das wilde leben
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zugeklebt und festgebunden ::: gewalt gegen kinder als erziehungsmaßnahme

Gestern machte ein Artikel die Runde durchs Netz. Erst las ich nur die Notiz und dachte: das kann nicht stimmen, das DARF nicht stimmen. Dann recherchierte ich und fand an diversen Stellen diesen Sachverhalt, kurz zusammengefasst:

In Wertheim wurden drei Kindern von zwei Erzieherinnen der Mund mit Klebeband zugeklebt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte zunächst, hat aber nun die Ermittlungen gegen die Erzieherinnen (eine davon die Leiterin der Kindertagesstätte, in der das passierte) eingestellt, es seien keine körperlichen Schäden bei den Kindern festgestellt worden.

Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber während ich mich gestern darüber fürchterlich aufregte und noch dachte, das müsse ein Einzelfall sein, berichtete eine meiner Timline-Mütter bei Twitter davon, dass ihre Kleinkindtochter ihr erzählte, sie sei während der Mittagsruhe in ihrem Bett festgebunden worden und habe nach der Mama gerufen. Das, was dann auf Twitter zwischen uns Müttern hin und her ging, war der Ausdruck einhelligen Entsetzens und Abscheu.

Ich setzte einen Tweet ab, der mir danach nicht mehr aus dem Kopf ging: „Klebeband auf Kindermündern = Gewalt. Wer was anderes sagt, hat grundsätzlich einen Denkfehler: Kinder SIND vollwertige Menschen!“

Natürlich kann man das besser formulieren. Aber das waren gestern meine 140 Zeichen, über die ich noch lange nachgedacht habe, als ich längst offline war und eigentlich schlafen wollte. Was ist es genau, was mich so aufregt an dieser Geschichte oder an der, mit dem festgebundenen Kind beim Mittagsschlaf?

Der Punkt ist der: wenn Erwachsene meinen, sie müssten Kinder auf diese Weise disziplinieren, ihnen Räson beibringen, ihnen zeigen, wo es lang geht, noch dazu, wenn es sich um Erwachsene handelt, denen die Kinder anvertraut sind, ist immer ein gigantisches Machtgefälle im Spiel. Je kleiner die Kinder und je enger die Beziehung zu der erwachsenen Person, umso dramatischer die Situation: ein Mensch, dem das Kind vertraut (oder vertrauen soll), den es mag, den es vielleicht sogar liebt, missbraucht seine Position, indem er seine Überlegenheit voll ausspielt. Macht ausübt. Das hat nichts mehr mit Erziehung zu tun, das ist schlicht und einfach Gewalt.

Das ekelt mich so an, das ich es kaum ertragen kann. Gewalt gegen Schwächere, sei es physische oder psychische Gewalt, ist furchtbar. Und Kinder sind die Schwächsten, die es gibt. Abhängig, auf Hilfe angewiesen, noch nicht ausgestattet mit den Mitteln und Werkzeugen, sich zu wehren: Wissen, Sprache bzw. die richtigen Worte, körperliche Stärke, das Verständnis dafür, was mit ihnen geschieht oder warum. Und diese Aggression, die darin steckt, einem Kind mit einer solchen  Maßnahme zur Disziplinierung auf den Leib zu rücken, die körperliche und geistige Überlegenheit auszunutzen, um sie buchstäblich zum Schweigen zu bringen oder ruhig zu stellen, zu fixieren, ist abstoßend.

Denn diese Erwachsenen fühlen sich im Recht. Sie denken, sie hätten richtig gehandelt und ihr Verhalten sei eine gerechtfertigte Maßnahme, ein Kind zu erziehen.

– Es ist 11:30, alle auf den Pott. Was, da muss eins nicht Pipi? Das bleibt sitzen, bis was kommt.
– Mittagsschlafzeit heißt Augen zu. Du bist nicht müde? Dann sitze ich neben dir und überwache, dass die Augen zu sind. Und wenn sie aufgehen, bleibst du extra lange liegen.
– Es wird gegessen, was auf den Teller kommt. Du magst keine Wurst? Du bleibst sitzen, bis sie gegessen ist. Die Wurst ist auf den Boden gerollt? Egal, in Afrika verhungern die Kinder, die würden sich freuen.
– Die Anweisungen von Lehrer/Lehrerin sind Gesetz. Du stellst das in Frage? Dann mache ich dir das Leben zur Hölle, bis du kuschst. Wenn’s sein muss per Noten.
– Licht aus, schlafen. Du hast Angst im Dunkeln. Das treibe ich dir aus: die Tür bleibt zu, dann schläfst du schon irgendwann ein. Und wehe, du kommst raus, ich halte vor der Tür Wache und schicke dich immer wieder ins Zimmer zurück.
– Du gibst Widerworte? Ich klebe dir den Mund zu.
– Du benutzt Schimpfworte? Ich wasche ihn dir mit Seife aus.
– Du willst nicht liegen bleiben? Ich binde dich fest.
Wär‘ doch gelacht!

