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ich bin ein mama-blog ::: aufwertung eines genres

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Zur Zeit lese ich wieder einiges über den Begriff "Mama-Blog", über die Nische der Mama-Bloggerinnen allgemein und über die Frage, ob das jetzt eigentlich was Gutes ist oder vielleicht eher ein Stigma. Ich dachte eigentlich, darüber sei bereits alles geschrieben worden, aber nach einem kleinen Austausch auf Twitter mit einigen Kolleginnen in den letzten Tagen, muss ich mich doch noch mal aufstellen.

Die Frage ist für mich nämlich nicht nur die nach dem Selbstverständnis: definiere ich mich selbst als Mama-Bloggerin oder nicht. Das muss ja jede für sich selbst entscheiden. Die Frage ist für mich vielmehr, wie sortieren wir, die Bloggerinnen mit den Familienthemen, uns selbst ein im Ranking der Blogs. Viel zu oft für meinen Geschmack lese/höre ich von Kolleginnen: "Ich bin doch nicht nur so'n Mutti-Blog! Ich mache doch noch viel mehr!" Oder von Bloggerinnen aus anderen Nischen: "Achchchchch… Du schreibst so'n M a m a – B l o g?! Geht's da nicht immer nur um Kinderkacke?" Oder (für mich die rätselhafteste Variante):"Ich schreibe zwar ausschließlich über Elternthemen und hab das "Mama" sogar im Blognamen, aber ich möchte nicht Mamablogger genannt werden." Ich frage mich jetzt mal laut: warum eigentlich nicht? Was genau ist denn das Stigma, das da offenbar befürchtet wird? Ich finde, der Begriff hat dringend eine Aufwertung nötig.

Ich mach doch noch viel mehr als nur Mama-Bloggen!

Ziemlich genau vor einem Jahr auf der Blogst Konferenz 2014 in Hamburg habe ich einen Vortrag über's #mutbloggen gehalten (ich weiß, der Blogartikel dazu steht immer noch aus. Kommt noch. Promise!). Unter anderem ging es dabei auch um die Frage, inwiefern wir als Bloggerinnen uns mit unseren Artikeln auf die Nische beziehen müssen, die wir irgendwann mal für uns definiert haben. Darf eine Interior-Bloggerin auch mal übers Blutspenden schreiben? Oder eine Foodbloggerin übers Kinderhaben? Oder eben eine Mama-Bloggerin über elternfremde Themen?

Womit wir genau beim Thema wären: was sind denn Mama-Blog-Themen? Was nicht? Und wer legt das fest? Wenn ich beim Bloggen eine bestimmte Nische besetze, indem ich meinen Fokus auf bestimmte Themen lege, definiert das (möglicherweise neben meinem Blognamen) zunächst das thematische Grundgerüst meines Blogs. Aber nirgends steht geschrieben, dass ich nicht über die Grenzen gehen darf. Niemand anders als ich selbst, am besten im Kontakt und im Austausch mit meinen Leserinnen, legt fest, wohin ich die Türen aus meiner Nische heraus öffne.

Mama Blogger schreiben über ihre Kinder. Vielleicht über Erziehungsthemen, möglicherweise über Alltagserfahrungen aus ihrem Familienleben. Viele verbloggen kinder- und familientaugliche Rezepte, Kinderbücher und Alltagstipps, aber auch dafür gibt es keine verbindliche Regel. Wieso auch?

Ich zum Beispiel schreibe neben allen anderen Themen immer wieder übers Sterben und den Umgang mit dem Tod – Mütter sterben nämlich auch. Und das Thema wird auch anders für Kinder relevant. Passt das also auf ein Mama-Blog? Ich sage ja. Und diese Freiheit nehmen sich zum Glück auch die meisten der Kolleg*innen: Tanya von Luciemarshall schreibt in letzter Zeit viel über Flüchtlingshilfe, andere befassen sich mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei einigen Elternblogs wie Berlin Freckles geht's vermehrt ums Reisen mit Kindern, bei anderen um vegetarische, vegane oder zuckerfreie Ernährung in der Familie wie zum Beispiel bei Runzelfüßchen, einige befassen sich schwerpunktmäßig mit kindertauglichen DIYs, wie beispielsweise Wlkmdys, andere wie Kids&Couture wieder mit Kindermode, manche nähen und schreiben darüber, andere sind politisch aktiv undsoweiter. Man schaue sich nur das schier nicht enden wollende Verzeichnis der Mama-Blogs bei Brigitte MOM an, dann kriegt man eine Idee.

