Die Lichtpunkte zu setzen, ist mal leichter, mal schwerer. Heute fällt es mir wieder schwerer, obwohl der Start in den Tag sehr schön war. Ich war mit dem Lieblingshund schon um halb sieben im Park, die Sonne ging allmählich auf und färbte den Herbsthimmel pink und golden. Der Hund war fröhlich (wie immer), ich genoss es, den Tag so begonnen zu haben und eigentlich war das ein richtig guter Anfang für diesen Mittwoch.

Aber dann… kamen Nachrichten. Von überfüllten Intensivstationen, von 15 Millionen Ungeimpften in diesem Land, von infizierten Kindern unter 12, die Covid nach Hause in die Familien tragen, Nachrichten von geplanten Operationen, die abgesagt werden müssen, damit die Kapazitäten für Covidpatienten ausreichen, Nachrichten von ungeimpftem Pflegepersonal, das ganze Palliativstationen mit dem Virus infiziert, von Quarantänen und entstehenden Notlagen, von untätigen Politiker*innen, von Protesten gegen Maßnahmen, von Maskenpflicht und Maskenboykott… und ich frage mich mal wieder, wie das alles sein kann.

Wie es sein kann, dass wir, anders als viele unserer europäischen Nachbarländer wie Frankreich, Italien, Portugal etc. nicht in der Lage sind, uns zu einem solidarischen Kraftakt aufzuraffen. Wie es sein kann, dass wir, obwohl wir mit dieser Pandemie seit fast zwei Jahren leben, obwohl wir wissen, wie dieses Virus sich verhält, obwohl Wissenschaftler vorausgesagt haben, wie es mit Delta nach dem Sommer weitergehen würde und obwohl wir mit Blick auf andere Länder genau wussten, welche Entwicklung die Dinge nehmen können/werden, mitten in der vierten Welle stecken. Mit Infektionszahlen, die sich gewaschen haben. Mit steigenden Hospitalisierungszahlen und Todesfällen. Knapp 90% Ungeimpfte in den Krankenhäusern. Wie kann das sein?

Wie kann es sein, dass es Menschen gibt, die nach einem Freedom Day schreien, während die pandemische Lage sich erneut zuspitzt? Die sich weigern, sich solidarisch zu verhalten, selbst im Angesicht von neuerlichen schweren Verläufen und Todesfällen? Wie kann es sein, dass Politiker*innen so verhalten reagieren, dass sie überhaupt immer nur reagieren und nicht pragmatisch und vorausschauend handeln? Dass sie immer und immer wieder nicht auf Wissenschaftler*innen hören? Dass sie politische Entscheidungen treffen wie das Inkaufnehmen der Durchseuchung der Kinder? Oder das zögerliche Durchsetzen einer 2G-Regelung? Das Zurückschrecken vor einer Impfpflicht für alle Berufe im Gesundheitswesen? Das totale Versagen beim Ausstatten der Schulen mit Luftfiltern und Sicherheitsmaßnahmen für den nächsten Corona-Winter?

Mein Gehirn weigert sich inzwischen, das zu verstehen. Ich habe meinem Mann und mir Termine für Booster-Shots bei unserem Hausarzt organisiert und beruhige die Kinder, die sich Sorgen machen, dass sie sich trotz Impfung infizieren und andere anstecken könnten, so gut ich kann.

Ich weiß einfach nicht, was das noch alles werden soll.

Passt auf euch auf.

