Verliebt zu sein ist eine schöne Empfindung. Oder kann es jedenfalls sein. Verliebt in eine Person, aber auch verliebt in eine Situation, in eine Tätigkeit, sogar in ein Gefühl. Alles andere wird von diesem Gefühl berührt und beeindruckt. Vielleicht sind wir trauriger über traurige Dinge, die passieren, vielleicht sind wir aber auch glücklicher über Kleinigkeiten, die uns begegnen. Die berühmten Schmetterlinge im Bauch beeinflussen unsere übrigen Gefühle und auch alles, was wir tun und wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen.

Und dann… verändert sich das Gefühl. Die Schmetterlinge werden leiser, die Welt nimmt wieder dieselbe Farbe an, wie zuvor. Was passiert dann mit unserem Liebesgefühl? In genau diesem Moment?

Ich bin seit 1998 mit meinem Mann zusammen. Oh, ich erinnere mich gut an die Schmetterlinge! Ganze Heerscharen waren es und sie flatterten lange. Noch Jahre, nachdem wir längst ein Paar geworden und dann zusammen gezogen waren, spürte ich diese buchstäblichen Schmetterlinge im Bauch in bestimmten Situationen. Immer schon war mein Mann beruflich viel unterwegs, und wenn das mal wieder der Fall gewesen war und ich ihn irgendwo abholte, am Flughafen zum Beispiel oder am Bahnhof, flatterten sie. Ich war in diesen Situationen immer noch ein bisschen aufgeregt und mein Herz schlug höher, wenn ich ihn dann am Gate erscheinen oder aus dem Zug steigen sah. Ich liebte diese Situation genau aus diesem Grund: was sie für Gefühle in mir auslöste.

Oft gingen wir dann noch irgendwo hin, was Schönes essen, ins Kino oder irgendwo einen Wein trinken. Und wir knutschten am Bahnhof, am Gate, im Auto, im Kino, auf dem Heimweg. Ich liebte das und fütterte mit diesen Situationen die Schmetterlinge.

Aber irgendwann hörte das auf. Ich holte ihn seltener ab, er war auch nicht wirklich traurig darüber, soweit ich das beurteilen konnte. Unsere Liebe veränderte sich, es wurde ruhiger in unserem Alltag und es drehte sich nicht mehr alles darum, was wir beide gerade empfanden, wie wir als Paar mit Situation X oder Y umgehen würden, was das über uns aussagte.

Unsere Gefühle waren in ruhigeren, sichereren Bahnen angekommen. Wir waren uns sicher, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben würden und sprachen oft darüber, wie diese aussehen würde. Immer noch gingen wir zusammen aus, häufig sogar, wir hatten oft Gäste bei uns und veranstalteten viele Partys, wir verreisten regelmäßig zusammen, gingen auf Konzerte, feierten ausführlich Karneval, machten Wochenendtrips irgendwohin. All das war immer noch da, nur jetzt war es nicht mehr so neu, es war nicht mehr so aufregend, dass der/die andere überhaupt da war. Stattdessen taten wir all das jetzt buchstäblich Hand in Hand, planten und entschieden als Paar, das sich sicher ist, dass es zusammen bleiben würde.

Wir planten Kinder und eine Hochzeit und das – war zugleich der ultimative romantische Höhepunkt (unsere Hochzeit) wie auch der ultimative Moment, in dem wir von einem Paar zu Eltern wurden: die Geburt unseres ersten gemeinsamen Kindes.

Die Schmetterlinge flatterten kaum noch. doch an deren Stelle war etwas anderes getreten, und ich entsinne mich daran, wie sehr ich dieses neue Gefühl liebte. Für alle Schmetterlinge der Welt hätte ich es nicht mehr hergegeben. Denn da war dieser Mensch, den ich liebte an meiner Seite: der mich nicht nur zurück liebte und bereit war, alles mit mir zu teilen, bis in die letzte Konsequenz. Es war der Mensch, der dieselben Dinge wollte wie ich und sie mir quasi als Zukunftsvision anbot. Mit offenem Herzen, offenen Armen, offener Seele. Jemand, der sich an mich gebunden hatte und der sich gemeinsam mit mir auf das Abenteuer Familie einließ.

