Manche Mütter sind böse. Also nicht böse im Sinne von schwarzer Pädagogik, nein, nein, sie hauen ihre Kinder nicht und schreien sie auch nicht an. Die Kinder werden auch nicht bestraft oder kriegen Hausarrest und Fernsehverbot. Nein, diese Mütter meine ich nicht, ich meine subtil böse Mütter, die Sorte, die ihre Kinder vorführen und wie Deppen durch die Gegend laufen lassen.

Ich weiß, ich bin wiederum eine von den Müttern, die es gerne haben, wenn ihre Kinder schön aussehen. Damit meine ich alles : ich wasche sie täglich (naja, fast), ich kämme sie, sie haben frische Klamotten jeden Tag und ich kontrolliere, ob ihre Zähne geputzt und die Ohren sauber sind (manche Menschen, in meinem Umfeld finden, ohrentechnisch hätte ich einen Tick…). Und darüber hinaus mag ich es, wenn meine Kinder sorgfältig angezogen sind. Ja, es stört mich, wenn meine Große sich beispielsweise völlig schräg mustert und mit dicken Socken in Flipflops, Hochwasserbuxen und zotteligen Haaren zum Bäcker geht oder wenn mein Sohn mit Schokoschnute und dreckigem Pulli in die Kita losziehen will . Kann sein, dass das pingelig und kleinbürgerlich ist, aber so bin ich dann wohl. Jedenfalls, was diese Dinge angeht. Dennoch, selbst wenn ich meine eigene Haltung nicht als Maßstab nehme und mir die Kinder meiner Freundinnen und Nachbarinnen anschaue, auf die sorgfältig geschaut wird, dann sind solche Auftritte trotzdem immer noch die Ausnahme.

Aber es gibt diese Mütter, bei denen ich den Verdacht hege, dass sie ihre Kinder nicht aus Mangel an Interesse oder fehlender Energie rumlaufen lassen, wie aus der Kleiderkiste. Vielmehr habe ich die Beobachtung gemacht, dass alle Sorgfalt für die äußere Erscheinung offensichtlich auf die eigene Person verwandt wird, während die Kinder scheinbar bewusst verunstaltet werden. Anders kann ich es nicht nennen.

In der Kita meines Sohnes gibt es eine wahnsinnig nette Frau mit tollen Locken, die immer präsent ist bei irgendwelchen Kitafesten, oft bei Events mithilft und ziemlich patent wirkt. Ich habe sie mal bei einem Picknick kennen gelernt und fand sie spontan total nett. Dann vermisste sie ihr Kind. Sie war aufgeregt und fragte alle, ob sie ihre Tochter gesehen hätten, „ein kleines Mädchen in Unterhose mit kurzem Pony“. Die Beschreibung ließ mich kurz stutzen und tatsächlich fand sich nach kurzer Zeit ein kleines Ding mit völlig verschnittenen Haaren in einer ausgeleierten Unterhose unter einem Kletterturm im Sand. Da dachte ich noch, wer weiß, das Kind hat vielleicht mit der Bastelschere selbst Hand an die Frisur gelegt und an einem warmem Sommertag ziehen die Kids ja gerne mal blank.Soweit, so gut. Aber in den folgenden Wochen sah ich immer wieder folgendes Szenario: die löwenmähnige Mutter, top angezogen, immer etwas ungewöhnlich gestylt, aber immer sehr gepflegt und meistens elegant – und an der Hand ihre Tochter, mit den letzten Lumpen angetan, mit dem offensichtlich nicht unabsichtlich verschnittenen Pony und immer ein bisschen schmuddelig.

Was geht da vor? Es gibt auch diese Mütter, die selbst so aussehen und das offensichtlich schön finden. Dass die Kinder dann genauso angezogen sind, macht Sinn und ist völlig konsistent. Aber wenn die äußere Erscheinung von Müttern und Kindern, vor allem Töchtern, so augenfällig gegensätzlich konzipiert ist – Königin versus Aschenputtel – dann finde ich das ziemlich sonderbar.

