Tja, Corona ist noch immer nicht weg – Überraschung! Auch wenn ein Blick in die Welt „da draußen“ an manchen Stellen den Eindruck erwecken könnte, das sei nun alles vorbei und auch viele sich scheinbar nicht mehr um die Abstandsregeln und andere Verhaltensmaßregeln halten. Zeit für einen neuen Corona Alltagscheck.

Corona Alltagscheck: Wie läuft es eigentlich bei euch mit…

…der Hybridschule?

Unser Alltag hat sich diesbezüglich tatsächlich um einiges verändert. Die Schultage der Kinder werden wieder länger, die Homeschooling-Situation hat sich auch neu sortiert. Da die Kinder jetzt die Hauptfächer (Mathe, Deutsch, Englisch) wieder im Präsenzunterricht haben, bleiben für zu Hause die Nebenfächer übrig bzw einige Hausaufgaben.

Das Goldkind hat zwei Tage Schule, jeweils Dienstag und Donnerstag geht sie von 8:30 bis 14:10 in die Schule. Die Klasse ist weiter geteilt, die andere Hälfte hat Montag und Mittwoch Präsenzschule. Freitags hat sie jetzt immer den sogenannten „Specialist Day“, da sind im Wechsel die Nebenfächer Kunst, Musik, Drama und Sport dran. Der/die jeweilige Lehrer*in gestaltet den ganzen Tag im Fernunterricht und es wird intensiver an einzelnen Themen gearbeitet.

An den Präsenztagen gelten in der Schule weiterhin Abstandsregeln, auch wenn sie inzwischen Masken in den Klassenräumen abnehmen dürfen, sobald sie auf ihren Plätzen sitzen. Die Tische stehen mit Abstand, alle Fenster sind geöffnet, alle bleiben an ihren Plätzen. Das ist sicherlich für mein Kind die größte und härteste Veränderung: dass Schule, so wie sie sie kennt, nämlich mit Gruppenarbeit, freier Arbeit, flexiblem und selbständigem Arbeiten und sehr viel Bewegung zwischen allen Beteiligten, gerade so anders ist. Essen gibt es nach wie vor nicht, die Cafeteria bleibt geschlossen. Stattdessen bringen alle ihr Mittagessen mit (mir gehen so langsam die Ideen aus,  ich kann ja nicht immer diesen Lieblingsnudelsalat machen!) und essen an ihren Plätzen. Gemeinsame Mahlzeiten werden vermieden, auch auf dem Hof darf nicht gegessen werden.

Hofpausen gibt es jetzt aber wieder. Allerdings müssen alle in der Pause Maske tragen und draußen Abstand halten. Da ist verstärkt Aufsicht auf dem Hof, die die Kinder daran erinnert, wenn sie es selbst vergessen. Damit kommen sie aber alle sehr gut zurecht, muss ich sagen.

Hybridschule in Corona Zeiten | berlinmittemom.com

Beim Bub läuft es ein bisschen anders. Er hat auch zweimal die Woche Schule, allerdings einen Vormittag und einen  Nachmittag. Da die Klassen größer sind und auch signifikant mehr Fächer unterrichtet werden, sind die Gruppen auf Vor- und Nachmittage verteilt. Er hat ebenfalls die Hauptfächer als Präsenzunterricht und im Wechsel noch jeweils in der einen Woche Naturwissenschaften, in der anderen Gemeinschaftskunde. Für das Homeschooling bleiben bei ihm Kunst, Musik, Drama, Sport und Spanisch übrig, was seine zweite Fremdsprache ist. Auch hier machen die Fachlehrer wirklich gute Projektarbeit in ihren Fächern und bleiben mit mehreren Onlinesessions pro Woche mit den Kids im Kontakt. Es gibt auch echte Fernklassen und Onlineunterricht in kleinen Gruppen. Der Bub arbeitet auch mit diversen Klassenkamerad*innen an verschiedenen Gruppenarbeiten, so dass zum Beispiel donnerstags hier immer „Call-Vormittag“ ist, während das Goldkind in der Schule ist.