Undsoweiterundsofort. Die Liste könnte endlos so weitergehen.

Das sind keine Dinge, die ich mir ausdenke, sondern Geschichten aus meinem Leben oder dem Leben von mir nahe stehenden Menschen. Und alle diese Erfahrungen zeugen von einem geradezu perfiden Sadismus, den Erwachsene, Lehrer, Erzieher, Eltern, da ausagieren und sich im Recht fühlen, weil sie sich einreden, sie würden den Kindern ja nur erleichtern, Regeln anzuerkennen und sich in gesellschaftliche Normen einzusortieren. Dennoch ist dieser Umgang mit Kindern, so unzeitgemäß er auch erscheinen mag, offensichtlich immer noch gesellschaftlich sanktioniert. Common sense.

All dem zugrunde liegt eine meiner Ansicht nach grundfalsche Annahme: Kinder seien kleine Asoziale, die erst mal abgerichtet und domestiziert werden müssten, um überhaupt gesellschaftsfähig zu werden. Kinder seien weniger wert als Erwachsene, keine vollwertigen Mitglieder der Gesellschaft, unfertig. Das ist genau die Haltung, die ich im Tweet einen Denkfehler genannt habe und die mir leider immer wieder begegnet.

Die Kinder aus Wertheim und das Kind aus meiner Twitter-Timeline haben Glück im Unglück gehabt. Sie haben offenbar Eltern, die ihnen glauben und die sie ernst nehmen. Diese Eltern haben etwas unternommen, sie haben im übertragenen Sinn das Klebeband von den Mündern ihrer Kinder entfernt und ihnen das Recht wieder gegeben, zu sprechen und gehört zu werden. Viele Kinder haben diese Lobby nicht und daran zu denken, wie schutzlos diese Kinder denjenigen Erwachsenen ausgeliefert sind, die sie „erziehen“ wollen, verursacht mir Übelkeit. Ich weiß, es gibt noch Schlimmeres als das, was diesen Kindern passiert ist. Aber das macht das Zukleben und Festbinden nicht besser.

Denn Kinder sind vollwertig. Sie kommen schon vollwertig zur Welt. Sie sind keine leeren Blätter weißen Papiers, die wir beschreiben können, wie es uns gefällt. Wir formen sie nicht, wir gestalten sie nicht, wir modifizieren sie nicht. Sie sind schon Personen, wenn sie geboren werden und sie werden mit allen Menschenrechten geboren, die wir für uns selbst beanspruchen.

Ich möchte das gerne in Stein meißeln. Ich möchte es mir tätowieren und als Inschrift in meine Haustür brennen. Ich möchte es jedem, der Kinder als minderwertig und beherrschenswert behandelt, ins Gesicht schreien. Und ich möchte, sehr unreif, den Erzieherinnen aus der oben genannten Geschichte den Mund mit Klebeband zukleben. Das ist ein niederer Instinkt in mir, der gerne so eine Art Gerechtigkeit walten lassen würde. Ich sage bewusst niederer Instinkt, weil so eine Handlungsweise niedrig ist, jedem Menschen gegenüber, erwachsen oder nicht. Ich weiß das und wir alle wissen das: einem Erwachsenen gegenüber wäre eine solche Handlungsweise in jedem Fall Gewalt. Wieso gilt das nicht automatisch auch für Kinder?

„Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“ (Maria Montessori)

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  1. Hier bei uns gab es auch so einen Fall, in einer Kindertagesstätte, Kinder wurden am Stuhl festgebunden! Die Erzieherinnen wurden versetzt, ermittelt wurde auch, ich weiss aber nicht ob da noch etwas nach kam!
    Ich verstehe genau was du meinst und bin ganz deiner Meinung. Leider musste ich als Kind auch eine solche Erfahrung machen und das belastet mich immer noch. Ich habe bis vor ein paar Monaten nie die Person darauf angesprochen die das mit mir gemacht hat. In einem Brief habe ich es dann geschafft, es hat gut getan die Schuld da abzuladen wo sie hingehört! Leider bin ich mit dieser Aktion nicht auf Verständnis gestossen.- Das war doch nur zu deinem Besten.- Mein Mann weiss Bescheid, sollte ich je so eine Aktion meinen Kindern gegenüber starten, darf er mich rausschmeissen! Gewalt und Macht den Kindern gegenüber auszuleben ist das Allerletzte.
    Leider muss man sich darauf verlassen, dass die Erzieher der eigenen Kinder nicht so handeln und kann nur hoffen, dass die Kinder erzählen wenn sowas passiert. Das Mummelchen hat mal von der Kitaleiterin einen Klapps bekommen, da war sie 2, sie wollte nicht hören. Diese Frau hat mir das selbst stolz berichtet! Da kam Freude auf, es ging soweit, dass sie gemeint hat, wenn mir das nicht passt, müsste ich mir eine andere Kita suchen! Ich meinte nur dann müsste sie sich eher einen neuen Job suchen! Hallo? Grr ich ärgere mich immer noch!

  2. „Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“ – das ist bei uns zwar Gesetz, aber was gewaltfrei ist oder nicht, ist halt zu weiten Teilen Auslegungssache. Die von dir oben beispielhaft genannten „Erziehungsmassnahmen“ fallen per Gesetz nämlich eher nicht in die Kategorie Gewalt, wobei ich ein Kind zum Essen zu zwingen auch als ekelhaften Eingriff in die Persönlichkeitsrechte sehe, und die anderen Dinge sind ebenfalls indiskutabel, klar.

    Ich könnte mich da auch lange aufregen, danke für diesen Post.

    Lieben Gruss, Christine

    • Ich erinnere mich an einen geradezu sadistischen Schwimmlehrer in einem städtischen Bad meiner Heimatstadt, der uns als winzige Kinder (ich war vier) regelrecht quälte. Und was er mit uns machte, um uns schwimmen beizubringen, hat ganze Generationen von Kindern in dieser kleinen Stadt traumatisiert, mich eingeschlossen. Ein Wunder, dass ich heutzutage gerne schwimme und dass ich es überhaupt gelernt habe.
      Das Problem ist ja, dass andere Erwachsene, Eltern, Kollegen, dieses Verhalten weitgehend unkommentiert dulden oder eben sogar mittragen. Die Kinder, je nach dem, wie klein sie sind, können doch zum Teil gar nicht artikulieren, was da passiert. Ich hatte Glück mit einer aufmerksamen Mutter, die niemals Angst hatte, „unangenehm aufzufallen“, wenn sie sich vor ihre Kinder stellte. Sie hat mich kurzerhand dort abgemeldet und sich damit den Zorn der anderen Eltern zugezogen, die gar nicht in Betracht zogen, es könne ein Problem da sein, dass auch ihre Kinder beträfe.
      Das meine ich mit gesellschaftlich sanktioniert. Wie oft sieht man Leute beifällig nicken, wenn Kinder angeschrien oder klein gemacht werden. Wie oft sind Eltern noch dankbar, dass irgend jemand, eine Erzieherin, ein Lehrer, dem Kinde „mal die Flötentöne beibringt“.
      Es entsetzt mich immer wieder, wie sehr diese Art von „Erziehung“, schwärzeste schwarze Pädagogik, immer noch in den Köpfen als okay kategorisiert ist. Dass Kinder kostbar sind, dass sie schützenswert sind, dass sie vollwertig sind – ist dort nicht angekommen.
      Traurig ist das.

      • Ja. Es gibt so viel unnötiges Leid, und es wirkt so lange nach. Ich habe eben, als ich die Kinder zur Kita/Hort brachte, noch darüber nachgedacht – ich denke an einen bestimmten Vater, den ich kannte, der gerne mal sagte „Mir hat das auch nicht geschadet.“. (Anschreien, Türen knallen, mit Geschirr schmeissen, Kinder zum Schlafen im Dunkeln einsperren mit Tür zu, etc.).
        Selbstbelügen bei traumatisierten Erwachsenen ist Teil des Problems, denke ich. Da müsste man viel früher ansetzen, eigentlich in der Schule, mit Aufklärung. I have a dream.

