das wilde leben
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in mathe bin ich deko? ::: gelabelte kinder & self-fulfilling prophecies

Es gab sie schon immer, die T-Shirts und Kleidchen mit pseudowitzigen Sprüchen drauf. Und schon immer hatte ich persönlich ein Problem damit, wenn Eltern ihre kleinen Mädchen auf diese Weise beschriften: Zickenalarm, steht zu lesen auf der Brust einer Zweijährigen. Terrorist auf dem Shirt eines 15-Monate-alten Babybubs. Dramaqueen. Mother’s nightmare.

Schon immer hat’s mich leicht gegruselt, wenn ich sowas gesehen habe, und ich frage mich jedes Mal: wieso, um alles in der Welt, pack ich meinem Kind ein Label auf die „Verpackung“, das gleich aller Welt verkündet, mit was sie es vermeintlich zu tun haben? Eine Zweijährige kann noch nicht lesen, was auf ihrem niedlichen Kleidchen steht, dennoch ist alle Welt um sie herum gleich schon informiert – hier kommt eine Dramaqueen. Und für den Bub gilt dasselbe, während er sandmampfend über den Spielplatz robbt, ist gleich geklärt, wie seine Eltern ihn sehen: er ist ein Alptraum, ein Terrorist.

Mal abgesehen davon, dass auch hier mal wieder Geschlechterstereotype bedient werden, hat es für mich noch einen anderen Aspekt, der mir fast noch mehr zu schaffen macht. Die oben beschriebenen Kinder sind noch zu klein, um tatsächlich zu wissen, was auf ihren Klamöttchen geschrieben steht oder was damit ausgesagt wird. Aber werden sie auch nur ein bisschen älter und hören ihren lustigen Eltern zu, die das anderen gegenüber kommentieren, werden sie ganz schnell in diese Rollen schlüpfen und sie erfüllen (auch ohne T-Shirt, auf dem’s vorsorglich noch draufsteht).

„Unser Malte ist sooo frech, der hört einfach überhaupt nicht! Ein echter Terrorist eben, hahahaha…!“, sprach die Sitznachbarin auf der Spielplatzbank und wollte mir damit sagen, dass ich mir die Bemühungen sparen könnte, den Vierjährigen davon zu überzeugen, davon abzulassen, meine Tochter mit der Schaufel auf den Kopf zu hauen. Und Maltes Schwester, die Lilly, „die ist ja so ’ne Zicke, n typisches Mädchen, wenn die nicht ihren Willen kriegt, na, da könne wir uns aber warm anziehen. Alleine wie die immer mit ihren Freundinnen streitet, sowas machen Jungs ja nicht, so empfindlich und auch richtig gemein, das kenn ich ja vom Malte gar nicht.“ Alles klar.

Die Kinder sitzen einen Meter daneben und lauschen dem Ausführungen ihrer Mutter. Sie nehmen Wort für Wort auf, bewusst oder unbewusst, und sie werden diese Rollen ausfüllen. Ein kleiner Mensch, dem immer wieder gesagt wird, er sei frech, ungestüm und einfach nicht zu bändigen, wird genau das aufführen, die Erwartungen erfüllen, auch wenn sie negativ besetzt sind. Und dem kleinen Mensch, der laut als zickig, schwierig, empfindlich und nachtragend charakterisiert wird geht es ebenso.

Und jetzt kommt Otto. Der Versandriese. Und verkauft Mädchenshirts auf denen steht: „In Mathe bin ich Deko“. Mal ganz abgesehen vom Sexismus-Aspekt finde ich es unglaublich, dass es offensichtlich Leute gibt, die ihren Kindern Versager-T-Shirts kaufen. Wo dann alle gleich wissen, hahaha, dit is n Meeedchen, die kann nüscht dafür und lustich, wa, da stehtet glei druff uffm Schöört. Nee, is klar.

 

Gelabeltes Mädchen im OTTO-Katalog

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was das Shirt in den Köpfen von Kindern macht, die es tragen müssen. Oder in denen der Lehrer*innen, denen Kindern mit solchen Shirts gegenüber sitzen.

