommen. Obwohl sie ansonsten würden. Arrggh.

6. Kinder werden nicht als Alterssicherung der Eltern verstanden.

Das wiederum, ist mir unverständlich. Die Statistiker sagen, dass die gesellschaftliche Entwicklung der letzten 150 Jahre zum „Verhaltensmuster kleine Familie – wenig Kinder“ geführt hat. Kindersterblichkeit sinkt, braucht man nicht mehr so viele kriegen, damit man im Alter versorgt ist. Rente wird eingeführt, braucht man überhaupt keine Kinder mehr, damit man im Alter versorgt ist. Hat sich offenbar in den Köpfen eingenistet. Und so wird sich dann verhalten. Dass die gesellschaftliche Realität (sind jetzt schon nicht mehr genug Kinder da, um die Renten zu garantieren) diese Verhaltensmuster längst überholt hat, ist fatal. Und was diesen Aspekt angeht, bin ich mal gespannt, was sich die Politik da einfallen lassen will… (Meinen kurzen Gernot-Hassknecht-Anfall bezüglich der gewollt kinderlosen Hedonistenfraktion, die ich einst, zu Schneekoppen geworden, die immer noch gleichen Clubs bevölkern sehe, während die wenigen Kinder der anderen ihre Renten zahlen sollen, verkneife ich mir an dieser Stelle! Mühsam.)

Das Fazit der Untersuchung ist die Aufforderung an die Politik, neben den Geldleistungen (Kindergeld, Ausbau der Betreuungsplätze, bezuschusste Elternzeit) mehr „aktive Gleichstellungspolitik“ zu betreiben. Außerdem müssten kulturelle Leitbilder korrigiert werden: die Glucken- und die Rabenmutter müssen aus den deutschen Köpfen raus. Und die Aufforderung an alle Eltern ist: nicht so perfektionistisch sein, alles ein bisschen gelassener sehen.  Nun denn. Wenn es damit mal getan wäre.

Mir kommt es so vor, als wären da die verschiedensten Sachen durcheinander geraten. Und auch, als würden mal wieder so einige wichtige Aspekte in dieser Studie nicht beachtet: ungewollte Kinderlosigkeit beispielsweise, die ja nachgewiesener Maßen zahlenmäßig ebenfalls häufiger vorkommt als früher. Oder die Lebensentwürfe von homosexuellen Paaren, die sich trotz möglichem Kinderwunsch auf den üblichen Wegen keine verschaffen können. Da fiele mir noch einiges ein.

Wie dem auch sei. Es gibt immer noch viele von uns. Eltern. Mütter. Menschen mit Kindern. Wir haben sie trotz allem, trotz schlechter Betreuungssituation, trotz schlechterer beruflicher Chancen, trotz eingeschränkter Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit, trotz existentieller Ängste und trotz verpasster Karrieren. Es gibt uns. Es geht. Und diese Studie gibt zumindest Auskunft darüber, was alles gehen könnte.

Und jetzt, liebe Politik, liebe (kinderlose) Frau Merkel, liebe (fruchtbare) Frau von der Leyen, liebe Frau (Einkindmama) Schröder: macht was draus. Macht was aus dieser Studie, aus dem, was man daraus über die Motivation von Frauen, Kinder zu bekommen und die Hinderungsgründe erfahren kann. Schafft Bedingungen, damit wir wieder mehr werden. Mehr Mütter. Mehr Eltern. Mehr Kinder.

(Auch noch schön zu dem Thema: Die liebe Nessy.)

15 Kommentare

  1. Markus Berger-de León sagt

    Guter artikel. Mir fehlt allerdings die perspektive, was wir ohne politik tun können.

  2. Besonders der Punkt, dass deutsche Frauen völlig auf Kinder verzichten, scheint mir Sinn zu machen. Ich kenne nämlich immer mehr deutsche Frauen, die 3 und mehr Kinder haben – was wohl bei den Geburtsraten in Deutschland heißt, dass es sehr viele Frauen ganz ohne Kinder gibt….

