Eine Freundin meiner kleinen Schwester hat ihr erstes Kind bekommen, und ich habe mich daran erinnert, wie viele Ratgeber gerne zur Geburt eines Kindes verschenkt werden. Die unvermeidlichen. Von der unsäglichen Hebammensprechstunde über Ohje, ich wachse! und die witzig daher kommenden Bücher von Axel Hacke, bis hin zu dem einzigen, das ich gerne verschenke: Babyjahre von dem Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Ich hatte auch, mein erstes Neugeborenes im Arm, tausend unbeantwortete Fragen und habe gerne mal nachgeschlagen oder nachgelesen. Das war nicht immer zu meinem oder des Kindes Vorteil!

Ein Kind großzuziehen ist eine gigantische Aufgabe, eigentlich unvorstellbar. Und es gibt in diesem weiten Feld so viele Dogmen, dass es ein Wunder ist, dass nicht sämtliche wohlmeinenden Eltern ins Stocken geraten und in kompletter Verwirrung innehalten, auf der Suche nach der Wahrheit, nach dem Richtigen, was sie für ihre Kinder tun möchten.

Was aber wohl alle Eltern lernen müssen ist, dass es keine Wahrheiten gibt. Es gibt keinen allgemeingültigen Standard in Erziehungsfragen, der jedem beliebigen Kind übergestülpt werden könnte und dann funktionieren würde. Es erfordert in erster Linie die Ergründung der eigenen Wertesysteme und Glaubenssätze, die Auseinandersetzung mit den eigenen Prioritäten im Leben, um als Eltern zu einem authentischen, funktionierenden Erziehungsstil zu finden. Oder zunächst mal, zu einem adäquaten Umgang mit dem neuen Wesen, das da in die Welt gekommen ist und einen zur Mutter, zum Vater macht.
Ich glaube, das geht nicht über Nacht. Ich denke, es ist eine stetige Entwicklung ab dem Moment, in dem man ein Neugeborenes in den Armen hält, über die Babyjahre, die Kitazeit, die Schulzeit und die Teenagerjahre, wahrscheinlich weit darüber hinaus, in der man sich immer wieder neu orientieren muss in dem Maße, in dem die Herausforderungen sich mit dem Wachsen und Älterwerden der Kinder verändern.

Natürlich gibt es Wahrheiten oder gar Dogmen, die auch ich, die bekennende Dogmenhasserin und Feindin von schwarz-weißen Welten ohne Grauzonen, selbstverständlich anerkenne. Ein Grundsatz ist sicher, sämtliche Anleihen aus der sogenannte „Schwarzen Pädagogik“ zu vermeiden, sprich: Eltern (richtiger – alle mit Kindererziehung betrauten Erwachsenen) sollten ihre Kinder nicht bedrohen, um zu erreichen, was ihnen wichtig ist, sie sollten keine Gewalt anwenden, weder körperliche noch seelische, sie sollten ihre Überlegenheit als Erwachsene gegenüber ihren Kindern nicht dazu nutzen, Macht auszuüben, sie nicht einschüchtern und nicht brechen. Soweit so klar und auch zweifelsfrei richtig. Für mich jedenfalls.

Aber dann wird es schon schwieriger. Und die vorherrschenden Meinungen sind, natürlich immer abhängig vom gerade herrschenden Zeitgeist, unglaublich präsent und mächtig: da sind die NachbarInnen und FreundInnen, die Mütter und Schwiegermütter, die KollegInnen und sogar eigentlich völlig fremde Menschen, die sich ein Urteil über den eigenen Erziehungsstil erlauben. Da gibt es ganze Berufssparten, die in diesen Fragen als notorische Alleswisser agieren und gerade Frischlingsmütter zutiefst verunsichern können: es fängt in der Schwangerschaft mit GynäkologInnen an, geht über Hebammen und KinderärztInnen und hört bei Kita-ErzieherInnen und LehrerInnen nicht auf. Weisheiten und Unsinn mischen sich zu einem undurchdringlichen Ratschlag-Brei, und heraus kommt…. nichts.

Der Ratschlag-Dogmen-Brei ist von Beginn an vielschichtig:

