Wann kommt der Moment im Leben, in dem wir ein Gefühl fühlen und es Liebe nennen? Was steckt alles noch in diesem Gefühl? Wie ist das, wenn wir bemerken, dass sich etwas anders anfühlt, als die Liebesgefühle, die wir schon kennen? Was passiert dann mit uns?

Die Welt wird größer

Irgendwann sind wir keine Kinder mehr. Das geht ganz allmählich. Gerade sehe ich es wieder sehr krass an meinen eigenen Kindern, denn wir sind in den Winterferien. In dem Ort und dem Hotel, wo wir seit 2012 mit wenigen Ausnahmen jeden Winter hinfahren. Im ersten Jahr war das Goldkind noch nicht drei, jetzt wird sie in knapp acht Wochen schon vierzehn. Hier zu sein, in demselben Zimmer wie vor elf Jahren, dieselben Skilehrer*innen hier zu treffen wie damals, an denselben Tischen zu sitzen und zu frühstücken, während ich eben kein kleines Blondköpfchen mehr auf der Hüfte sitzen habe, sondern ein langbeiniger Teenager vor mir her geht, zeigt es mir wieder mal überdeutlich: es passiert schnell, dieses Verfliegen der Kindheit, aber es passiert allmählich. Nur in diesen Momentaufnahmen, die wir vor unserem inneren Auge direkt nebeneinander legen, wie Polaroidaufnahmen, erscheint uns der Kontrast so krass.

Als das Goldkind knapp drei Jahre alt war, war ihre Welt klein. Sie drehte sich um ihr Zuhause und die Kita, sie drehte sich um ihre Eltern und Geschwister und die beste Freundin (langjährige Leser*innen des Blogs erinnern sich an Klein-I), um Besuche bei den Großeltern und gelegentliche kleine Abenteuer wie Urlaube oder Ausflüge. Natürlich war auch damals ihre Welt für sie selbst schon groß, aber verglichen mit heute war sie klein.

Denn heute ist sie bevölkert von unzählig viel mehr Menschen außerhalb der Familie, die auf einmal eine große Bedeutung in ihrem Leben haben. Ihre Welt ist erweitert um Erfahrungen außerhalb ihres Nests, in dem sie noch immer lebt und Zuflucht findet. Es gibt Begegnungen, die sie prägen, sie bewegen, sie verändern und die nichts mit uns als Familie zu tun haben. Es gibt Gefühle, die sich jetzt entwickeln (oder bereits entwickelt haben), die sich nicht auf ihre bisherigen Bezugspersonen richten und die sich grundsätzlich unterscheiden von der Liebe, die sie kennt. Sie sind anders als die Liebe zu ihren Eltern, Geschwistern, Großeltern, überhaupt allen Familienmitgliedern, Freund*innen oder anderen vertrauten Menschen, die sie schon lange begleiten.

Jetzt verändert sich alles, auch die Liebe.

They call it puppy love

Wann kommt also der Moment, in dem wir erstmalig etwas anderes für jemanden fühlen als Freundschaft? Nicht, dass Freundschaft nicht auch Liebe wäre, denn das ist sie. Dennoch gibt es den Moment. Es gibt die eine Person, mit der sich alles zum ersten Mal anders anfühlt, selbst wenn dieses Gefühl nicht konstant ist oder gar benennbar, während wir es zum ersten Mal fühlen.

Teenager begleiten | berlinmittemom.com

Ich weiß, dass ich elf war, knapp zwölf und am Stadttheater meiner Heimatstadt über die Vermittlung meiner damaligen Musiklehrerin Kinderrollen sang. Wir waren mit mehreren Kindern engagiert für eine Aufführung von Benjamin Brittens “Der verlorene Sohn” und für die vier Edelknaben in Wagners “Lohengrin”. Da war ich, die kleinste und die jüngste in diesem Ensemble und tief beeindruckt von all dem, was um mich her geschah. Ich erinnere mich an ein Gefühl, als hätte jemand das Licht in meiner Seele angeknipst, ein neues Licht, das Dinge beleuchtete, die ich zuvor nie gesehen hatte. Allein diese Empfindungen erinnern mich im Rückblick an das Gefühl heftigen Verknalltseins, und ich glaube, das war ich auch. In dieses Theaterding, in die Musik, in das Musizieren, mein Gott, in das Singen! , in die Menschen um mich her, die diese neue Welt bevölkerten und in deren Windschatten ich sie ebenfalls betreten konnte.

