Ich habe schon oft über die Liebe geschrieben, darüber nachgedacht, was sie mir bedeutet, für mich formuliert, wie sie mich geprägt hat und welche emotionalen Aspekte in diesem Gefühl ihren Ausdruck finden. Seit ich dieses Schreibprojekt zum Thema Liebe plane, habe ich mir zusätzlich viele Notizen gemacht, habe auf Instagram nachgefragt, was Liebe für andere Menschen bedeutet und einiges an Eindrücken dazu gesammelt. Danke für so viel Input! Vieles davon wird im Laufe dieses Projekts hier einfließen.

Keine Triggerwarnung

Eins ist mir nochmal deutlich klar geworden: diese Schreibreihe wird, wie alle meine Texte, sehr persönlich sein. Es wird um meine individuelle Sicht auf die Liebe gehen, um meine Gedanken dazu, um meine Ideen, meine Erfahrungen mit der Liebe und um die Frage, wieso die Liebe für mich meine Grundkraft und der vielleicht wichtigste Wert in meinem Leben ist.

Ich weiß um den Schmerz, der aus der Abwesenheit von Liebe im eigenen Leben entsteht und der möglicherweise, wenn er in der Seele verankert ist, dazu führen kann, dass die Texte über die Liebe, die hier entstehen sollen, sich ebenfalls schmerzhaft lesen. Ich möchte nicht so weit gehen, eine Contentwarnung auszusprechen, aber ich weiß, es gibt auch hier Leser*innen, die mit einem solchen Schmerz leben und umgehen und für die meine Interpretation von Liebe und wie ich sei auslebe, triggernd sein könnte.

Und weil Liebe für mich auch bedeutet, sich um andere Menschen Gedanken zu machen, um ihr Wohlbefinden, um ihre Verfassung und um ihre Kapazitäten, möchte ich darauf hinweisen, dass es hier keine allgemeingültigen Wahrheiten und Weisheiten über die Liebe geben wird, sondern wie immer – Geschichten. Geschichten aus meinem Leben. Geschichten über die Liebe.

Love, unknown

Ich fange am Anfang an. Mit der Art von Liebe, die wir im Idealfall alle erfahren und von der wir ganz lange nicht wissen, dass man das Liebe nennt: das, was uns umfängt, wenn wir Kinder sind. 

Als ich selbst Kinder bekam, als ich mein erstes Neugeborenes in den Armen hielt und vor Staunen kaum atmen konnte, wurde mir nach und nach klar, wie das gewesen sein muss, als ich dieses neue Menschenkind war, das meine Eltern sich gewünscht und herbeigesehnt hatten. Das Menschenkind, das, einmal angekommen, genauso angesehen wurde, wie ich mein Baby anschaute. Das mit genau dieser Wucht und Maßlosigkeit geliebt wurde, mit der ich jetzt mein Baby liebte, knapp dreißig Jahre später.

Mir wurde außerdem klar, dass ich diese Art von Liebe noch nie zuvor gefühlt hatte und dass sie mein Leben unwiderruflich verändern würde – auch wenn ich das Ausmaß dessen noch nicht erahnen konnte. Ich spürte eine große Hilflosigkeit in diesem Liebesgefühl, ich spürte Ängste, ich spürte den unglaublichen Druck der Verantwortung, die mit dieser Liebe einhergingen. Ich verstand sehr schnell, dass diese Liebe, die ich jetzt fühlte und die mich geradezu überwältigte, das Potenzial hatte, mich aufzuzehren. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich nie zuvor etwas derart Mächtiges und Kraftvolles gefühlt hatte. Vielleicht war das der Moment, in dem ich erstmalig eine Ahnung davon bekam, dass diese Liebe schon immer meine Begleiterin und meine Kraftquelle gewesen ist, denn ich begriff ganz allmählich, dass es dieses Gefühl war, das mich selbst seit meiner Geburt eingehüllt hatte und das mich noch immer begleitete.

Noch heute, als Frau von fast fünfzig Jahren, spüre ich dieses Gefühl, mit dem ich meine ganze Kindheit schon umgeben war. Noch immer kann mich das Wissen tragen, dass ich geliebt wurde, bedingungslos und mit der Kraft von Naturgewalten. Als Kind wusste ich davon nichts.

