Ein Morgen in Berlin. Der Herbst kündigt sich an, es regnet schon seit heute Nacht, und beim Abendspaziergang im Park gestern war der Herbstduft unverkennbar. Wie jedes Jahr trauere ich um die langen Tage, um die hellen Abende, das unvergleichliche freie Sommergefühl und bin nicht bereit für den Herbst und das Vergehen all der Blüten des Lichts. Und wie jedes Jahr vergesse ich, wie sehr ich die goldenen Tage lieben werde, an denen der Himmel blauer ist als an jedem Julitag und im Kontrast zu buntem Herbstlaub jeden Sonnenstrahl noch kostbarer macht. Ich versuche, mich darauf zu besinnen und mich auf den Herbst zu freuen. Heute bin ich allerdings noch nicht an diesem Punkt.

Herbstvorfreude? Oder Angst vor Delta?

In zwei Tagen geht die Schule bei den beiden jüngeren Kindern wieder los und das Haus wird sich leeren. Die Große ist ja schon vor zwei Wochen ins neue Schuljahr gestartet und auch der Mann geht jetzt wieder häufiger tatsächlich physisch aus dem Haus zum Arbeiten. Und es geht mir da wie mit dem Herbst: einerseits trauere ich der gemeinsamen Zeit nach, möchte meine Lieben um mich scharen und all die gemeinsame Zeit auskosten. Andererseits freue ich mich, dass hier wieder mehr Ruhe einkehrt, mehr ritualisierter Alltag, mehr Planbarkeit, mehr Verlässlichkeit. Sofern Delta uns nicht einen Strich durch die Rechnung macht…

Wie wird dieser Herbst und Winter werden? Nachdem der letzte so anstrengend und schwer war? Letztes Wochenende waren wir für ein Familientreffen im Rheinland – das erste seit Corona, bei dem wir alle vollzählig waren. Und es fühlte sich wunderbar leicht und innig an, wie wir da alle bei meinem Bruder und meiner Schwägerin im Garten waren, die Sonne schien auf uns, die (kleinen) Kinder wirbelten nackt durch den Rasensprenger und belagerten die Schaukel, es gab leckeres Essen und Schatten unterm Schirm für die älteren Familienmitglieder und kühlen Rosé mit Eiswürfeln für alle über achtzehn. Wir waren zusammen.

Als wir ankamen und uns begrüßten, kamen mir spontan und für mich unerwartet die Tränen vor Erleichterung, dass wir wirklich alle zusammen sind. Aber was wird der Herbst bringen? Wann werden wir uns alle so wiedersehen können? So sorglos, so leicht, so selbstverständlich?

Was die Pandemie uns genommen hat | berlinmittemom.com

Was die Pandemie uns genommen hat

Das ist etwas, das die Pandemie uns genommen hat: die Gewissheit, die Sicherheit, das Gefühl, es gebe immer eine 100%ige Kontrolle über unser Leben und unsere Entscheidungen. Dieses sichere Gefühl, dass es nur von uns selbst abhängt, ob wir als Familie zusammenkommen oder nicht. Davon, ob wir einen gemeinsamen Termin finden vielleicht. Davon, ob es allen gerade so in ihren Alltag passt. Oder davon, dass alle sich gerade gut verstehen und Lust auf ein Treffen haben.

Tatsächlich aber sind all diese Faktoren plötzlich nachrangig. Tatsächlich hat nämlich die Pandemie uns gezeigt, dass es vor allem darauf ankommt, ob es sicher ist, sich zu treffen. Dass es wichtig ist, zu checken, ob alle Beteiligten fit und gesund sind. Und nein, nicht nur darauf, ob sie sich so fühlen oder ob sie Symptome haben, sondern darauf, dass sie es wirklich sind. Nachweislich, per Test. Dass es wichtig ist, zu überprüfen, wer in der Familie gerade welches Risiko eingeht, wenn er sich im Pulk trifft: im letzten Jahr hatten wir auf die Familie verteilt eine Schwangerschaft und dann ein sehr verletzliches Neugeborenes, meine Vorerkrankung, dann noch eine Vorbelastung durch eine Herzerkrankung und eine gefährdete Person nach mehreren OPs. Es war nicht möglich, dass wir uns alle treffen, ohne das Risiko für einzelne Familienmitglieder so zu steigern, dass es uns zu hoch war.

Was die Pandemie uns geschenkt hat

Die Pandemie hat uns diesbezüglich die Leichtigkeit genommen. Aber sie hat uns auch eine neue Entschlossenheit geschenkt. Sie hat uns gezeigt, worauf es ankommt und dass es dennoch an uns liegt, ob wir es schaffen, unseren gemeinsamen Herzenswunsch eines Treffens mit allen zu erfüllen. Inzwischen sind hier alle, die können, geimpft. Wir alle, auch die Kleinsten, sind erfahrene Schnell- und PCR-Tester*innen geworden und absolvieren diese Tests, um das Risiko für alle zu minimieren.Wir haben gelernt, dass das der Preis für (fast) sorgenfreies Zusammensein ist, den wir gerne zahlen.

Aber das Wichtigste ist: wir haben durch die Pandemie gelernt, dass unsere Terminkalender und Befindlichkeiten nicht wichtig genug sind, um auf ein Treffen zu verzichten. Um zuzulassen, dass uns das Möglichkeiten nimmt. Und mit Blick auf den nahenden Herbst (und die herandrollende 4. Welle mit Delta) heißt das, dass wir alle für dieses Treffen nicht nur bereitwillig Platz gemacht haben in unseren Leben, sondern dass es die höchste Priorität für uns alle hatte.

Das hat die Pandemie uns geschenkt: die Gewissheit, dass wir als Familie dasselbe als Herzenswunsch in uns tragen und es für uns alle nichts Wichtigeres gibt. Sie hat uns gelehrt, die gemeinsame Zeit als etwas Kostbares zu sehen und zu begreifen, dass niemandem von uns einfach so ein Morgen geschenkt ist. Dass wir niemals sicher wissen können, was in unseren Leben am nächsten Tag oder in der nächsten Woche geschehen wird. Und dass uns jedes gemeinsame Jetzt noch wichtiger ist, als zuvor.

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Tschüss, Sommer – tschüss, Leichtigkeit

Mit dem Wissen lasse ich allerdings den Sommer noch schwerer gehen, die langen Tage und milden Temperaturen, wo wir alle relativ sicher draußen zusammenkommen konnten. Jetzt gehen wir, zwar geimpft, aber damit ja längst nicht zu 100% „sicher“ in die kühlere Jahreszeit und in unsren Köpfen ist sehr deutlich und sehr wach die Erinnerung an die Lockdowns und Quarantänen des letzten Herbstes. Ich denke nicht an Delta – diese Vogel Strauß-Strategie funktioniert nicht (mehr). Längst wissen wir zuviel darüber, was auf uns zukommen kann, wenn die vierte Welle Fahrt aufnimmt.

Ich freu mich nicht auf den Herbst und auch nicht auf den Winter. Ich wünschte, ich könnte das Leichte dieses Sommers einfach noch ein bisschen festhalten und nicht daran denken, was uns möglicherweise erwartet.

Passt auf euch auf!

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