Der Tag ist gekommen.
Mit diesem Satz begrüßte mich meine große Tochter heute früh – und brach als nächstes in Tränen aus. Wieder mal.
Seit knapp 10 Tagen spielen wir ihn durch, diesen und die folgenden vier Tage: die Klassenfahrt.

Es ist unglaublich zu sehen, was da mit meinem Kind vorgeht. Egal, was wir tun und sagen, um sie zu unterstützen, sie zu ermutigen, sie zu stärken, nichts scheint diese brodelnde Panik in ihr verhindern zu können, die immer wieder aufsteigt und auch, schön regelmäßig, überschwappt.
Die Klassenfahrt steht seit Anfang des Schulljahres auf dem Programm, und genau wie im letzten Jahr ist sie früh im Jahr angesetzt, sozusagen als gemeinschaftsbildende Maßnahme. Seit wir den neuen Stundenplan und alle Schulinfos haben, quält sich das Kind mit dieser Vorstellung: es, allein, für vier Tage. Auf Klassenfahrt! Ein Alptraum.
Und vielfältig sind die Ängste, die sie dabei hat, verschieden und auch unterschiedlich ausgeprägt. Einmal ist es die Angst vor abendlichem bzw. nächtlichem Heimweh: „Mama, das ist so ein fieses Gefühl, das will ich nicht haben, davor hab ich Angst!“ Verständlich, ich erinnere mich gut an dieses verlassene Gefühl im Jugendherbergsbett in der fünften Klasse. Brodenbach. Wanderung durch die Ehrbachklamm. Abends dann in schlecht gelüfteten Zimmern in Stockbetten. Und dabei noch Krach mit Freundin Nettie… Die Hölle.
Dann die Angst vor der Schmach: nur SIE hat Heimweh, sonst niemand, nur SIE muss weinen, sonst sind alle cool. Was soll sie nur tun, um das zu verhindern? Die schlimnmste meiner Antworten auf diese Frage war für sie wohl, als ich sagte, das sei normal und das müsse sie aushalten. Sich ablenken solle sie, lesen, an etwas Schönes denken, an den nächsten Tag. Und wenn die Nacht vorbei wäre, sei die darauf folgende nur noch halb so schlimm. Panik in den Augen kam ihre Antwort: „Mama, meinst du, das hab ich wohl JEDEN Abend?!“

Und schließlich die Lieblingsangst meiner Tochter: die Trennungsangst. Es könnte etwas Schlimmes passieren (Erdbeben, Unfälle, tödliche Krankheiten, Scheidung, Tod und Pestilenz!), ihr, ihren Geschwistern und uns in ihrer Abwesenheit. Und auf meine Antwort, dass das nicht geschehen werde, kommt, dialektisch richtig: „Das kannst du mir gar nicht versprechen und du kannst es auch nicht wissen!“ Selbstverständlich passiert all das nur, wenn man sich trennt, denn wenn man immer zusammen ist, ist ja alles gut und alles ist gut auszuhalten.
Dazwischen gibt es noch viele kleine Ängste, die sie formuliert und an denen sie ebenso festhält, wie an den großen Ängsten, die aus ihrer Sicht quasi nicht zu entkräften sind. Viel Fantasie hat das Kind, das bedeutet leider auch viel Vorstellungskraft für Katastrophen und deren Verwandte.

Aber die Hauptkrux in dieser ganzen Campweek-Nummer, ist die Erinnerung an die letzte Klassenfahrt vor einem Jahr. Schon damals schnappte das Kind im Vorfeld fast über vor Angst, allerdings war damals alles auch überschattet von dem Tod meiner Mutter, der geliebten Oma, die wir wenige Tage vor Schulbeginn erst beerdigt hatten. Unter dem Eindruck dieser Geschehnisse rund um Sterben, Tod und Trennung sind wir, die Eltern, eingeknickt. Im Klartext bedeutet das: das Kind kam an Tag 2 zurück und war zwar zunächst erleichtert, dann aber beschämt und schließlich geprägt auf ein Selbstbild als Campweek-Versagerin.
Jetzt, ein Jahr später, erwartet sie also dieses selbe Verhalten von sich, erinnert sich mit Unbehagen an das letzte Jahr und daran, wie ihr frühes Heimfahren von den Klassenkameraden aufgenommen wurde, sieht aber eigentlich keine Alternative für sich. Dieses schreckliche Gefühl, die Angst vor dem eigenen Versagen, gesellt sich also schön zu all den anderen Ängsten und schwappte die letzten Tage fett und bräsig durch unsere täglichen Gespräche.
Furchtbar.

Und man kann eigentlich so wenig tun! Wir haben mit ihr geredet, wir haben sie weinen lassen und sie getröstet, wir haben ihr zugehört und ihr immer wieder gesagt, dass all diese Gefühle normal und ganz sicher nicht selten sind, sondern dass alle anderen diese oder so ähnliche Gefühle kennen. Wir haben ihr erzählt, wie es uns früher ging, der Vater der Kinder hat gar Alben von sich aus Ostzeiten gezückt, die ihn als 5jähren zeigen, gnadenlos wochenlang an die Ostsee verschickt. Ich erzählte von der Ehrbachklamm. Und sie war auch beeindruckt. Aber nicht genug.

