Gestern schrieb ich schon über den Hund und darüber, wie ich ihn mitunter um sein stoisches Gemüt beneide. Da dachte ich, heute könnte ich mal ausführlicher über ihn schreiben. Begleitet er doch meine Tage seit fast fünf Monaten intensiv und prägt unser Familienleben mit seinem Dasein in unserer Mitte.

Hundemensch oder Katzenmensch

Ich weiß, ich hätte es niemals gedacht. Alle Menschen, die mich lange und gut kennen, hätten es niemals gedacht. Aber jetzt ist es so: mein Herz gehört (auch) einem frechen, wilden Junghund namens Percy, der seit Juni zum Berlinmittemomtribe gehört. Er ist pechschwarz und weich und unglaublich lieb und verschmust und hat zusammen mit unserem Katerchen Archie unser Leben bereichert.

Früher dachte ich, ich sei ein Katzenmensch. Ganz darauf ausgerichtet, lediglich einem einzelgängerischen Tier ein Zuhause zu bieten, das zumindest nach außen autonom wirkt und seine eigenen Wege geht. Die Unabhängigkeit, die eine Katze ausstrahlt, passte mir ganz gut, dachte ich. So konnte ich zwar mein Herz an das Tierchen hängen (und habe es immer getan), aber ich konnte mir immer einen letzten Rest Abstand behalten und damit gefühlsmäßig mehr “in Sicherheit” sein.

Archie the cat | berlinmittemom.com

Keinen sentimentale Tierliebe…?

Ich bin mit Katzen aufgewachsen. Meine erste Katze kam zu uns, da war ich ein Grundschulkind. Und während ich mein Kinderherz ganz an das schwarz-weiße Kätzchen verschenkte, wahrten die Erwachsenen der Familie den Abstand. Denn meine Mutter stammt aus einer Försterssippe, alle Männer dieser Familie waren Förster, mein Großvater und sein Bruder, alle Cousins, mein Urgroßvater usw. Traditionell waren alle Tiere in dieser Familie Nutztiere. Hunde waren Jagdhunde und wohnten im Zwinger, sie mussten arbeiten und wurden nur zur Jagd genutzt. Dann gab es noch Hühner zum Eierlegen und als Suppenhuhn und natürlich Wild, das erlegt wurde und den Fleischanteil bei der Ernährung der Familie lieferte, in der ohnehin nur sonntags Fleisch gegessen wurde.

In dieser Familie war sentimentale Tierliebe verpönt und kam nicht vor. Lediglich meine Tante, die jüngste Schwester meiner Mutter, hatte eine schwarze Katze, die von ihr sehr geliebt wurde. Aber sie war die Ausnahme. Auch meine Mutter, die den Umgang mit erlegten Tieren in der Familie als Jugendliche immer sehr problematisch fand, war geprägt von dieser Haltung und vermittelte sie, abgeschwächt, auch meinen Geschwistern und mir. Sie gestattete uns Haustiere (ich hatte erst einen Nymphensittich, später hatten wir immer Katzen), aber sie behielt selbst immer so eine Art spöttisch-ironische Distanz gegenüber den Tieren.

Katzen wurden geduldet, weil sie als unabhängig galten und nicht erzogen werden mussten/konnten. Hunde kamen niemals vor.

Ich merke heutzutage, wie sehr mich diese Haltung zu Tieren geprägt hat, ohne, dass mir das bewusst war. Ich liebe meinen Kater, keine Frage, aber dennoch war meine Beziehung zu ihm vor allem zu Anfang vor allem geprägt davon, welchen Stellenwert Tiere in meiner Herkunftsfamilie hatten: einen sehr geringen.

Was mein Kater mich (über mich selbst) gelehrt hat

Dann kamen Archies Unfälle. Er verbrachte im Februar fast zwei Wochen in einer Tierklinik und verlor seinen Schwanz, nachdem er angefahren worden war. Kurz darauf hatte er einen Darmverschluss und musste wieder operiert werden. Da saß ich nun, in mir einzementiert der Glaubenssatz, das sentimentale Tierliebe lächerlich ist. Dass Kinder eben ihre Herzen an Tiere hängen, weil sie es nicht besser wissen. Dass Tiere niemals einen höheren Stellenwert in unserem Leben einnehmen können und Menschen immer und absolut unterlegen sind. Und mein Herz litt und schmerzte, weil mein Katerchen so litt und Angst und Schmerzen erdulden musste. Schon da wusste ich mit aller Klarheit, dass ich aus der Nummer nicht mehr rauskomme. Meine letzte Distanz zu Archie aufgeben musste, weil er mich jetzt brauchte, weil er von mir abhing, mehr als nur im Alltag, in dem er scheinbar gut klar kam. Weil ich für ihn verantwortlich war, ich allein, da auf dem Kliniksflur mit seinem leeren Transportkorb in der Hand.

