Meine Rosen blühen, alle. Wie verrückt. Vor unserem Haus schlägt die Rosenhecke aus, dass es eine Pracht ist und alle Hochstämmchen in ihren Töpfen blühen aufs Schönste.

Eigentlich ist es die pure Freude zu sehen, wie alles blüht und den Sommer ankündigt (außer dem Sommer selbst: siehe Regen und Temperaturen!), aber dieses Jahr mischen sich in die Freude immer wieder die Erinnerungen an den letzten Sommer und an „heute vor einem Jahr“… Es ist: „heute vor einem Jahr kam die neue Diagnose“ und „heute vor einem Jahr waren wir alle dort und alles war noch normal“ und „heute vor einem Jahr brauchte sie schon einen Stock zum Gehen“ und „heute vor einem Jahr wusste sie schon, dass sie bald sterben würde“. Nur ich wusste es noch nicht.

Ich habe eine Hochstammrose im Topf, die ich letzten August, nach dem Tod meiner Mutter, mitgenommen habe, damit sie nicht eingeht und damit ich etwas Lebendiges von meiner Mutter hätte. Die Rose hat den Berliner Winter sehr gut überstanden und hat die rötesten und größten Blüten. Jetzt schaue ich sie an und freue mich und denke gleichzeitig an meiner Mutter: könnte ich ihr die Rose doch zeigen. Oder könnte sie doch noch da blühen, wo ich sie letztes Jahr eingesammelt habe. Es ist jetzt genug, es ist jetzt fast ein Jahr und wir haben uns alle nicht daran gewöhnt und wollen uns nicht daran gewöhnen – es kann jetzt wieder mal aufhören und normal sein. Wird es aber nicht. Stattdessen spreche ich mit meinen Geschwistern über die Grabeinfassung und den potentiellen Grabstein und die lieben Freundinnen schicken Fotos vom frisch bepflanzten Grab, wo auf einem Holzkreuz der Name meiner Mutter steht. Und noch immer ist es absurd, irgendwie unwirklich und immer aufs Neue wie ein kleiner Schock.

Es ist gar nicht so, dass ich dauernd furchtbar traurig bin und geknickt oder dass mein Alltag davon überschattet würde. Und irgendwie ist es natürlich doch so: ich bin traurig, unterschwellig bin ich immer darüber traurig, dass ich meine Mutter verloren habe, die erst 67 war und sich so gewünscht hatte, 70 zu werden und eine riesige Party zu veranstalten. Meine Kleinste fragte mich letzte Woche auf einmal aus dem Nichts: „Mama, wann wacht die Oma eigentlich wieder auf?“ Und bevor ich noch antworten konnte, höre ich den Bub sagen: „Die wacht nicht mehr auf, Dummi, die ist gestorben, da wacht man nicht mehr auf. Die Oma kommt nie mehr wieder! Mama, können wir jetzt ein bisschen Rollerfahren?“ Ich hatte gerade noch genug Selbstkontrolle, ihm zu sagen, er solle seine Schwester nicht Dummi nennen und das Rollerfahren zu gestatten. Danach hätte ich nichts mehr sagen können, ohne zu weinen. Was für eine krasse und bösartige Wahrheit, die er da einfach so ausgesprochen hat. Sowas kann mich so treffen mitunter. Andererseits kann ich ohne größere Probleme mit den Kindern die kurzen Videos schauen, auf denen meine Mutter im Herbst und Winter 2010 zu sehen ist. Offenbar völlig fit und gesund, fröhlich und voller Tatendrang, keine (sichtbare) Spur von Lebermetastasen und Chemoschlägtnichtmehran. Diese Bilder machen mich im Gegenteil glücklich. Zu sehen, wie sie war. Ihre Stimme zu hören, frei von Angst oder Ahnung und frei von Schmerz und Mutlosigkeit.