  3. Melanie Preuss sagt

    Ich gebe Dir in allem, was Du geschrieben hast vollkommen Recht!
    Ich finde es sehr traurig, wie manchmal mit Kindern umgegangen wird!
    Doch sollte man auf keinen Fall alle Erzieher in einen Topf werfen!
    Ich bin selbst Erzieherin in einer Kita und ich schäme mich für solche Kolleginnen wie in den beschriebenen Fällen. Ich hoffe, das sie fristlos gekündigt werden und nie wieder Kinder unter solchen Maßnahmen Leiden müssen!
    Es sind aber nicht alle Erzieher so!

    • Liebe Melanie,

      danke für deinen Kommentar. Nein, wenn alle Erzieher*innen so wären, dann könnte man ja kein Kind mehr ruhigen Gewissens irgendwo hin geben! Ich bin auch weit davon entfernt, alle Menschen in deinem Berufsstand unter Generalverdacht zu stellen, im Gegenteil: ich kenne, gerade in der aktuellen Kita meiner zwei kleinen Kindern, ausnahmslos engagierte Menschen in diesem Beruf, die Kindern mit Respekt begegnen und Freude daran haben, sie wachsen zu sehen, nicht, sie klein zu machen. Und ich hoffe mit dir, dass für die zwei Frauen aus der Kita in Wertheim unangenehme Konsequenzen entstehen und sie sich damit befassen müssen, was sie da eigentlich getan haben.

      Liebe Grüße!

  4. Das hast du wunderbar geschrieben. Ich kann es nicht fassen das solche Methoden wirklich noch Gang und Gäbe sind! Ich selber kann mir nicht vorstellen so mit meinem Kind umzugehen. Auch wenn es mal schwierig ist, würde ich nie auf den Gedanken kommen meinem Kind mit Gewalt seinen Willen auszutreiben! Es tut mir wirklich leid, was manche Kind erleben müssen!

  5. Das eine ist die Gewalt durch Erzieher in einer Kita an den Kindern- und was ist mit dem Vertrauenbruch gegenüber den Eltern?
    Ich kenne viele Mütter die sich wirklich nur sehr schweren Herzens für eine Kita entscheiden und dann passiert dort so etwas. Sie können nicht auf ihre Kindr achten und überlassen sie anderen und diese machen genau das, wovor sie sie als Eltern schützen wollten.

    So ein Verhalten ist auf so vielen Ebenen falsch. 🙁

  6. Solche Geschichten machen es einem nicht gerade leicht, das eigene Kind in die Krippe oder in den Kindergarten zu schicken, finde ich. Als ich noch schwanger war, habe ich mal ein Gespräch von einer Mutter mit ihrer Freundin mitbekommen, die zwei Kinder in einer Einrichtung hatte und das größere der beiden wurde von einem Erzieher der Eltern geohrfeigt. Als die Mutter sich daraufhin beschwert hat, wurde von dem Elternkreis beschlossen, dass die Version des Erziehers, nämlich, dass das Kind ihn provoziert hätte, stimmiger sei, schließlich würden Kinder sich sowas gerne mal ausdenken. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wurde als Sahnehäubchen wurde der Mutter des geschlagenen Kinders auch noch dringend nahegelegt, auch das kleinere Kind aus der (anderen) Gruppe zu nehmen, von heute auf morgen. Ich meine, natürlich würde wahrscheinlich niemand, dem sowas passiert, seine Kinder in so einer Einrichtung weiter betreuen lassen, aber ich finde das schon ein starkes Stück.
    Und was mich noch mehr aufgeregt hat, ist, dass, als ich die Geschichte beim Abendessen mit einem befreundeten Paar (sie ist Grundschullehrerin) erzählt habe, eigentlich alle der Meinung waren, dass das schon okay sei so. Weil, Kinder erzählen schließlich viel, wenn der Tag lang ist und wenn sie sich über jemanden ärgern, dann auch gerne mal, dass er sie geschlagen habe. Ich musste mich wirklich sehr beherrschen in dieser Runde, um nicht vollkommen auszurasten.

    Trotz dieses unfassbar fürchterlichen Themas schöne Grüße an dich aus Hamburg, liebe Anna!

    • Liebe Johanna,
      das ist haarsträubend! Da liegt genau dieser Denkfehler drin: Kinder muss man nicht für voll nehmen, weil sie nicht vollwertig oder einem Erwachsenen gleichwertig sind. Ich hätte denen die Bude klein gemacht. Und wenn ich zur Bild-Zeitung gehen würde, ich würde sowas nicht auf sich beruhen lassen.
      Liebste Grüße zurück nach HH!

  7. Ganz klar: physische und psychische Gewalt gehen GAR NICHT!!! Basta.

    Mit tut es sehr weh, so etwas zu lesen.

