Ich hasse es, wenn meine Kinder weinen. Und es ist nicht nur dieses unerträgliche Gefühl, sie leiden zu sehen (und zu hören!), das mir ins Herz schneidet. Oder der Anblick ihrer traurigen kleinen Gesichter. Oder der Schreck, wenn sie sich verletzt haben, der bange Moment, in dem mein Mutterohr unterscheiden muss zwischen dem Weinen wegen eines aufgeschürften Knies oder dem Weinen, weil was gebrochen ist, genäht werden muss oderoderoder.
Nein, da gibt es noch mehr und viel weniger liebevolle oder besorgte Aspekte.
Ich finde das Geheule abscheulich, dass die Kinder anstimmen, wenn sie ihren Willen nicht kriegen. Es ärgert mich, wenn die Tränen dokumentieren, dass sie irgend einen Bödsinn durchsetzen wollen, via Weinen, weil ich vorher schon NEIN gesagt habe.
Ich kann das von Kindergezänk verursachte Gekreisch nicht leiden, dass die Tränen begleitet, wenn sie sich um etwas streiten, sich angiften, gemeine Sachen sagen oder sich sogar gegenseitig hauen/haareziehen/schubsen/random.
Und der unrühmlichste Anteil in mir, der das Weinen der Kinder gerne beenden möchte, ist der, der nicht will, dass die Kinder sich im Beisein anderer blöd aufführen. Für ein Kind, das weint, weil es sich weh getan hat, haben die meisten (fremden) Erwachsenen ja noch Verständnis. Ein Kind, das weint und schreit, weil es etwas durchsetzen möchte oder das dabei sein Geschwister attackiert, erntet in der Regel schräge Blicke, Kopfschütteln und im schlimmsten Fall blöde Kommentare.
Natürlich werde ich, die Mama, dann sauer auf die sich einmischenden oder missbilligend beobachtenden anderen Erwachsenen, aber ich werde auch ungeduldig mit meinen Kindern und ermahne sie oder versuche zumindest sie einzudämmen. Und ich höre mich, in den diversen Heul-Situationen zu meinen Kindern sprechen, höre mich die stereotypen Dinge wiederholen, die Generationen von Müttern und Großmüttern, Vätern und Großvätern, befugten und unbefugten Erwachsenen zu weinenden Kindern gesagt haben:

„Wein doch nicht, es war doch gar nicht so schlimm!“
„Hör auf zu weinen, du bist doch schon groß.“ (Was für ein Scheiß-Argument ist DAS eigentlich?)
„Ich möchte nicht, dass du hier jetzt so ein Affentheater machst, ich werde meine Meinung deshalb nicht ändern, also hör auf.“
„Ich will gar nicht wissen, wer was wann zu wem gesagt hat: hört auf mit dem Geheule. Jetzt!“
„… aber deshalb muss man doch nicht gleich weinen…“
Undsoweiterundsofort.
Ich könnte stolz auf mich sein, weil ich noch NIE zu einem meiner Kinder gesagt habe „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, aber ehrlich gesagt finde ich bei näherer Betrachtung das meiste von oben zitierten Wein-Abstell-Parolen schon so untauglich, dass mir diese allerschlechteste im Vergleich nicht mehr viel schlechter vorkommt.

Dabei weiß ich es doch besser. Denn es ist doch so: egal, warum die Kinder weinen, sie tun es, um ihre Gefühle auszudrücken, etwas, das sie, selbst im Alter meiner Großen, mit neun Jahren, (noch) nicht in Worten ausreichend können. (Und seien wir mal ehrlich: viele Erwachsene können weder ihre Gefühle mit Worten ausdrücken, noch können sie weinen. Wir Armen!) Sie weinen, weil sie zeigen wollen, wie ihnen zumute ist: sie drücken Schmerz aus, körperlichen wie seelischen, sie drücken Frustration und Wut aus, sie zeigen auf diese Weise ihre Ängste und ihre Trauer, auch über die allerkleinsten Dinge. Wie können wir Erwachsenen, wir Eltern, wir MÜTTER beurteilen, wie die Beschaffenheit dieser Gefühle wirklich ist? Natürlich ist es zum Weinen, wenn man sich weh tut oder wenn die liebste Freundin plötzlich nicht mehr mit einem spielen will. Und selbstverständlich kommen einem die Tränen vor Wut, wenn man immer die Kleinste ist, die nicht alles so kann und darf, wie sie gerne möchte. Und ja, die Frustration darüber, dass man diesmal nicht im Einkaufswagen sitzen darf, weil die kleine Schwester jetzt dran ist, kann einen zum Weinen bringen. Ist es nicht so? Haben wir vergessen, wie sich das als Kind angefühlt hat, wenn in solchen Situationen ein Erwachsener mit solchen Sätzen ankam? „Is doch allet nich so schlümm, Püppi!“ Ist es aber doch.