Liebe Leute, wie wäre es mal mit dem Versuch, euren Kindern was zuzutrauen? Sie zu stärken und in den Dingen zu unterstützen, die sie zu etwas Besonderem machen? Von mir aus auch per T-Shirt, wenn’s denn unbedingt sein muss. Da könnte ja mal was Nettest drauf stehen. „Love of my life“ zum Beispiel. Oder „Schlauster Kopf im Haus“. Das wäre doch mal ein Statement, mit dem ihr eure Kinder in die Schule schicken könntet. Und überhaupt: das ihr ihnen gegenüber mal äußern könntet. Ihnen sagen, dass sie toll sind, dass sie was können, dass sie euch glücklich machen. Nicht, dass sie Terroristen sind, die euch um den Nachtschlaf bringen und die in Mathe nix auf die Kette kriegen. Was soll das? Darin steckt so ein schreckliches Menschenbild, dass mir ganz schlecht wird.

Früher gab’s mal Sticker von Lucky Strike, die hatten wir in unserer WG am Badezimmerspiegel hängen. Auf jedem stand ein Spruch, den wir uns auch gern gegenseitig mal zur Motivation vor fiesen Referaten, Prüfungen, Klausuren, wichtigen Dates oder Jobinterviews laut vorlasen:

Du bist stark. Du bist schön. Du bist schlau.

In diesem Sinne: ich geh jetzt T-Shirts für meine Kinder bedrucken. Kleine Anregung, hmm, OTTO?

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Der Vollständigkeit halber: ich reite jetzt nicht auf dem Sexismus-Aspekt herum, weil OTTO zumindest konsequenter Weise ein genauso beschissenes Shirt für Jungs im Sortiment hat, auf dem „Mathe Allergiker“ steht. Ganz toll. Nichtsdestotrotz gehört das Mädchenshirt allein schon wegen dem Wort „Deko“ in die Twitter #Hashtag-Reihe #ichkaufdasnicht.

 

27 Kommentare

  1. Hm, der Sohnemann hat zwar auch drei Shirts mit Aussagen drauf, aber zu denen steh ich: „One Man Show“, „Ja, das muss so laut“ und okay, das dritte hab ich ihm selbst gebügelt, weil’s nun mal keine Queen-Merchandise für Kinder gibt – da steht „Freddie Mercury“ drauf. Der ja neben Bob dem Baumeister seine Hauptidentifikationsfigur ist. 😉 Aber mit den negativ konnotierten Sprüchen auf Shirts hab ich auch so meine Probleme, nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen, da halt ich’s mit Kettcar:

    „Auf deinen shirts stehen die dinge die du gerne wärst
    nicht die du bist
    was im grunde völlig in ordnung ist
    nur: wir – können alle lesen
    und du bist nie ein dreckstück gewesen“

    Mal abgesehen davon, dass man mir bitte nicht mit dem „Ach, er/sie ist halt ein Junge/Mädchen“-Klischee um die Ecke kommen muss. Ich find’s ja erschreckend, dass mein Sohn immer noch für irritierte Blicke und Tuscheln sorgt, wenn er seinen rosa Puppenbuggy mit seiner rosa Puppe durch die Gegend fährt. Himmel, der kriegt seinen Geschlechtsstempel noch früh genug ab …

    • Puppenkind im Buggy hatte mein Sohn hier auch – allerdings hat ihn seine Position zwischen zwei Schwestern wohl inzwischen dazu gebracht, sehr auf seine Unterscheidungsmerkmale zu pochen. Was sich gerne in lautem Gebrüll, Fußballdevotionalien und militanten, dino-esken Spielen äußert. (Es ist alles nur eine Phase- es ist alles nur eine Phase- es ist….)

      Ich persönlich finde Statements auf Shirts ok, wenn sie nicht das Kind diffamieren. Bloß stellen & runtermachen. Nagut: die Eltern gleich mit, aber die entscheiden es wenigstens für sich selbst, wenn sie sich per gelabeltem Kind zum Drops machen wollen. Hab ich aber auch schon gesehen: kleines Mädchen mit rosa Zicken-Shirt, Mama mit rosa Pendant mit der Aufschrift: Zickenmama.

      Wer’s braucht…

  2. „in Mathe bin ich Deko“, ernsthaft? Wer kommt denn bitte auf solche T-Shirt Motive? Vielleicht ist es einfach nur ein Übersetzungsfehler und eigentlich soll es für „ich bin ein kunstvoller Rechner“ stehen. 😉

    Ein Grund mehr stärker auf personalisierte Produkte zu setzen. Dabei kann man das Design, und auf Wunsch auch die Sprüche, wenigstens selbst gestalten.