Aber was meine Gefühlswelt wirklich und nachhaltig veränderte, war mein erstes heftiges Verliebtsein in ein älteres Mädchen aus dem extra für die Oper zusammengestellten Chor. Sie war gerade achtzehn, in meiner Wahrnehmung unglaublich souverän und natürlich erwachsen, hatte in meinen Ohren eine engelsgleiche Stimme und die wundervollsten nussbraunen Augen. Sie nahm mich ein bisschen unter ihre Fittiche und nannte mich “Kleines” und – ich war hin und weg.

Mein Tagebuch aus dieser Zeit ist voll von ihr, voll von meiner Schwärmerei und voll von Fragen, die ich mir selbst gestellt habe, weil ich diese Gefühle nicht kannte, die ich da hatte und sie erst recht nicht einordnen konnte. An eine immer wiederkehrende Frage erinnere ich mich besonders gut, sie hat mich eine ganze Weile begleitet, als die akute Schwärmerei schon abgeklungen war: “Möchte ich so sein wie sie oder möchte ich ihr nah sein? Ist das, was ich fühle, Bewunderung oder ist das Verliebtsein?” Ich kannte die Antwort nicht und habe sie auch in der Situation nicht gefunden. Erst im Rückblick und im Vergleich mit Gefühlen, die ich später für andere Menschen entwickelte, wusste ich irgendwann, dass ich da erstmalig verliebt war.

Verliebtsein als Meilenstein

Für mich ist der Moment, in dem ich erstmalig etwas Ähnliches wie Liebe für jemanden fühlte, genau dieser Augenblick, es sind diese Gefühle für dieses Mädchen, mit dem ich für einige Wochen oder Monate auf der Bühne stand und meine Rolle sang. Ich erinnere mich an Herzschmerz, an tausend Fragezeichen in meinem Kopf, an Verwirrung und auch so etwas wie Verzweiflung, weil ich nicht verstand, was ich da fühlte. Und ich weiß, dass ich das niemandem erzählte außer meiner längsten Kindheitsfreundin, der ich sogar aus meinem Tagebuch die Passagen vorlas, in denen ich mir von der Seele geschrieben hatte, was ich nicht begreifen konnte. Im Nachhinein würde ich gerne wissen, ob meine Eltern irgend etwas davon bemerkten, was in mir vorging oder ob sie alles, was ich möglicherweise an verändertem (Gefühls)Verhalten zeigte unter “Theaterfieber” einsortierten, denn das hatte ich ja definitiv.

Ich stelle nämlich fest, dass ich in Bezug auf meine eigenen Kinder diesbezüglich gar nicht mal so eine gute bzw. verlässliche Intuition habe. Denn diesen von mir beschriebenen Moment, in dem sie plötzlich etwas für jemanden fühlen, was sie nie zuvor gefühlt haben, hat es bei allen Dreien schon geben – und ich habe ihn bei zwei von drei Kindern nicht registriert. Erst hinterher haben sie mir jeweils davon berichtet und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Wenn ich an diese Gefühle denke, fällt mir vor allem eines ein:  in das sichere, fraglose Gefühl, das ich gestern beschrieb, mischte sich mit dem ersten Verliebtsein dieses Chaos, die Fragezeichen, die Unsicherheit und machten das Gefühl von Zuneigung und Anziehung zu etwas Unbegreiflichem, fast Riskantem. An die Stelle von Geborgenheit trat ein Gefühl von Hilflosigkeit, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte. Es dauerte einige Jahre und die Entwicklung hin zu den ersten Liebesbeziehungen, bis ich in diesem Gefühl wieder so etwas wie eine Gewissheit, eine (Selbst)Sicherheit empfand.