Ich wuchs in dieser Liebe auf und nahm sie, wie ich alles nahm, was mir gegeben wurde, weil ich ein Kind war. Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit, Fürsorge, echtes Interesse an meiner Person, auch die Sorgen und Ängste, die auf mich gerichtet waren, all das und noch mehr bildete in der Summe die Liebe, die mich und meine Geschwister umgab. Ich erinnere mich an unendlich viele Gesten, die Ausdruck dieser Liebe waren und die ich erst im Rückblick als genau das deuten konnte.

Und doch sind da diese Bilder in meiner Erinnerung: ich sehe dieses verliebte Lächeln, mit dem meine Eltern auf mich blickten, ich sehe die Begeisterung in ihren Augen, wenn ich irgend etwas sagte oder tat, was sie überraschte, ich sehe die schlecht verborgene Sorge in ihren Gesichtern, wenn sie zB an mein Krankenbett kamen. Ich erinnere mich daran, dass sie stolz auf mich waren und daran, dass sie Angst um mich hatten. Und ich erinnere mich an unzählige Kleinigkeiten, die sie taten und mit denen sie ihre Liebe ausdrückten.

Meine Mutter, die sich nachmittags, wenn sie aus der Hochschule kam, mit uns im Kinderzimmer auf den Teppich setzte und uns vorlas, bis sie selbst dort einschlief, während wir um sie herum spielten. Mein Vater, der uns jeden Morgen gutgelaunt mit irgendeinem albernen Witzchen weckte, uns dann aus den Betten hob und einzeln ins Badezimmer trug, damit wir aufwachten. Die Lieblingskissen und Kuscheltiere, die ins Auto gebracht wurden, damit wir einfach gemütlich weiterschlafen konnten, wenn wir vor der Morgendämmerung in den Urlaub aufbrachen. Die frisch bezogenen Betten, die aufgeschlagen auf uns warteten, wenn wir krank waren und uns zwischendurch im Bad mal frischgemacht hatten. Die Schultern und Arme, die uns trugen, wenn wir müde waren. Die Gute Nacht-Geschichten, Gebete und Lieder, die uns den Übergang in den Schlaf sanfter gestalteten. Und später, in unseren Teenagerjahren: das heimliche Aufbleiben meiner Mutter (sie dachte, wir wüssten es nicht), bis wir sicher zu Hause waren, die Fotoalben, gefüllt mit Zeugnissen unserer Kindheit zum 18. Geburtstag, die Partys, die wir feiern durften, die Aussetzer, die wir uns leisten durften, die Schrammen und Beulen im Familienauto, die wir produzieren konnten, ohne dass wir dafür endlos beschämt wurden (wie es anderen Menschen in unserem Umfeld passierte), all unsere Freund*innen, die wir immer mitbringen konnten, unsere Jamsessions im Garten zur Unzeit, die geduldet wurden, die ersten Lieben, die wir ausleben durften, vom ersten Kuss bis zum ersten Herzbruch. All das.

Die Liste ist endlos. Als ich selbst ein Kind hatte, wusste ich, dass all das Liebe war. Als ich selbst das Kind war, war mir das nicht bewusst.

What goes around comes around

Ich erinnere mich so gut an dieses Gefühl, das sich nach der Geburt meiner ältesten Tochter allmählich einstellte: ich begriff, dass sich ein Kreis geschlossen hatte. Dass das, was ich jetzt als Mutter fühlte und was mein Kind einfach als gegeben hinnahm, als etwas, das seine Welt ausmachte und gestaltete, dasselbe war, was mich bis hierher gebracht hatte – Liebe. Mit dem Begreifen stellte sich eine unendliche Dankbarkeit für diese Liebe ein, die ich so lange und auf eine Art auch unwissend empfangen hatte.