Ich denke immer an meine Mutter. Tausendmal am Tag. Ich sehe Dinge, die mich an sie erinnern. Ich sehe meine Kinder, die mich an sie erinnern. Meine Schwester und meinen Bruder. Ich singe die Lieder, die sie mir beigebracht hat. Ich lese die Bücher, die sie mir gegeben hat. Ihre Bilder hängen an meiner Wand und ihre Rosen blühen in meinem Garten. In mir ist so viel von ihr, und in allem, was ich tue, spüre ich ihre Hand. Eine Hand, die mich durch meine Kindheit geführt hat, getröstet, gestreichelt, gehalten. So, wie ich es mit meinen Kindern heute tue. Und in jeder dieser Handlungen, die ich jeden Tag für meine Kinder mache, ist auch all das, was sie für mich getan hat, mein Leben lang. Und sogar wenn ich mit meinen Kindern schimpfe, wenn ich böse werde, weil sie Sauereien machen oder bei der 100sten Ermahnung noch nicht reagieren, weil sie zanken oder immer wieder aufstehen und mir keine Pause gönnen, auch nicht um 22:14… Selbst dann spüre ich meine Mutter in mir und denke daran, wie es war, als noch ICH diejenige war, die immer wieder aufstand und am Schreibtisch der Mutter auftauchte zum zigsten Mal.

Das ist tröstlich und traurig zugleich. Ich kann sie nicht mehr fragen, wie sie es fand, wenn ich meine Hausaufgaben nicht machen wollte oder meinen Bruder malträtiert habe. Was sie mir gesagt hat, wenn ich Angst vor einer neuen Situation hatte oder Krach mit meiner besten Freundin. Oder ob sie noch weiß, was mein Lieblingsbuch war mit 9 oder was ich damals von Beruf werden wollte. Niemand sieht mich mehr so, wie sie mich gesehen hat. Niemand weiß mehr all diese Dinge von mir, die Mütter eben von ihren (kleinen) Kindern wissen. Ist das die letzte Stufe vom „Erwachsen-Sein“? Dass man selbst Mutter und dabei mutterlos ist?

Ich bin nicht undankbar. Ich weiß, dass mein Leben reich ist und es immer war. Dass ich meine eigene Familie habe, meine Geschwister, meinen Vater, seine Frau, die große Herkunftsfamilie, die lieben Freunde. Ich bin darüber jeden Tag glücklich und dieses Glück ist tatsächlich unberührt von der Trauer um meine Mutter. Ich hätte es vorher nicht wissen können, aber das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun: wenn ich meine Schwester nicht mehr hätte, würde ich sie vermissen und die Tatsache, dass ich einen Bruder habe, den ich sehr liebe, würde den Verlust der Schwester nicht aufheben. Irgendwie so.

Gleich gehe ich auf dem Weg nach oben an die Betten meiner drei Kinder. Ich werde sie ansehen, küssen und zudecken. Mein Herz wird weit werden vor Glück an jedem einzelnen Bett, und ich werde mich ein bisschen zusammenreißen, damit ich nicht blöd grinsend den Weg in mein eigenes Bett fortsetze. Es gibt nichts Besseres. Dennoch. Ich werde, bis ich selbst im Bett liege, noch gefühlte tausendmal an meine Mutter denken und jedes Mal traurig sein. Sogar genau im selben Moment, in dem ich meine Kinder anlächle und ihre Schlafgesichtchen streichele.

Es ist immer da, beides. Alles.

„Wenn du glücklich bist, schau tief in dein Herz. Und du wirst sehen, was dich glücklich macht, ist nichts anderes als das, worum du getrauert hast. Wenn du traurig bist, schau wieder in dein Herz. Und du wirst sehen, was du beweinst, ist einst dein Glück gewesen.“ (Khalil Gibran, Der Prophet)

7 Kommentare

  1. Hallo, liebe Anna,
    Dein heutiger Beitrag passt genau zu meiner Stimmung und ich finde es sehr beruehrend wie Du deine Gefuehle ausdruecken kannst. Ich kann Dir meine Anerkennung ausdruecken, und ich freue mich auf jeden neuen Beitrag. der tod der Eltern ist auch bei mir noch lange nicht ad acta gelegt. Ich musste in den letzten Wochen immer wieder an sie denken. Am Samstag ist dann auch noch Marlene Vogel, eine Lions Freundin von uns gegangen. Wir hatten sie noch vor 2 Wochen besucht uns sie trotz schwerster Krebserkrankung immer noch optimistisch. Nun ist es endgueltig und ich formuliere schon die ganze Zeir im Kopf troestende Worte fuer die Familie. Und jetzt gerade wollte ich mich hinsetzen und schreiben. Deine Worte
    sind sehr,sehr schoen.
    1000 liebe Gruesse von Maja

  2. Liebe Anna, Danke für die tief gehenden Zeilen. Sie haben mich bewegt und mich daran erinnert, manches Gespräch, manche Zuwendung im Alter meiner Eltern verpasst oder nicht genutzte zu haben.
    So will ich es besser machen!
    Dein Wolfi

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