– Kaiserschnittmütter sind schlechtere Mütter
– Wer nicht stillt ist eine schlechtere Mutter
– Mütter die tragen sind besser als Mütter die Kinderwagen schieben
– Schreien lassen à la Ferber oder immer hochnehmen und beruhigen? Gott, was habe ich da Diskussionen erlebt! Da hätten sich die betroffenen Mütter am liebsten gegenseitig umgebracht!
– Selbstgekochter Babybrei ist perse besser als Gläschenkost
– Wer den Kindern Zucker gibt, ist eine schlechtere Mutter (Da gibt es richtige Wettbewerbe: wer die Kinder am längsten von Zucker fern hält, kriegt den Mutterorden!)
– Babybett, Wiege, Elternbett oder Babybalkon: was ist richtig, was ist falsch?
– Kinderarztauswahl: ist es einer, der auch Globuli akzeptiert oder ein klassischer Schulmediziner? Bin ich eine ängstliche oder eine sorgfältige Mutter?
– Noch schlimmer: Impfen – ja oder nein? Das ist einen Artikel für sich wert…
– Kita ja oder nein und wenn, dann ab wann?
– Montessori, Waldorf oder Bewegungspädagogik? Oder doch lieber ab in die alte Ost-Platte?
– Was essen die Kinder, Fleisch ja oder nein, bio ja oder nein, essen sie genug oder zu wenig oder zu viel…?
– Wieviel Bewegungsfreiheit haben Schulkinder? Gehen sie allein zur Schule, werden sie gebracht, bin ich eine Glucke oder bin ich eine nachlässige Mutter?
– Babysitterauswahl: Aupair vs. Kinderfrau vs. Teenagertochter der Nachbarn – was sagt die Wahl über mich aus?

Das ließe sich quasi endlos fortsetzen, mir würden noch zig Beispiele einfallen, wo sich die Geister scheiden und wo meine Antwort auf jede dieser Fragen lautet: das ist von Kind zu Kind verschieden. Selbst innerhalb einer Familie. Bei meinen dreien ist es so: abhängig von ihrem Platz in der Geschwisterfolge und abhängig von ihrer Persönlichkeit muss ich jedes Mal neu entscheiden. Das ist meine Aufgabe als Mutter.

Ich hatte drei unfreiwillige Kaiserschnitte, den letzten dann aus Risikogründen geplant. Ich habe alle drei Kinder gestillt mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlich lange. Ich habe alle drei Kinder getragen UND im Kinderwagen geschoben, habe den viel beschimpften Babybjörn benutzt UND ein Mobywrap, die Mädchen haben das Tuch gehasst, der Bub hat es geliebt, die Kleinste fand Getragen-werden sowieso ne doofe Idee. Ich habe selbst gekocht und Gläschen gefüttert, je nach Situation und Erfordernissen. Die Große hat im ersten Jahr keinen Zucker bekommen, bei den Kleinen waren Fruchtjoghurts und Kekse schon da und es ließ sich nicht so lange aufschieben. So what? Alle drei Kinder waren bis 3 zu Hause, die zwei Kleinen hatten einen Kinderfrau, Aupairs kamen nie in Frage, Sitter am Abend kennen sie alle. Ich bin eine Kügelchen-Mama, die Kinder kriegen homöopathische Mittel solange es geht, aber Fiebersenker, Schmerzmittel und auch Antibiotika, wenn es nötig ist. Sie sind gegen die wichtigsten Krankheiten geimpft, wir überprüfen die Notwendigkeit jeder vorgeschlagenen Impfung und wägen je nach Situation ab: Masern ja, Windpocken nein. Ich habe die Ferber-Methode nie angewendet, obwohl wir zaghafte Versuche in die Richtung unternommen haben bei unserem armen, ersten Kind. Der Druck auf uns, dass das Kind doch lernen müsse, alleine einzuschlafen und durchzuschlafen, war immens. Mir war vorher niemals klar, wieviel Druck die permanenten Nachfragen der diversen Großmütter, Freundinnen etc. aufbaut. Letztlich konnten wir nie unser Kind schreien lassen und haben immer andere Wege gefunden, es zu beruhigen und anders zum Einschlafen zu bringen. Bei den beiden Kleineren waren wir viel selbstsicherer im Umgang mit solchen Themen und haben sie viel mehr sie selbst sein lassen. Zum Glück! Undsoweiterundsofort.

Für mich ist es wichtig, dass wir als Familie zusammen funktionieren, aufeinander Rücksicht nehmen und den Kindern vorleben, auf andere Menschen zu achten. Wir wollen, dass sie glücklich und frei sind, sie sollen sich Dinge zutrauen, weil auch wir uns Dinge zutrauen. Sie sollen wissen, sie sind okay, so, wie sie sind. Der eine konnte schon mit 3 Fahrradfahren, die andere wartet lieber noch ein bisschen – beides ist okay. Die eine isst alles und probiert vorurteilslos auch unbekannte Gerichte, der andere bleibt lieber bei dem, was er kennt und mag die vertrauten Dinge lieber auf seinem Teller – vollkommen okay.

Ich möchte nicht, dass über meine Kinder geurteilt wird, also bringe ich auch ihnen bei, nicht über andere zu urteilen. Das ist genau das, worum es geht, wenn ich mich entwickle, wenn ich ein Mensch unter Menschen bin, wenn ich jemand werde, als Kind und auch als Erwachsene in verschiedenen Rollen, die das Leben mir vorgibt. Was für eine Art Mutter möchte ich sein? Das definiere nur ich im Kontakt mit meinen Kindern. Was erlaube ich meinen Kindern und was nicht, was traue ich ihnen zu und wo ist meine Angst größer als mein Wagemut im Umgang mit ihnen? Das muss ich jeden Tag neu erfahren, neu abstecken, neu entscheiden. Natürlich würden rigide Regeln mir helfen, mich innerhalb von Grenzen sicherer zu bewegen und das ist sicherlich der Grund, warum viele Eltern zu solchen vorformulierten Regeln greifen. Wir tun das sicher alle ab und zu. Aber Grenzen machen wirklich nur Sinn, wenn sie mir tatsächlich Sicherheit geben und mich nicht eindämmen. Und das geht nur, wenn ICH als Mutter die Grenzen setze, für mich und für meine Kinder.

