Letzten Mittwoch war der erste Schultag für den Bub und das Goldkind. Da sie erst vierzehn Tage nach allen anderen Berliner Schulen in die Sommerferien gegangen sind, haben sie auch später angefangen. Das war ein softer Übergang für uns von der freien Zeit als Familie zurück zu allen in festen Tagesstrukturen.

Aber obwohl ich das leise Trauergefühl ja schon kenne, das mich jedes Jahr befällt, wenn der Sommer sich anschickt zu gehen und die Sommerferien enden, ist es dieses Jahr noch mehr. Es sind wie jedes Schuljahr einige erste aber eben auch einige letzte Male, mit denen wir uns hier befassen müssen.

Die Große beginnt ihr letztes Schuljahr, das waren die letzten Sommerferien ihrer Schulzeit. Das Goldkind hat die Grundschule verlassen und ihr erstes Schuljahr an der weiterführenden Schule begonnen. Dieses neue Schuljahr wird also unsere letztes mit drei Schulkindern sein. Ich habe kein Grundschulkind mehr. Bald macht mein großes Kind Abitur. Das sind Meilensteine, in erster Linie natürlich für die Kinder, aber auf eine Art auch für uns alle. Unsere Familie verändert sich.

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Familie verändert sich

Natürlich verändern wir uns. Das tun wir immer, denn wir wachsen alle beständig und sortieren uns neu, jeden Tag, jede*r auf ihre/seine Weise. Die Kinder natürlich noch viel mehr und viel sichtbarer als wir Erwachsene. Aber manche Momente im Familienleben sind Wendepunkte. Wenn man Glück hat, sind es Dinge, in die man hineinwachsen kann oder bereits hineingewachsen ist, Veränderungen, die einfach „dran“ sind. Solche Veränderungen sind das gerade, das ist mir sehr bewusst. Und ich bin froh und dankbar, mit meinen Kindern an diesem Punkt in ihrem Leben zu sein. Dennoch – es ist nicht ohne ein minibisschen Schmerz.

Elternaufgaben durch alle Zeiten

Ich habe mal geschrieben, dass für mich die großen Aufgaben des Elternseins in folgenden vier Dingen bestehen:

  • deine Kinder begreifen, respektieren und anerkennen als diejenigen, die sie wirklich sind (selbst wenn du nicht alles daran verstehst oder magst), nämlich als Individuen und nicht als Fortsetzung oder Wiederholung deiner Selbst oder Aspekten deiner Selbst
  • deine Kinder ohne jede Bedingung annehmen und lieben, ganz gleich, was das alles beinhaltet
  • deinen Kindern vertrauen, ihnen all das zutrauen, was sie sich selbst zutrauen (möchten)
  • deine Kinder loslassen, von Anfang an und immer wieder, ohne Angst und ohne Zurückhaltung

Aber obwohl ich diese Dinge für mich verinnerlicht habe und mich immer und stets bemühe, genauso eine Mutter zu sein, ist es immer wieder eine Herausforderung. Denn natürlich haben wir als Eltern Ängste und Bedenken, wir sind außerdem beeinflusst von unserem eigenen Erleben und unserer Geschichte, davon, was wir erlebt haben und wie wir in bestimmten Lebensphasen gehandelt, gedacht, gefühlt haben. Und selbst wenn wir das schaffen, das Vertrauen und Loslassen, selbst wenn wir unsere Kinder so sehen, wie sie wirklich sind und nichts lieber möchten, als sie beim Großwerden, sich Loslösen und in die Welt ziehen zu begleiten, misstrauen wir vielleicht ganz schlicht dieser Welt da draußen. Denn wir haben die Lebenserfahrung, die unseren Kindern fehlt. Wir wissen, wie diese Welt sein kann. Richtig?

Wie Familie sich verändert, wenn Kinder großwerden | berlinmittemom.com

Theorie und Praxis: Loslassen ja – aber leicht ist es nicht

Gerade ist das für mich wieder ein großes Thema. Die Große zum Beispiel. Sie ist volljährig, sie ist eine verantwortungsbewusste und kluge junge Frau, auf die ich furchtbar stolz bin und die es wirklich verdient hat, dass ich ihr uneingeschränkt vertraue. Und das tue ich. Aber wenn sie ausgeht, wenn sie abends und nächtens mit ihren Freundinnen loszieht, mitten in diesem Moloch von Stadt, dann bin ich nicht entspannt.