    • Ich finde es gut, dass wir Frauen heutzutage frei entscheiden können. Theoretisch. Wenn aber praktisch diese ganzen in der Statistik aufgeführten Gründe dazu führen, dass sie sich gegen Kinder entscheiden, obwohl sie gerne welche hätten, dann ist das traurig. Tragisch gar. Lisa von http://www.stadt-land-mama.de hat heute geschrieben, sie findet, dass der Kopf ausgeschaltet sein müsste bei dieser Entscheidung. Dass das eine reine Herzensentscheidung sei, egal, was einen ängstigen und abhalten könnte. Ich finde das im Prinzip auch, aber offensichtlich ist das nicht so leicht…

  3. Marion sagt

    Toll. Auch ich wohne in Berlin und habe Job und Kind, aber aus einigen genannten Gründen wird es wohl bei einem bleiben.

    • Liebe Marion, hast du schon den Blogbeitrag von Lisa auf Stadt-Land-Mama.de gelesen? Sie schreibt, Kinderkriegen sollte eine Herzensentscheidung sein und man solle sich nicht irre machen lassen von… Umständen. Das ist einerseits so richtig, andererseits ist es offensichtlich viel komplexer. Und das finde ich schade. Nein, traurig. Ist es heutzutage Luxus, mehr als ein Kind zu haben? Sich über Existenzängste, gesellschaftliche „Ächtung“ und die drohenden Karriereknicke hinwegzusetzen? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, ich hätte diesen Aspekt in meinen Artikel mit einbeziehen sollen.
      Danke für deinen Kommentar!

  4. Liebe Berlinmittemom,
    danke für diesen Artikel – es ist wunderbar, Kinder zu haben, dass wird in der Diskussion viel zu oft vergessen! Nur zur Info: Der Satz „West-Kindergärten schlossen um 12:00“ stimmt nicht ganz, ich wohne hier auf dem Land in Baden-Württemberg und es gibt bei uns am Ort nach wie vor Kindergärten, die über Mittag schließen. Frau holt Kind spätestens 12:15 ab und bringt es vielleicht nochmal von 14 bis 16 Uhr, wenn ihr das nicht zu blöd ist. Ich schwöre, das gibt es noch! Mein kleiner Sohn war selbst drei Monate in so einem Kindergarten, weil es im (über Mittag geöffneten) Kindi des Großen keinen Platz gab.
    Viele Grüße von mum02

    • berlinmittemom sagt

      Liebe mum02,

      das gibt’s immer noch?! Gruselig, ich dachte, selbst in Westdeutschland wäre inzwischen angekommen, dass Kinderbetreuung mehr sein sollte als Morgenkreis und Trallala von 9-12. Au weia.

      Liebe Grüße nach BW,
      Anna

  5. Elaria sagt

    Schade, bis zu dem Satz ‚geifernde Feministinnen‘ habe ich deinen Blog als (noch) Kinderlose Feministin sehr gern gelesen. Was meinst du wer sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besonders einsetzt? Richtig, die ‚geifernden‘ Feministinnen. Ich wüßte nicht warum Muttersein und Feministin sein sich auschließen sollte. Übrigens glaube ich nicht das sich die Mehrzahl der Frauen gegen Kinder entscheiden, obwohl sie es wollen, nur weil eine Berufstätige Mami als Rabenmutter gilt [sic!]. Es gibt auch Frauen die wollen einfach keine Kinder, denen sollte frau nicht moralisch kommen, das sie etwas verpasst oder ihre gesellschaftliche Verpflichtung nicht erfüllt. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. http://jezebel.com/5968006/how-to-tell-your-friends-and-boyfriend-and-gynecologist-and-nosy-family-members-you-dont-want-children?tag=relationships

