Schreib doch mal was über das Leben mit den großen Kindern. Schreib doch mal über Schule! Wie es ist, wenn die Kinder die weiterführende Schule besuchen und den ganzen Tag dort sind oder ihre eigenen Termine haben? Wenn sie einen nicht mehr so brauchen? Wird es einfacher, je länger die Kinder in die Schule gehen? Kinder in der Schule begleiten – wie ist das, all die langen Jahre der Schulzeit hindurch?

Puh, ja. Ich dachte, ich hätte schon oft über diese Dinge geschrieben, aber es stimmt andererseits: das Thema Schule ist, wie viele Themen rund um Elternschaft, unerschöpflich. Und über Schule habe ich, wenn ich ehrlich bin, noch nie so explizit geschrieben.

Kinder in der Schule begleiten – through the years

Das Leben mit großen Kindern in der Schule ist anstrengend. Nie leise. Nie langweilig. Nie ohne Spannung für mich. Es bietet mir in vielen Aspekten mehr Freiheiten, das ist richtig. Und es lässt mir auch mehr Kapazitäten für Dinge, für die ich in den frühen Jahren nicht so viel Zeit oder freie Valenzen hatte. Aber all das hat mindestens zwei Seiten. Und wenn ich eins nicht unterschreiben würde, dann die Aussage, dass Teenager uns als Eltern nicht mehr so brauchen. Das Gegenteil ist der Fall.

Der Schulstart: Eltern als naive Optimisten

Als mein erstes Kind eingeschult wurde, hatte ich keine Ahnung davon, was das bedeuten würde: meine Kinder in der Schule begleiten. Ich steckte ich mit allem, was mich ausmachte, in den „kleinen Tagen“.

Einschulung mit Waldorfschultüte | berlinmittemom.com

Es war Mitte September im Jahr 2009 und ich dachte, mein Leben könnte nicht anstrengender sein. Am Tag der Einschulung hüpfte ein bis zum Anschlag aufgeregtes Erstklässlerchen an meiner Hand auf und ab, es trug die von der Patentante gebastelte Meerjungfrauenschultüte im Arm und war glücklich und angespannt zugleich. In meinem anderen Arm ruhte mein fünfmonatealtes Goldkind, rosig und fröhlich, eine schreckliche Nachteule, die uns kaum schlafen ließ und deren Taufe in genau einer Woche bevorstand. Mit Familienfest bei uns zu Hause und allem Drum und Dran. Und dann war da noch der Lieblingsbub auf dem Arm meines Mannes, ein zweijähriges Männlein, das Brillchen auf der Mininase und ein Pflaster auf dem „guten Auge“, der sich keine zehn Tage später einer Schiel-OP würde unterziehen müssen.

Ich war im Auge des Sturms und glücklich wie verrückt. Diese Zeiten haben mich als Mutter geprägt. Ich glaube im Nachhinein, dass ich trotz der Anstrengungen und auch nicht leichten Entscheidungen, die wir treffen mussten, vollkommen im Einklang mit mir selbst war. Ich war als Mutter sehr selbstsicher, ich traute uns als Familie ohne weiteres zu, alles zu bewältigen, was wir uns vornahmen oder was das Leben uns so vorsetzte.  Und ich war in Balance mit meinem Bauchgefühl. Es funktionierte verlässlich für alle meine drei Kinder und half mir, sicher und gut für sie und ihre individuellen Themen zu sorgen. Ich hatte wenige Selbstzweifel, wenn es darum ging, was für eine Mutter ich sein wollte. Ich war es einfach und es funktionierte wunderbar. Schule war nur ein weiteres Stichwort auf meiner To-Do-Liste, das ich mir absolut zutraute.

Wir schulten also das erste Kind frohen Mutes ein, ließen das zweite erfolgreich operieren und tauften das dritte mit einem schönen Fest, alles innerhalb von zehn Tagen. Das ist für mich im Nachhinein wie das Paradebeispiel dafür, wie unser Leben damals funktionierte. Alles griff ineinander, alles war relativ reibungslos, sogar die Dinge, die eigentlich Brüche im normalen Alltag bedeuteten, wie die OP und die Sorgen um den Bub in der Zeit unmittelbar davor und danach. Aber wir waren okay. Wir waren alle okay.