    Als Erzieherin frage ich mich allerdings auch: unter welchen Bedingungen arbeiten Leute mit Kindern? Welche Umstände treiben sie zu solchen Verhaltensweisen? Wieso kann so etwas überhaupt passieren? Wie, wo und wie lange wurden die Personen ausgebildet? Gibt es ein Qualitätsmanagement?

    Ich finde, da muss generell viel besser hingeschaut werden.

    • Da hast du vollkommen recht. Es müsste besser ausgebildet, weitergebildet und besser bezahlt werden. Es müsste ein Bachelor-Studiengang sein. Es müsste mehr Evaluierung geben und den größeren Blick über den Tellerrand. Es müsste endlich klar sein, dass BILDUNG nicht in der ersten Klasse anfängt. Die Menschen, denen wir unsere Kinder im Kleinkindalter schon anvertrauen, müssen gut ausgebildet, gut unterstützt, gut bezahlt und gewertschätzt werden. Dann gehen vielleicht auch mehr Leute in den Job wie du und nicht, wie leider häufig, Menschen, die denken, sie „machen halt was mit Kindern“.

  8. Ich denke Deinem Artikel kann man nur zustimmen. Ich sehe oft Eltern, die ihre Kinder versuchen zu dressieren wie einen Hund. Oft stecken dahinter aber eigene Erfahrungen, nach dem Motto, was meine Eltern mit mir gemacht haben, hat mir ja auch nicht geschadet. Das Problem ist, dass man oft nicht weiss, was hinter verschlossenen Türen abgeht. Wenn sowas aber in öffentlichen Einrichtungen wie Kitas oder Schulen stattfindet, ist das noch viel schlimmer. Ich erinnere mich an einen Mitschüler, der ungefähr ungefähr 7 Jahre alt war und dem unsere Klassenlehrerin ein großes Pflaster auf den Mund geklebt hat und mit diesem musste er in der großen Pause auf dem Schulhof stehen, als mahnendes, abschreckendes Beispiel für die anderen Kinder. Sie hat extra aufgepasst, dass er das Pflaster nicht abnahm. Der Junge stand dann während der gesamten Pause in einer Ecke und hat geweint . . .

  9. Mein Sohn hat mal erzählt, dass er in der Kita in der Ecke stehen musste. Er ist zweieinhalb und erzählt auch gerne, dass im Garten der Kita eine Hexe wohnt oder der Grüffelo oder dass ein anderes Kind ins Klo gefallen ist. Ein Kind in die Ecke zu stellen finde ich demütigend, das will ich auf keinen Fall dulden. Als Eltern ist man da ein bißchen in der Zwickmühle- einerseits muss man unglaublich wachsam sein und auch auf kleine Signale der Kinder achten, andererseits darf man die Erzieher auch nicht vorverurteilen. Ich habe dann in der Kita nachgefragt, was mein Sohn mit „in die Ecke gehen“meint. Es war tatsächlihc so, dass er gelegentlich beim Essen ausgeschlossen wurde und sich alleine an einen kleinen Tisch in der Ecke setzen musste, wenn er zuvor mit dem Essen um sich geworfen hatte. Ich finde auch das demütigend und bin froh, dass ich es angesprochen habe, um rechtzeitig einen Riegel vor auch diese Art von Gewalt zu schieben.

    • So etwas Ähnliches kenne ich tatsächlich auch aus unserer Kita: wenn die Kinder beim Essen randalieren, mit Essen werfen, anderen auf dem Teller rumstochern oder sie attackieren, werden sie verwarnt und an die Regeln erinnert. Wenn es dann nicht aufhört, müssen sie an einem Tisch alleine essen. Das finde ich so ein Zwischending: in dieser Gruppe sind die Kinder alle fast 4, da können sie schon ein paar einfache Grundregeln des Miteinanders lernen. Es gehört dazu, dass respektvoll miteinander umgegangen wird und wenn sie wiederholt nicht diese Regeln einhalten wollen, kriegen sie ein „time-out“ von wenigen Minuten oder bis sie sich beruhigt haben. Sie werden dabei nicht allein gelassen, es wird weiter respektvoll mit ihnen gesprochen und es wird ihnen auch gesagt, dass sie jederzeit an den Tisch zurück dürfen, wenn sie sich an die Regeln halten und wieder mit der Gruppe sitzen/essen wollen. Dasselbe passiert beim Spielen etc., wenn ein Kind ein anderes attackiert. Ein Time Out ist zwar für das betroffene Kind auch nicht schön, ist aber meiner Meinung nach ok, solange der Ton und der Rahmen auf Erzieherinnenseite stimmen. Und wenn die Kinder in einem Alter sind, in dem sie diese Regeln begreifen und befolgen können.

