Wenn mir jemand fehlt, durchlaufe ich verschiedene Phasen. Am Anfang des Vermissens steht so etwas wie ein scharfer Schmerz. Dahinter sind die Tränen, das laut gewordene Bedauern, jemanden verloren zu haben und ihn in dieser Welt nie mehr wiedersehen zu können. Nicht mehr anfassen, nicht mehr sprechen, nicht mehr die Stimme hören. Nicht mehr umarmen, nicht mehr einfach nebeneinander sitzen, nicht mehr gemeinsam lachen. Ich vermisse die Präsenz dieser Person so intensiv, es ist ein körperlich spürbares Phänomen wie die Muskelschmerzen bei einem grippalen Infekt.

Dann kommt die Phase der Akzeptanz. Ich habe verstanden, dass dieses Vermissen andauert und dass ich irgendwie damit leben muss, weil es niemand längerfristig ertragen kann, ständig mit den Muskelschmerzen eines grippalen Infektes rumzulaufen. Also nimmt man ein Schmerzmittel oder einen Fiebersenker und die Schmerzen werden reduziert. Sie sind noch da, das schon, aber sie sind signifikant eingedämmt und begleiten mich nur noch wie ein leises Echo der Anfangsempfindung.  Das Vermissen ist Teil von mir geworden, an manchen Tagen ist es mir gar nicht mehr so bewusst, dass es mich immer noch begleitet.

Zuletzt habe ich mich darin eingerichtet. Ich spreche gar nicht mehr ständig von der Person, die mir so entsetzlich fehlt. Andere könnten denken, ich hätte mich damit abgefunden und käme gut zurecht. Und das stimmt auf eine gewisse Weise auch. Ich komme zurecht, der Schmerz ist ganz leise geworden. Ich brauche auch keine Schmerzmittel mehr, um ihn in Schach zu halten, denn ich habe gelernt, damit zu leben, ohne dass er mein Leben zu sehr beeinträchtigt. Er hat sich in mir klein gemacht und eingerollt, als würde er einfach zu mir gehören. Als wäre er kein Fremdkörper sondern ein Teil von mir. Ich komme gut zurecht.

Aber wehe mir, wenn irgend etwas diesen Schmerz triggert. Wenn ein Geruch um die Ecke kommt oder ein Song. Wenn der Abendhimmel sich auf diese eine einzigartige Weise über mir wölbt wie eine dunkelblauer Samtumarmung. Oder wenn etwas mir die Stimme der vermissten Person in Erinnerung ruft, so klar, als würde sie in meinem Kopf zu mir sprechen. Oder wenn ich den letzten Brief in die Finger bekomme. Das Foto vom Geburtstag. Die eine Urlaubserinnerung von einem südlichen Strand. Dann bin ich verloren.

Dann kommt der Schmerz, der sich so schön klein in mir zusammengekauert hatte, wie eine gigantische Welle über mich. Und ich habe keine Wahl, als diese Welle zu reiten. Denn wenn ich das nicht tue, begräbt sie mich unter sich und ich muss im Schmerz ertrinken. Das Vermissen würde mich ein für allemal klein kriegen. Also reite ich die Welle. Ich heule und zetere innerlich, aber ich richte mich auf und fasse den Kamm der Welle ins Auge. Und ich greife das Board und stelle mich so aufrecht hin, wie die Welle es eben zulässt. Und dann… versuche ich, mit ihr mitzugehen, ohne, dass sie mich unter Wasser drückt und mir den Atem nimmt.

Das Ganze kann schnell gehen. Eine kurze Welle, kein langer Ritt. Nur ein Ausflug in die Erinnerung an diese schmerzhaft intensive Präsenz: Vermissen. Aber manche Wellen sind lang. Sie tragen mich durch alle Phasen des Vermissens, durch Erinnerungen an die Zeiten davor, durch die Bilder von Abschied und Loslassen und durch den Schmerz. Es ist wie ein Eintauchen in die Sehnsucht nach dieser Person, die ich für immer verloren habe. Die Kehrseite einer Liebe, die sich nie mehr erfüllen kann. Das ist Trauer.

Vermissen ist Trauer in einer anderen Erscheinungsform. Und Trauer um jemanden, den wir verloren haben ist nicht die Abwesenheit von Liebe, weil die Person, auf die sich das Gefühl richtet nicht mehr da ist. Es ist das genaue Gegenteil davon. Es ist die Anwesenheit von Liebe zu einer Person, nach der wir uns ab dem Moment des Verlusts für immer sehnen.

Vermissen für immer.

7 Kommentare

  1. Hach, schön gesagt, es hat mich tief berührt…der Artikel wird mich lange im Kopf und Herzen begleiten.

    Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen… (Rilke)

  2. Ach Anna, nochmal tausend Dank, dass uns mitnimmst in deinen Morgenseiten! Deine Texte sind so berührend und wunderschön und ich merke immer mehr, wie sehr mir das in letzter Zeit bei dir gefehlt hat.
    Nichts gegen die gut recherchierten und sauber ausgearbeiteten Reiseberichte, Rezepte oder Buchvorstellungen, die sind toll, keine Frage und ich hab da auch schon viel mitgenommen. Aber diese Texte aus deinem Herzen auf’s Papier, die sind es vor allem, die mich deinen Blog schon seit Jahren begleiten lassen und wirklich seeehr vermisst habe <3

    Alles Liebe,
    Nadine

    • Liebe Nadine, danke dir für dein Feedback, über das ich mich sehr freue. Ich merke gerade auch selbst, wieviel leichter mir es fällt, hier einfach zu schreiben, ohne mich ständig selbst zu zensieren, zu korrigieren, zu optimieren. Dass es sich auch schöner liest, macht das Ganze noch besser! Liebe Grüße an dich und danke fürs Lesen, Anna

  3. Melanie Hainsch Antworten

    Liebe Anna, dein Text hat mein Herz sehr berührt. Ich finde mich in deinen Worten so unglaublich wieder und danke dir fürs Teilen deiner Gedanken!

  4. Liebe Anna, dein Text hat mein Herz sehr berührt. Ich finde mich in deinen Worten so unglaublich wieder und danke dir fürs Teilen deiner Gedanken!

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