  3. MutterMitIQ sagt

    Wenn ich sowas schon lese, könnte ich…
    Ich schreibe meiner 7-jährigen Tochter sicher nicht „Schlauster Kopf im Haus“ aufs T-Shirt.
    Da würden doch sofort alle denken, ich sei zurückgeblieben, wenn ich mit ihr shoppen gehe.
    *Zaunpfahl* Wer zumindest einen durchschnittlichen IQ hat, wird das verstehen – auch mit 7 Jahren.
    Danke für die Werbung für das T-Shirt. Hätte ich sonst nie gefunden. Muss ich gleich bestellen.

    • Liebe „Mutter mit IQ“,

      zum Glück darf ja jede, wie sie will. Damit muss ich meinen Kindern keine Labels aufdrucken und Sie dürfen Ihre Tochter anziehen wie Sie möchten. Mit Zaunpfahl und überdurchschnittlichem IQ ausgestattet, wird das ganz wunderbar. Ich bin sicher.

      Herzliche Grüße, auch an OTTO,

      Ihre Berlinmittemom

  4. Pingback: Mathematikerinnen und Mädchenschulen | Nathalies Regungen

  5. Silke sagt

    Ein schöner Artikel. Aber solange es chic ist und von den Medien gepusht wird, blond und doof zu sein, Model werden zu wollen und shoppen als Hobby zu haben, wird sich wohl nicht viel ändern. Ansonsten wäre es in der Show Beauty and the Nerd wohl darum gegangen, dass die Mädels die Relativitätstheorie verstehen ;o)

  6. Jep, genauso sehe ich das auch. Meine Brüder meinten mal am Esstisch zu mir, dass Mädchen sowieso nicht rechnen können. Mein Vater hat damals sehr streng geschaut und sehr deutlich gemacht, dass die so ´nen Spruch nicht nochmal bringen brauchen. Mein Vater hat keine Ahnung, wie groß mich das gemacht hat – bis heute groß macht. Geht nicht wg. Weiblich, gibts nicht. Und wenn das in die Richtung geht, dann ganz sicher auch in die andere.

  7. Ramona sagt

    Die Kinder möchte ich sehen, die sich über ein Schlauster Kopf im Haus Shirt freuen. Dafür gibt’s doch Kloppe auf dem Schulhof (und zwar zu recht).

    • Schade, dass dir der Kern dessen, was ich damit sagen will, offensichtlich entgeht. Und noch trauriger, dass du findest, „Kloppe auf dem Schulhof“ sei wegen irgend etwas gerechtfertigt.

      • Hannes sagt

        Kloppe auf dem Schulhof ist mit nichts zu rechtfertigen.
        Mich entsetzt,dass es Eltern wie Ramona gibt

  8. TheVoice sagt

    Auf dem Lieblingskleid meiner Tochter steht „Ich trau‘ mich!“ – und das Teil ist ein echter morale booster.

  9. Pingback: Otto-Shitstorm : In Mathe bin ich Deko | achtung, mama!

  10. Pingback: Frauen zählen | Ach komm, geh wech!

  11. Hi Anna!
    Mathe war, ist und bleibt ein ernstes Thema (Obwohl es Spaß macht – ich immer 1 ). Ein wenig Ironie tut der Sache ganz gut und gibt ne andere Sichtweise zu so einem „ernsten“ Thema. Wenn es allerdings eine Aufforderung ist, sein/ihr Schicksal („Ich bin eben doof“) zu manifestieren, is es Mist. Elitäre Sprüche sind aber auch Mist! Selbstdarstellung oder Affirmationen – meistens von Eltern aufgesetzt – sind sowieso Quatsch! Kinder wollen die Dinge echt erleben und fühlen!

    • Damit hast du ganz und gar recht und triffst den Nagel auf die Zwölf oder wie das heißt: alles, was den Kindern von außen aufgedrückt wird, um irgend etwas darzustellen, was die Eltern wollen, ist Mist. Vielleicht ist auch mein Vorschlag mit dem schlausten Kopf ein blödes Beispiel – es ging mir mehr um den Versuch, ein positives Gegen-Statement zu dem Mädchen-sind-eh-doof-in-Mathe-Hauptsache-sie-sehen-niedlich-aus-Ding zu veranschaulichen. Und ich bleibe, verkürzt, bei dem, was ich im Blogbeitrag schrieb: Eltern, traut euren Kindern was zu! Und stärkt ihr Selbstwertgefühl. Macht sie nicht nieder.