Er überstand alles und kam nach Hause. Verängstigt und auch traumatisiert, mit amputiertem Schwanz und kahlrasiertem Popo. Er kam nach Hause als Versehrter, aber am Leben. Ich war lange nicht mehr so erleichtert. Seit seiner Heimkehr schläft er in unserem Bett, dort hat er sein Vertrauen in die Welt wiedergewonnen und sich wieder erholt, angedockt an seine Menschen, eingebunden in die Sicherheit der Familie. Niemals hätte es das in meiner Kindheit gegeben, dass eine unserer Katze eins der Schlafzimmer hätte betreten dürfen! Als ich meiner Schwester davon erzählte, lachte sie und sagte, wenn unsere Mama dich jetzt sehen könnte, würde sie sich wahrscheinlich über dich lustig machen. Und das stimmt. Aber das ist okay. Ich bin nicht meine Mama, ich bin ich. Und ich liebe meine Tiere.

Percy and I | berlinmittemom.com

Platz für Archie & Platz für Percy in unserem Leben

All das hat tatsächlich dazu beigetragen, dass ich mir auf einmal vorstellen konnte, einen Hund in unser Leben zu lassen. Mit nichts hätte ich die Kinder glücklicher machen können! Oder den Mann, der das eigentlich immer schon wollte, mir das aber niemals aufgezwungen hätte, denn, wie gesagt, alle, die mich lange und gut kennen, hätten geschworen, dass mir niemals ein Hund ins Haus käme. Allen voran ich selbst.

Seit Juni gibt es also Percy, unseren Flatcoated Retriever. Wie ein Puzzlestück hat er sich in das Gesamtbild der Familie eingefügt und war von Tag Eins als acht Wochen alter Welpe hier bei uns die reine Herzensfreude. Was ein Kitsch – aber so ist es.

Die Wucht, mit der er seinen Platz in meinem Herzen erobert hat, hat mich vollkommen unvorbereitet getroffen. Natürlich war er superniedlich und süß, er war ein Baby, als er zu uns kam und brauchte mich. Das war leicht zu beantworten für mich, ich bin eine Kümmerin, den Part konnte ich problemlos übernehmen. Aber dann wurde er größer und brauchte mehr. Er brauchte und forderte eine echte Bindung von mir, Struktur, einen Rahmen, ein richtiges Konzept. Es war wie mit Archie in der Tierklinik: die Verantwortung für das Wohlergehen dieses Wesens liegt ganz allein bei mir, ab jetzt und für immer. Und ich konnte mir keine Sekunde lang mehr vormachen, ich hätte noch irgend eine Distanz, auf die ich mich zurückziehen könnte. Keine Chance. Das ist mein Hund, er hat uns gefunden, nicht wir ihn. Und jetzt bereichert er unser Leben jeden Tag.

Percy und Archie | berlinmittemom.com

Ich weiß, die allermeisten Hundebesitzer*innen sagen das. Und ich hätte gedacht, ich wäre der letzte Mensch auf Erden, der das jemals würde nachvollziehen können. Aber es ist so. Ich weiß jetzt, was gemeint ist. “Das letzte Kind hat Fell”, mag ein doofer Spruch sein, aber hier sind die Fellkinder mitten in der Familie angekommen. Für Hund und Katz war auch noch Platz.

Last Updated on 8. November 2021 by Anna Luz de León

3 Kommentare

  1. Ach dieser Text rührt so sehr mein Herz. So sehr freue ich mich für Dich und für deine Familie mit diesen tierischen Familienmitgliedern leben zu dürfen. Spannend deine Geschichte zu lesen. Bei uns war es immer umgekehrt. Meine Eltern sind beides Landeier. Lebten immer mit Tieren. Nutztiere. Daher bin ich mit Tieren aller Art großgeworden. Fische, Hamster, Meerschweinchen, Katzen, Hühner, Hunde.

    Seit 15 Jahren leben in meiner eigenen Familie Tiere. Unsere beiden Oldies: Katze und Kater. Halbgeschwister. Und seit seit dem letzten Jahr ein wunderschöner weißer Wolf – unser Familienhund.

    • Der weiße Wolf ist wunderschön, liebe Antje! Und ich danke dir für deine lieben Worte zu meinem kleinen Beitrag über unser menschlich-tierischen-Familienpuzzle. Liebste Grüße!

  2. ….ein leben ohne hunde und katzen für mich nicht mehr vorstellbar…..sie sind mein seelentrost….was bin ich froh sie zu haben…..mit der zeit kam immer ein neues fellbündel dazu….
    herzlichst
    annette

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