Für mich sind meine Kinder sowieso die Schönsten, Süßesten, Tollsten, und mir ist klar, dass das den meisten Müttern mit ihren Kindern genauso geht. Und ich kann nicht verstehen, wieso jemand nicht wollen könnte, dass das eigene Kind sorgfältig angezogen, gekämmt und gepflegt aussieht. Es geht dabei überhaupt nicht um die Mittel, die man dafür aufwendet. Ich kenne ein Mädchen, das ständig Burberry-Röckchen und ähnlich exklusive Teile trägt – das überdeckt aber nicht, dass es immer verlöcherte Strümpfe anhat und wahrscheinlich niemals jemand morgens die Haare durchbürstet oder die Zähne putzt oder die Fingernägel schneidet. Da nützt der ganze Designerkram auch nix.

Was steckt dahinter? Warum laufen so viele Kinder mit Rotz bis zum Kinn rum und kein Elternteil fühlt sich zuständig? Wieso müssen so viele Kinder schreckliche Brillen tragen, wo es doch so viele nette Gestelle gibt, die die kleinen Gesichtchen nicht komplett zubauen und verdecken? Warum dürfen so viele kleine Mädchen neben ihren schönen Mamas nicht genauso schön sein? Ist das der grundsätzliche Blick auf die Kids? Denken diese Mütter, es kommt nicht drauf an, weil die Kinder noch klein sind? Oder denken sie gar nichts? Oder ist es nicht doch so, dass neben der Frau Königin keine andere schön sein darf? Oder gar schöner? Spieglein, Spieglein, an der Wand? Was wird denn da gespiegelt, frage ich mich, wenn diese Sorte Mütter auf ihre Kinder schauen und die Kinder schauen zurück?

Ich habe darauf keine Antwort, es ist nur eine Beobachtung, die ich immer wieder mache und die mich irritiert. Zum Glück gibt es auch die anderen Mütter, die sich freuen, wenn ihre Kinder nett aussehen (und damit meine ich nicht nett=adrett=sonntagsfein). Die mit ihnen zum Frisör gehen, wenn sie mit der Bastelschere den eigenen Zöpfen zu Leibe rücken. Und die ihnen beibringen, wie man sich die Nase selber putzt.

Ich glaube, ich bin spießig. So be it.

7 Kommentare

  1. Ich glaube, du hast noch eine Sorte vergessen: Die „Mein Kind entscheidet morgens alleine, was es anziehen will, und da ich es nicht in seiner Entwicklung beeinträchtigen will und ein entsprechendes Machtwort für pädagogischen Unsinn halte, darf es dann so gehen“-Mutter. ;-)

    Ich sitze hier gerade vor einem Stapel gebrauchter Winzklamotten und beäuge ganz, ganz kritisch, was der kleine Mann in spätestens fünf Wochen tragen soll – da fliegt sicher noch das ein oder andere ganz ohne schlechtes Gewissen durchs Raster, weil ich es für nicht hübsch oder noch gut genug halte. In diesem Fall schaue ich sogar mal einem geschenkten Gaul ins Maul!