Und ja, dieses Liebesgefühl war ganz sicher “nur” eine Schwärmerei, aber eben mitnichten ein kleines Gefühl oder gar ein unwichtiges. Es markiert in meinen persönlichen Geschichten über die Liebe den Moment, in dem das Spektrum meiner emotionalen Welt sich mit einem Schlag erweiterte und sich eine Tür zu einer neuen Gefühlsdimension öffnete.

Wenn ich also auf meine eigenen Teenagerkinder schaue und miterlebe, wie sich ihre Gefühlswelten in den Beziehungen zu anderen Menschen entwickeln, hüte ich mich, ihre Erfahrungen abzutun oder klein zu reden. Das, was sie erleben, die Begegnungen, die sie haben und die Empfindungen für andere Menschen, die sich in ihnen formieren, sind der Anfang ihrer eigenen Geschichten über die Liebe. Sie sind bedeutsam, sie sind prägend und sie sind wegweisend. Ich glaube, wenn es um die Liebe geht, gibt es keine kleinen Gefühle.

7 Comments

  1. Erst eben beim Lesen ist mir wieder eingefallen, dass ich meine erste Verliebtheit richtiggehend unangenehm fand. Riskant, etwas unheimlich und vollkommen unkalkulierbar … verrückt, dass ich das vergessen hatte! Danke fürs Erinnern

  2. Wie gerne würde ich diese Gefühle der ersten Liebe(n) manchmal wiedererleben, ich sage schon immer das ist eine besondere Zeit, so aufregend und so spannend, alles ist möglich, viel Unglücklichsein oder unerwiderte Gefühle aber auch so viele Hoffnungen, Aufregung, überwältigende Momente, eine wunderbare Zeit…

    • Das war eine spannende Zeit, das stimmt. Ich bin mir allerdings manchmal gar nicht so sicher, dass ich das würde nochmal wiederholen wollen… diese Selbstfindungsphase in den Teenagerjahren und teilweise darüber hinaus ist doch auch sehr nervenaufreibend. Ich bin dankbar, dass ich das hatte aber auch dankbar, dass es hinter mir liegt. ;-)

  3. Liebe Anna,

    was für wunderbare Worte. Auch ich habe mich vor ein paar Tagen erinnert, als meine Elfjährige allein loszog, welche aufregenden Momente und Gefühle ihr vielleicht begegnen werden. Was für eine schöne Erinnerung, im Herzen zu haben, was für eine besondere Zeit sie gerade erleben. Danke!

  4. Was für ein unglaublich kluger Text. Liebe Anna, warum schreibst du nicht ein Buch? Dieser Blog ist der einzig gehaltvolle der sogenannten „Mütterblogs“, den ich kenne. Ohne zu übertreiben! Schreib ein Manuskript und schicke es an einen Verlag. Liebe Grüße und: Chapeau!

    • Danke dir, liebe Katharina, für deine Wertschätzung, deine lieben Worte und dafür, dass du mir ein Buch zutraust. Sie geht in meinem Kopf umher, diese Idee von einem Buch, schon lange. Danke für die Erinnerung daran. <3

  5. Liebe Anna,
    deine Worte berühren mich so sehr. Sie erinnern mich daran, wie sehr es mich verletzt hat, als meine Mutter meine erste Beziehung und den Liebeskummer überhaupt nicht ernstgenommen hat und den abfälligen Satz, den ich durch Zufall hörte: “Sie glaubt, sie LIEBT ihn.” Sie hat das Wort Liebe mit so viel Verachtung ausgesprochen, als gäbe es so etwas nicht, als seien Gefühle albern. Sie wird ihre Gründe dafür gehabt haben, wahrscheinlich sehr traurige. Aber ich möchte, dass meine Kinder immer wissen, dass ich ihre Gefühle ernstnehme, dass daran nichts unwichtig oder lächerlich ist. Daran hat dein Text mich gerade erinnert, danke!

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