  12. Pingback: » kinderwunschessen #4 ::: reistässchen made by herzensgirl berlinmittemom

  13. GFFD sagt

    Mal abgesehen davon das viele Leute hier das Wort Sarkasmus nicht verstehen schlägt der letzte Satz das Shirt um längen. In Mathe bin ich Deko bedeutet nichts anderes als das für viele kinder (auch bei mir damals) Mathe das Hass fach Nummer 1 war/ ist, und ich darin nur Deko also zwangsweise anwesend bin. Aber Internet zum dank lässt sich heute für alles einen Boykott aufrufen auch wenn es noch so lächerlich ist. Was mich am meisten nervt ist der Letzte Satz beidem das T Shirt verurteilt wird aber ein ähnliches Shirt für Jungs zwar beschissen aber annehmbar ist. es wird nur auf das Mädchen Shirt verwiesen. Das ist Diskriminierung durch den Feminismus pur und wesentlich schlimmer als die Diskussionsgrundlage hier.

  14. Liebe/r GFFD,

    das ganze Thema hat sicher nichts mit Sarkasmus zu tun und „zwangsweise anwesend“ sein in Mathe rechtfertigt noch immer nicht das Wort „Deko“, das sich nur auf dem Mädchen-, nicht aber auf dem Jungen-Shirt findet und als Anspielung auf das alte Mädchen-Jungs-Ding zu verstehen ist, dass es für Mädchen vollkommend ausreichend ist, hübsch auszusehen. Nach dem Motto: Mathe? Für Mädchen vollkommen überflüssig. Hauptsache sie sind dekorativ.
    Wer den Zusammenhang aber nicht verstehen will, mit dem erübrigt sich leider der Rest der Diskussion. Egal, ob im Internet oder im analogen Leben.

    Was das Jungs-Shirt angeht: ich sage keineswegs, dass das Jungs-Shirt annehmbar sei, sondern im Gegenteil „genauso beschissen“ wie das Mädchen-Shirt, weil es nach meiner Meinung auf genau dieselbe Weise Kinder als Mathe-Versager labelt.
    Wer genau liest, dem kann das nicht entgehen. Es geht mir nämlich in diesem Artikel genau nicht in erster Linie um Sexismus (obwohl er eine Rolle spielt), sondern um das Rollenverteilen an Kinder, Mädchen wie Jungs, per Aufdruck auf Klamotten. Deshalb heißt der Artikel auch „Gelabelte Kinder“ und nicht „Sexismus und Mädchendiskriminierung in der Werbung“.

    Den Jungs-Diskriminierungs-Schuh zieh ich mir deshalb definitiv nicht an. Jungs sind mir genauso wichtig, wie Mädchen.
    Kinder sind mir wichtig. Kann man hier auch überall lesen. Wenn man will.

  15. GFFD sagt

    Guten Tag

    Die Frage ist ja, wer entscheidet was Sarkasmus ist und wer nicht. Damit meine ich das ein Mensch über 30+ Jahren garantiert nicht über die gleichen Witze Lachen kann wie es die heutige Generation 15 bis 22+ tut. Die Ansichten haben sich schon lange verändert und in meiner Schulzeit (bin jetzt 21) hätte niemand einen Sexistischen Hintergrund in dieses Shirt interpretiert und warum? weil sich die Zeiten und die Ansichten schon lange verändert haben (nicht wie es gerne von Frau Schwarzer immer angeprangert wird). Vor 25 Jahren vielleicht wäre es sexistisch gewesen aber heute wird es nur durch solche Diskussionen hineininterpretiert, Und ich sage mal das viele in meinem Alter es Mittlerweile Leid sind sowohl Männer oder Frauen immer jeden Satz 5 mal zu untersuchen weil irgendjemand mal wieder was negatives hineininterpretieren könnte. Vielleicht war es von ihnen auch unbeabsichtigt aber dieser Blog Text spricht hauptsächlich das Mädchen Shirt an und es fallen vielleicht 2 bis 3 kleine Sätze über das Jungs Shirt, deswegen bin ich auch von einer 1 seitigen Argumentation ausgegangen, wie es mal wieder bei vielen Feministen Seiten (alles was Männer machen ist Doof, nur Frauen machen alles richtig -.-) der Fall ist. Und gleich zu sagen die Kinder würden in eine Rolle gepresst, anhand eines Shirts ist ziemlich aus der Lüft gegriffen. Meine Mutter hat mir damals auch ein Feuerwehr Pullover und Feuerwehr Spielzeug Truck geschenkt, nach ihrer Aussage hätte ich dann heute also auch Feuerwehrmann werden müssen, was ich aber nicht bin. Wäre das möglich würde ich mein zukünftiges Kind in einen Schwarzen Anzug Stecken und Politiker werden lassen 🙂 .

    mfg

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