Ich kann mich gut erinnern an die Zeit, als meine Kinder Kinder waren und keine Teenager. Als unsere Tage irgendwie geordneter liefen, weil ich die Fäden in der Hand behielt – unser aller Fäden. Weil ich alle Belange der Familie ritualisiert regeln konnte, in den meistens gleichen Abläufen, mit berechenbaren Faktoren wie zB festen Schlafens- und Essenszeiten. Weil meine natürliche Autorität als Mutter dreier Kinder in Schule und Kita mir zwar die volle Verantwortung aber auch weitgehend die Entscheidungsgewalt im Alltag mit der Familie gab. Retrospektiv waren das bei allen Anstrengungen die das Leben mit jüngeren Kindern mit sich bringt, einfache Zeiten. Ich wusste immer, was sie gerade benötigten. Was Teenager brauchen, gerade meine eigenen – das herauszufinden, hat ein bisschen gedauert.

Die kleinen Tage

Wir Eltern wurden rund um die Uhr gebraucht, im Grunde für alles. Die einfachsten Alltagsdinge konnten die Kinder in dieser frühen Phase nicht ohne Unterstützung erledigen, für alle Entscheidungen waren wir die relevante Stimme. Ja, das war anstrengend, ja, ich fühlte mich oft wie die „Servicemaschine“ in vielen der Belange der Kinder. Und ich sehnte mich mitunter nach den Tagen, wo sie mich für all das nicht mehr brauchen würden: Toilettengänge bzw. Windeln, Körperpflege,  Nahrungszubereitung und Nahrungsaufnahme, Wege von A nach B zurücklegen, Spielen und Aufräumen, Anziehen und Ausziehen, Ordnung halten in all ihren Dingen, Freundschaften knüpfen und pflegen, Ängste überwinden, Fragen stellen und beantworten, die Welt kategorisieren und hinterfragen, Feste feiern und Einladungen annehmen, Ausflüge und Arztbesuche, Ferienzeit und Kitazeit, Katzen streicheln und Eichhörnchen füttern, Großeltern besuchen und sich verabschieden, groß sein und klein sein, einschlafen und aufwachen… einfach für alles war ich zuständig, viele Jahre lang, bei jedem meiner Kinder.

Dann wurden sie erst Schulkinder und später Preteens und verbrachten immer mehr Zeit des Tages ohne mich. Für viele Dinge waren sie mehr und mehr selbst zuständig, viele Fragen wurde nicht mehr nur mir gestellt und die Antworten fanden sie zunehmend ganz ohne mich.

Den Rahmen halten | berlinmittemom.com

Präsent bleiben, wenn die Kinder von uns weg streben

Und eines Tages stand ich auf einer Ausstellung der Großen, sie war gerade in der 7. Klasse, zu der ihre ganze Klasse alle Eltern eingeladen hatte, um ihre Projektarbeiten vorzustellen. Ich weiß schon gar nicht mehr, worum es inhaltlich ging.

Ich stellte allerdings fest, dass nur etwa 1/3 aller Eltern anwesend waren, obwohl es ein lang angesagter Termin war, der extra auf den frühen Abend gelegt worden war, damit möglichst viele Eltern würden teilnehmen können. Taten sie aber nicht. Wenige Tage später traf alle Eltern bei einem Elternabend wieder zusammen und es wurde über die Ausstellung gesprochen. Dabei fiel dann der für mich unvergessliche Satz: „Ach, da sind wir gar nicht hingekommen. Zoe (Name geändert) mag ja gar nicht mehr so gerne so viel Zeit mit uns verbringen, sie ist ja so unabhängig. Sie braucht uns gar nicht mehr!“ Und alle meine Alarmglocken gingen los.

Denn das widerspricht nicht nur meiner persönlichen Erfahrung dessen, was Teenager brauchen, sondern auch meinem Begriff von Elternsein für große Kinder. Ich habe gerade erst bei Instagram darüber geschrieben, und auch auf dem Blog gibt es mehrere Artikel darüber, was Teenager (von uns Eltern) in dieser Lebensphase brauchen – Desinteresse gehört sicherlich nicht dazu.