Die Grundschulzeit: 1, 2, 3 Kinder & komplexe Herausforderungen

Dann kam die Schulzeit. Es wurde anspruchsvoller und komplexer, die Bedürfnisse des Schulkindes zu lesen und zu beantworten, denn wir waren durch die langen Schultage und den neuen Alltag mit einem Mal viel weiter weg. Es traten unvorhersehbare Situationen auf, Klassenlehrerwechsel und Umbrüche in der Schule selbst, mit denen das Kind klarkommen musste. Dann starb meine Mutter und das warf uns alle aus der Bahn.

Wir stellten fest, dass ein Schicksalsschlag wie dieser selbst in der besten Schule wenig Platz hat und die Welt um uns her erwartete, dass wir schnellstmöglich zum Alltag zurückkehren sollten. Wir kümmerten uns umeinander, so gut wir konnten, aber jede*r von uns trug seine*ihre ganz eigenen Verletzungen davon. Nicht alle konnte man sofort sehen und identifizieren. Es blieben uns Narben und auch Phantomschmerzen, die unser zukünftiges Erleben und Handeln beeinflussten.

Ein Kind nach dem anderen wurde eingeschult und die Schulzeit, die ja für alle drei immer noch andauert, veränderte wirklich alles. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders beschreiben soll, außer so: die Kinder in dieses System von Schule einzufügen, fühlte sich richtig und falsch zugleich an.

Freitagslieblinge - Distance Learning | berlinmittemom.com

Leistungsdruck und sozialer Druck

Sie gingen in den frühen Jahren alle drei (meist) gerne zur Schule, sie lernten fröhlich alle neuen Dinge und saugten sie auf wie kleine Schwämme, sie lasen und schrieben und rechneten und forschten, und sie mochten all das. Und doch war bei allen auf die ein oder andere Art schnell auch eine deutliche Reaktion auf den Druck spürbar.

Je älter sie wurden, umso weniger waren wir als Eltern eingebunden in Geschehnisse und Vorkommnisse in der Schule. Was eigentlich hätte eine Erleichterung sein müssen (und es in vielen Aspekten ja auch war), wurde auch zu einem entfremdenden Faktor und schränkte unsere persönliche Entscheidungsfreiheit als Eltern mehr und mehr ein. Wir konnten nicht mehr einfach eingreifen, wenn es einem unserer Kinder nicht gut ging, eine Ausnahme von der Schulpflicht als Präsenzpflicht ist nicht vorgesehen in unserem System. Und es hätte manche Situationen gegeben, da hätte ich von so einer Ausnahme Gebrauch gemacht. Hinzu kam, dass wir anders als in den „kleinen Tagen“ vergleichsweise spät bemerkten, wenn etwas nicht stimmte. Wir waren einfach im Alltag nicht mehr so unmittelbar nah dran wie in den Jahren zuvor. Das machte es zusätzlich schwer, im Rahmen unserer Möglichkeiten Maßnahmen für unsere Kinder zu ergreifen, sei es, weil sie auf den Leistungsdruck reagierten oder auf sozialen Druck.

12 Jahre Schulkinder – der Realitätscheck

Bei jeder Einschulung unserer Kinder haben wir uns alle gefreut, wir haben ein kleines Familienfest daraus gemacht und sind mit nichts als positiven Gefühlen ins jeweilige Schulleben gestartet. Heute, 12, 9 und 7 Jahre später, sind wir mitten drin in der Mühle, wie alle mit großen Kindern. Es gibt Leistungs- und Zensurendruck, mal so, mal so. Es gibt den sozialen Druck und je nach Alter auch den berühmten Gruppendruck.

Und es gibt den gefühlten Druck durch diejenigen im Außen, „normal“ zu sein. Sich doch bitte einzufügen. Sich anzupassen bis zur Selbstaufgabe. Sich doch verdammtnochmal nicht so anzustellen, weil: „Das musste wir alle mal machen, da mussten wir alle mal durch, das war schon immer so.“ Mein „Lieblingsargument“ dafür, bloß nichts zu ändern. Gelobt sei, was hart macht und jetzt bitte Klappe halten und nicht zu sehr auffallen, nicht aufmucken, sich nicht unterscheiden, sondern Kopf einziehen und durch. Zu welchem Preis?

