Die Ferien neigen sich dem Ende. Diese Zeit der (relativen) Unbeschwertheit neigt sich dem Ende, und in meinem Kopf machen sich die Gedanken breit, die wie jedes Jahr die Rückkehr in den Alltag bestimmen. Sommerferienendegedanken.

Aber in diesem Jahr wird der lustige Gedankenreigen ergänzt um die Sorgen um Corona. Jeden Morgen schwöre ich mir, ich denk nicht an Delta, jetzt noch nicht, aber dann tue ich es doch. Es lässt sich nicht verhindern.

Wir sprechen viel weniger über Corona, seit wir hier sind. Unser Bewusstsein ist einerseits geschärfter für den Umgang damit (wir testen nach wie vor routinemäßig mit Schnelltests zwei bis drei Mal in der Woche, obwohl wir drei Vollgeimpfte im Haushalt sind), andererseits ist es Sommer, wir sind fast nur draußen, wenn wir andere Menschen treffen. Und die Zahlen sind niedrig… waren niedrig.

Ich denk nicht an Delta. Oder?

Ja, okay, ich denk an Delta. Je näher der Tag der Abreise kommt, umso häufiger beschäftige ich mich wieder mit der Delta-Variante und ihren möglichen Auswirkungen auf den Alltag, der uns erwartet.

Zurück in die Schule

Während für die beiden Jüngeren die Schule erst in der letzten Augustwoche startet, geht’s für die Große am Montag in ihr endgültig letztes Schuljahr. Und die Pläne für die Schulen in Zeiten von Corona und in der ansteigenden Delta-Welle sind erschreckend. Es gibt keine. Es hat sich so gut wie nichts getan seit einem Jahr.

Noch immer werden die Kinder ungeimpft und ungeschützt zurück in die Schulen geschickt. Noch immer wird von Lüften gefaselt, statt dass flächendeckend Luftfilter angeschafft worden wären. Ich weiß von Schulen, wo das geschehen ist, aber die meisten, von denen ich höre, sind nicht ausgestattet.

Und was die Teststrategien angeht: an der Schule der Großen sollten zuletzt alle zweimal wöchentlich getestet werden, bei den Oberstufenschüler*innen sollte das im Tutorium, also in einem der Leistungskurse geschehen. Wenn aber die entsprechende Lehrerin fehlte, wurde einfach nicht getestet. Auch wurden die Tests dann nicht an die Kinder ausgehändigt, so dass die Tests selbständig hätten durchgeführt werden können.

Der Berliner Senat hat die FFP2-Maskenpflicht auf den Schulhöfen vor den Sommerferien aufgehoben, generell sind jetzt nur noch medizinische Masken verpflichtend, keine FFP2-Masken mehr. All das, obwohl wir wissen, dass Delta viel ansteckender ist, als der Wildtyp oder die anderen Virusvarianten. Seit einigen Tagen ist klar, dass diese Virusmutation so ansteckend ist, wie Windpocken. Windpocken, die so heißen, weil sie durch die Luft übertragen werden, auch über mehrere Meter Abstand hinweg. Und vielleicht auch weil sie sich wie der Wind verbreiten. So wie Delta. Wie war das mit dem Lüften?

Tests und Quarantäne

Die Zahlen steigen (wenn auch im Moment noch langsam) und die Reiserückkehrer*innen aus den Hochrisikogebieten müssen sich verpflichtend testen lassen und in Quarantäne selbst isolieren – doch wer garantiert das? In MeckPomm wurde gerade ein Ferienlager geschlossen, weil ein Betreuer, der zuvor in einem Risikogebiet Urlaub gemacht hatte, eine nicht unbeträchtliche Anzahl Kinder infiziert hat. Alle anderen mussten in Quarantäne. Aber es gibt nach wie vor kein weitreichendes Konzept, das die Mitarbeiter*innen von Kitas, Hortner*innen und Lehrer*innen in Schulen und Kitas schützt. Wir stehen immer noch da mit nicht durchsetzbarer Maskenpflicht (kein FFP2 mehr nötig, sagt der Berliner Senat), Lüften statt Luftfilter und einer lasch umgesetzten Testpflicht für alle Beteiligten.

Während die Charité mit der Berliner Clubcommission an diesem Wochenende ein Pilotprojekt anstößt, den Clubculture Reboot”, bei dem mit einer verpflichtenden Teststrategie (PCR Tests gekoppelt an den Ticketerwerb, Einlass nur mit negativem Ergebnis) das Tanzen in sechs ausgewählten Berliner Clubs ohne Maske und Abstand ermöglicht werden soll, sitzt der Senat das Thema Schulöffnungen unter sicheren Bedingungen mal wieder aus.

Ich verstehe sowas nicht. Nein, ich denk nicht an Delta. Ich möchte auf die Eiche schauen und die Weite am Weststrand und mir den Wind der Ostsee um die Nase wehen lassen. Den Pferdekindern Nudeln kochen und nur einmal in der Woche die stinkigen Reithosen waschen. Den kleinen Hund am Strand rennen lassen und mich freuen, wenn die Sonne abends wie eine pink-violette Zuckerwatte untergeht. An nichts anderes möchte ich denken.