Gestern hat mein 5ähriger Sohn auf dem Spielplatz einen Stock gefunden. Ein hundsgewöhnlicher Stock, angefleddert, nur etwa 20 cm lang. Er nahm ihn mit ins Auto, auf dem Rücken seinen Kitarucksack, in der anderen Hand eine Schrippe vom Kita-Nachmittags-Snack. Ich schnallte ihn an, wir fuhren los, das Kind war glücklich und sang. Wir hielten am Geldautomaten kurz an und ich war bereits genervt, weil er unbedingt mit aussteigen wollte und dann ständig dazwischen fummelte. „Kann ich die Karte rausholen? Kann ich das Geld rausnehmen? Was für Zahlen tippst du da ein? Kann ich das machen?“ Wir stiegen also wieder ein, er gedämpfter als vorher, weil ich ihn nicht so ließ, wie er wollte, ich genervt wegen Parkplatzsituation, An- und Abschnallen und Hin und Her. Nun wollte er sich unbedingt selbst anschnallen. Mit Schrippe und Stock in der Hand ging das natürlich nicht, und ich konnte von vorne (Motor schon an, Blinker schon gesetzt) nicht an den Anschnaller heran. Nach einigem Hickhack und nachdem er all meine Anweisungen („Leg die Schrippe weg, leg den Stock weg, DANN schnallst du dich an!“) ignoriert hatte, griff ich entnervt nach hinten, nahm ihm den Stock weg, heftiger als beabsichtigt – und der Stock zerbrach. Der Bub brach augenblicklich in Tränen aus, wenngleich jetzt angeschnallt. Die Schrippe war egal geworden, alle gute Laune war wie weggeblasen: der Stock war kaputt. Unwiderruflich. Für immer zerbrochen. Und er hatte ihn gerade gefunden, er wollte daraus ein Messer schnitzen, es war SEIN STOCK! Mit erwachsenen Argumenten über andere Stöcke oder andere Gelegenheiten zum Schnitzen ist da nichts zu machen. Ich war immer noch genervt und das Weinen hat mich nicht gerade in entspanntere Stimmung versetzt, aber mir war gleichzeitig so klar, wie schrecklich er sich gerade fühlte. Und ich habe mich geschämt, dass ich ihn gedrängelt hatte, dass ich ungeduldig gewesen war, dass ich, ICH, seinen Stock zerbrochen und dieses Elend heraufbeschworen hatte. Er weinte gar nicht laut oder wütend, sondern wirklich traurig, leise, andauernd vor sich hin. Erst als ich mich bei ihm entschuldigt habe, ihm gesagt habe, wie leid es mir tue, dass ich seinen schönen Stock zerbrochen hätte, wurde er ein bisschen ruhiger. Ich sagte, ich verstünde, wie schön, der Stock gewesen sei, quasi unersetzlich, und dass ich hoffen würde, er könne mir verzeihen, weil es mir auch so leid tue um den Stock und vor allem, dass er jetzt so traurig wäre. „Ist schon okay, Mama. Ich finde es schön, dass du dich entschuldigst. Jetzt bin ich nicht mehr so traurig.“
Bäm. Mir war auf einen Schlag wieder so klar, worauf es ankommt, worauf es wirklich immer ankommt, wenn ich mit meinen Kindern kommuniziere: auf die Liebe. Sie müssen spüren, dass sie geliebt werden, egal, was sie selbst gerade fühlen. Sie müssen spüren, dass sie geborgen sind in meiner Liebe, in der Liebe ihres Vaters (der oft so viel geduldiger ist als ich!), in der Liebe ihrer Familie. Sie müssen wissen, dass nichts Schlimmes passiert, wenn sie selbst sich mal nicht so toll fühlen, wenn sie Angst haben oder wütend werden. Sie müssen wirklich immer die Gewissheit haben, dass sie okay sind, so wie sie sind, im Guten wie im Schlechten. Und dass ich, ihre Mama, sie immer so annehme, wie sie sind: ihre Schwächen wie ihre Stärken, ihre Tränen und ihr Lachen, ihre Niederlagen und ihre Erfolge, ihre Ängste und ihre Wildheit so wie ihre Freude und ihr Glück.
Weinen ist okay. Wer kann schon sagen, wie weh es wirklich getan hat, als der Stock zerbrach außer seinem stolzen Besitzer? Wer kann schon wissen, wie übermächtig die Angst meiner Großen vor ihrer Klassenfahrt sich angefühlt hat, außer ihr selbst? Wer außer meiner Kleinsten kann bestimmen, wie schlimm der Schmerz war, als sie sich den Kopf an der Eingangstür zur Schule gestoßen hat heute morgen? Oder wie wütend sie wurde, als ihr Bruder sie mal wieder „blödes Baby“ genannt hat gestern? Niemand. Keine Lehrerin, kein vorbeikommender Vater, keine wohlmeinende Nachbarin, kein liebendes (Groß-)Elternteil. Auch ich nicht.

