das wilde leben
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keine angst, kein hass ::: was wir uns wünschen

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Heute sollte hier eigentlich ein ganz besinnlich-beschaulicher Blogpost erscheinen, in dem ich darüber schreiben wollte, was für uns als Familie an Weihnachten eigentlich w i r k l i c h wichtig ist. Worum es bei uns geht, wenn Heiligabend endlich da ist und worauf wir Wert legen, fernab von Geschenken und Festessen (obwohl das natürlich auch eine große Rolle spielt). Es sollte um unsere Bedürfnisse als Familie gehen und darum, was wir uns wünschen. 

Tatsächlich hat sich unsere Welt verändert und mit ihr auch der Blick auf Wünsche zu Weihnachten und irgendwie ist jetzt alles anders. Was wir uns wünschen ist etwas anderes. Vorgestern Abend um kurz nach 20 Uhr klingelte mein Telefon und mein Mann war dran. "Hier ist ein LKW in den Weihnachtsmarkt gefahren, hinten rein und hier an der Seite wieder raus. Ich hab den Knall gehört und aus dem Fenster geschaut und jetzt…" Er hörte sich erschüttert an aber auch ungläubig. Sein Büro ist direkt am Breitscheidplatz in Charlottenburg und er kann aus einem der Räume von oben direkt auf die Gedächtniskirche und den Weihnachtsmarkt blicken. Jetzt stand er an diesem Fenster und sprach mit mir am Telefon, mit dem Blick auf den LKW und die Trümmer des Weihnachtsmarktes, nur 50m entfernt von ihm. Wir verstanden beide nicht, was tatsächlich passiert war, trotz Nizza und Paris und Charleroi: der Gedanke, dass das wirklich ein terroristischer Akt sein könnte, war trotz allen Wissens so abwegig, dass wir beide am Telefon Zuflucht nahmen zu Überlegungen wie, ob der Fahrer möglicherweise betrunken gewesen sein könnte oder am Steuer eingeschlafen. Schlaganfall, Herzinfarkt, sonstige schicksalhafte Gründe für dieses Ereignis. Wir legten auf und mein Mann machte, dass er per Taxi dort wegkam, bevor alles gesperrt wurde und sich dann auch allmählich die Nachrichtenlage zuspitzte. Den Rest des Abends schauten wir Nachrichten, checkten, ob all unsere Freunde hier in der Stadt in Sicherheit waren, telefonierten, chatteten, redeten miteinander. Irgendwann ging ich erschöpft und traurig, aber auch erleichtert, dass wir sicher zu Hause waren, ins Bett.

Bei dem Telefonat stand das Herzensmädchen direkt neben mir, die Kleinen kriegten es zum Glück da noch nicht mit, aber am nächsten Morgen war klar, wir müssen mit den Kindern sprechen. Denn in der Schule würde darüber gesprochen werden und sie würden Radio hören, die Zeitungen sehen, aufschnappen, was andere sprechen. Lieber wollten wir die Quelle für ihre Informationen sein, aus denen sie sich zusammen setzen, was da tatsächlich geschehen ist. Die Reaktionen der Kinder waren sehr verschieden. Die Große versucht, zu rationalisieren und eine Position zu finden: was halte ich davon? Wie sortiere ich das ein? Was bedeutet das für mich? Die beiden Kleinen schieben es eher weg, vor allem das Goldkind. Der Bub hat immerhin gesagt: "Zum Glück waren wir schon auf dem Weihnachtsmarkt, jetzt möchte ich nämlich nicht mehr gehen."

Aber ich merke, dass es in ihnen arbeitet. Auf dem Heimweg von der Schule im Auto sprechen sie darüber. "Man könnte einen Zaun um die Weihnachtsmärkte machen und die bewachen", sagt das Goldkind. "Dann könnte keiner mehr rein, der anderen wehtun will." "Dann findet er eben einen anderen Ort, um jemanden zu verletzen", sagt das Herzensmädchen, "Einen ohne Zaun oder Bewachung." Pause. Dann der Bub: "Zum Beispiel eine Bushaltestelle." Stille.

Für einen Moment steht mein Herz still, weil ich denke, nein, ich will nicht, dass meine Kinder solche Gespräche führen müssen! Ich will, dass sie frei von solchen Gedanken und Befürchtungen aufwachsen können und sich keine Sorgen um mögliche Attentäter machen müssen. Ich will sie vor diesem Thema beschützen und alles Schlechte von ihnen fernhalten! So wie das alle Eltern für ihre Kinder wollen. Ich fühle mich kurz zittrig und ängstlich und hilflos. Aber mir wird auch klar, in welchem Luxus wir leben, dass unsere Kinder jetzt erstmalig damit in Berührung kommen, während in so vielen anderen Ländern der Erde ganz andere Realitäten herrschen. Und dass sie an diesem Tag, an dem sie dieses Gespräch führen, quasi "gleichgezogen" sind mit Kindern in Madrid, Nizza, Paris, Charleroi, London, Istambul, Tel Aviv, Oslo… Aber dass noch wahnsinnig viel Luft ist bis zu dem Punkt, wo ihre Erfahrungen auch nur ansatzweise vergleichbar wären mit denen der Kinder in Gaza, Zataari, Aleppo… Ich atme tief durch, die Kinder sprechen längst über etwas anderes, wir fahren nach Hause.