Geschichten über die Liebe, ich fange am Anfang an, wenn wir Kinder sind, schreiben über die Liebe, Schreibprojekt im Februar

Je mehr ich mir meiner neuen Rolle als Mutter bewusst wurde, umso mehr wurde mir klar, dass diese Liebe mich jetzt dazu befähigen würde, mein eigenes Kindchen ebenso zu lieben, zu tragen, mich ihm zu widmen mit allem, was ich zu geben hatte. Und mir wurde klar, ich hatte viel zu geben, denn ich hatte bis zu diesem Punkt in meinem Leben meine persönliche Batterie mit einer unermesslichen Ladung Liebe aufgefüllt, die ich empfangen hatte.

Ich fange am Anfang an. Das eine ist mein eigener Anfang als ein geliebtes Kind, das andere ist der Anfang meines Mutterseins mit meinen eigenen Kindern und dieser gigantischen, alles in den Schatten stellenden Liebe, die ich für sie empfinden konnte. Unsere Anfänge waren gut. Fraglos. Eindeutig. Es gab keine größeren Herausforderungen, die wir nicht mit Liebe und Zusammenhalt hätten meistern können. Ich weiß, das ist nicht für jede*n so. Und doch schaffte ich es, auf der Welle der als Kind empfangenen Liebe selbst bis zum Muttersein zu kommen, bevor ich feststellte, dass Liebe nicht immer so ist. Fraglos. Eindeutig. Leicht.

Ich fange am Anfang der Liebe an, wenn es um meine eigene Sicht darauf geht. Dabei ist mir bewusst, dass diese besondere Art der Liebe schon vor mir da war. Bevor ich ein geliebtes Kind war, war meine Mutter ein geliebtes Kind und ihre Mutter vor ihr. Ich weiß das aus den Erzählungen in der Familie, aus den Geschichten über den Stellenwert von Kindern in meiner mütterlichen Herkunftsfamilie. Es sind Geschichten über die Liebe. Und dies hier ist meine.

6 Kommentare

  1. Das ich beim Lesen ein bisschen weinen muss, kam für mich als treue Leserin und in Anbetracht dieses Themas nicht überraschend. Danke, für dieses Herzerwärmen. Und danke für den klugen Gedanken, wie das ist mit der Liebe, die man als Kind im glücklichsten Fall empfängt, ohne es zu wissen. Diese Art von Liebe ist ganz selbstlos und sie hat eine Kraft, die sich über Generationen ausbreiten kann. Wie großartig das ist!! Liebe Grüße von einem ebenfalls geliebten Kind

  2. Herzerwärmend und zu Tränen rührend, daran erinnernd, dass man selbst auch so geliebt wird und liebt. Danke fürs Erinnern.

  3. Liebe Anna, dein Text hat mich (mal wieder) sehr berührt. Ich konnte richtig erspüren, wie sich bedingungslose, selbstlose Liebe in der Kindheit anfühlen kann. Zwar wurde ich als Kind auch von meinen Eltern geliebt, doch empfing ich Zuwendung oft nur dann wenn ich bestimmten Erwartungen entsprach bzw. gewünschte Verhaltensweisen, Leistungen zeigte. Seitdem ich selber Mama bin, schmerzt mich diese Erkenntnis noch mehr. Doch ich bin dankbar, dass ich meine Tochter trotz meiner Erfahrungen, wahrhaftig und bedingungslos lieben kann.
    Ich freue mich sehr auf deine nächsten Texte über die Liebe :-) ein tolles Schreibprojekt, das sehr zum Nachdenken einlädt!

  4. Wenn ich Deine Kindheitserinnerungen lese, dann erinnern sich mich sehr an meine eigenen. Und doch denke ich so wenig über die Liebe nach. Obwohl ich mich – vermutlich genau wie Du – bemühe, all dies auch an mein Kind weiter zu geben. Mit einer absoluten Selbstverständlichkeit, ohne darüber nachzudenken. Aber mit einem Kindsvater und Mann, der ganz offenbar nichts dergleichen in seinem Leben erlebt hat, absolut nicht damit umgehen kann und nichts davon selbstverständlich findet.

  5. Liebe Anna,
    ich danke dir für diesen wunderschönen Text und das Teilen dieses wärmenden Gefühlspakets. Deine Schilderungen geben mir eine Vorstellung, wie ich es bei meinen Kindern machen könnte, ohne es selbst so erlebt zu haben. <3

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