Weinen ist okay, egal, was die Gründe dafür sein mögen. Und ich bin froh, dass ich mich in den allermeisten Situationen darauf einlassen kann, die kleinen Seelen zu trösten und nicht versuche, sie einfach abzustellen. Dass sie sich ohne Zögern in meine weit geöffneten Arme werfen und sich dort ausweinen dürfen, bis es nicht mehr weh tut oder sie sich selbst wieder leiden können.
Ja, ich bin aufbrausend und ich bin auch oft ungerecht. Wenn ich genervt und angespannt bin, bringe ich oft nicht mehr dieselbe Geduld auf, wie in relaxten Situationen. Aber meine Kinder sind mein Ein und Alles und das sollen sie immer wissen, selbst wenn ich so wütend bin, dass ich… heulen könnte. Und ist es nicht das schönste Gefühl der Welt, gerade dann, wenn man sich selbst schlecht fühlt, wenn man voller Wut, Angst, Frust oder Trauer ist, geliebt zu werden? Wenn genau dann jemand da ist, der einen so nimmt, wie man ist, der sein Herz nicht verschließt sondern sagt: Weinen ist okay, du bist okay, ich liebe dich auch jetzt und ich liebe dich immer, ganz gleich, was du tust oder wie du dich gerade fühlst. Und auch ganz gleich, ob du dich selbst gerade liebst oder eher nicht.

Das ist der einzige echte Trost, den es geben kann: Liebe.

Ich möchte diese Person für meine Kinder sein, so gut ich kann, für immer. Und nachher, wenn ich die kleinen Klebmonster aus der Kita abgeholt haben werde, gehe ich mit meinem wunderbaren Sohn los und wir finden einen neuen, einzigartig schönen, ganz und gar außergewöhnlichen – Stock.

love is always the answer

8 Kommentare

  1. Sehr schöne Gedanken! Und so vertraute Situationen.
    Ich VERSUCHE immer, wenn ich sauer auf sie und mal wieder in Rage bin, ihnen zu sagen, dass ich sie immer lieb habe, egal wie wütend ich gerade bin. Das ich im Moment nur mit dieser Art, die sie an den Tag legen absolut nicht einverstanden bin. Schaffe ich das im größten Geschrei und Gezank zu sagen (gelingt oft nicht), merke ich immer wie sie und auf wunderlicherweise auch ich selbst wieder ruhiger werden.

    • Ja, das ist auch so eine Art Mutter-Kind-Wunder (oder Eltern-Kind, sollte ich sagen): der Liebe Ausdruck verleihen hilft IMMER. Egal, worum es geht: Trost, Ermutigung, Freude, Stolz, Angst…. Ein Zaubermittel!

  2. Wunderbar geschrieben! Hatte gerade angefangen, deinen Eintrag zu lesen, als mein Baby herzzerreißend mit dem Weinen angefangen hat – Bauchweh, gestörter Schlaf, ein wenig Weltschmerz aufgrund der vielen Eindrücke heute. Und ich nahm das kleine Wesen auf den Arm und es wurde ruhig und ich wäre fast zerplatzt vor lauter Liebe – und war glücklich, dass meine Liebe beim Trösten geholfen hat. Und wenn der Kleine größer ist und weint und ich genervt davon bin, dann denke ich hoffentlich an diesen Moment und deine Worte zurück, um nicht zu vergessen, dass die Liebe das Wichtigste in einer solchen Situation ist.

    • Das hört sich schön an, was du beschreibst: nach einem von vielen innigen und (trotz Weinen) harmoni
      schen Mama-Kind-Momenten. Und es ist wirklich wahr, wenn man es schafft, sich zu vergegenwärtigen, wie tief diese Bindung ist, einzigartig und unzerstörbar, dann ist es viel leichter, auch in schwierigen Momenten dieses Gefühl zu leben. Mummyness! ;-)

  3. Schnüff. Wie schön. Heute hatten wir so einen K***start in den Tag, alles war Chaos und Drama und Geschrei und viele Tränen.
    Dann kam der Abend und bei Kuscheln und Reden im Bett war längst alles wieder gut, keiner weiß, was da morgens los war und warum die Tränen, aber manchmal muss es eben raus. Und deine Zeilen rücken den Kopf ein wenig gerade; wir Großen wissen einfach nicht, WIE schlimm es für die Kleinen vielleicht grad ist.
    Seufz. Schön! Danke =)

  4. Danke für den hilfreichen, geraderückenden Post! Ich musste ihn direkt auf Facebook teilen! ich lese dich unheimlich gern! Weiter so!

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