Ich bin mir sicher, diese Eltern damals liebten ihr Kind nicht weniger, als ich meine. Aber sie hatten die aufkommende Unabhängigkeit und den Wunsch nach Autonomie ihrer damals 13jährigen Tochter aus meiner Sicht vollkommen missverstanden. Denn es ist richtig, die Kinder brauchen uns in diesem Alter nicht mehr für all das, was wir bis dato kannten. Sie können sich um sehr viele ihrer Bedürfnisse selber kümmern und möchten das auch. Aber wir sind nichtsdestotrotz als Eltern nach wie vor gefragt – vielleicht sogar mehr als vorher.

Was Teenager brauchen | berlinmittemom.com

Den Rahmen halten – Was heißt das?

Es stimmt, unsere Kinder entfernen sich in diesem Alter immer mehr von uns. Sie finden und gehen ihre eigenen Wege und es ist nicht länger unsere Aufgabe, bei jedem ihrer Schritte an ihrer Seite zu sein – jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Wir können sie nicht mehr länger auf diese Weise begleiten, wie wir es in den Jahren zuvor getan haben. Unsere Aufgabe ändert sich.

Wo wir zuvor konkret helfen, anfassen, dabei sein mussten, ist all das jetzt nicht mehr angesagt. Jetzt muss sich bewähren, was wir zuvor in unseren Kindern verankert haben: unsere bedingungslose Liebe, unsere Werte, die Sicherheit, dass sie genauso angenommen sind, wie sie sind. Unsere Aufgabe ist es jetzt, diesen zuvor gesetzten Rahmen halten.

Das heißt durchaus, dass wir präsent sein müssen. Gesprächsbereit, wenn es gefordert ist. Interessiert an dem, was im Leben unserer Kinder vorgeht. Selbst, wenn wir es nicht verstehen. Selbst, wenn wir die Dinge (Musik, Mode, Haarstyles, Sprache etc.) oder Menschen darin nicht mal mögen. Es geht nämlich jetzt weniger denn je um uns und unsere Gefühle, es geht darum, unseren Kindern diese Schritte in ihre endgültige Autonomie möglich zu machen. Zu begreifen, was Teenager brauchen, unsere Teenager, und es ihnen bereitzustellen. In Liebe.

Den Rahmen halten heißt, Sicherheit geben. Unseren großen Kindern vertrauen in ihren Autonomiebestrebungen, ohne sie schon vollkommen loszulassen. Ihnen zu vermitteln, dass wir ihnen ihre individuellen Entscheidungen zutrauen, ohne uns abzuwenden. Dass wir da bleiben, sowohl rein körperlich als auch in unserer Funktion als Eltern.

Den Rahmen halten heißt auch, ihnen Grenzen zu setzen (wann müssen sie zu Hause sein, welche Regeln gelten nach wie vor im Zusammenleben, bei welchen Themen müssen sie mit uns kommunizieren, wie werden die Grenzen anderer Familienmitglieder gewahrt usw.), aber möglichst auf Augenhöhe. Nicht autoritär oder von oben herab, nicht mit der Attitüde, dass wir es ja besser wissen, weil wir die Erwachsenen sind. Sondern mit Respekt für die Wünsche und Vorstellungen der Kinder, in einem stetigen Dialog.

Den Rahmen halten heißt, verbindlich sein. Das gilt natürlich für alle Regeln im Zusammenleben, aber auch emotional. Wir bleiben in Kontakt, unsere Kinder müssen mit uns rechnen. Aber sie können auch mit uns rechnen, jederzeit. Wir stehen zu den Dingen, die wir anbieten. Wir bleiben an ihrer Seite.

Dieser Rahmen besteht nämlich aus all dem, wofür wir in den Jahren zuvor den Grundstein gelegt haben in unserer Beziehung zu unseren Kindern. Er besteht aus unseren Werten und aus unserer bedingungslosen Liebe, aus allem, woran wir glauben und dem, was wir unseren Kindern vorgelebt haben. Das ist jetzt das, worauf wir uns verlassen können – und unsere Kinder auch. Das ist der gemeinsame Bezug, auf den es jetzt ankommt.

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Unsere Teenager brauchen uns…

… aber nicht mehr wie zuvor. Es ist ein Trugschluss, zu denken, dass sie uns in ihrem Leben nicht mehr wollen oder brauchen, es haben sich lediglich die Bedürfnisse verändert.