Für mich bedeutet das, dass ich wesentlich weniger involviert bin, als noch im Mai oder gar April und März. Nicht nur arbeiten die Kinder besser selbständig inzwischen, durch den engen Kontakt mit den Lehrer*innen und den Check-Ins in der Schule, wo sie ja auch für Tests erscheinen und ihre Aufgaben abliefern müssen, ist der Rahmen viel klarer und gibt eine bessere Orientierung. Vor allem das Goldkind mag das sehr und scheint von dieser Hybridform Schule regelrecht zu profitieren. Nicht nur ist sie ausbalancierter und scheint mehr in ihrem eigenen Rhythmus zu sein, auch in ihren Noten schlägt sich nieder, dass sie offenbar sehr gut zurecht kommt.

Wir sehen alle dem neuen Schuljahr skeptisch entgegen. Nicht nur, weil wir ja alle noch nicht wissen, wie es mit Corona und den Neuinfektionen nach den Sommerferien weitergehen wird, wenn alle aus den Ferien zurückkommen, wo sie mit Gottweiß wie vielen anderen Menschen in Kontakt waren. Auch, weil wir gerade wieder spüren, wie wenig das System Schule in diesem Land den Kindern den Platz und den Raum lässt, wirklich sie selbst zu sein. Dieses Aufatmen, dass ich hier beobachte, nicht nur bei meinen eigenen Kindern, das Fehlen  von sozialem Druck und auch Leistungsdruck, die Möglichkeit, sich mehr im eigenen Rhythmus und Tempo mit Themen auseinander zu setzen – gibt allen mehr Luft zum Atmen. Das werden wir vermissen.

… den Sozialkontakten?

Während die Kinder wieder viel mehr Kontakte haben, allein durch die  zwei Präsenztage in der Schule, aber auch hier in der  Nachbarschaft (wir erlauben nach wie vor Kontakt nur draußen und mit ausgewählten Freund*innen), sind der Mann und ich noch ziemlich zurückgefahren. Ich hatte in den letzten Monaten tatsächlich nur drei oder  vier Abstandsverabredungen mit Freundinnen, ansonsten traf ich vor allem Nachbar*innen, mit denen allerdings der Kontakt wesentlich enger ist als vor Corona, Menschen auf der Baustelle (mit Abstand und Maske), einmal die Bonustochter, die nach wochenlanger Selbstisolierung zu uns kam und ebenfalls mit Abstand die Prerower Reiterfreunde am Pfingstwochenende. Und ich war beim Friseur! Ebenfalls mit Maske und bei offenen Türen, ohne Wartezeiten etc.

Corona Alltagscheck im Juni | berlinmittemom.com

Die Teenietochter, die ja hauptsächlich Kontakt zu ihrem Freund hatte und fast alles andere auch mit Zoom und sonstigen Onlinemöglichkeiten abhandelte, trifft auch wieder Freundinnen. Es wird an den See gefahren, im Park gesessen, auf unserem Dach abgehangen und Wasserschlachten im Garten abgehalten.

Wir erlauben allerdings für alle Kontakte im Moment nach wie vor Treffen nur draußen und machen das natürlich selbst auch so. Gerade in den letzten Tagen hatte ich mit dem Mann ein Gespräch darüber, wie schräg das ist einerseits und wie schnell man sich andererseits dennoch daran gewöhnt. Mir fehlen meine Freundinnen sehr, mir fehlt auch die körperliche Nähe zu Menschen, die ich liebe. Ich bin ein Umarmungstyp und möchte das auch bleiben!

Was noch schwer ist: wir sehen unsere Familien nicht, unsere Eltern und Geschwister, unser Neffen und Nichten und natürlich die Lieblingsschwägerinnen und -schwager. Und da wir nicht wissen, wie es mit Corona weitergeht, wissen wir auch  nicht, wann wir uns wiedersehen. Vor allem für den Kontakt mit unsren Eltern ist das schwer – ich mag mir gar nicht vorstellen, wie hart das sein muss, wenn in der Rechnung auch noch Krankheiten berücksichtigt werden müssen oder die restriktiven Besuchsregelungen in Altersheimen und Pflegeeinrichtungen.