Und wir reden hier nicht von einer Stunde oder einer Woche oder einem Jahr, in dem ein System genau das von unseren Kindern verlangt. Wir reden hier von bis zu 13 Jahren Schulzeit. Und das, ihr Lieben, ist eine verdammt lange Zeit.

Lehrer*innen, die Gamechanger auf dem leckgeschlagenen Schiff namens Schule

Seit ich Kinder in der Schule habe, konnte ich feststellen, wie viele wunderbare Menschen es gibt, die als Lehrer*innen ihre Wege begleitet haben oder es noch tun. Kinder in der Schule begleiten ist ihr Beruf und oft eben auch eine Berufung.

Ich durfte Menschen begegnen, deren Leben und Herzblut es ist, sich für ihre Schüler*innen stark zu machen, sie wirklich zu sehen, so wie sie sind und sie gelten zu lassen. Ich war dabei, als diese Menschen für meine Kinder (und alle anderen ihnen anvertrauten Kinder) einen Unterschied gemacht haben. Ihnen Ängste genommen, Brücken gebaut und sie an der Hand genommen haben. Für immer werde ich diesen Menschen dankbar sein, werde sie niemals vergessen und hoffe, dass ich als Mutter die Wertschätzung und den Respekt, den ich vor ihrer Haltung und ihrer Berufsethik habe, gut genug ausdrücken konnte.

Alle Mann in die Rettungsboote!

Aber sie sind die Rettungswesten an Bord eines leckgeschlagenen Schiffes namens „Bildungssystem“ oder „Schule“, auf dem unsere Kinder in See stechen, wenn sie eingeschult werden. Sie sind diejenigen, die unermüdlich das Wasser aus dem Kahn schöpfen, damit das ganze Ding nicht untergeht. Und sie sind die, die immer wieder sagen müssen: „Da, schau, da ist das rettende Ufer und nein, keine Angst, du gehst nicht unter, ich hab dich fest an der Hand.“

Ja, unsere Kinder sollten im übertragenen Sinn das Schwimmen lernen, wenn sie in die Schule gehen. Dazu gehört auch immer wieder Mut und eine gute Portion Selbstüberwindung in bestimmten Situationen. Aber sie sollte nicht ohne das nötige Können, vernünftiges Training und die Selbstsicherheit ins Wasser springen, dass sie die Technik gut genug beherrschen, um ans Ufer zu gelangen. Und schon gar nicht sollten sie geschubst und mit dem Paddel unter Wasser gedrückt werden, damit sie aus purem Überlebenswillen los schwimmen.

Das Bild mag ein wenig überspitzt und hart sein, das gebe ich gerne zu. Aber nach diesen vielen Jahren mit Kindern in der Schule kann ich nur sagen: in diesem Land ist uns Bildung und ein zeitgemäßes Schulsystem nicht wichtig genug. Unsere Kinder sind uns nicht wichtig genug. Und ihr Wachstum als vollwertige Personen ist uns nicht genug wert. Corona und die Pandemie werfen auf unsere Prioritäten diesbezüglich noch mal ein besonders deutliches Licht. Und wir stehen als Gesellschaft nicht gerade gut da, was das angeht.

Teenager in der Schule begleiten | berlinmittemom.com

Konformität und Anpassung um jeden Preis?

Der Tag der Einschulung ist ein Meilenstein. Die Kinder sind voller Vorfreude und Wissensdurst. Sie wollen lernen, sie möchten sich entwickeln, das liegt in ihrer Natur. Aber das System, in das wir sie dann einfügen, belohnt vor allem diejenigen, die es schaffen, konform zu sein (ich behaupte, das sind die wenigsten) und sich massiv anzupassen. Es trägt diejenigen weiter, die ohnehin schon resilient sind und viel gut wegstecken können. Aber es kann im Regelbetrieb denjenigen, die auch nur im mindesten abweichen, nicht mitnehmen. Es ist wenig bis kein Platz für die, die mehr brauchen, als das Schema F. Und was der Preis ist, den diese Kinder zahlen, wissen wir gar nicht so genau.