  • Sie wollen mehr Privatsphäre, aber sie brauchen trotzdem den Checkin mit uns und suchen ihn auch immer wieder.
  • Sie wollen mehr Unabhängigkeit, aber sie gleichen sich immer an uns ab und werfen den versichernden Blick zurück zu uns, ob das alles so okay ist, was sie tun.
  • Sie wollen mehr Freiheiten, aber sie wünschen sich auch den festen Bezugsrahmen und die Sicherheit, auf uns zurückgreifen zu können und auf alles, was sie bisher von uns übers Leben gelernt haben.
  • Sie signalisieren uns, dass sie Abstand zu uns möchten, aber sie fordern die körperliche Nähe und die darin enthaltene Mischung aus Trost, Rückversicherung und Bindung immer wieder ein.
  • Sie verbringen mehr und mehr ihrer Zeit ohne uns, aber sie zeigen uns auch, dass sie uns vermissen, wenn wir nicht da sind.

Sie brauchen uns, nur anders als in den kleinen Tagen. Und was sie vielleicht am meisten brauchen ist unser Vertrauen. Das Signal, dass wir ihnen all diese Schritte fort von uns aus tiefstem Herzen zutrauen. Dass wir nicht an ihnen zweifeln und auch nicht an ihrer Beziehung zu uns. Dass wir die Unerschütterlichen sind in dieser Welt, in der sich für unsere Kinder alles verändert, weil sie in ihrer größten Umbruchsphase seit dem ersten Lebensjahr stecken.

Deshalb bleibe ich da, rede und höre zu, ziehe mich zurück, wenn nötig. Ich stehe nachts auf und hole sie irgendwo ab. Ich bin ein Safe Space für ihre Freund*innen, die es brauchen oder wünschen. Ich mache Lieblingstee, wenn sie traurig sind und Eiswürfel, wenn sie eine harte Nacht hinter sich haben (aus verschiedensten Gründen). Ich bin da. Ich geh nicht weg. Sie brauchen mich nämlich noch eine ganze Weile.

Last Updated on 13. August 2021 by Anna Luz de León

10 Kommentare

  1. Liebe Anna-Luz
    Ich freue mich so sehr an diesem Text! Meine beiden Jungs sind noch so klein, der Große gerade mal drei. Aber du beschreibst so wundervoll, was „große“ Kinder brauchen, dass ich mich nun auf diese Zeit freue, wo sie mir bislang sehr viel Respekt einflößte, weil ich mich davor fürchte, diesem Teil der Elternschaft nicht so gewachsen zu sein. Aber in Liebe und Vertrauen für meine Kinder da sein, kann ich. Und dass das der Kern der Sache ist, habe ich dank dir verstanden.

    Alles Liebe für dich und herzlichen Dank für deine Worte (gerade hier aber auch ganz oft sonst).
    Nadine

  2. So so toll geschrieben. Wir haben seit gestern einen Teenager und dein Text spricht mir aus tiefster Seele…

  3. Schöner, wahrer Text! Es ist übrigens erschreckend mitzuerleben, wie sehr es manchmal an der Präsenz der Eltern im Kleinkindalter schon fehlt, aus unterschiedlichsten Gründen… Zeit miteinander zu verbringen ist einfach so wichtig. Präsent zu sein.

    Ich habe jetzt ein fast 6jähriges Kind, und wir haben schon so gemeinsame Rituale, von denen ich hoffe, dass sie uns jahrelang Freude bereiten und wir uns so immer wieder im Alltag bewusst Zeit füreinander nehmen. Wir lieben z.b. Radfahren, und ich hoffe sehr, dass wir wirklich im Teenageralter gemeinsam radeln werden (und wenn ich dafür noch aufs coolere Rennrad muss :)).

    • ❤️hach ja … so ist es
      Manchmal echt harte Arbeit , wenn das pubertier mit harten Worten verbal um
      Sich „schlägt“

  4. Liebe Anna, danke für diesen Text. Meine großen Kinder starten gerade in die weiterführende Schule und ich spüre jetzt deutlich diesen Fortschritt an Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Ich lese bei dir immer total gerne, wie das wohl so in den nächsten Jahren weitergehen kann. Mich würde sehr interessieren, ob es bei euch im Familien Leben auch ganz praktisch ein paar Fixpunkte gibt, also zum Beispiel bestimmte gemeinsame Mahlzeiten oder andere Rituale. Oder sollte man da nicht dran festhalten und sich da ganz flexibilisieren? Bei uns fällt zum Beispiel neuerdings wegen der Hobbys der Kinder der gemeinsame Abend weg, es fängt an, dass jeder zu seiner Zeit nach Hause kommt und was zu essen braucht. Das ist für mich gerade sehr ungewohnt und stressig, aber sicher nur ein Übergang. Viele liebe Grüße! Nadja