Ich dachte früher, als sie mit dem Ausgehen anfing, dass ich mich daran gewöhnen würde. Dass ich irgendwann lernen würde, auch in Ruhe einzuschlafen, wenn sie noch nicht zu Hause ist, aber ich habe mich getäuscht. Ich weiß, dass sie keinen Blödsinn macht. Aber ich weiß nicht, was alle anderen machen, die da draußen so rumlaufen. Und nein, ich kann nicht ruhig einschlafen, wenn nicht alle im Haus sind. Keine Ahnung, ob ich das je lernen werde.

Und die Kleine? Der wachsen gerade die Flügel so schnell, als wollte sie morgen bereits damit einen Langstreckenflug bestreiten. Sie will mehr Unabhängigkeit und Freiheiten, die ich auch bereit bin, ihr zu gewähren, im Rahmen dessen, was vernünftig ist. Doch da sind wir wieder:  im großen Kontext von Schule, der Großstadt, Freund*innen, Unternehmungen „draußen“ – alles für mich unbestimmbare Faktoren, die es mir nicht gerade leichter machen, frohen Herzens zu sagen: flieg los, meine Kleine, du kannst das. Auch wenn ich weiß, dass das stimmt. Natürlich kann sie es. Die neue Schule, neue Freund*innen, neue Themen in ihrem Leben, alles. Aber sie verlässt eben das sichere Nest wieder um einen, zwei, drei… Schritte weiter als bisher. Der Rahmen, den ich halten muss und möchte, muss weiter gesteckt werden.

Ich glaube übrigens (entgegen dem, was ich früher dachte, als meine Kinder noch keine Teenies waren), dass das Leben in der Großstadt diese Phase des Flüggewerdens der Kinder um einige zusätzliche Faktoren erschwert. Es gibt unendlich viele Reize, unendlich viele Möglichkeiten, darin zu versinken, unendlich viele Abgründe.

Und was ich in den jüngeren Tagen als viele Chancen für die Kinder gesehen habe, zu lernen und zu wachsen (und so war es auch), entpuppt sich jetzt als dieselbe Anzahl Fallen und Möglichkeiten, zu stürzen. Nicht, dass Hinfallen nicht dazugehören würde. Aber dass 12jährige sicher wissen, wie es aussieht, wenn jemand Drogen aller Art nimmt, dass sie Weed am Geruch erkennen und mit sechs zum ersten Mal nach den Prostituierten auf der Oranienburger Straße gefragt haben, ist schon speziell herausfordernd. Alle möglichen anderen Themen, die mit der Pubertät aktuell werden, haben natürlich unabhängig vom Standort das Potential, herausfordernd zu sein. Aber ich muss zugeben, dass die Stadt mir diesbezüglich zusätzlich „Stress“ macht.

Leben mit Teenagern und wie sich Familie verändert | berlinmittemom.com

Flieg los – aber komm wieder!

Also – Loslassen und Vertrauen ist die Devise. Meine beiden großen Aufgaben, immer aktuell und gerade ganz besonders. Und ich meistere sie mal besser, mal schlechter. Mit der Großen bin ich eingegroovt, wir haben unsere Absprachen und unsere Art der Kommunikation, die funktioniert. Die Dinge, über die ich mich ab und an vielleicht sorge, liegen im Außen, in allem Drumherum, nicht in uns. Es fällt mir mit der Übung, die wir inzwischen haben, einigermaßen leicht, sie ziehen zu lassen, jeden Abend aufs Neue, wenn sie losgeht und mit Freund*innen Dinge erlebt, die Menschen in diesem Alter erleben sollten.

Mit dem Bub fällt es mir noch unendlich viel schwerer, vom Goldkind ganz zu schweigen. Mit beiden muss ich erst einen guten, altersangepassten Umgang finden, der ihrem Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie gerecht wird, ohne den Rahmen zu sprengen. Einen Umgang, der mir erlaubt, ihnen das Flügelausbreiten zu ermöglichen, ohne irgendeine Art von schlechtem Gefühl, Unsicherheit oder gar Ängsten. Und ihnen von Herzen zurufen zu können: fliegt los, meine Süßen, aber kommt wieder! Denn sie sind bereit, ihren Radius zu vergrößern, aber noch lange nicht dazu, das Nest zu verlassen.