Es gibt gute Schulen und wunderbare Lehrer*innen. Es gibt auch besondere Konzepte und vereinzelte Bemühungen von visionären Schulleiter*innen oder Trägervereinen, die Schule auch anders gestalten. Aber das System an sich ist rigide und massiv veraltet, und diejenigen, die Verantwortung tragen, bewegen sich nicht oder zu wenig/zu langsam. Das sehen wir jetzt sehr gut, wo die Kultusministerkonferenz und die einzelnen Bildungsministerien der Länder es nicht schaffen, einheitliche, tragfähige Konzepte umzusetzen, die den Regelbetrieb in den Schulen zu Zeiten von Corona möglichst sicher für Schüler*innen und Lehrer*innen machen könnten. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Große Kinder in der Schule begleiten: Was tue ich als Mutter?

Meine Kinder kommen klar. Sie haben jedes eine eigene Strategie entwickelt, in der Schule durchzukommen und zu überleben. Das gelingt je nach Lebensphase mal besser, mal schlechter, aber sie kommen klar. Für mich als Mutter ist es tatsächlich so: je älter sie sind, je weniger sich eine Schule (weiterführende Schule) für irgend etwas zuständig fühlt, was nicht unter pure „Wissensvermittlung“ fällt, umso mehr sind wir als Eltern wieder gefragt.

Genau hinzuschauen, mit den Kindern zu sprechen, was gerade so passiert, aufs soziale Miteinander zu achten, mit ihnen zu besprechen, was die Lehrer*innen eigentlich so machen/sagen und immer wieder nachzuhaken, wie es ihnen eigentlich gerade so geht. Inzwischen muss ich sagen, dass es für mich schon lange Zeit absolut nachrangig ist, ob ihre Noten besonders gut sind, ob sie die akademischen Erwartungen voll erfüllen oder welche Chancen sie haben, an welchen Schulen/Universitäten angenommen zu werden.

Homeschooling in Zeiten von Corona | berlinmittemom.com

Worauf es ankommt

Mir ist viel eher wichtig, ob es ihnen gut geht da, wo sie die meiste Zeit ihres Tages verbringen. Ob sie dort Menschen treffen, die sie zum Nachdenken und Nachfragen anregen und ob dort Themen besprochen werden, die sie auch interessieren. Ob sie möglichst all ihre Fragen stellen und diskutieren können. Ob sie ernstgenommen werden mit allen Themen, die ihnen durch den Kopf gehen. Ob sie sicher sind. Ob das, was sie bewegt, dort vorkommt, sei es der Klimawandel oder sonst ein aktuelles Thema des Weltgeschehens, das sie beschäftigt. Ob sie das Gefühl haben, an einem guten Ort zu sein, wenn sie morgens dort ankommen. Ob ihre Lehrer*innen ihre Namen kennen und bemerken würden, wenn etwas mit ihnen nicht stimmt.

Natürlich lernen wir als Eltern mit ihnen Spanischvokabeln und Matheformeln und lesen ihre Essays durch oder sprechen mit ihnen über die aktuelle Lektüre. Aber das Wichtigere ist für mich immer die Frage, ob sie in der Schule so sein können, wie sie wirklich sind. Ob sie sich nicht verbiegen, verstecken oder bis zur Unkenntlichkeit anpassen müssen. Ob sie frei atmen können und mit geradem Rücken stehen. Und ob um sie herum Menschen sind, die sie erkennen und anerkennen und auf Augenhöhe mit ihnen sprechen. Die sich dafür interessieren, wer sie eigentlich sind und nicht dafür, ob sie möglichst anpassungsfähig und unauffällig durch die Mühle gehen.

Kinder in der Schule begleiten heißt für uns Eltern: wir müssen da sein, an ihrer Seite bleiben, sie immer wieder rückversichern und ihnen vermitteln, dass egal, was in der Schule passiert, sie okay sind. Dass sie das schaffen mit dem Schwimmen und dass wir da sind, für immer das Ufer, der Anker und der Leuchtturm. Und zur Not eben auch das Rettungsboot.

So ist das mit den großen Kindern in der Schule.