  2. Nachdem ich das gelesen hatte, habe ich sofort meinen Kindern alle vorhandenen Nägel geschnitten. (Wirklich!) Ich bin nämlich eher eine von diesen nachlässigen Müttern, gerade in Punkto Sauberkeit. Ich mag meine Kinder zwar auch lieber frisch und blütenweiß, aber ich komme manchmal einfach nicht hinterher mit dem ganzen Wischen, Waschen, Putzen und Reiben. Da ist mir manchmal eine Minute Ruhe für mich selbst wichtiger als ein sauberes Mündchen. Zumal ich die spitzen Schreie bei meinen sporadischen Interventionen nach wie vor so schlecht vertrage. Da schlagen bei mir sämtliche interne Stress-Zeiger voll in den roten Bereich.
    Doch auch mir ist es wichtig, dass meine Kinder einigermaßen ansehnlich rumlaufen und die Klamotten hübsch sind. Und ich habe mir auch schon SEHR oft genau die Fragen gestellt, die Du Dir stellst, liebe Anna. Wieso lassen Eltern es zu, dass ihre Kinder völlig daneben aussehen? Ich habe da zwei Theorien. Eigentlich drei, wenn man die Faulheit (siehe oben) dazu zählt.
    Theorie zwei: Die Mütter finden es tatsächlich süß. Das könnte ich mir bei Deiner Locken-Kita-Mama vorstellen. So, wie manche Eltern es ja auch süß und fotowürdig finden, wenn ihre Kinder im ganzen Gesicht mit Schokopudding beschmiert sind. Vielleicht freut sich die Locken-Mama an der Ungezwungenheit ihrer Tochter.
    Theorie drei: Die Eltern finden es cool. Ich wundere mich auch sehr oft über das Mischmasch, das manche Kinder tragen. Aber ich beobachte auch: Es sind eigentlich immer Mädchen, und das Mischmasch besteht immer aus Hänger-Kleidchen plus X, und fast nie kommt ein totaler Rosa-Rausch dabei vor. Das sind mir zu viele Zufälle auf einmal. Ich glaube, da haben die Eltern die Hand im Spiel. Die wollen, dass ihre Kinder total individuell und hipp rumlaufen und möchten dann gerne mit rollenden Augen sagen, dass „die kleine Marlene sich das immer selbst so raussucht“ (und damit wollen sie zeigen, wie toll unabhängig ihr Kind denkt, eine angehene Künstlerin – mindestens!). Wenn die Kinder wirklich machen dürften, was sie wollten, dann würden sie als Bob Baumeister oder als komplett rosa Wölkchen rumlaufen.

    • Ich tendiere zu deiner dritten Theorie und finde die Überlegung sehr plausibel, was Kinder WIRKLICH tragen würden, wenn sie dürften wie sie wollten. Also meine Jüngste würde tatsächlich komplett im Tütü rumlaufen, rosa Wölkchen trifft da voll ins Schwarze. Und natürlich versuche ich das zu relativieren, indem ich ihr beispielsweise rosa Oberteile gestatte, aber dann bitte zu Jeans. Oder eben ein tuffiges Röckchen, aber oben nicht auch noch pink. Insofern hast du sicher völlig recht.
      Was die zweite Theorie angeht, da bin ich mir nicht so sicher. Ja, es gibt bestimmt Mütter, die das süß finden oder tatsächlich denken, dass das so schön aussieht. Aber in der Regel sind das hier diese Friedrichshainer Mütter, die selbst mit Ethnorock über Jeans rumlaufen und mit Kopftuch, als wären sie morgens schon im Stall zum Melken gewesen. Da ist das aber für mein Emfpinden auch völlig ok: es passt zusammen, bitte schön. Soll ja jeder machen, wie er will. Aber wenn Mama aussieht wie ausm Katalog und das Kind wie ausm sozialen Brennpunkt, dann ist mir das einfach suspekt. Ich kann nicht glauben, dass jemand, der für sich selbst die Föhnwelle und das Balenciaga-Täschchen aussucht gleichzeitig beim Kind auf Frottebuxen mit Flicken auf den Knien steht. Und dazu ne Narrenkappe. Ich weiß nicht… Das passt irgendwie einfach nicht zusammen, oder?

      • Mondenzauber

        Der Schneewittchenkomplex beschreibt eine Mutter-Tochter-Beziehung, in der sich die Tochter in Ihrer Einzigartigkeit nicht entfalten kann, da alle eigenen Gedanken und Ideen durch die Mutter bewertet und beeinflusst werden. Ein Beispiel hierfür ist, dass die Tochter keine eigene Kleiderwahl treffen darf und Sachen trägt, in denen es sich wohl fühlt , sondern die der Mutter genehm sind. Die "Koenigin-Muetter" sind keine Mütter, welche extrem viel Wert auf ihr Äußeres legen, sondern diejenigen, welche Ihren Kindern immer mit gutgemeinten Ratschlägen zur Seite stehen, um anschließend in die Abwertung zu gehen um ein schwach ausgeprägtes Eigen-Ich zu kompensieren. Ich empfehle hierzu die Lektüre des Buchs "Schneewittchen" von Mathias Jung.

