Wann wissen wir, dass unsere Welt wankt? Wann ist der Moment, in dem wir realisieren, dass sich unserer Realität krass verschiebt und dass gerade Dinge passieren, die wir noch nie gesehen und fast nicht für möglich gehalten hätten?

Dies hier sind Abendseiten, denn auch wenn ich sie als Morgenseiten begonnen habe, sind die Informationen den Tag über zusammengekommen und ich schreibe sie jetzt erst, gegen 23h auf.

Seit ziemlich genau 36 Stunden leben wir im Angesicht einer Flutkatastrophe in Ahrweiler, der Eifel, überhaupt im nördlichen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Und seitdem wir gestern morgen zu den furchtbaren Neuigkeiten aufgewacht sind, haben meine Geschwister und ich und meine Cousinen und ihre Familien versucht, unsere Verwandten in Ahrweiler zu kontaktieren.

Was am Donnerstagmorgen anfing wie ein surrealer Film, entwickelte sich schnell zu einem immer greifbarer werdenden Katastrophenepos mit ungewissem Ausgang. Meine eine Cousine lebt in Mainz, ihre Mutter ist die ältere Schwester meiner Mutter, ihr Bruder lebt ebenfalls in Ahrweiler, und wir fingen relativ früh am Tag an, uns auszutauschen. Wir erreichten niemanden. Unser Onkel lebt mit seiner Frau in der Eifel, nahe dem Nürburgring und nicht weit von dem berühmt gewordenen Städtchen Schuld, das gestern quasi komplett zerstört wurde. Auch ihn konnten wir nicht erreichen. Seine Tochter, meine andere Cousine, blieb am Telefon und versuchte es immer weiter, während ihr Mann die Nachrichten verfolgte, um jede Entwicklung, jede Neuigkeit mitzukriegen.

Mein Bruder und meine Schwägerin im Westerwald, meine Schwester in Ratingen, wir vom Darß – wir waren alle den ganzen Tag in Kontakt. Nur mit der Familie in Ahrweiler und Umgebung war keine Verbindung herzustellen.

Plötzlich waren die Ängste groß, die Befürchtungen wurden immer konkreter. Sind die Häuser unserer Lieben zerstört? Sind sie verletzt? Sitzen sie auf den Dächern und warten auf Rettung? Sind sie noch immer in Lebensgefahr? Je länger wir die Nachrichten verfolgten, je mehr wir von der Zerstörung sahen und hörten, desto konkreter wurden die Ängste, dass auch unsere Tanten, unser Onkel und mein Cousin nicht nur ein bisschen sondern im vollen Ausmaß betroffen wären.

Irgendwann kam die Nachricht von meiner Cousine: ihrer Mutter ging es gut. Sie hatte kein Wasser im Haus gehabt, allerdings war wie überall in der Region Strom, Gas und Wasser weg, sowie jegliches Telefon- und Mobilfunknetz zusammengebrochen. Ihr Handyakku war nicht aufgeladen gewesen, aber eine Nachbarin hatte noch Akku und stellte die Verbindung her. Auf diesem Weg erfuhren wir auch von der Flutwelle, die das Haus meines Cousins weitgehend zerstört hatte. Er war gerade noch rausgekommen und unverletzt geblieben.

Meine andere Cousine meldete sich: ihre Eltern waren okay, auch bei ihnen war nichts weiter passiert, als dass sie vom Ausfall des Telefon- und Stromnetzes betroffen waren. Nur die jüngste Schwester meiner Mutter blieb verschollen. Niemand hatte von ihr gehört. Mein Cousin hatte versucht, zu ihrem Haus vorzudringen, aber das steht in einer der Schleifen, die die Ahr durch die Stadt macht – und alle Brücken in Ahrweiler waren zerstört oder unpassierbar. Es gab und gibt keine Möglichkeit, über die Ahr zu gelangen, an keiner Stelle.