Unsere Familie verändert sich. Einerseits nehmen die Teenager mit ihren sich ändernden Bedürfnissen mehr Raum ein, andererseits verlagern sie ihre Räume woanders hin, außerhalb unseres kleinen Kreises. Gerade nach den ersten eineinhalb Jahren der Pandemie, als wir fünf die Lockdownbuddies waren, fühlt sich das ungewohnt an. Richtig, ja. Aber ungewohnt.

Unsere Familie verändert sich. Das macht mich froh und auch stolz, weil die Kinder sich all das zutrauen, was sie gerne möchten. Andererseits macht es mir klar, wie viele letzte Male uns gerade umschweben, ohne, dass wir es vielleicht in dem jeweiligen Moment wirklich wissen. Lebensphasen werden abgeschlossen, während neue Zeiten anbrechen und neue Bereiche erobert werden. Ich bin gespannt, wie wir das meistern werden, die Kinder und ich und der Mann. Wir als Familie.

7 Kommentare

  1. Liebe Anna, danke für deine tollen Texte, ich lese gern mit.
    Die Gefahren der großen Stadt, die Du in diesem Text erwähnst, beschäftigen uns auch.
    Einerseits lieben wir Berlin, andererseits ist es eine andere Art für die Kinder aufzuwachsen als wir es gewöhnt sind mit den positiven und den negativen Seiten. Wir haben noch ganz kleine Kinder, daher habe ich bereits Respekt vor der größeren Selbstverständlichkeit der Kleinen in der großen Stadt. Mich würde es freuen, wenn Du dazu mehr schreiben möchtest, wie ihr hier Grenzen setzt oder damit umgeht.

    • Liebe Isabell, lieben Dank für deinen Kommentar. Ja, das ist eine große Herausforderung, das finde ich auch. Nicht, dass es auf dem Land nicht andere Herausforderungen gäbe, über die ich gar nichts weiß und wo das Teenie-Leben vielleicht wieder ganz andere „Gefahren“ birgt, als die, die wir hier kennen. Aber ich finde schon auch, dass eine Stadt wie Berlin speziell ist, um Kinder großzuziehen. Und dann als Eltern vernünftige Grenzen zu setzen, ohne gleich ängstlich zu sein und immer das Schlimmste zu erwarten, ist auch ein Lernprozess, finde ich. Vielleicht schreibe ich darüber wirklich noch mal mehr. Liebe Grüße!

      • Ani Lorak

        Hallo. Unser Sohn ist mit jetzt 16 Jahren auch im letzten Schuljahr, mit 17 Jahren Abitur- immer der Jüngste und doch so vernünftig. Manchmal habe ich Angst, dass er mal nicht denkt und mehr riskiert und dass es schiefgeht. Überraschenderweise schlafe ich, wenn er auf Parties ist. Wir wohnen am Niederrhein in einer kleinen Großstadt. Unsere Tochter ist anders und wird schneller groß mit 12 Jahren. Familie ändert sich, das stimmt. Vertrauen ist schwieriger, aber es ist da. Und doch manchmal drückt sich die Angst durch und Schnappatmung ist da. Loslassen ist schwer, Kontrolle abgeben auch. Du findest passende Worte, ich finde mich sehr stark wieder. Lieben Gruß und Danke