Ich denke aber doch daran. Und ich hoffe, dass diese Art Pilotprojekte mehr werden, damit wir keine Lockdowns mehr erleben müssen, sondern Ausbrüche lokal eingedämmt werden können. Ich wünsche mir, dass die Berliner Bildungssenatorin (und alle Kultusminister*innen der Länder) sich ein Beispiel an der Berliner Clubcommmission nehmen und von mir aus irgend ein wissenschaftliches Projekt starten an Modellschulen oder was weiß ich, wo neue Teststrategien ausprobiert werden, die neuesten Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Luftfiltern zum Einsatz kommt und so der im Moment vulnerabelsten Gruppe, den Kindern, die bisher nicht geimpft werden konnten, einen regulären Schulbesuch ermöglicht.

Heute morgen sagte die Große zu mir: “Ich freu mich schon irgendwie auf das letzte Schuljahr, aber ich seh mich noch nicht auf meinem Abiball tanzen. Weil… Delta.” Und da lasen wir nach, wie das am Wochenende mit den Berliner Clubs gehen wird und ich dachte, wenn wir daraus alle was lernen, wenn wir lernen, wie die Bedingungen sein müssen, damit wir möglichst wenig Menschen gefährden, wenn wir endlich mal rauskriegen und umsetzen würden, was wir tun müssen, damit wir ein möglichst normales Leben führen können, dann würden all diese Dinge wieder gehen.

Kino- und Theaterbesuche, Abibälle und Familienfeiern und eben auch risikoärmerer Schul- und Kitabesuch. Wieso kann ein Verein wie die Berliner Clubcommission sowas mit der Charité anstoßen und der Senat kann es nicht?

Ich denk nicht an Delta – tu ich aber doch.

Last Updated on 4. August 2021 by Anna Luz de León

1 Kommentar

  1. Liebe Anna,

    mir geht es ähnlich – ich versuche das Thema zu verdrängen, weil unbändige Wut auf so vieles und viele in mir hochsteigt und ich mich so hilflos fühle, aber es gelingt mir nur mittelmäßig. Ich bin Mama von einem Kind, das nach den Ferien eingeschult wird (natürlich trotz vieler doppelt geimpfter Eltern und Geschwister mit sehr beschränkter Teilnehmerzahl und Maske im Freien, während riesen große Parties und Veranstaltungen möglich sind und jeder ungetestet ins Kino und Restaurant gehen kann – aber in den Schulen scheint die Gefahr irgendwie größer zu sein?!?!?) und einer Tochter, die in die 3. Klasse kommt. Es gibt an unserer Schule keinen Plan und keine Luftfilter. Und unser homeschooling im letzten Jahr sah so aus, dass es einen Stapel Zettel und Arbeitsanweisungen gab, die die Eltern alleine mit den Kindern machen durften. Kaum Kontakt zu den Lehrern, keine Kontrollen – nichts.
    Ich bin studierte Biomedizinerin und meine, zumindest einen Hauch von Ahnung zum Thema Corona zu haben und meine klare Haltung zu dem Thema ist, dass zumindest die Kinder unter 12 Jahren komplett von den ganzen Maßnahmen ausgenommen werden müssen, jetzt wo 60 % der sich impfen lassen könnenden Bevölkerung geimpft ist. Wenn man sich die Datenlage bei unter 12 Jährigen ansieht, ist die Gefahr durch Schulschließungen, Quarantänen usw größer als die Gefahr, die von einer Coronainfektion ausgeht. Alleine in Hessen sind 2000 Kinder durch die Schulschließungen und Aussetzung der Präsenzpflicht vom Radar der Schulbehörden verschwunden. Ich habe langsam das Gefühl, in einer verkehrten Welt zu leben und hoffe, dass wir langsam dazu kommen, dass wir uns von diesem alleinigen Inzidenzwert lösen, uns von diesem Leben in Angst befreien (ich finde es lobenswert, dass ihr trotz doppelter Impfung Schnelltests macht, um weniger Angst zu haben, andere anzustecken, aber das macht keinen Sinn, da Schnelltests ohne Symptome schon relativ ungenau sind und wenn man doppelt geimpft ist und sich vielleicht trotzdem infiziert, so wenig Virusmaterial vorhanden ist, dass kein Schnelltest das anzeigen wird) und in den Modus übergehen, mit dem Virus zu leben. Und mir ist völlig schleierhaft, warum nicht viel, viel mehr Anstrengungen unternommen werden, damit auch noch dem letzten Impffaulen ein Leckerli als ImpfBelohnung zugeworfen wird, damit alle, die sich nicht impfen können, geschützt werden! Das macht mich wirklich fertig.
    Ich bete wirklich jeden Tag für die Kinder und wünsche Ihnen und den zugehörigen Familien nichts mehr, als einen verlässlichen, geregelten Schul/Kita-Alltag ohne Angst und dass es vielleicht doch noch ein paar Verantwortliche und Politiker gibt, die sich für unsere Kinder einsetzen!
    Herzliche Grüße und ich liebe es, Deine Texte zu lesen.
    Anne

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