Wir telefonierten miteinander, schickten Nachrichten, machten uns Sorgen. Mein Bruder sichtete zig Videos im Internet, die die zerstörte Stadt zeigten, in der Hoffnung, dass wir einen Blick auf das Viertel, die Straße, das Haus unserer Tante erwischen würden. Mein Mann aktivierte Kontakte aus seiner Zeit beim Roten Kreuz zu Zivildienstzeiten und bat um Hilfe bei der Suche nach meiner Tante. Wir telefonierten, schickten Nachrichten, machten uns Sorgen. Irgendwann meldeten wir meine Tante bei der Polizei als vermisst. Eine lange Nacht begann, in der wir nichts Neues erfuhren und alle Bemühungen, etwas herauszufinden, ins Leere liefen.

Heute morgen dann eine SMS von meiner Cousine: ihr Vater, mein Onkel, hatte sich auf eigene Faust aus der Eifel einen Weg ins Ahrtal gesucht, auf dem er auf keine der zerstörten Brücken angewiesen war und sich bis zum Haus unserer Tante durchgeschlagen. Sie war nicht da, aber Nachbarn berichteten ihm, dass es ihr gut gehe und sie gerade versuchen würde,  zum Haus ihrer gemeinsamen Schwester durchzukommen. Große Erleichterung.

Im Laufe des Tages dann meldete sie sich. Sie hatte durch die Feuerwehr die Möglichkeit bekommen, ihr Handy aufzuladen und rief an. Was sie dann erzählte, war unglaublich, sehr unheimlich und zugleich beeindruckend. Die Ahr hatte sich so weit wie noch nie aus ihrem Bett erhoben und war wie ein reißender Strom durch ihre Straße geflossen. Sie stand auf dem Balkon und sah zu, wie das Wasser ihren Garten zerstörte, die Autos anhob und wegzog und in ihren Keller lief. Bis zur zweitletzten Stufe vor dem Erdgeschoss (was eigentlich ein Hochparterre ist) kam das Flusswasser. Sie erzählte, dass es gurgelte und gluckerte in ihrem Haus, dass sie nirgends hin konnte, dass die Feuerwehr in die Straße kam und ihr sagte, sie solle bleiben, wo sie ist, alles andere sei zu gefährlich. Schließlich ging sie schlafen, im ersten Stock ihres Hauses. Am nächsten Morgen um fünf war das Wasser weg. Zurück blieb Schlamm und eine Spur der Zerstörung.

Meine Tante ist eine pragmatische Frau. Gemeinsam mit den Nachbarn hatte sie ihr Auto schon vor dem Steigen des Wassers auf einen höher gelegenen Parkplatz im Wald gefahren. Dort ging sie jetzt hin, entschlossen, loszufahren und die Lage zu sondieren, ihre Schwester zu finden und herauszukriegen, wie schlimm es stand, wie es allen ging. Während sie unterwegs war, verpasste sie ihren Bruder, meinen Onkel, der gekommen war, um sie zu finden. Sie kehrte unverrichteter Dinge zurück, denn sie konnte nicht zu ihrer Schwester durch, wusste noch immer nicht, wie es ihr ging, konnte noch immer niemanden erreichen, da immer noch überall die Telefonnetze lahmgelegt waren.

Währenddessen machte sich bei den Nachbarn Panik breit. Vom Zusammenbruch einer Talsperre war die Rede, davon, dass eine noch größere Flutwelle kommen sollte und dass sie alle fliehen müssten. Viele packten die Koffer und gingen. Meine Tante blieb. Eine weitere Nacht verbrachte sie in ihrem Haus ohne Strom, Gas und Telefon, bevor heute morgen der Mann meiner Cousine, eingesetzt in seiner Funktion bei der Feuerwehr, sie suchte und fand. Sie lud ihr Handy auf und rief uns an.

Während wir sprachen, saß ich im Strandkorb und schaute meinen Kindern beim Baden in der Ostsee zu. Seit Tagen ist hier Traumwetter, blauer Himmel mit Schäfchenwolken, für Ostseeverhältnisse laue Nächte, rosigrote Sonnenaufgänge und pastellfarbene Sonnenuntergänge, wie sie schöner nicht sein können. Während im Westen des Landes die Zerstörung wütet, können wir hier einen außergewöhnlich schönen Sommer erleben. Es ist noch immer surreal.