8 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    dein Text hat bei mir einen Nerv getroffen. Mein Kind ist in vor zwei Wochen am Gymnasium eingeschult worden und ich fühle mich, als hätte ich einen Marathon hinter mir.

    Neue Gesichter, neue Fächer, neue Ansprüche an die Kinder in Sachen Selbstorganisation, eine sich findende Klassengemeinschaft und mittendrin mein introvertiertes, liebes, kluges Kind, das nach der Schule schlagkaputt (aber zufrieden) ist. Dein Text bestätigt meine Vorahnung, dass das Loslassen gerade unser größtes Thema wird. Loslassen, aber da zu sein, ohne vor Ort sein zu können.
    Wir schaffen das! Danke für deinen Input dazu, genau das habe ich gebraucht. :-)

    Ganz liebe Grüße,
    Katrin

    • Liebe Katrin, danke für deinen Kommentar. Und was du schreibst, hört sich doch gut an! (Deinen Nachtrag habe ich eben gelöscht, zusammen mit dem Nachnamen, wie von dir gewünscht. )

    • Wieder ein schöner Text! Heute wurde mein Patenkind eingeschult, ein glückliches Kind mit riesiger Schultüte… Passend hat mein Zwilling Bilder von den diversen Einschulungen in unserer Familie zusammengesammelt und auch ich bin in die Vergangenheit gereist. Was waren das schöne, glückliche Momente und was für eine Sammlung Mist folgte darauf… Unsere Sohn begann in Tokyo mit der Schule, im ersten Jahr dann wegen Fukushima zwei Umzüge, zwei Schulwechsel. Eine ADS-Diagnos in der 6. Klasse und seither so viele Kämpfe, Diskussionen, Gespräche, dass es mir die Luft nimmt. Ich war immer als Mutter engagiert, Elternbeirat, Mitarbeit an der Schule aber die PädagogInnen, die mein Kind so nehmen können, wie er ist, das Gute, das Tolle sehen, fördern und begleiten, kann ich fast an einer Hand abzählen. Das Abi, das er hoffentlich nächstes Jahr machen wird, wird schlecht sein, aber hey, geschafft…. Die Kleine schlingert nach Brennpunkt-Grundschule auch rum, traut sich nix zu und leidet. Mittlerweile bin ich wütend auf zu große Klassen, bocklose Pädagogen, die sich auf ihrem Beamtentum ausruhen und sich einen Scheiss für Kinder interessieren, die nicht funktionieren, die mehr Hilfe oder Aufmerksamkeit brauchen. Auf ein System, das die Pandemie auf dem Rücken der Kinder austrägt. Schulen, die so marode und alt sind, da gibt es keine ordentlichen Toiletten, ergonomische Sitzmöbel, Mittagessen, das schmeckt, Rückzugsräume, Lerninseln, nicht mal eine Renovierung in Sicht, die seit 20 Jahren überfällig ist…. Egal, so viel ist schlecht… ABER auch dieser Text macht Mut, zeigt, dass eine gute Eltern-Kind-Kommunikation und Bindung nicht von der Schule abhängt und dass ein Begleiter durch diverse Stürme doch eine Menge retten kann. Also danke dafür!

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag. Als Mutter dreier Töchter am Gymnasium kann ich das alles unterschreiben. Und ich merke jedes Mal, wenn die Ferien beginnen und die Schule endet, wie groß der Stress ist, den Schule und alles, was damit zusammenhängt, in unserem Familiensystem verursacht. Und welche enormen Ressourcen es braucht, die Kinder aufzufangen. Nicht jeder verfügt über diese Ressourcen, und auch wir können nicht immer und jederzeit darüber verfügen. Und manchmal helfen auch die eigenen und die schulischen Ressourcen nicht und man muss zugeben: an diesen oder diese Jugendliche/n komme ich nicht mehr heran.