    • Um es vorweg zu nehmen: ich finde, der Vorfall in der Kita mit den Klebebändern ist absolut unter der Kategorie „Geht gar nicht!“ anzusiedeln. Ich habe den Artikel auch auf facebook verlinkt und es gab eine heiße Diskussion darüber. Unglaublich, was manche Menschen für „ok“ halten.
      Trotzdem, Mama Mia, eine Frage: Was tust du Zuhause, wenn Dein Sohn mit Essen wirft? Lässt du ihn gewähren?
      Wir kündigen unseren Kindern auch an, dass sie allein am Küchentisch essen müssen, falls sie sich am gemeinsamen Esstisch weiterhin grob daneben benehmen – darunter fällt m.E. auch definitiv das Werfen mit Essen. Bisher hat sich keiner dafür entschieden, alleine essen zu wollen, aber wenn einer partout weitermachen würde, würde ich ihn auch nach nebenan schicken – alleine schon, um die anderen Familienmitglieder und ihr Recht auf eine ungestörte Mahlzeit zu würdigen. Ich finde das nicht demütigend, es ist die freie Entscheidung des Kindes, ob es sich an Regeln halten und am Familienleben teilnehmen oder ob es die Regeln brechen und alleine sein will. Manchmal tut alleine sein auch mal gut, nebenbei gesagt.
      Wie geht denn die Kita inzwischen damit um? Habt ihr eine andere, für alle Seiten gangbare Lösung gefunden?

      • Oh, ich hatte Annas Antwort gar nicht auf dem Bldschirm, als ich kommentiert habe. Ja, genau so meine ich es, so handhaben wir es auch. Und das finde ich nicht demütigend.

  10. Bei all der Zustimmung zu deinem Artikel und deiner Meinung, muss ich jetzt auch mal meine Bedenken, insbesondere zu den ganzen Kommentaren hier, äußern. Ich stimme dir natürlich völlig zu, dass Gewalt gegen Kinder gar nicht geht. Die Frage ist nur – wo beginnt Gewalt im weitesten Sinne und wo sind es noch Erziehungsmaßnahmen?

    Mein großes Kind ist nun gerade mal 21 Monate alt, aber so langsam beginnt er, Dinge die er nicht darf/soll völlig bewusst zu tun um seine Grenzen auszutesten (Teller/Becher/… samt Inhalt auf den Boden werfen; alles mögliche im Bett veranstalten außer schlafen; vor mir weg laufen, schlimmstenfalls auf die Straße; und so weiter). Manche Dinge kann und will ich gar nicht tolerieren und irgendwie muss man ja auch Konsequenzen ziehen. Da finde ich es zum Beispiel nicht unangebracht ihn vom Essen auszuschließen bzw. ihm den Teller weg zu nehmen, weil er sich durch sein Benehmen nicht gerade als Tischgesellschaft anbietet. Natürlich wird das vorher angekündigt und es gibt auch mehr als eine Verwarnung.

    Außerdem kann es durchaus passieren, dass ich anfange rum zu brüllen, wenn er zum hundertsten Mal den selben Mist macht. Ich bin eben auch nur ein Mensch und kann mich (leider) nicht immer beherrschen. Wenn dann auch noch gleichzeitig das Baby brüllt und ich womöglich auch noch schlecht geschlafen habe, sind meine Nerven recht dünn. Natürlich finde ich es dann selbst blöd, dass ich gebrüllt hab, aber ich glaube auch nicht, dass das meinem Kind schadet. Ich denke er lernt dadurch, dass Mama und Papa nicht immer nur auf rosa Wolken schweben, sondern auch mal frustriert sind und die Beherrschung verlieren.

    Bei solchen Dingen finde ich es immer extrem schwierig die Grenzen abzustecken. Was ist denn mit dem Moment, wo ich mein Kind hoch hebe und nach Hause trage, weil ich das eben jetzt so möchte und er aber nicht. Oder Abends die Spielsituation beende, indem ich ihn auf den Wickeltisch setze und unter lautstarkem Protest umziehe, weil er nach mehreren Ansagen nicht freiwillig kommt. Im Prinzip ist das doch genauso Machtausübung, aber deswegen kann ich ihn ja keine Stunde belabern, jetzt doch bitte endlich zu machen was ich möchte. Manchmal geht es eben nicht anders und manchmal muss er eben einfach machen was ich will, weil nunmal ich das Sagen habe.