Meine Tante erzählte mir von der gruseligen Nacht zu Donnerstag, in der das Wasser der Ahr gluckernd auf ihrer Kellertreppe schwappte. Davon, wie sie sich geärgert hatte, dass sie meinen Onkel verpasst hatte. Davon, wie sie vergeblich versucht hatte, den Fluss zu überqueren, um zu ihrer Schwester zu gelangen und sich überlegte, sich zu meinem Onkel durchzuschlagen. Von den Sorgen um meinen Cousin, ihren Neffen. Dass sein Haus zerstört und er gerade so davongekommen war, erfuhr sie dann von mir.

Ich setzte sie ins Bild über das Ausmaß der Zerstörung ihrer Heimatstadt, das sie noch gar nicht gesehen hat. Ich erzählte ihr, dass wir sie als vermisst gemeldet hatten und wie wir seit Donnerstagmorgen quasi mit einer Standleitung verbunden waren untereinander. Und dann sagte sie, wie es jetzt weitergehe. Dass sie mit den verbliebenen Nachbarn eine Gemeinschaft gebildet habe. Gerade eben hätte sie vor ihrem Haus ihren alten Holzkohlegrill angeworfen und alle zu Spiegelei mit Schinken auf Röstbrot eingeladen, während der Nachbar mit einem Campingkocher Kaffee für alle gemacht hätte. Dass sie sich mit dem Einkaufen abwechseln würden und immer einer hoch in die Eifel führe, wo Supermärkte und Tankstellen funktionieren und erreichbar sind, um für alle einzukaufen. Dass sie jetzt bleiben würden, gemeinsam Schlamm aus den Kellern schaufeln, warten, dass Wasser und Strom wieder angestellt werden, in ihren Häusern aushalten und retten, was zu retten sei.

Sie klang tatkräftig, zuversichtlich, dankbar. Froh, etwas Konkretes tun zu können. Kurz sagte sie, wie traurig es sei, dass ihr Garten zerstört ist, aber im gleichen Atemzug kam: „Wenn es sonst nichts ist…!“ und wieder ihre Dankbarkeit, nichts Schlimmeres erlebt zu haben. Alles was sie verloren habe, seien nur Dinge. Sie sei stolz auf ihr Haus, dass es standgehalten habe. Und alles andere würde sich finden.

Wir sprachen auch darüber, dass so viele Menschen nicht so viel Glück hatten. Dass so viele alles verloren haben. Ihre Häuser und Wohnungen, ihre Heimat, ihre Existenzgrundlage, die Menschen, die sie lieben. Diese Katastrophe betrifft tausende von Menschen. Noch immer werden Hunderte vermisst, noch immer werden Leichen geborgen, Verletzte gerettet, noch immer stürzen Häuser und Bauten ein. Das Ausmaß ist nicht zu greifen.

Meine Familie hat Glück gehabt. Meinen Cousin hat es hart getroffen, wie hart, das wird sich erst zeigen. Aber auch er sagt, er habe noch sein Leben, er sei unverletzt, seine Familie sei unversehrt – was wolle er mehr? Aber auf viele andere trifft das nicht zu. Die Bilder, die wir überall sehen, die katastrophalen Auswirkungen der klimawandelbedingten Flut, bedeuten für viele Menschen in der Region ein Ende ihrer Normalität. Etwas ist für immer anders, ihr ganzes Leben ist für immer anders, vielleicht haben sie ihr Leben aber auch in den Fluten verloren.

Mir das klarzumachen, während ich die erleichternde Gewissheit habe, dass all meine Lieben sicher sind, ist heftig. Als ich auflege, bin ich froh und erschüttert zugleich. Das hier ist nicht einfach „nur“ ein Jahrhunderthochwasser. Das ist der Klimawandel. Das haben wir gemacht, das tun wir uns selbst an, unseren Mitmenschen, unserem Planeten. Das ist erst der Anfang.

Wer helfen möchte, kann das mit Sach- und Geldspenden tun. Das Rote Kreuz und andere Organisationen in den Regionen sammeln Kleider- und Sachspenden, während Spendenkonten eingerichtet wurden, um Geld für die Flutopfer zu sammeln. Jede helfende Hand macht einen Unterschied.

Passt auf euch auf.

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