Alle Kinder lieben Musik, ist es nicht so? Meine auch. Und mitunter sind ihre Vorlieben für mich schier unerträglich!

Ich finde es nicht so schlimm, dass sie unbeholfen auf den diversen Instrumenten herum probieren und das Flöten mitunter ein bisschen zu schrill gerät oder das Klavier einiges an dissonanten Akkorden aushalten muss. Kein Problem für mich. Was mich richtig leiden lässt, sind die diversen (Lieblings-)CDs, die die Kinder immer und immer wieder abspielen. Da gibt es natürlich, ebenso wie bei Büchern und Filmen für Kinder, gewaltige Unterschiede: die guten, die Kinder ernst und für voll nehmen. Und die, die daherkommen, als wären Kinder Idioten.

Die Musik, die ich als Kind gehört habe und die extra für Kinder gemacht war, kann ich natürlich auch als Erwachsene besser ertragen, das ist quasi der Sentimentalitäts-Bonus. Witziger Weise gibt es die von mir viel gehörten Platten (ja, es waren Platten zu meiner Zeit!) immer noch, und so komme ich in den Flashback-Genuss der Grips-Parade oder der Fredrik Vahle’s „Der Spatz“. Aber was es inzwischen auf dem Markt alles gibt, ist zum Teil so unterirdisch, dass es kaum auszuhalten ist.

Nach dem Hören einer im Robinson-Club gekauften CD mit Liedern von Volker Rosin fragte mich dann auch meine große Tochter folgerichtige: „Mama, wieso gibt es Kinder-CDs wo in jedem Lied irgend etwas Sinnvolles vorkommt und solche, wo eigentlich alles überhaupt keinen Sinn macht?“ Gute Frage. Bei dem singenden springenden Känguruh kann man sich schon mal fragen, was da der Gedanke dahinter gewesen sein mag. Ich will nicht abstreiten, dass die Kinder das mögen, vor allem die beiden Kleinen und dass viele der Lieder auch zum Tanzen animieren, was ja etwas Gutes ist. Ansich. Aber ich fühle mich extrem gebrainwashed nach dem Durchhören der ganzen CD und stelle mit Erleichterung fest, dass es andere Sachen für Kinder gibt, die auch für Erwachsene erträglich(er) sind.

Der von mir bereits zitierte Fredrik Vahle kann einem zwar manchmal mit seiner Peter-Lustig-artigen Betulichkeit auf die Nerven gehen, musikalisch ist das aber alles vollkommen okay und in der Regel sind die Texte vernünftig oder besser: nicht schwachsinnig. Auch noch sehr gut gefällt uns allen Ferri mit seinen schönen und kurzweiligen Bewegungsliedern, die vor allem oft sehr originell und phantasievoll sind. „Monsterkind“ von seinem Schnullernasen-Album ist seit eineinhalb Jahren Rosannas Lieblingslied, und wir sind immer noch nicht durchgeknallt davon. Und seit Erscheinen bei uns sehr frequentiert ist auch die Dibedibedab! – CD unseres Freundes und Nachbarn Christian, auf der er mit Kikaninchen die Songs aus seiner Sendung eingespielt hat. Auch das kann ich immer noch hören, nach fast zwei Jahren. Wirklich liebevoll ausgedachte und nicht zu lange, musikalisch sorgfältig gemachte Lieder für die Kleinsten, die ebenso zum Tanzen wie zum Zuhören anregen.

Tja, und dann gibt es ja noch den unvermeidlichen Evergreen der Kindermusik, Rolf Zuckowski. Mit ihm ist es wie mit dem ebenso unvermeidlichen Wham-Klassiker „Last Christmas“ – es verbindet uns eine Hassliebe. Es gibt wirklich sehr nette Lieder von ihm, lustig gemachte Sachen, auch originelle Texte und musikalisch Hörenswertes. Und ehrlich gesagt, sind so Sachen wie „Nackedei“ und das Bananenbrot ja schon Klassiker. Aber die Betulichkeit läuft fast allen seinen Songs aus den Poren, und diese 80er-Jahre-jovial-kumpelige Kinderfreund-Art erinnert mich immer an die leicht gezwungenen Feste im evangelischen Gemeindezentrum meiner (ansonsten katholischen) Kindheit, an gebügelte weiße Kragen und praktisches Schuhwerk, an Triton-Himbeer-Sirup und staubig schmeckende Erdnussbutter-Brote, an Sakro-Pop und an meine schon immer bestehende Abneigung gegen Dinge, die sich so anhören/anfühlen/aussehen, als ob sie einfach nur Spaß machen sollen, die aber immer so einen pädagogischen, anbiedernden, sendungsbewussten Unterton haben: ich bringe dir was bei und du merkst es nicht, ich weiß, was gut für dich ist und verabreiche es dir in Zucker eingewickelt, ich verarsche dich eigentlich und du sollst es nicht mitkriegen. Tut mir leid, aber dieses Gefühl geht nicht weg, auch nicht wenn meine Kinder begeistert die Weihnachtsbäckerei hören und ich zugeben muss, ja, das ist ganz nett beim Backen – im meinem Hinterkopf sagt es: du kriegst mich nicht!

Bei Zusammenstellen der Playlisten für die Kinder vor dem Sommerurlaub habe ich also mit resigniertem Seufzen die üblichen Sachen zusammensortiert, mich kurz gefreut, dass bei der Großen jetzt auch so Sachen wie Nena, Peter Fox, Culcha Candela und Bruce Springsteen dabei waren…. und bin dann zusammen gezuckt bei Titeln von Lady Gaga, Ke$ha und Selena Gomez.

Und ich frage mich seitdem bang, ob der Tag vielleicht schon allzu nahe ist, an dem ich bei Rolf&Co innerlich werde Abbitte leisten müssen weil Justin Bieber-Plakate die Wände auch meiner Tochter zieren werden (oder Schlimmeres!) und ich dann darum flehen werde, einmal, ein einziges mal noch aus ihrem Zimmer Rolfs Fröhlichen Familientag hören zu dürfen!

Ich fürchte mich.

1 Kommentar

  1. Liebe Anna,

    meine Tochter ist 8 Monate alt und liebt Musik seit der ersten Minute. Durch Zufall haben wir „Wir Kinder vom Kleistpark“ (http://www.wirkindervomkleistpark.de/cd1.html) entdeckt. Das sind wunderschöne Kinderlieder aus aller Welt, mit ganz viel Liebe arrangiert. Meine Schwiegereltern haben sich die CDs auch gekauft, um sie bei sich zu Hause zu hören, ganz ohne Kinder :).

    Zum selber Mitsingen finde ich „Quadro nuevo – schöne Kinderlieder“ toll. Kein Plastiksound, tolle Arrangements. (http://www.amazon.de/Schöne-Kinderlieder-Quadro-Nuevo/dp/B005F78WHQ/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1401740973&sr=8-1&keywords=kinderlieder+quadro+nuevo) Die CD eignet sich aber eher für kleinere Kinder.

    Danke, für Deinen tollen Blog! Ich les Dich so gern!

    Liebe Grüße

    Isabell

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