©by Anna Luz de León

Als wir nach einer traumatischen Geburtserfahrung unsere Tochter in den Armen hielten und unsere Köpfe und Herzen sortieren, erinnere ich mich vor allem an ein Gefühl: dieser Mensch, der Vater meines Kindes, der war ebenso involviert, wie ich. Er beschützte mich und unsere Tochter in dieser schwierigen Kliniksituation, so gut er konnte und wich nicht von meiner Seite. Ich sah, was er für ein Vater sein wollte, was dieser Moment für ihn bedeutete und wusste, das ist mit keinen Schmetterlingen der Welt aufzuwiegen.

Manchmal denke ich an dieses frühe Liebesgefühl und dann vermisse ich es. Weil es aufregend und schön war, ein frisches Gefühl, in das sich ein bisschen Unsicherheit mischt. Eine Phase in der Liebe, in der noch alles möglich zu sein scheint und noch so viele Dinge in der Zukunft liegen. Ungewissheit liegt in diesem Gefühl, aber auch Neugier, Mut, Offenheit. Es war wundervoll, das zu empfinden und manchmal frage ich mich, ob es mir leid tut, dass ich das nicht mehr fühle. Die Antwort ist nein. Immer wieder.

©by Anna Luz de León

Das, was an die Stelle der Schmetterlinge getreten ist, ist der Grundstein für alles, was danach in meinem Leben passiert ist. Die Liebe, die die Schmetterlinge abgelöst hat, hat den Boden bereitet, auf dem unsere Familie gewachsen ist. Alles, was wir heute sind und haben, drei gesunde, zum Teil erwachsene Kinder, ein Zuhause für uns alle, ist aus diesem Gefühl entstanden. Nichts könnte kostbarer sein für mich.

Wie ist das für euch?

Last Updated on 17. Februar 2023 by Anna Luz de León

6 Kommentare

  1. Liebe Anna,

    Nun einmal in den Genuss gekommen, traue ich mich nun öfter an einen Kommentar, vor allem nach deiner so lieben Antwort ❤.

    So wie du die Liebe beschreibst, konnte ich sie bisher in den wenigen 23 Jahren natürlich noch nicht erleben. Es gibt mir einen wunderschönen Einblick in eine mögliche Zukunft und nimmt mir die Angst vor etwas, was ich schon relativ früh zu haben schien: Die Angst, was passiert, wenn die Schmetterlinge weg sind. Woher genau sie kam, kann ich nicht ganz sagen, eventuell, weil es Zuhause auch nicht immer leicht war zwischen meinen Eltern und ich darauf sehr sensibel reagiert habe als Kind.

    Umso schöner ist es für mich, deine Beiträge zum Thema Liebe zu lesen, denn es beschäftigt mich selbst sehr.
    Ich hatte eine wundervoll chaotische Beziehung über 3 Jahre, mit einem jungen Mann, den ich immer noch sehr schätze und auf eine gewisse Art auch noch liebe. Leider kamen uns unterschiedliche Vorstellungen von Liebe und Leben in die Queere und seitdem scheint das Thema für mich ein kompliziertes zu sein. Viele Menschen, denen ich begegne und die ich auf den ersten Blick wundervoll finde, haben dann ganz andere Vorstellungen von Liebe, oder eher von Beziehungskonzepten. Ich wünsche mir da etwas sehr Klassisches, während in unserem Alter gerade offene Beziehungen sehr verbreitet zu sein scheinen. Manchmal macht mir das Angst, aber ich hoffe sehr, dass irgendwann das Richtige für mich dabei ist.

    Vielen Dank für deinen wunderschönen Post und alles Liebe ❤
    Natalie

  2. Liebe Anna,

    jetzt möchte ich dir auch mal einen Kommentar da lassen, nachdem mich schon mehrere deiner Texte so berührt haben und gerade diese Reihe über die Liebe ist so wundervoll. Du schreibst wirklich wunderschön. Danke dass du deine Worte mit uns teilst.

    Alles Liebe für dich,
    Julia

  3. Liebe Anna, danke für diesen wunderschönen, ehrlichen Text!! Ich bewundere es sehr wie du alles in Worte fassen kannst, die so berühren ❤️
    Alles Liebe,
    Birgit

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