… dem öffentlichen Leben?

Tatsächlich machen wir nur das Nötigste. Nach wie vor geht hier keiner Shoppen, wir kaufen Lebensmittel einmal die Woche ein und erledigen auch sonst alles, was sein muss, so schnell es geht, mit Abstand und Maske. In der Regel macht das auch immer nur einer von uns. Mal abgesehen davon, dass ich noch nie eine Anhängerin großer Menschenmassen war und mir allein deshalb schon das Shoppen als Event noch nie Freude bereitet hat, bin ich tatsächlich auch grade überhaupt nicht scharf auf unnötigen Kontakt mit Fremden. Da fehlt mir nix.

Einzige Ausnahme war der Black Lives Matter Silent Protest am vorletzten Samstag, zu dem die Kinder unbedingt wollten – und auch für uns war das keine Frage. Das Thema „wichtig“ zu nennen, ist wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts. Und das Mindeste, was wir tun konnten war, zumindest am Rande dabei zu sein und unsere Solidarität zu auszudrücken. Wir sind zum Alex gelaufen und waren relativ früh da. Zu dem Zeitpunkt war es noch nicht zu voll, so dass man gut Abstand halten konnte. Alle trugen Masken, es war respektvoll und friedlich. Als es sich weiter füllte, haben wir uns an den Rand zurückgezogen, um weiter Abstand halten zu können und auch einen guten Abgang zu haben, falls es zu voll  werden sollte. Was dann bald geschah – das war dann für uns der Moment für den geordneten Rückzug. Wir waren mit einigen Nachbarn und gesammelten Kindern dort und sind dann nach etwas über einer Stunde wieder nach Hause gegangen. Ich  muss gestehen, dass da auch mein Bedürfnis nach einem Bad in der Menge übererfüllt wurde. Was das Abstandsgebot angeht, kommt Corona mir persönlich entgegen. Ich liebe Menschen – aber ich möchte mir aussuchen, mit wem ich auf Tuchfühlung gehe.

Silent Protest Black lives Matter Berlin | berlinmittemom.com

Was solche Dinge angeht wie Flohmärkte, Wochenmärkte, das Leben im Park – tut es mir leid um das, was ich an Berlin immer schon so geliebt habe. Das Bunte, das Offene, die Bereitschaft der Menschen, einander zu begegnen, über die vermeintlichen Grenzen von Herkunft, Alter,  Sprache, Ethnie… hinweg. Dieser Spirit scheint ein bisschen angeschlagen zu sein, zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mich hier in meinem Kiez so umschaue.

Was ich wiederum meide, sind nach wie vor die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich glaube, in der Stadt bin ich noch nie so viel Rad gefahren, wie seit März. Ich empfinde das Verhalten so vieler Menschen als so (unnötig) riskant und rücksichtslos, das macht mir echt zu schaffen. Was ist so schwer daran, diese Kackmaske aufzusetzen, um 20 Minuten mit dem Bus oder der Bahn von A nach B zu fahren? Wo es um den Schutz anderer geht? Es macht mich hilflos, traurig und wütend, wie viele nicht bereit sind, solidarisch mit anderen zu sein.

Jetzt  stehen die Sommerrferien vor der Tür und damit die Zeit, in der dann doch viele verreisen, innerhalb Deutschlands und auch ins  Ausland. Was das dann für die komplette Rückkehr zum Normalbetrieb ohne Abstand und Maske und besondere Vorsichtsmaßnahmen in alle Schulen und Kitas bedeutet, werden wir wohl im Herbst sehen. Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen Sicherheitsbedürfnis und der Sehnsucht nach Leichtigkeit – die vielleicht nur allzu schnell auch in Leichtsinn münden könnte.

