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würden wir snowden verstecken, mama? ::: über den wunsch nach sicherheit und den verlust von freiheit

Ich lese Bücher, mein Mann liest Zeitung.

Im Urlaub bedeutet das, er liest Die Zeit, weil er genügend Zeit dafür hat. Und konkret bedeutet das, dass unser neugieriger Preteen sich die aktuelle Nummer der Zeit mit dem Snowden-Titel „Würden Sie diesen Mann verstecken?“ geschnappt und darin quer gelesen hat. Was sich daraus ergab, war ein zum Teil erschütterndes und sehr aufregendes Gespräch mit unserer großen Tochter, das sich zu einem Grundkurs in Menschen- bzw. Grundrechten ausgewachsen hat. Von Osama Bin Laden bis Barack Obama, von Stasi bis NSA, von Terrorismus bis wehrhafte Demokratie waren wir plötzlich mittendrin in den großen und brandaktuellen Grundfragen unserer Gesellschaft.

Fotografie der aktuellen Nummer der ZEIT mit Edward Snowden auf dem Titel und der Schlagzeile "Würden Sie diesen Mann verstecken?"

DIE ZEIT: Edward Snowden-Titel

Was ich mich dabei frage ist: wie bringe ich meinen Kindern bei, dass Gesetze, die Regeln unserer Gesellschaft, wichtig und richtig sind und wir sie auch befolgen, dass es aber durchaus welche gibt, die keinen Sinn machen und die es wichtig ist, in Frage zu stellen? Wie erkläre ich meiner wissbegierigen Tochter (und irgendwann auch den anderen beiden), dass das Unrecht der Welt längst nicht immer nur von „Terroristen“ angerichtet wird, sondern dass es auch staatlich sanktioniertes, ja, sogar staatlich durchgesetztes Unrecht gibt? Und wie bringe ich ihnen bei, dass ihre Persönlichkeitsrechte die schützenswertesten Rechte überhaupt sind?

„Mama, ich würde den nicht verstecken. Da würde man sich ja mit schuldig machen, schließlich hat der ein Gesetz gebrochen. Und das darf man nicht.“

Daraufhin haben wir tief Luft geholt und darüber gesprochen, welches Gesetz er aus welchen Gründen gebrochen hat und dass wir der Meinung sind, dass es Dinge gibt, die größer und wichtiger sind als Gesetze: die persönliche Freiheit eines jeden Menschen.

„Aber ihr habt gesagt, es gibt immer einen richtigen Weg. Und wenn das Gesetz zu befolgen nicht der richtige Weg ist, wie weiß ich dann, was der richtige Weg ist? Gesetze sind doch wichtig!“

Wir sprachen über Überwachung. Was das bedeutet. Was es schon bedeutet hat, hier in unserem Land. Und was es wieder bedeuten könnte, überall auf der Welt. Dann kamen meine Schwiegereltern, einst Dissidenten in der DDR, Aufständler in der Nikolaigemeinde in Leipzig und kurz vor dem Mauerfall, nach jahrelangem Warten auf die Bewilligung ihres Antrages, ausgereist aus dem Land, das sie als ihre einzige Heimat kannten. „Frag mal den Opa und die Oma wie das ist, wenn man in einem Land lebt, in dem man ständig in Gefahr ist, wenn man nur seine Meinung sagt. In dem die Nachbarn, die Freunde, die Mitglieder der eigenen Familie einander bespitzeln, im Namen des Gesetzes und in dem jeder permanent unter Generalverdacht steht.“ Sie fragte und wir sprachen ein wenig darüber. Nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal mit einem aktuellen, ganz konkreten Anlass.

„Ihr habt gesagt, dass man sich richtig entscheiden muss und dass man immer versuchen soll, das Richtige zu tun. Findet ihr Barack Obama jetzt gut oder schlecht? Tut er das Richtige, wenn er Leute abhört, um Terrorismus zu verhindern? Er will doch nur sein Land beschützen. Oder?“

Uff. Sein Land beschützen. Das ist natürlich das Richtige – wie könnte es in den Augen eines Kindes nicht das Richtige sein? Wir sprachen über Terrorismus, darüber, was Menschen tun oder zu was sie in der Lage sind, wenn sie denken, dass sie im Recht wären. Und warum ein Staat sich dennoch niemals über die Rechte anderer Menschen erheben und sie mit Füßen treten darf, egal, um wen es sich handelt… Da waren wir wieder an einer Grenze angekommen.