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Am selben Tag veröffentliche ich einen Post auf Instagram. Er handelt von Liebe als Gegengewicht gegen Terror, Angst und Hass – ganz gleich, aus welcher Richtung uns das erreichen will. Danach schweige ich und lasse auf mich wirken, was um mich herum passiert: Nachrichten, Meldungen, Fake News, Hasstiraden, Rufe nach Vergeltung und Abdankung, Beschwichtigungen und Appelle an die Besonnenheit, Trauer und Angst. Ich schweige und warte darauf, dass sich meine Sicht auf die Dinge verändert und ich von neuen Gefühlen ergriffen werde, die möglicherweise mein Denken und Handeln verändern werden, weil der "Terror" jetzt so nah ist.

 Aber nach nur einem Tag Pause stelle ich fest: ich habe alles gesagt und ich habe nichts zu revidieren. Ich weiß, woran ich glaube und für was ich einstehen will. Das hat sich nicht geändert. Ich weiß, dass ich mich nicht ängstlich zu Hause verkriechen werde und auch meine Kinder ermutigen werde, das nicht zu tun. Ich weiß, dass wir als Familie und auch der Mann und ich als Paar weiterhin Sportveranstaltungen, Konzerte und natürlich auch Weihnachtsmärkte besuchen werden. Wir werden unser Leben weiterführen und uns für die Dinge einsetzen, die wir richtig finden. Wir werden unsere Freiheit nicht aufgeben aus Angst und wir werden die Liebe, an die wir glauben, nicht loslassen und stattdessen hassen. Wir stehen zu unserer Entscheidung, vor einem Jahr unsere afghanische Familie bei uns aufgenommen zu haben und wir würden das wieder tun, wenn Menschen in Not sich an uns wenden und um Schutz bitten, ganz gleich, woher sie kommen oder woran sie glauben oder welche Sprache sie sprechen und egal, ob möglicherweise einer ihrer Landsleute diesen LKW gefahren hat. Denn wir glauben an die offene Gesellschaft und an das friedliche Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen – wie sollten wir nicht? Wir sind selbst eine Familie mit bunten Wurzeln und unsere Kinder wachsen zweisprachig auf, sie haben Freunde aus Israel, Ägypten, Afghanistan, der Mongolei, den USA, Korea, der Türkei, Australien, Kanada, Südafrika, Dubai und Brasilien und sie kennen deren Sprachen, Traditionen und Lieder, so wie ihre Freunde die unseren kennen. Und das ist richtig so! Daran glauben wir. Daran halten wir fest. Das ist gelebte Offenheit und sie wird mit Freundschaft und gegenseitigem Respekt und Verständnis füreinander belohnt, jeden Tag.

Es geht mir furchtbar nah, dass Menschen getötet und verletzt wurden. Das ist grauenvoll, und all mein Mitgefühl gehört diesen unschuldigen Menschen und ihren Angehörigen, die jetzt trauern und für die sich ihr Leben unwiderruflich verändert hat. Aber ich weigere mich, wegen dieses Unglücks jetzt misstrauisch und ängstlich durch meine Stadt zu gehen. Ich weigere mich, Angst zu haben. Und ich weigere mich, zu hassen.

In wenigen Tagen ist Weihnachten und ab morgen gibt's hier auch wieder Besinnliches und Buchtipps und schöne Texte über Eltern-Kind-Gefühle. Aber heute geht es um andere Dinge. Was wir uns wünschen? Wir wünschen uns Menschen, die den Angstschürern die kalte Schulter zeigen. Menschen, die den Terroristen dieser Welt und ihren Zielen den ausgestreckten Mittelfinger hinstrecken. Wir wünschen uns, dass die Stimmung, die man hier in gerade Berlin aufschnappen kann nach dem Anschlag, sich weiterverbreitet: hier verbinden sich nämlich die Menschen, passen aufeinander auf, sprechen einander Mut zu und – machen weiter mit ihrem Leben. Wir wünschen uns Menschen, die aufeinander zugehen und sich Mühe geben, einander zu verstehen, statt sich spalten zu lassen von Angst und Wut. Menschen, die dem Ziel des Terrors trotzen, indem sie weiterhin aufeinander zugehen. Wir wünschen uns mehr Freundschaft und mehr Respekt. Mehr Begegnungen. Mehr Neugier. Mehr Mut. Mehr (Selbst)Vertrauen. Mehr Selbstverantwortung. Mehr positives Tun.

Was wir uns wünschen? Liebe statt Hass.

"Darkness cannot drive out darkness, only light can do that. Hate cannot drive out hate, only love can do that." (Martin Luther King)

7 Kommentare

  1. Steffi sagt

    Danke! Deine Worte haben mich sehr berührt und bestärkt!

    Frohe und gesegnete Weihnachten dir und deiner ganzen wunderbaren Familie !

    steffi 

  2. sunshine sagt

    DANKE Anna! Diesen Artikel sollte man in allen großen Tageszeitungen veröffentlichen…auf dass hoffentlich auch Deutschland als Ganzes so besonnen reagiert! 

  3. Janina sagt

    Ich denke wie du. Ich hoffe wie du. Danke für die Worte. Wir sind nicht allein und es werden täglich mehr!

  4. Liebe Anna,

    du hast so Recht mit dem was du schreibst – Liebe ist die Lösung! IMMER!

    Viele Grüße und schöne Weihnachten,

    Patricia

     

     

  5. Es tut gut deine Worte zu lesen.

    Meine Schwester stand 2-3 Minuten vorher genau an der Stelle, wo es geschah und ist durch eine glückliche Fügung kurz vorher zur UBahn gelaufen….ich bin einfach nur erleichtert und dankbar und dennoch unglaublich erschüttert….

     

    Liebe Grüße und noch ein paar letzte besinnliche Tage im Kreis der Lieben in 2016,

    Sari

  6. Pingback: Der letzte Monat ist zu Ende - Wheelymum

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