Ich sage meinen Kindern oft solche Sätze wie: „Ich weiß, dass Matilda keine Barbies haben darf und dass du das blöd findest, aber das entscheiden nicht wir sondern Matildas Eltern. Die sehen das anders als Papa und ich und deshalb haben sie diese Regel bei sich zu Hause.“ Oder: „Ja, ich weiß, dass Bela noch lange draußen spielen darf und du schon ins Bett musst. Das entscheiden Belas Eltern so und wir entscheiden es anders, wir wollen, dass ihr abends alle drei früher zur Ruhe kommt als Bela, deshalb gibt es diese Regel bei uns.“ Diese Gespräche führen wir oft, weil die Kinder natürlich wahrnehmen, wo die Unterschiede sind zwischen ihnen oder unserer Familie und anderen Kindern.

Aber unser süßer Sohn hat es neulich wieder mal treffend gesagt: „Mama, wir sind wir und wir machen die Sachen, wie wir sie machen, stimmt’s?“ Ich bejahte. Darauf er: „Ich finde das gut. Und ich finde andere Leute deshalb gar nicht komisch, nur weil sie Sachen anders machen als wir. Die können trotzdem saunett sein!“

So isses. Live and let live. Könnte das nicht immer so einfach sein?

3 Kommentare

  1. Sehr guter Post, danke!

    Nur ein kleiner Mosaikstein, aber etwas, das ich mir seit dem Lesen von http://www.nytimes.com/2012/08/05/opinion/sunday/raising-successful-children.html?pagewanted=1&_r=2 immer wieder vornehme:

    Alles, was unsere Kinder selber schaffen können, oder schon fast selber schaffen können, müssen sie auch selber tun; und wir tun niemals etwas für sie, das nur unsere eigenen Bedürfnisse befriedigt, anstatt ihre eigenen. („The happiest, most successful children have parents who do not do for them what they are capable of doing, or almost capable of doing; and their parents do not do things for them that satisfy their own needs rather than the needs of the child.“)

    Wenn man sich das einmal als eigene Regel gegeben hat fällt erst auf, wie oft man sie früher verletzt hat. Natürlich kann mein Sohn sein Handtuch nach dem Abtrocknen selbst aufhängen, aber bisher habe ich das für ihn gemacht (weil es mein eigenes Bedürfnis, möglichst schnell fertig zu werden, befriedigt hat). Noch klassischer, Schuhe anziehen: es geht schneller und sie sitzen fester, wenn wir das machen, aber wenn wir es immer machen, wie soll er dann jemals selber schnell und fest seine Schuhe anziehen? Milch einschütten: Wenn er es selbst macht, geht ab und zu was daneben – aber jetzt macht er es *immer* selbst, und es geht kaum noch etwas daneben.

  2. Danke für den link, Manuel. Und es ist vollkommen richtig: Eltern müssen Kinder Dinge zutrauen, denn wenn sie es nicht tun, wie sollen die Kinder das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten lernen und auch festigen? Wer, wenn nicht wir Eltern, sollen denn glauben, dass die Kinder in der Lage sind, Dinge selbst und erfolgreich zu tun? Ich glaube, ein Problem ist tatsächlich auch das Wort „erfolgreich“ in diesem Zusammenhang: es kreiert die Idee eines gewissen Perfektionismus, so als müsse alles gleich von Anfang an stimmen und es dürfe nichts daneben gehen – wie bei der Milch. Darf es aber. Alles will geübt sein. Und das ist für die Kinder eine so wichtige Erfahrung: ich muss nicht perfekt sein, ich muss einfach ich sein und darf Fehler machen, üben, mich irren und es dann wieder versuchen.
    Und noch was – je unsicherer bzw. verunsicherter von irgendwelchen herumstreunenden Regeln, Wahrheiten etc. die Eltern, umso unsicherer das Kind. Wenn ich nicht sicher bin, dass das, was ich tue, richtig ist, dann nimmt mein Kind mir das auch nicht ab. Das ist es, was ich mit authentisch meine. Ich muss ich sein, meine Identität als Mutter meiner Kinder muss sicher sein, dann nehmen meine Kinder mich auch als Autorität im positiven Sinne von Sicherheit, Verlässlichkeit etc. wahr und kaufen mir meine Regeln, meine Wertvorstellungen etc. ab. So wichtig!

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