  2. Anna, einmal mehr vom Bildschirm gleich in die Seele getroffen. Danke für so tolle Worte. Ja, die Stadt hält ganz besondere Herausforderungen bereit. Aus der Landsicht „bietet“ sie diese aber auch. Das Flügge werden empfinde ich hier als unlängst schwieriger weil a) der ÖPNV so bescheiden ist. Dh wir sind viel zu viel Kindertaxi und sie abhängig von uns und der Radius eingeschränkt. Wie stolz war ich auf die Mittlere, als sie im Sommer alleine mit der Bahn vom Niederrhein nach Köln gefahren ist. Das war für mich im selben Alter in der großen Stadt ziemlich normal. B) sehr wenig Freizeitangebote. Auf dem Dorf spielt man Handball oder Fußball und ist im Musikverein oder in der Kreisstadt in der Musikschule (ich überzeichne bewusst ein bisschen. Aber es stimmt schon. Alles andere erfordert viel logistischen Aufwand weil s.a)) Schauspielkurse, alternative vielfältige individuelle Angebote sind rar. Dazu schon ein bisschen diese „ham wa imma schon so gemacht“ Einstellung, so dass man selbst als engagierte Eltern nix Neues dauerhaft etablieren kann. C) jeder kennt jeden. Das gibt Sicherheit wenn schon 2jährige alleine mit dem Laufrad um den Block düsen oder 5jährige mit dem Kettcar aber ohne Geld zu Rossmann shoppen fahren. Aber keinen Raum zum Abhängen, sich ausprobieren, Dummheiten machen. Auch hier wieder stark überzeichnet, denn natürlich ist hier viiiiiel Land. Aber gerade in Berlin stelle ich es mir so vor, dass man dann eben mal mit der Tram oder UBahn aus seinem Kiez wegfährt und schaut, was drei Haltestellen weiter so abgeht.
    Hier lauern andere Gefahren (dunkle Landstraßen ohne Radweg) und ich überlege gerade, ob meine Kinder (9-14) wissen, was eine Prostituierte ist. Weed wiederum kennt man im Grenzland ganz gut. Also, bei euch ist es zu viel Gefahr, bei uns manchmal „zu wenig“ zum Flügge werden. Alles hat wie so oft im Leben seine Vor- und Nachteile.

  3. Hallo, ich finde, das ist ein interessantes Thema, das Du hier sehr allgemein thematisierst. Denn Freiheiten einfordern, flügge werden etc. sind schöne Begriffe für den täglichen Irrsinn, den man mit Teenies so hat. Wenn es die Persönlichkeitssphäre Deiner Teenies nicht zu sehr betrifft, fände ich es spannend zu wissen, wie ihr umgeht mit alleine weggehen, abends unterwegs sein mit ÖPNV/Fahrrad, Parties in Stadtparks, Alkohol/Drogen etc.
    Ich finde es nicht so wahnsinnig schlimm, wenn 12jährige wissen, wie ein Joint riecht oder 6jährige fragen, was eine Prostituierte ist, ehrlich gesagt. Die Herausforderung ist da dann vielleicht eher, die richtigen Worte für altersgemäßes Erklären zu finden.
    Ich denke, Berlin bietet sehr viel Gruseligeres für Teenager und Kinder, mit dem man fertig werden muss: Abziehen von Geld und Telefonen, sexuelle Übergriffe in nächtlichen Parks, Waffen bei Gleichaltrigen, Polizeieinsätze gegen feiernde Teenager – und das empfinde ich tatsächlich als immense Herausforderung daran, Jugendliche in Berlin allein unterwegs zu wissen.
    Andererseits würde meine Mutter Dir jetzt gesagt haben, dass sie es unerträglich fand nicht zu wissen, wie ich nachts nach Hause kam (nächste Stadt 20 km entfernt, keine Bahnen nach 22 Uhr), ob meine Freunde unter ALkohol noch Auto fuhren (nein), ob ich heimlich per Autostopp gefahren bin (ja), und was ich an den Wochenenden getan habe, an denen ich gar nicht zu Hause war (sollten Eltern nie erfahren). Das Leben auf dem Land bietet Gefahren, auf die man als Großstadtmensch gar nicht kommt….

  4. Deine Texte berühren mich als Mutter immer sehr. Wir sind noch nicht in der Teenagerzeit abgekommen, aber meine Große wurde eingeschult. Das war für mich ein sehr großer Umbruch und ich musste erst lernen damit zu recht zu kommen. Ich habe regelrecht gelitten und morgens im Auto geweint. Nun in der 5. Woche Schule kommen wir gut zurecht, aber etwas trauern wir alle der Kitazeit hinterher. LG

  5. Pingback: Tschüss, Familienfrühstück? | Alte Rituale, neue Bedürfnisse | berlinmittemom

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