  3. Liebe Anna, ein toller Text für mich als dreifach Mama und auch als Lehrerin. Gut hast du mein Danke von Herzen! Seit Jahren folge ich dir und erlebe dich und deine Einstellung als ein Vorbild für mich. So oft findest du Worte für diffuse Gedanken und Gefühle, die ich habe. Und dieser Text tut dies auch wieder. Und so ging ich bei K2 nicht mehr mit so einem ganz naiven Gefühl zur Einschulung. Und so sauge ich die letzte unbeschwerte Kitazeit von K3 auf. Und so wird mein Herz ein bisschen schwerer, wenn es darum geht das passende Gymnasium für K1 zu wählen und zu wissen, dass er nun all die schönen letzten Grundschuldinge zum letzten Mal macht. Und ich weiß, es wird nicht leichter. Und ich schaue manchmal auf mein naives Vergangenheits Ich zurück und wünschte, ich hätte einige Tage vom Alltag mit den Kleinen noch mehr genossen. Und so bemühe ich mich dies jetzt bewusst zu machen. Denn das Meer wird rauer

  4. Ja. Ja. Und nochmals ja. Leider hatte mein Sohn keine/n dieser Lehrer:innen, die das Wasser aus dem Boot schöpfen. Er hatte fast nur die, die ihm mit dem Paddel unter Wasser drückten, so lange, bis er Suizid in Betracht zog. Und das, obwohl wir immer in Kommunikation waren, nah beieinander und gut aufeinander aufpassen.

    Ich selber bin Lehrerin und habe nach zwei Jahren im Lehrerzimmer die Reissleine gezogen. Zum Glück hatte ich neben dem Lehramtsstudiengang parallel Wirtschaftswissenschaften studiert und konnte in die freie Wirtschaft gehen. Das können die meisten Lehrer nicht. Und enden, selber frustriert von all den Restriktionen, ihrer eigenen schlechten Ausbildung, die auf reine Wissensvermittlung referenziert und keiner Möglichkeit, dem System zu entkommen frustriert im Lehrerzimmer.

    Mein Kind wurde gemobbt. Über Jahre. Und die Lehrer haben weggesehen, die Hände gehoben ob ihrer Hilflosigkeit, behauptet, es gäbe gar kein Mobbing oder sie haben sogar mitgemacht. Mein Kind hat tiefe Narben. Eine Therapie und ein Schulwechsel haben ihm geholfen. Aber diese Erfahrungen waren schmerzhaft und ich hätte sie ihm gern erspart. Wir haben das alles bis zum Schulamt eskaliert… es änderte sich jahrelang … nichts.

    Im nächsten Jahr macht er das Abitur. Ich bin so voller Bewunderung für ihn, ich sehe seine Narben, seine Trauer und das, was diese 13 Jahre aus ihm gemacht haben und es erfüllt mich mit Wut und Hass denen gegenüber, die es getan, ignoriert und zugelassen haben. Der Tag seines Abiturs wird eine große Feier für uns.

    Wir haben ihm immer offen gelassen, ob er nach der 10 abgeht oder Abitur macht, unser Wunsch ist es, dass er glücklich ist. Der Wert eines Menschen misst sich nicht an seinem Schulabschluss, man kann es nicht oft genug sagen. So wie sich der Wert einer Gesellschaft nicht an ihrem Wirtschaftswachstum messen lässt, auch wenn wir das alle täglich suggeriert bekommen.

    In unserem Freundeskreis sind viele kranke Kinder: Depressionen, Ritzen, Magersucht und andere Essstörungen. Drogenmissbrauch. Alkoholkonsum, der auf der Intensivstation endet. Eltern, die an dem System verzweifeln. Ganz normale Familien, die mit dem Thema Schule und dem, was es mit unseren Kindern macht, nicht zurechtkommen.

    Ich war eine gute Lehrerin. Aber ich verachtete und verachte nicht das System, das weder unseren Kindern noch den Lehrenden und schon gar nicht der Gesellschaft, in der unsere Kinder leben werden entspricht. Sondern gemacht wird von Menschen, die einfach keine Ahnung haben von dem was (kleine) Menschen brauchen, um glücklich zu sein. Und die nicht verstehen, dass glückliche Menschen viel produktiver sein würden als die, die Montags mit einem tiefen Seufzer aufstehen.