Die Vielfalt ist gigantisch und das ist wunderbar, sie spiegelt nämlich wider, was für verschiedene Menschen hinter den Blogs stehen, wofür sie sich interessieren, was ihnen wichtig ist, worin sie gut sind und für was sie stehen. Warum sollte dieser Mensch keine Mütter sein und sich auch so nennen? Wieso glauben wir, dass wir für die Vielfalt und die Einzigartigkeit unbedingt ein anderes Label brauchen, als das des "Mama-Blogs"? (Wieso sich Menschen mit ihren Blogs in diesem Verzeichnis listen, über dem "Mom-Blogs" steht, wenn sie gar nicht so genannt werden wollen, ist eine andere Frage, auf die ich keine Antwort weiß…)

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Mama-Blog klingt immer so… irrelevant.

Das höre ich oft, gerade im Kontext mit anderen Blogger-Nischen, die, aus welchen Gründen auch immer, als relevanter empfunden werden. Ich erinnere mich da an eine legendäre Runde auf der re:publica 2014, in der ich die einzige Mama-Bloggerin war und eine mir unbekannte Frau mit einem Interior-Blog abfällig sagte: "Elternblogs sollen relevant sein? Also für mich nicht. Das ist doch lächerlich, das Geschwafel über Breichen und Kitaeingewöhnung." Ich drehte mich zu ihr um und sagte: "Das ist wohl eine Frage der Perspektive. Ich persönlich finde jetzt den hundertfuffzichsten Lampenhype auch nicht sooo relevant…" Unser Gespräch war an der Stelle vorbei, aber der Punkt ist doch: wer bestimmt, was für wen relevant ist? Ist es nicht so, dass diese Bloggerin für ihren Lampenjubel ebenso ihre Leser*innen findet, wie ich für meinen Artikel über Trennungsangst bei Kindern? Vermutlich sind es nicht dieselben, aber wer weiß das schon? Vielleicht kriegt auch diese Bloggerin eines Tages Kinder und die Relevanz der Themen verändert sich?

Die Frage nach der Relevanz eines Blogs oder einer ganzen Nische, habe ich in meinem Vortrag vor einem Jahr so beantwortet: "Relevanz ist keine Auszeichnung, die uns von anderen verliehen wird. Sie misst sich an der Bedeutsamkeit dessen, was wir selbst tun."

Die Themen, die mir am Herzen liegen, die wichtigen Themen, die ich hier platzieren will und die gelesen, kommentiert und geteilt werden, sind in jedem Fall relevant. Sie sind es für mich und sie sind es für meine Leser*innen, die sie hier finden und mitnehmen. Und das sehe ich auch bei den Kolleg*innen: jede findet ihre Leser*innen, jede hat ihre Stimme und bringt sie zum Klingen.

Ein weiterer Aspekt, an dem die Relevanz eines Blogs oder eines ganzen Bloggergenres gerne gemessen wird, ist die Frage danach, mit wem denn Unternehmen zusammenarbeiten wollen. Auch hier lautet die Antwort: mit denen, die zu ihnen und ihren Produkten passen. Das sind für die Elternbloggerszene andere Unternehmen als für die Interior- oder die Foodbloggerszene, auch wenn es da natürlich Überschneidungen gibt. Auch hier sind die Türen zwischen den Nischen offen und durchlässig. Aber tatsächlich ist es so: viele Unternehmen, Shops oder Agenturen möchten ganze gezielt mit Mama-Blogs zusammenarbeiten. Nicht etwa, obwohl da Mama-Blog drauf steht, sondern genau deshalb.

Natürlich bin ich ein Mama-Blog!

Ein Blick über den großen Teich oder nach Skandinavien oder den Niederlanden zeigt uns übrigens, dass dieses empörte Von-sich-Weisen des Labels "Mama-Blog", als wäre das etwas Minderwertiges, womit man nichts zu tun haben möchte, etwas typisch Deutsches ist. Mom-Blogger in den USA, Australien und Neuseeland sind längst professionell vernetzt, besetzen die diversen Nischen innerhalb des Genres Momblogger und verdienen Geld mit ihren Blogs. Das sind zum Teil erfolgreiche Unternehmerinnen, die ihr Muttersein nicht wie ein Stigma verstecken oder sich dafür schämen. Sie fangen mit einem Blog an und setzen ein Geschäft obendrauf, sie vertreiben selbst entworfene Kinderkleidung oder Brotdosen, sie geben Kurse, schreiben Bücher und halten Vorträge. Und: sie verstecken ihr Label als Mamablog nicht. Sie sind Moms. Momblogger. Mompreneurs.