Ich muss sagen, dass mir das alles Bauchschmerzen macht und ich diese „aber die Kinder haben ein Recht auf Schule“-Parolen als Begründung  dafür, alle Vorsichtsmaßnahmen fallen zu lassen, obwohl man weiß, dass Corona nicht vorbei ist, nicht nachvollziehen kann. Ja, die Kinder haben ein Recht auf Schule, aber das heißt nicht notwendigerweise, dass wir alle zurückmüssen zu der Schule, die wir vorher hatten. Und die übrigens auch überhaupt nicht geeignet ist für Krisenzeiten, wie wir jetzt sehen. Und für vieles andere ist sie es übrigens auch nicht. Jetzt wäre die Chance, etwas zu verändern und anders zu machen. Besser, flexibler, gerechter. Aber auf dem Ohr scheinen die Kultusminister*innen aller Länder taub zu sein.

Der Corona-Alltagscheck für diesen Monate ist hiermit abgehakt, aber ich denke, es werden weitere Artikel unter dem Schlagwort kommen. Denn dieses Virus ist gekommen, um zu bleiben. Und wer das immer noch nicht verstanden hat, dem ist nicht zu helfen.

Passt auf euch auf!

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für deinen Text. Ich bin genauso gespannt, was kommen wird.
    Unsere jüngere Tochter kommt mit dem Homescooling gut klar und dieser fehlende Leistungsdruck tut ihr gut. Gleichzeitig denke ich aber auch, dass es doch irgendwann wieder normal weiter gehen muss. Wir Bayern sind ja die Letzten…mal sehen, was kommt. Nächste Woche gehen wieder alle Kinder in die Kita. Auch da bin ich als Erzieherin sehr gespannt.

    Der Blick in euer Wohnzimmer ist so schön. Vor allem das erste Bild, wo die beiden zu Archie gucken. Lg Tanja

  2. Liebe Anna,
    ich weiß gar nicht, zu welchem Artikel ich Dir den Kommentar schreiben soll….. einmal mehr hatte ich beim Lesen Tränen in den Augen. Es geht mir wie Dir. Zum einen die Sehnsucht nach Normalität zum anderen das Bewußtsein, dass es noch nicht normal sein kann und darf……

    Vor einigen Jahren bin ich über einen Bücher-Artikel hier hängengeblieben…… wir waren Pfingsten in Prerow und ich hab an Dich gedacht (da fiel mir auf, dass ich Dich seit längerem nicht mehr gelesen habe, weil ich keine email-Benachrichtigung mehr bekomme….. seltsam, Du landest nicht im Spam, wollte mich neu zum Newsletter anmelden, ich bekam den Hinweis, bereits registriert….)
    Wir haben uns die Entscheidung, Urlaub an der Ostsee zu machen aktuell nicht leicht gemacht…. aber es war toll. Gut, dass wir gefahren sind.

    Daheim hab ich Deinen Blog dann wieder durchgestöbert…… vielleicht sind wir uns Pfingsten sogar über den Weg gelaufen. Ihr habt jetzt ein Haus auf dem Darß? Wooooowwwwww…….. Neid……..
    Leider ist die Reise von Niederbayern aus zu weit, um öfter als 1 Mal im Jahr hinzufahren.

    In nächster Zeit, wenn ich emotional das Gefühl habe, es geht, werde ich mich an Deine Teenager-Artikel wagen. Unsre Tochter wird 10…… einige Dinge möchte ich gern auf die ungewisse Corona-Zeit schieben, aber die Pubertät kommt…….. ob ich will oder nicht.

    Bitte mach weiter so, ich werde dranbleiben!

    Liebe Grüße aus Niederbayern und Gute Nacht,

    Sabine

  3. Ein großartiger Beitrag, der mir in vielen Dingen aus der Seele spricht. Ich habe eine 14 Jährige Bonustochter zuhause und gerade die Schule funktioniert bei uns gar nicht – weder die online gestellten Aufgaben, noch der stundenweise Unterricht in der Schule.

    Ich werde deinen Blog aufjedenfall weiterverfolgen ♥

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