  5. Liebe Anna,
    alles in allem klingt Dein Text ja schon so, als ob ihr eher positive als negative Erfahrungen gemacht habt, oder? Deine Kinder haben das Grundschulwissen begierig aufgesaugt und das gerne getan, auch jetzt „kommen sie klar“ und es gibt wunderbare Lehrer*innen. Ist das Dein „lieber halb voll als halb leer“? Ich bleibe mit einem ambivalenten Lesegefühl zurück, denn so ganz verstehe ich nicht, was Dir an dem System nicht gefällt, außer, dass Deine Kinder manchmal besser von zu Hause hätten lernen sollen.
    Sehr spannend fände ich auch, ob Du vergleichen kannst (von Bekannten/Verwandten), wie sich eure doch recht exklusive bilinguale Schule von den staatlichen unterscheidet? Mir scheint immer, ihr habt ein tolles online-Konzept, Deine Kinder gehen da gerne hin, lieben ihre nachmittäglichen Aktivitäten, haben nette LehrerInnen und so weiter. In weit habt ihr denn überhaupt Anlehnung an das staatliche Bildungssystem? Habt ihr den gleichen Lehrplan? Nur anders umgesetzt? Kleinere Klassen? Ein anspruchsvolleres weil zweisprachiges Programm? Alles, was Du sonst hier über Schule geschrieben hast, klang beneidenswert positiv. Als Mutter eines Teenagers, der so absolut nicht zurecht kommt in dem System, die selbst permanent zu „Elterngesprächen“ in die Schule zitiert wird, die sich immer wieder fragt, was da eigentlich gelernt wird (und was alles nicht) denke ich oft, vielleicht hätten wir doch mehr Geld in die Schule investieren sollen. Wir hatten uns aus guten Gründen bewusst für eine staatliche Schule entschieden, weil wir dachten, nur so könne ein Kind lernen, dass nicht alle Kinder die gleichen Rahmenbedingungen haben im Leben. Aber wenn ich gewusst hätte, wie unfassbar mich das als Mutter alles stressen, belasten und beanspruchen würde, wie oft ich völlig geplättet vor völlig absurden Arbeitsblättern saß, wie oft ich dachte „das hatten die doch schon in der 4. und 6. Klasse – warum kommt das jetzt zum dritten Mal“, warum können die Kinder alle nicht fehlerfrei schreiben und warum stört das die Lehrer nicht und und und – ich hätte vielleicht anders entschieden.

    • Liebe Gaby, in aller Kürze: ich habe 2 von 3 Kindern auf der internationalen Schule und eins auf dem Gymnasium. Das Konzept auf der Internationalen unterscheidet sich sehr, die Inhalte letztlich nicht. Ja, die Klassen sind kleiner, das Programm ist aber nicht zweisprachig, sondern rein englisch und ausschließlich unterrichtet von Muttersprachler*innen. Außer dem Deutschunterricht natürlich. Die Schule ist toll, wir lieben sie. Aber auch hier gibt es sozialen Druck, Gruppendruck, Lehrer*innen, mit denen es nicht funktioniert und eben das, wovon ich in meinem Text hauptsächlich schreibe: den Druck, konform zu sein. Auch hier gibt es keine Ausnahmen von Anwesenheits- bzw Präsenzpflicht, von Noten- oder Leistungsdruck. Da unterscheidet sich das Prinzip nicht. Auch wenn wir hier profitieren von modernen Lehrmethoden, projektbasiertem Lernen, einem grundsätzlich anderen Menschenbild, kleinen Gruppen, einer guten und flüssigen Kommunikationskultur auf Augenhöhe zwischen Schule/Lehrer*innen, Kindern und Eltern, einer sehr diversen internationalen Community, flachen Hierarchien in der Schulorganisation und natürlich auch einem sehr zeitgemäßen digitalen Konzept. Aber auch hier finden all die Themen, von denen ich oben schrieb, dennoch statt. Auch hier gibt es Peer Pressure oder Mobbing oder Drogenabusus und Leistungsdruck. Ich wiederhole mich. Unterm Strich sind wir mit dieser Schule tatsächlich glücklich. Aber in den vielen vielen Jahren Schulzeit, die ich als Mutter inzwischen meine Kinder begleite, sind all die Dinge, über die ich oben schreibe, dennoch vorgekommen. An beiden Schultypen (plus Grundschule), die wir inzwischen kennen. Insofern denke ich, bleibt die Kritik am System, dass Konformität zur Norm erhebt und glorifiziert, bestehen.

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