„Aber Osama Bin Laden war doch böse, oder? Der war doch richtig verrückt! Leute, die so denken wie er, sind gefährlich und machen mir auch Angst. Es ist doch gut, dass der weg ist und nichts Schlimmes mehr machen kann! Und es ist doch wichtig, dass Obama Sachen macht, damit so etwas nicht mehr passieren kann.“

Dass diese „Sachen“ aber nicht die komplette Überwachung von Personen, Unternehmen, Staaten beinhalten dürfen, die mit Terrorismus nicht mal im Ansatz zu tun haben, versuchten wir ihr dann zu erklären. Dass die größte Angst vor dem schlimmsten terroristischen Anschlag nicht rechtfertigt, dass wir Menschen, Bürger, dafür unsere Freiheit aufgeben und unsere Persönlichkeitsrechte dem Streben nach einer Sicherheit opfern, die es niemals vollständig geben kann.

In diesem Gespräch wurden die Augen meiner klugen Tochter immer größer. Sie stritt mit uns über das Verhältnis von Angst, Freiheit und dem Wunsch nach Sicherheit oder Schutz vor Terrorismus. Und es war gar nicht so einfach, ihr zu erklären, warum wir jenen Edward Snowden dafür bewundern, wie er sich entschieden hat: für den Schritt aus der Legalität und auch aus einer Art Normalität und vor allem Sicherheit hinaus und mitten hinein in eine Art Niemandsland, in dem sich für ihn nichts mehr anfühlen wird, wie zuvor.

Ja, wir würden ihn verstecken. Das wäre wahrscheinlich sogar die beste Lektion für unsere Kinder. Denn das ist es, was ich ihnen beibringen will: dass sie ihre Freiheit höher einschätzen als ihre Angst oder ihre (vermeintliche) Sicherheit. Dass sie durchschauen lernen, was die wichtigen, die „richtigen“ Werte in unsere Gesellschaft und im Zusammenleben mit anderen sind. Dass sie nicht ihre Grundrechte dran geben aus Angst um ihre Sicherheit.

Das sollten wir alle unseren Kindern beibringen. Dringend.

“They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety deserve neither liberty nor safety.”
― Benjamin Franklin, Memoirs of the life & writings of Benjamin Franklin

Auch noch lesenswert zum Thema Überwachung:  Nico Lumma.

7 Kommentare

  1. Niki sagt

    Wow, ein wichtiges Gespräch und Ihr habt das klasse gemeistert. Es wird nicht das letzte dieser Art sein, aber der Grundstein ist gelegt. Hut ab!

    • Liebe Niki, danke dir – wir geben uns Mühe und hoffen, es verpufft nicht einfach so. Sie ist ein schlaues Mädchen und fragt nach wirklich ALLEM. Das gibt uns die schöne Möglichkeit, ihr zu sagen, was wir richtig finden und uns zu wünschen, das unsere Meinung ihr noch lange wichtig sein wird. Liebe Grüße!

  2. Wow Wahnsinn, ich hoffe ich kann meinen Töchtern solche Themen auch so gut verständlich machen wenn es soweit ist!

    • Wir werden sehen, wie viel sie davon nun wirklich „verstanden“ hat und was sie für sich draus macht – darauf bin ich, ehrlich gesagt, sehr gespannt.

      • Ich finde es für mich schon schwer greifbar. Weshalb wird überwacht, was wird mit den Daten gemacht, die Zahlen des gesammelten Daten sind so riesig, wer liest mit, was macht das mit uns??? Antworten darauf hat anscheinend niemand! Ich bin gespannt wie das weiter gehen wird. Meinem Gefühl nach hätte ich Snowden auch sofort aufgenommen!
        Was ich auch schwierig finde, ist die Farge wieso jemand verfolgt wird der die Wahrheit sagt, Kritik ist nicht erlaubt, das sind Werte die ich meinen Kindern auf keinen Fall vermitteln möchte…

  3. Pingback: Ich hab nichts zu verbergen, aber … | Natalies Blog

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