Ich glaube, wir können davon viel lernen. Nein, wir s o l l t e n davon etwas lernen. Wir sind Mütter und wir bloggen. Wir sind die Mamas unter den Blogger*innen, und wir brauchen uns nicht zu verstecken. Nicht vor den Kolleg*innen aus anderen Nischen, nicht voreinander, nicht im Kontakt mit Kolleg*innen, Unternehmen, Agenturen oder anderen, die mit uns zusammenarbeiten möchten. Und schon gar nicht vor unseren Leserinnen. Das sind nämlich auch Mütter, die mit denselben Themen befasst sind wie wir.

Was sagt das über uns aus, wenn wir selbst unser Label "Mama-Blog" als problematisch empfinden? So als wäre Muttersein ein Stigma, das man besser nicht so offen zeigen sollte? Etwas, das uns unprofessioneller erscheinen lässt, etwas, das uns und unsere Position schwächt. Ist das wirklich so? Wir brauchen mehr Selbstverständnis für unser Genre. Wir brauchen mehr Stolz und weniger Stigma. Wie können wir von anderen erwarten, dass sie uns und unsere Arbeit ernst nehmen, wenn wir uns nicht mal selbst beim Namen nennen können? So funktioniert das nicht.

Ich bin ich und mein Blog ist Berlinmittemom. Natürlich bin ich ein Mama-Blog! Und ich finde verdammt noch mal keinen Grund, warum ich darin ein Problem sehen sollte. Ich widme diesen Beitrag allen meinen lieben Kolleginnen, die das "Mama" stolz im Blognamen oder der Beschreibung tragen, exemplarisch seien da mal Mama Mia, Supermom, Mama Notes, Mama arbeitet, Mamamania, Mama on the rocks, Stadt Land Mama, Mama Schulze genannt – und viele viele mehr… Here's to you, ladies!

 

signatur

EDIT: Sehr lesenswert dazu geschrieben hat auch die liebe Carole von Frische Brise im letzten Jahr schon mal. Bitte sehr: Mütter-Blogs? Wie niedlich!

 

13 Kommentare

  1. „(Wieso sich Menschen mit ihren Blogs in diesem Verzeichnis listen, über dem „Mom-Blogs“ steht, wenn sie gar nicht so genannt werden wollen, ist eine andere Frage, auf die ich keine Antwort weiß…)“ – Yessss!
    Ich wünsche mir ein ganzes Stück mehr Aufwertung. Und das muss da anfangen, dass Mamabloggerinnen sich selber auch so zu nennen trauen.

  2. Schöner Artikel.
    Ich finde, diese Herabwürdigung des Mama-Blogs spiegelt aber wunderbar die generelle Herabwürdigung von Müttern in unserer Gesellschaft wieder, findest du nicht auch? Ich höre immer wieder negative Aussagen im Zusammenhang mit Mutter sein in verschiedenen Bereichen. Wir hatten das ja an anderer Stelle auch schon einmal übers Biedermeiern. Gerade eben erst sagte eine Kollegin zu mir, sie wünsche sich vom Leben halt mehr als Brei kochen, Pausenbrote schmieren und Laterne basteln. Ich finde das bezeichnend. Wir Mütter haben einfach einen schweren Stand und unser Mutter sein sollen wir am besten leugnen – da ist die Bloggerszene nur ein Abbild der Realität.
    Von daher finde ich es wunderbar, dass du dagegen hälst, mit deinem Artikel, aber auch mit deinem Blog generell, auf dem du so ein buntes, fröhliches und stolzes Bild des Mutter-seins zeichnest.
    Viele Grüße von Daniela, der Zweibeiner, heute ausnahmsweise mal vom Mama-freien beruflichen Account 😀

  3. Jawohl. Ich bin auch ein Mama-Blog. Einer, in dem reflektiert, gemeckert, geliebt und gewütet wird. Mit Rezepten, Möbeln und Produkttest hab ich’s nicht so, bei mir landen eher die feministischen Moms, die sich-in-Frage-stellenden-Moms, die grübelnden Moms, die schwarzhumorigen Moms. Das finde ich sehr gut – spiegelt es schließlich die mütterliche Bandbreite wieder.

    Ein „Mama“ trage ich in erster Linie nicht im Namen, weil mir schlichtweg kein guter Mama-Name einfiel. Ich hab dann den zweitbesten genommen, der mir spontan in den Sinn kam (der erstbeste war bereits vergeben).