7 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    du sprichst mir aus der Seele. Mich macht es traurig und wütend zugleich, zusehen zu müssen, wie sich die Coronalage immer weiter zuspitzt und keine gescheiten Regeln oder Gesetze dazu vereinbart werden.
    Mich macht es wütend, dass wenn ich gestern mit Freundinnen im Restaurant war, eine von 6 immer noch nicht geimpft ist, und sich über die Kosten des Schnelltests beschwert. Selbst ein kleines Kind zu Hause hat und nur meckert, was da jetzt alles (vielleicht) kommen soll,”mit 2 G und dem ganzen Scheiß”.
    Mich macht es wütend, dass eine von 4 Angestellten meines Mannes nicht geimpft ist, aber durchsetzen möchte, dass alle Kunden, auch geimpft, nur noch getestet das Büro betreten sollen. Mit welcher Selbstverständlichkeit wollen sich diese Personen Rechte herausnehmen, die wir nur durch unser solidarisches Verhalten errungen haben.
    Mich macht es traurig zu sehen, wie mein großer Sohn, mit Angst vor jeglichen Ärzten und Fremden , sich hat sofort im Impfzentrum impfen lassen, als es für ihn möglich gewesen ist und sich jetzt fragen muss” War das genug was ich da gemacht habe, oder hat es nicht gereicht, war alles für umsonst?”
    Dass mein kleiner Sohn, der durch Corona viel von der schönen Grundschulzeit verloren hat und “einfach so” aufs Gymnasium geschmissen wurde, mich anschaut und die Welt nicht mehr versteht. In seinem noch kleinen Universum, dreht sich alles nur noch um Infektionszahlen und das Aufholen des verpassten Lernstoffs. Er hat wieder Angst, Weihnachten nicht so feiern zu können, wie er es seit Baby an gewohnt ist.
    Das alles macht mich so wütend und traurig.

  2. Liebe Anna, ich kann deinen Gedanken und deiner Meinung in Bezug auf die Pandemie nur zustimmen. Was für eine Ignoranz und ein Egoismus hat sich unter uns ausgebreitet. Es ist schlimm.
    Danke für deine Worte. Bleibt gesund.
    Romy

  3. Danke hierfür. Mir ging es die letzten Tagen genau so. Mit einem Mann, der im Kulturbereich arbeitet. Was schon riskant ist. Wo auf 2G umgestellt wurde und ungeimpfte Stammgäste mails schreiben wie “Es gab schon einmal eine Zeit, in der Menschen von allem ausgeschlossen wurden. Schade, dass ihr das nicht erinnert und nichts daraus gelernt habt.” Mir läuft es kalt den Rücken herunter und ich merke: wir können nicht wirklich viel tun, um diese gesellschaftlichen Entwicklungen noch zu stoppen.
    Und wir können nicht “auf die Politiker” warten – denn offenkundig ist Handlungsunfähigkeit Regierungspflicht in Deutschland.
    Und während man zu Hause auf das Infektionsgeschehen starrt (wir können uns erst Mitte Dezember boostern lassen) erfahre ich beim Elternsprechtag: “Ihr Kind hat Lücken” Äh, ja klar, der hatte ja auch fast ein Jahr so gut wie keinen Unterricht. “Ja, aber viele haben das ja trotzdem irgendwie hingekriegt. ” Danke für nichts.

    Und an der Grenze zwischen Belarus und Polen erfrieren Menschen, die unter absurden Versprechungen nach Europa gelockt werden, horrende Summen bezahlen und sich jetzt in irgendwelchem Niemandsland befinden.

    Man sieht auf das Ganze und denkt jeden Abend “Zum Glück habe ich noch ein warmes Bett und genug zu essen.”

  4. Du sprichst mir aus der Seele. Was mich tatsächlich auch ärgert, dass so viele tatsächlich nur auf Entscheidungen der Politiker warten und selbst aber nicht drüber nachdenken, dass man auch nicht bei jeder Veranstaltung gewesen sein muss, auch wenn es erlaubt ist. Man kann auch verzichten, weil man selbst den Ernst der Lage erkannt hat und sich so für seine schwächeren Mitmenschen einsetzen.

  5. Liebe Anna, ich lese Dich schon sehr lange und sehr gerne. Und es tut mir leid, dass Du im Herbst so down bist. Das kenne ich auch erst seit einigen Jahren. Und hier soll keine Werbung gemacht werden, daher brauchst Du den Kommentar auch nicht zu veröffentlichen, aber ich habe von den MacherInnen von Ein guter Plan entdeckt “Ein guter Winter” (https://einguterplan.de/einguterwinter/). Dort sind genau solche Strategien, wie Du sie auch versuchst, vorgeschlagen. Vielleicht hilft ja etwas davon. Viele liebe Grüße und halte durch, der Dezember ist schon ganz nahe! Bianca

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