    Ich finde man muss immer vorsichtig sein mit der Verurteilung von anderen und gerade in unserer extrem vernetzen, schnelllebigen, digitalen Zeit geht das via Facebook, Twitter, Foren oder Blogs besonders schnell. Manchmal entsteht bei mir der Eindruck es gäbe nur Über-Eltern, die immer alles richtig machen, nie laut werden, nie an ihre Grenzen geraten und schier unerschöpfliche Geduld haben. Ich gehöre leider nicht dazu.

    Liebe Grüße
    Isa

    P.S.: Ich hoffe es denkt jetzt niemand ich würde mein Kind schlagen, einsperren, festbinden, täglich zusammen schreien oder diese Dinge gar gut heißen. So war das nämlich nicht gemeint.

    • Liebe Isa,

      ich glaube, es gibt einen ganz großen und sehr klaren Unterschied zwischen einer Mutter, die die Nerven verliert oder ihrem Kind eine Grenze aufzeigt und jemandem, der bewusst und als geplante Strafaktion einem Kind den Mund zuklebt. Denn das, so schreibst du ja selbst, würdest du niemals tun.
      Ich will nicht sagen, dass ich Kinder anbrüllen gut finde, aber jede Mutter, die sagt, sie hätte ihre Kinder noch nie angeschrien, lebt entweder nicht mit ihnen zusammen oder sagt nicht die Wahrheit. Das kennen wir alle, siehe mein Artikel über den Mama-Meltdown und #prokuscheln. Wenn ich meinen Kindern gegenüber die Beherrschung verliere und sie anmeckere oder auch mal laut werde, stelle ich immer klar, dass das eigentlich nicht ok war. Ich entschuldige mich für meinen Ton (nicht unbedingt für die Tatsache, dass ich überhaupt etwas gesagt oder getan habe) und sage, dass es nicht in Ordnung ist, so miteinander zu sprechen.
      Die Erzieherinnen in Wertheim haben genau das Gegenteil getan. Sie haben nicht im Affekt gehandelt, sondern planvoll. Als erzieherische Maßnahme. Und sie haben ihr Verhalten richtig gefunden: das Kind hatte es verdient, so behandelt zu werden.
      Das ist erstens falsch und zweitens etwas ganz anderes als das, was du aus deinem Alltag beschreibst.
      Oder? Was meinst du?

      Liebe Grüße!

      • Natürlich ist es ein riesen Unterschied, ob man mal die Nerven verliert, oder so eine Aktion geplant durchgeführt wird. Mir ging es ja mehr darum, dass es im Alltag immer wieder Situationen gibt, in denen man als Eltern Macht ausübt, was ich aber nicht unbedingt als Gewalt gegen das Kind bezeichnen würde und das ich die Grenzen schwer zu fassen finde.

        Liebe Grüße
        Isa

  11. Pingback: “Einfach” nur Kind sein (dürfen) | Playlabs

  12. Hi,
    Ich bin natürlich inhaltlich voll bei dir, allerdings glaube ich, dass die Erzieher/Mütter/Väter in dem Moment, wo sie sich so verhalten, nicht reflektiert handeln, sondern selbst gerade in ihrem kindlichen Anteil festhängen. Ein wahrhaft Erwachsener tut einem Kind nichts an. Nur ein Kind in einem erwachsenen Körper quält ein anderes Kind. Ist so eine Art Rache, kann man sagen. Der Satz „Mir hat das auch nicht geschadet“ zeigt genau, wie sehr es ihm eben wohl geschadet hat: derjenige hat sich als Kind total von seinem Schmerz dissoziiert und reproduziert das damalige elterliche Verhalten jetzt unbewusst. Denn ein klügeres Verhalten fällt ihm ja gerade nicht ein. 🙁
    Eigentlich müssten Erzieherinnen und Lehrer vor Dienstantritt erstmal ihre Beziehung zu ihren Eltern klären (als Teil der Ausbildung), so wie Psychotherapeuten das machen (hoffe ich jedenfalls). Dann würden sie nicht den ganzen pädagogischen Müll ihrer eigenen Kindheit ständig wiederholen.
    Liebe Grüße
    Michaela

  13. Meine Liebe, leider komme ich tatsächlich erst heute Abend dazu, all deine Artikel der letzten beiden Wochen nachzulesen. Als betroffene Mama des Kita-Vorfalls geht mir dieses Thema natürlich besonders nahe und ich freue mich sehr, dass du dich des Themas noch einmal angenommen hast.

