Kennt ihr das? Es wird Abend, ihr geht durch die Wohnung oder das Haus und macht Licht an in den Zimmern und für einen Augenblick denkt ihr darüber nach, ob von draußen wohl jemand hereinschaut? Ich denke daran jedes Mal, aber nicht auf eine gruselige Art und Weise, sondern mit einem ganz warmen und vertrauten Gefühl. Dazu gibt es nämlich eine Geschichte aus meiner Kindheit, die ich euch heute erzählen will…

Als ich ein Kind war, liebte ich es, auf der Rückbank im alten Saab meiner Eltern zu sitzen und mit ihnen durch die Nacht zu fahren. Nicht nur, weil es mir ein Gefühl der Geborgenheit gab, dort hinten zu sitzen, neben mir meinen Bruder, den Gesprächen meiner Eltern mit einem Ohr zu lauschen und mich in meinem Kindersitz eingekuschelt zu fühlen. In diesem Auto zu sitzen, die drei wichtigsten Menschen in meinem Leben ganz dicht bei mir, gab mir ein Gefühl der Sicherheit, auch bei Tageslicht. Aber wenn es dunkel war, fühlte ich mich, als könnte ich durch die erleuchteten Fenster der Häuser, an denen wir vorbeifuhren, in die glücklichen Leben anderer Menschen schauen.

Immer sonntags, wenn wir ins ca. eine Stunde entfernte Geburtsstädtchen meiner Mutter fuhren, um mit meinen Großeltern zu Mittag zu essen, freute ich mich auf die Rückfahrt, die oft in der Dämmerung stattfand. Und bis wir von der Landstraße wieder ins Stadtgebiet meiner Heimatstadt eintauchten, war es ganz finster geworden. Leave a light on | berlinmittemom.com

Wir kamen von der Bundesstraße über eine der Brücken in die Stadt, die den kleineren von zwei Flüssen überspannen, und sobald wir den Fluss überquerten, begann ich, Ausschau zu halten. Denn dann kamen wir bald nahe genug an den Häusern der Stadt vorbei, so dass ich in die Fenster schauen konnte.

Dort sah ich Menschen hin und hergehen, von Zimmer zu Zimmer. Sobald wir an einer roten Ampel hielten, verfolgte ich gespannt, wie die Wohnungen zusammenhingen oder wo eine neue begann. Ich sah Menschen Essen zubereiten und in Büchern lesen, ich sah sie miteinander reden und lachen, ich sah Kinder auf Hochbetten toben und Väter, die sie dort herunterhoben und durch die Luft wirbelten. Ich sah Paare in innigen Umarmungen und ältere Menschen alleine in Sesseln am Fenster sitzen. Ich sah Katzen auf Fensterbrettern und Zimmerpflanzen, die gegossen wurden, ich sah Einrichtungen, die ich seltsam fand und andere, die ich mir nicht schöner hätte ausdenken können.

Am liebsten mochte ich es, wenn eine dunkle Fensterscheibe plötzlich aufleuchtete und die Wohnung dahinter lebendig wurde. Ich stellte mir vor, wer diese Menschen waren, die ich von draußen sehen konnte in ihren Leben. Was sie dachten, woran sie glaubten, ob sie Familien hatten oder nicht. Ich ersann ganze Leben für sie und gab ihnen Namen. Ich liebte es, mir auszumalen, dass sie zufrieden waren hinter den Fenstern und wünschte mir manchmal, einer von ihnen würde mich sehen, damit ich ihnen hätte winken können. Aber ich war draußen, nur eine Beobachterin im Vorbeifahren, auf dem Rücksitz im Auto meiner Eltern.

Aber ich glaubte lange daran, diese Menschen wüssten in Wirklichkeit, dass ich da draußen war und hineinschaute und liebte den Gedanken, sie würden ihre Lichter extra für mich anmachen, damit ich sie sehen und mich freuen konnte. Und so war jedes erleuchtete Fenster in meiner kindlichen Fantasie wie ein Gruß an mich – eine magische Verbindung zwischen mir und den anderen.

Bis heute denke ich daran, wenn ich vor allem in der dunklen Jahreszeit gegen Abend durchs Haus gehe und Licht anmache und stelle mir vor, dass da draußen ein kleiner Mensch ist, der im Vorbeifahren oder -laufen hineinschaut und sich freut. Ein Kind, wie ich damals eins war, das durch den Abend getragen wird, im Auto oder auf den Schultern seiner Eltern und dass sich Dinge vorstellt über die Menschen, die in den Straßen und Wohnungen zu Hause sind, an denen es vorbeikommt.

Tatsächlich lasse ich mitunter absichtlich ein Licht an, auch wenn ich das Zimmer gleich wieder verlasse, nur damit mein Fenster erleuchtet ist und ein Kind von draußen sich eine Geschichte dazu ausdenken kann.

Ich lasse ein Licht an für das kleine Mädchen, das ich einst war. Und „trage“ meine eigenen Kinder in dem Bewusstsein durch die Abende ihrer Kindheit, dass sie ihre ganz eigene Gedanken- und Gefühlswelt bewohnen, von der ich sehr oft nichts ahne, die ich aber nähren und schützen möchte, so gut ich kann.

So wie es mir einst ging, als ich das Kind war, das durch die Nacht fuhr und seine ganze Welt dabei hatte, die reale und die in seiner Fantasie.

3 Kommentare

  1. Liebe Anna, was für eine schöne Geschichte! Und dank ihr ist mir wieder eingefallen, wie sehr ich es während meines Studiums (was erschreckender Weise schon über zehn Jahre her ist), vor allem im Winter, geliebt habe, mit dem Bus von der Uni nach Hause zu fahren und in die ganzen erleuchteten Fenster zu spähen. In Marburg gibt es viele wunderschöne, alte Häuser und es sah häufig so heimelig und gemütlich aus :-)
    Liebe Grüße!

  2. Wie wunderbar Du durch den Text das passende Gefühl transportieren kannst
    Mir geht es ganz genauso, ich habe schon immer unheimlich gern in die kleinen Momente hinter dem Fenster geschaut und mache selbst nur ungern die Rollos zu. Lichterketten, Teelichter und Kerzen die nicht nur innen die Herzen wärmen sollen. So wie Deine Texte.

  3. 48 bin ich mittlerweile. Das kleine Mädchen bin ich immer noch. Sehr schön hast du das beschrieben.

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