    • Liebe Nadja, diese Phasen, in denen das Familienleben gefühlt auseinanderfällt, weil Rituale sich auflösen, kenne ich gut und sie fühlen sich nicht wirklich immer gut an. Zumal, wenn wir in den Jahren vorher mit dieser Art Rituale eine Struktur und Sicherheit geschaffen haben, die für alle Familienmitglieder funktioniert. Wir mussten uns erst daran gewöhnen, dass die großen Kinder andere Dinge in ihrem Leben vielleicht phasenweise dringender benötigen, als die alten Rituale. Was nicht heißt, dass wir keine Rituale mehr haben. In vielen Dingen müssen wir flexibler sein als früher, an einigen halten wir fest (gemeinsame Mahlzeiten, so oft es geht, dazu auch den Mealplan abstimmen, bestimmte Familienrituale pflegen wie gemeinsam Dinge auch im Alltag „feiern“ etc.) und dann gibt es noch die neuen Rituale, die jetzt entstehen oder zumindest entstehen können. Vielleicht schreibe ich darüber noch mal ausführlicher, das scheint für viele interessant zu sein. Ganz liebe Grüße!

  5. Liebe Anna!
    Danke für Deinen Text. Meine Älteste ist jetzt mit 11 in die (Prä)Pubertät gestartet und ich bzw. wir als Eltern sind noch dabei, die Balance zu finden. Eine neue Balance. Voller Staunen und Bewunderung für dieses neue, wunderbar selbstständige große Wesen, das nun bei uns lebt. Voller Irritation über dieses unfreundliche, misslaunige Wesen, das uns und ihre drei jüngeren Geschwister offenbar einfach nur doof findet. Und voller Liebe für das immer noch kleine Mädchen, das zum Kuscheln mit den langen Beinen auf den Schoß klettert und die Akkus auffüllt.
    Deine Worte sind mir hier willkommene Inspiration und Mutmacher!
    Liebe Grüße, Kaya

    • Liebe Kaya, das drückt sehr genau aus, wie die Gefühle auf Elternseite in dieser Zeit sein können – so widersprüchlich, anstrengend, intensiv! Ich versuche mich immer daran zu erinnern, dass diese Lebensphase für die Kinder all das auch ist und dass sie das alles wahrscheinlich noch viel krasser empfinden als wir. Danke dir für deinen Kommentar & alles Liebe für dich und deine Familie

  6. Liebe Anna,

    Als Mutter eines 18jährigen, die vier harte Pubertätsjahre ihres Kindes hinter sich hat, kann ich nur nickend deinen Text lesen. Und genauso wie du war ich verwundert, wie früh andere Eltern ihre Kinder „losgelassen“ haben. Da meine Eltern null Interesse an mir gezeigt hatten, war ich stets an der Seite meines Sohnes, wenn er mich brauchte. Nach dem ersten Besäufnis kam er 7 km zu Fuß heim um unser Klo zuzugöbeln . Nachdem er beim Klauen erwischt wurde, damit er in die coole Clique aufgenommen würde, rief er mich an. Seinen ersten Liebeskummer beweinte er neben mir im Bett. Nach einem unfreiwilligen Drogenkonsum in der Schule, der ihm eingetrichtert wurde, rief er mich an. Und wenn er abgeholt werden muss, aus welchem Grund auch immer: er weiß, wir sind da. Immer. Andere haben das als Helikopter bezeichnet. Ich habs als Interesse gewertet. In einer Zeit, in der sie sich selbst nicht zugewandt sind brauchen sie Menschen, die an sie glauben.

    Am Ende, nämlich jetzt mit 18, ist er der zuverlässigste Mensch dieser Welt, auf den wir uns immer verlassen können. Nach all den harten Jahren, in denen wir auch viele Kämpfe miteinander ausgefochten haben, sind wir ein echt cooles Team.

    Und wenn er dann, wie heute morgen, am Frühstückstisch sitzt und sagt: „meine Freunde sagen, sie beneiden mich um das tolle Verhältnis zu meinen Eltern…“, dann weiß ich, dass sich all das Schlimme, was auch in diesen vier Jahren passiert ist, am Ende zu etwas Gutem gewandelt hat.

  7. Pingback: Kinder in der Schule begleiten | Über die Schulzeit mit drei Kindern | berlinmittemom

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