    Glücklicherweise hat sich unser Kita-Vorfall tatsächlich als Missverständnis herausgestellt. Und trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Weil mir diese ganze Sache wieder einmal gezeigt hat, wie verletzlich und wehrlos unsere Kinder doch sind. Und dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass diejenigen, denen wir unsere Kinder anvertrauen, ihren Job immer professionell und zum Wohle unserer Kinder ausüben. Das sehe ich schon daran, dass sich eine der Erzieherinnen unserer Kita tatsächlich nicht mehr, bzw. äußerst „schmallippig“ grüßt. Da stellt sich mir natürlich die Frage, wieso mir diese Dame das Nachhaken so offensichtlich übel nimmt. Und ob sie sich meiner Tochter gegenüber professioneller benimmt, als sie es bei mir tut. Und das trägt nicht dazu bei, das angeknackste Vertrauen wiederherzustellen.

    Dass die Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen sehr oft missbraucht werden, sehe ich auch in meinem eigenen Job nur allzu oft. Da werfen Lehrerkollegen mit Kreide nach unaufmerksamen Schülern, Kinder müssen mit dem Gesicht zur Wand stehen, wenn sie sich „danebenbenehmen“ und cholerische Kollegen brüllen Schüler nieder. Zum Glück stehen all dem auch sehr engagierte und einfühlsame Pädagogen entgegen. Trotzdem bleibt es immer wieder eine große Vertrauensprobe, das eigene Kind an Schule, Kita usw. „abzugeben“. Denn sie könenn ihre Wünsche, Bedürfnisse und ihren Kummer eben oft nicht oder nicht ausreichend artikulieren.
    Urteile wie das oben genannte zeigen jedenfalls wieder einmal, welchen Stellenwert das kindliche Wohlergehen in unserem Rechtsstaat einnimmt. Und das ist wirklich erschreckend.

    Danke für diesen Artikel!

    • Hey, meine Liebe, schön, dass es sich zunächst bei euch so geklärt hat – auch wenn die Nachwirkungen offensichtlich noch nicht ausgestanden sind. Aber ich schrieb dir ja schon via Twitter, dass ich es für’s Kind vor allem wichtig finde, überhaupt etwas zu tun. So wie die Eltern der Klebeband-Opfer: das nicht einfach hinnehmen, als common sense absegnen, sondern sich vor sein Kind stellen, auch wenn man die Situation nicht rückwirkend löschen kann.
      Wie schön wäre das!
      Liebste Grüße!

  14. Wenn ErZIEHerinnen nur noch DRUCK machen, sind sie ErDRÜCKerinnen. Als Ich-kann-Schule-Lehrer moniere ich seit Jahrzehnten, dass die Pädagogik zwischen ErDRÜCKung und ErZIEHung nicht unterscheiden kann, ja, gerade im Problemfall auch noch ErDRÜCKung als die bessere ErZIEHung ansieht und durchführt und propagiert.
    Mit DRUCK kann man aber Kräfte nicht lenken – mit SOG-Wirkung dagegen lassen sich Kräfte mühelos punktgenau lenken.
    Von Druck werden Talente nicht satt sondern matt und platt – SOG richtet auf und macht wachsen, und dadurch wird man dem Leben GEWACHSEN.
    DRUCK komprimiert Mensch + Problem; das ist das exakte Gegenteil von LÖSUNG – SOG dagegen löst.
    Iuristen können „den Buchstaben des Gesetzes gemüge tun“ -.aber nicht dem Menschen und schon gar nicht seinen Talenten. Das sollten an sich Pädagogen können – leider können sie meist nur das Gegenteil.
    Die Ich-kann-Schule zeigt an Beispielen, dass man es LERNEN kann.
    Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe

  15. Ich habe mich eben über fast das gleiche Thema ausgelassen und schaue mich grade um was noch so geschrieben wurde dazu. Bei mir geht es aber mehr um die Gewalt zuhause.

    Das Thema was du ansprichst finde ich auch sehr aufregend und ich als Erzieherin bin empört aber auch froh dass noch keine meiner Kolleginnen mit so einem Quatsch angefangen hat!
    Wenn da doch nur alle an einem Strang ziehen würden, oder?

    Falls du auch meins lesen magst:
    http://konsolenmami.blogspot.de/2013/10/ich-gegen-gewalt.html

    Liebe Grüsse

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