        Herzliche Gruesse

        Mondenzauber

  3. Liebe Anna, fange gerade erst an, deinen Blog ausführlicher zu lesen (hocke mit Zahnweh zuhause, das ist nicht schön, beschert mir aber einen bürofreien Vormittag, Kinder sind in der Kita und bei der Tagesmutter und ich habe Zeit zum Lesen!!) … Interessantes Phänomen, was du beschreibst .Kurz fühlte ich mich ertappt und dachte an Josefines Strubbelmähne (und las dankbar Dorotheas Eintrag, dem ich mich anschließen kann – ich vermeide dann auch mal eher langes Geschrei und lasse die Haare bis zur nächsten Haarwäsche mit Antiziep-Zauberwirkung so wie sie sind), aber auch bei uns trifft wohl das Konsistente zu: dann radele ich wahrscheinlich auch mal mit Schlafkante im Kurzhaarschnitt Richtung Büro … ;-)

    Tatsächlich habe ich die Beobachtung auch schon einmal gemacht, aber gar nicht hier in Hamburg (hier wirkt es eher „konsistent“), sondern im Rheinland. Ich glaube, die Theorie mit der „Schönsten im Land“ kann zutreffen und das ist dann so ein Fall, bei dem es bedenklich wird. Da dreht Muddi sich dann ganz schön um sich selbst und ist möglicherweise – ohne es zu merken – wohl insgesamt ziemlich überfordert. Wie eine Übersprungshandlung im wahrsten Sinne landet dann die Aufmerksamkeit, die sie der Pflege der Kinder widmen sollte, wieder bei ihr selbst.
    Ich kenne aber auch eine Frau, die bügelt geradezu manisch. Also Kleider top in Schuss, sauber, glatt, rein. In der Zwischenzeit hängen die Kinder vor der Playstation rum. Und kein Ende in Sicht: nach der stundenlangen Bügelei muss Muddi zum Sport. Danach noch viele Kuchen backen. Aber keine Zeit, mit den Kindern zu sprechen oder zu spielen.

    Nix ist perfekt. Bei mir betrifft das im Moment ganz stark den Haushalt: ich wäge ab und entscheide mich für krümeligen Boden und für Ballspielen mit dem Sohn im Garten.Putzfrau habe ich nicht, also wäge ich erneut abends, nachdem die Kinder im Bett sind, ab: krümeliger Boden oder Sessel?

    Kompromisse müssen wir wohl alle machen. Die Kunst ist wohl, die richtigen Prioritäten zu setzen. Da darf die Tochter auch mal mit ungekämmten Haaren raus. Aber nicht jeden Tag. Grüner Rock mit Kirschmotiv zu braunem Kapuzenpulli mit Pferdchenmuster? (Hat sich Fine heute in echt selbst ausgesucht): ok, von mir aus. Aber morgen bestimm ich wieder! Muddi zum Sport? Klar, abends. Stundelanges Bügeln? Nein! Krümeliger Boden: jjjjein … es gibt ja nichts Schlimmeres, als Smacks, Müslireste oder gar Bananenmatsch unter den Socken. Also doch der Griff zu Besen und Wischeimer …

  4. Was du da beschreibst ist in meinen Augen aber auf keinen Fall der “Schneewittchenkomplex“ ;) sondern eher, wie du schon meintest, der Aschenputtel-Königin-Komplex. Schneewittchenkomplex hat in meinen Augen eher etwas mit Neid auf die eigene Tochter zutun.

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