Gestern endete der Tag in Tränen, heute begann er damit. Und sie nannte uns die gemeinsten Eltern, weil wir sie zwingen würden, mit zu fahren und ihr verweigerten, sie früher abzuholen, „wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist, Mama“. (Mein Einwand, nur ein Notfall würde dazu führen, dass wir sie vorzeitig holen würden, wurde beiseite gewischt. Was ist denn monstermäßiges Heimweh wohl anderes als ein Riesennotfall?!)
Die kleinen Geschwister standen im Schlafanzug neben dem heulenden Klassenfahrtskind und streichelten an ihr herum. Der Bub sagte: „Jetzt reiß dich mal zusammen, du bist doch da nicht alleine!“, das Kleinste murmelte mantramäßig immer wieder: „Du bist stark, du schaffst das!“ All das führte zu wilden Umarmungen und einer schluchzend sich verabschiedenden großen Schwester, die dann laut heulend das Haus verließ. Als schicke man sie für zwei Jahre in ein russisches Arbeitslager. Ohne Not.
Ich war so erleichtert, als mich die Nachricht erreichte, der Bus habe das Schulgelände verlassen und es sei im Vorfeld nicht weiter geweint worden!

Jetzt ist Montagabend, sie ist weg und nähert sich unaufhaltsam der Heimwehstunde vor dem Zubettgehen. Ich hoffe, mein Telefon bleibt stumm. Ich drücke ihr alle Daumen, dass sie unsere Tipps und Ratschläge befolgen kann,  dass sie sich ablenken kann, dass sie sich in den Schlaf lesen und nicht weinen wird und dass ihre Freundinnen sie trösten. Was nicht unbedingt gesagt ist.

Ein Gutes hat die Sache: vor lauter Kind-Getröste und Aufgebaue komme ich nicht dazu, mir Gedanken darüber zu machen, ob ICH sie möglicherweise vermisse.

7 Kommentare

  1. Ach menno, du Arme. Das ist hart, das Kind weint und eigentlich will man auch gar nicht, dass es weg ist (ich würde zumindest so fühlen), aber man muss ihn klar machen, dass es normal und in Ordnung ist. Ich hoffe, das Telefon bleibt ruhig. Meine ältere Tochter würde – glaube ich – fahren, ohne sich auch nur umzudrehen. Die jüngere, mmh, mal sehen, könnte sein, dass das schwieriger wird…ich bin gespannt und hoffe auf jeden Fall, dass es diesmal wirklich 4 Tage Klassenfahrt sind…

    • Die erste Nacht ist geschafft: juhu. Und ich bin soooo dermaßen erleichtert, dass mein Telefon nicht geklingelt hat. Ich hoffe, hoffe, hoffe, dass der Rest jetzt einfach so läuft…
      Ja, die Kids sind verschieden. Mein Sohn hat diese Ängste überhaupt nicht, aber er ist auch so ein begnadeter „Schläfer“, der braucht genau 1 Minute zum Einschlafen und pennt dann 12 Stunden durch. Nicht so seine Schwestern. Die Kleinste ist ja mit ihren 3 Jahren noch zu jung, um woanders zu übernachten oder gar weg zu fahren, die Situation gab es noch nie. Ich bin also mal gespannt, wie das dann bei ihr wird…. Die Mädchen sind beide eher schlechte Ein- und Durchschläferinnen, träumen wild, stehen nachts auf und suchen uns heim. Naja, bis zur nächsten Klassenfahrt haben wir ja jetzt erstmal ein Jahr Ruhe. Mal sehen, wie es dann wird…. ;-) Liebe Grüße!

  2. martina van Middelaar Antworten

    Hallo Anna, sag ihr dass es eine blöde Erfindung ist! Dass jeder einfach mitmacht obwohl es niemand toll findet, und jeder seine Heimwehmomente hat und es niemand zugibt, nur die Coolen, die sagen was sie fühlen. Sie ist stärker wie jeder andere weil sie sagt wie es ihr geht. Sie ist doch toll Deine Grosse.

    • Danke dir, Martina! Ja, du hast recht, sie IST auch toll. Und ich liebe es an ihr, dass sie ihre Gefühle immer so auslebt und ausdrückt, die guten wie die schwierigen. Sie ist ein sehr leidenschaftliches Mädchen, in allen Gefühlslagen. Aber das ist eben auch anstrengend, für sie selbst und auch für andere. Gerade ihre engsten Freundinnen betrachten sie dann mit Staunen und können oft weder mit ihrem Überschwang noch mit ihrer Verzweiflung wirklich viel anfangen. Ich beneide sie manchmal um dieses Pure, ich war ein viel angepassteres Kind und hätte mir eher den Arm abgehackt, als aus der Rolle zu fallen in diesem Alter: Heimweh war, still ins Kissen heulen, nicht laut zu schluchzen, egal wer zuhört/sieht. Wie dem auch sei, sich so ausdrücken zu können, ist eine Gabe, von der ich hoffe, dass sie sie behält. Und mir dann am Freitag in ihrer üblichen Übersprudel-Art nur Tolles von der Woche berichten wird! :-)

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