    Mama-Blogs per se als niedlich, irrelevant und unpolitisch abzutun, finde ich ausgesprochen kurzsichtig.

  4. Ich finde es traurig, dass man diese Diskussionen immer wieder führen muss. Warum immer dieser „Schwanzvergleich“?! Warum fühlen sich manche Leute anderen überlegen? Kann nicht jeder jeden sein Ding machen lassen? Ob mit Stempel, Schublade oder Kategorie – im Endeffekt wollen wir doch alle das Gleiche: Dinge teilen. Und wenn wir „relevant“ sind, finden wir unsere Zielgruppe. Und ich bin sicher, viele Mama-Blogger haben eine deutlich größere als ein anderer, der laut tönt ;)!

  5. Ich las nur heute Morgen die Diskussion bei Twitter, deshalb weiß ich nicht was es eventuell noch für Auslöser für deinen Blogeintrag gab.
    Da ging es ursprünglich um den „Mamablogger“ Hashtag bei Instagram. Ich zum Beispiel les den immer wieder und hab nicht verstanden wozu man den verwendet. Ich hatte den für mich so eingeordnet, dass den Mamablogger nutzen wenn sie auf einem Event oder so sind, der mit dem Blog zu tun hat, um sich da zu vernetzen. Ich verstand für mich einfach nicht den Zusammenhang wenn der Hashtag unter irgendwelchen Alltagsfotos gepostet wird. Bei manchen war ich mir dann nicht so sicher, ob das jetzt ein Art sponsoring-Kennzeichnung war unter einem Bild.
    Aber vermutlich habe ich mich jetzt total zu Unrecht angesprochen gefühlt, ich habe die Twitter Unterhaltung vermutlich gar nicht komplett gesehen.
    Die Diskussion ob Mamablog jetzt abwertend ist oder nicht verstehe ich nämlich auch nicht, habe ich aber auch nie geführt. Weil… ich habe einen Mamablog und finde daran nichts verwerflich oder diskussionswürdig. Ich wüsste aber auch gar nicht wie ich das anders nennen soll. 😉

  6. Liebe Anna, ein toller Text ist das. Im Prinzip spiegelt dieses Phänomen doch die Rolle der Mutter in der deutschen Arbeitswelt generell wieder. Viele Mütter müssen sich im Job immer wieder einreden lassen, dass sie nicht so viel Wert sind, wie Angestellte ohne Kinder. Wir arbeiten angeblich weniger, sind gedanklich ständig bei unseren Kindern, fehlen immer und wollen ja eigentlich garnicht auf der Arbeit sein. Wenn uns Müttern dieses Gefühl immer und immer wieder vermittelt wird, ist es kein Wunder, dass wir es irgendwann glauben. Denn die wenigsten sind gegen eine dauerhafte Kritik immun. Und viele der Mama-Blogger haben eben genau diese Erfahrungen gemacht und wurden so „geformt“, da sie eben nicht gegen Kritik immun sind und damit menschlich und dem Leben gegenüber aufgeschlossen; also genau so, wie sie sein sollten. Denn das Problem liegt nicht bei den Müttern, sondern darin, was die Gesellschaft versucht aus uns zu machen. Herzliche Grüße, Christiane

  7. lihabiboun sagt

    Ein Artikel, der -wie so oft bei Ihnen- wunderbar kluge Gedanken widergibt. @dalbert05: Bin völlig Ihrer Meinung, daß sich die generelle Geringachtung des Mutter-Seins in Deutschland auch in der Abwertung der Mamablogs zeigt. Außerdem: ob ein Food-/Mode-/Interior-/Politik-/Mama-Blog gut ist oder nicht, ob es einen anrührt, aufwühlt, informiert, amüsiert oder nicht, liegt ja doch bitte nicht am label, das draufpappt, sondern an der Autorin/dem Autor. Und an Frau Luz‘ Adresse mal ein fettes Kompliment: Ich hab schon öfter erlebt, daß ich nach Lektüre eines Ihrer Blogeinträge ganz getröstet wieder von dannen „gegangen“ bin. So viel zum Thema. Und zum Schluß: Wer andere niedermacht, hat es nötig!!!

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  12. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer dass auch die Expatmamas das „Mama“-Label mit Stolz tragen. 🙂 Denn Mamas verbringen auch manchmal ein paar Jahre im Ausland und schreiben darüber.
    Vielen Dank für den Mut machenden Beitrag und liebe Grüße
    Jonna

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