    • Liebe Elaria,

      danke dir für deinen Kommentar, der mich darauf aufmerksam macht, dass dieser von mir geschriebene Satz wohl missverständlich ist. Ich hätte die „geifernden Feministinnen“ in Anführungszeichen setzen sollen und klarer machen, wie ich es gemeint habe.
      Selbst Feministin (und selbstverständlich schließen Feminismus und Muttersein einander nicht aus!) und von einer solchen großgezogen, käme mir niemals in den Sinn, die Verdienste der Frauen für Frauenrechte zu schmälern, nicht anzuerkennen, ins Lächerliche zu ziehen. Mir ist im Gegenteil sehr bewusst, was die Frauenbewegung angestoßen und auch erreicht hat. Und ich bin dankbar dafür, auch wenn wir damit noch lange nicht am Ende sind mit den Dingen, die sich ändern müssten.

      Aber zurück zu dem von dir zitierten Satz. Was ich sagen wollte ist: dadurch, dass diese Untersuchung eine (zumindest theoretisch) objektive ist und die Statistiken, die dabei herausgekommen sind, lediglich den erhobenen Zahlen entsprechen und (zunächst noch) von niemandem interpretiert wurden, kann keiner in diesem Land wieder mit der Keule kommen und beispielsweise sagen „Ach, das mit der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen ist doch wieder eine Erfindung von geifernden Feministinnen“. Die Tatsache, dass das BiB diese Studie veröffentlicht und nicht ein Medium feministischer Provinienz, trägt hoffentlich dazu bei, dass die hier beschriebenen und belegten Missstände wahrgenommen und möglicherweise angegangen werden. So.

      Was deinen zweiten Einwand angeht: natürlich ist es eine persönliche Entscheidung. Und es ist gut für uns Frauen, dass wir eine Wahl haben. Aber es geht in dieser Untersuchung ja um diejenigen Frauen, die sich aus den genannten Gründen gegen Kinder entscheiden, obwohl sie unter veränderten Bedingungen welche bekommen wollen würden. Der Unterschied zwischen diesen Frauen und denen, die ohnehin keine wollen, auch nicht unter veränderten Bedingungen, wird in der Untersuchung nicht deutlich. Das wäre allerdings mal ein interessanter Aspekt gewesen…
      Wie dem auch sei, es ging mir hier vor allem um die Frauen, auf die die Hinderungsgründe zutreffen. Und die Frage, ob es diese Gründe überhaupt geben darf/soll/muss. Sind nicht viele Aspekte dabei, die man (die Politik, die Gesellschaft…) ändern könnte? Sollte? Ich finde ja. Keine Frau sollte wegen ihrem Kinderwunsch von Karrieremöglichkeiten ausgeschlossen werden und keine Frau sollte eine entweder-oder-Entscheidung treffen müssen.

      Und die Rechte der Frauen mit Kinderwunsch, die Rechte der Kinder, die schon da sind und deren Mütter in vielen Aspekten ihretwegen auf Karrierechancen verzichten oder zumindest deutlich eingeschränkt sind, die Rechte dieser Mütter auf bessere Bedingungen für ihre Lebensentwürfe MIT Kindern – um die ging es mir hier.

      Danke dir noch mal für deine Hinweise. Ich hatte ohnehin schon überlegt, noch mal einen Artikel nachzulegen und ein paar Aspekte mehr unterzubringen. Auf jeden Fall werde ich den von dir missverstanden Satz ändern. Sofort.

      Und ich hoffe, du liest dennoch weiter hier mit. Das würde mich sehr freuen. Ich wünsche mir nämlich unbedingt eine breite Leser_innenschaft und viele konstruktive und interessante Kommentare, so wie deiner hier.

      Liebe Grüße,
      Anna Luz

  6. Ein sehr interessanter Artikel, wie ich finde. Die Diskusion, warum Frauen keine Kinder mehr bekommen wollen, wird ja schon seid Jahren geführt. Erfolglos.

    Ich glaube nicht, das das Problem damit getan ist, wenn Karriere bzw. Beruf mit Muttersein vereinbar wäre. Ich glaube auch nicht, dass das ganze ein finanzielles Problem ist.

    Ich glaube viel mehr, dass das Problem im Wertesytem der Menschen, der Deutschen liegt: Kinder bekommen zu wollen, ist halt nicht mehr das normalste der Welt. Materielle Dinge, Reisen, die Freiheit tun zu können, was man will… sind oft wichtiger. Wer denkt heute schon groß noch über seinen Tellerrand hinaus und denkt nicht nur an sich. Nicht viele. Wie soll man da Verantwrtung für ein Kind übernehmen wollen?

    Ja, Kinder zu bekommen ist eine Sache des Herzens. Das wird einen in die Wiege gelegt. Man wächst damit auf. Schaut es sich von seiner Großeltern, Eltern, Freunden und Bekannten ab. Nicht umsonst, bekommen daher Kinder aus Kindereichen Familien, auch viele Kinder.

    Das Problem aber ist, dass unsere Eltern es uns schon vorgemacht haben. Sie haben im Durschschnitt fast nur noch 2 Kinder bekommen, wenn überhaupt.

    Den Menschn heute mit Moral zu kommen, ich denke das bringt genau das Gegenteil.

    Medien und Politik müssten Familien und Kinder in den Focus rücken. Vorbilder schaffen. Heute sehen wir gewiss alles andere als etwas, was junge Menschen dazu anregt Kinder zu beommen. Doch hier sind wir schon wieder bei dem Thema der Leitkultur und wo das endet, weiß inzwischen jeder.

    Daher bleibt: Wir, die Familien haben können Vorbild sein und andere für Familie und Kinder begeistern. Aber bitte nicht mit der Moralkeule. Der Schuß geht nach hinten los. Das Bloggen ist z.B. ein Teil. Fast alle sind inzwischen bei Facebook und man erreicht unzählige Freunde über Facebook auch Kinderlose. Ich denke da gibt es noch vieles, das WIR tun können.

    Auf die Politik würde ich nicht warten. Wie sagt man so schön: „Helf Dir selbst, dann hilft Dir auc unser Herr Gott.“

    Liebe Grüße, Christian

    • berlinmittemom sagt

      Lieber Christian, ich denke da kommt vieles zusammen und letztlich sind die Gründe für oder gegen Kinder immer sehr individuell. Das bildet die Statistik natürlich überhaupt nicht ab. Schön, dass es solche Eltern gibt wie dich und deine Frau, die sich nicht von schwierigen Bedingungen abschrecken lassen. Schön, dass es eure Kinder gibt!

      Liebe Grüße, Anna

  7. Schöner Post. Allerdings: Ich halte es für legitim, wenn Frauen keine Kinder haben wollen sondern andere Prioritäten setzen. Es gibt auch andere Arten von Glück.
    Und: Ja, du lebst in einer Insel der Glückseligen. Von meinen Freundinnen hat nur eine einzige Kinder bekommen – und die ist keine Akademikerin. Alle anderen sind mit über 30 noch nicht mal so weit, den passenden Partner dafür zu haben – komplizierte Sache!

    • berlinmittemom sagt

      Liebe Hannah, dieser Aspekt kommt natürlich in der Untersuchung gar nicht vor und betrifft wohl ein anderes gesellschaftliches Phänomen: Beziehungen respektive Ehen und die Bereitschaft zur festen Bindung. Ist das ein Männerproblem? Kommt mir manchmal so vor, als wären es vor allem die Männer, die im „Zwangsjugendlichenstatus“ hängen bleiben und vor Verbindlichkeiten in ihren Beziehungen oder gar Familie zurückschrecken. Aber ich bin auch schon seit 15 Jahren vom Markt – ist das so? Liebe Grüße, Anna

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