„Ich vergesse gerade ganz oft, wofür ich eigentlich dankbar sein kann. Das macht die Tage schwerer.“ Das schrieb mir vor kurzem eine Leserin, als ich im Nebensatz irgendwo erwähnte, wie wichtig die tägliche Praxis der Dankbarkeit für mich ist. Dabei können tatsächlich schon fünf Minuten am Ende eines Tages den Unterschied ausmachen, ob ich ruhig in den Schlaf finde oder mich unruhig im Bett hin und her wälze und das Gehirn nicht abschalten kann.

5 Minuten für mich: Dankbarkeit kann man üben

Es stimmt, in krisenhaften Zeiten fällt es uns besonders schwer, Dinge zu finden, für die wir dankbar sein können. Ich kenne das selber nur zu gut, aber es fällt mir leichter, seit ich es zu einer (fast) täglichen Übung gemacht habe.

Ich nehme mir jeden Tag fünf Minuten dafür, mehr braucht es im Grunde nicht. Am Abend ist es der Moment vor dem Zubettgehen oder die Zeit, wenn die Kinder noch in den Betten lesen, in denen ich diese Augenblicke dafür nutze, den Tag einmal im Kopf durchzugehen. Dabei frage ich mich bewusst: was war heute gut? Was hat mich lächeln lassen? Mich sogar glücklich gemacht? Was ist das kleine Ding an diesem einen Tag, das mich freier atmen lässt, selbst wenn es nur für einen Moment ist? Was hat sich heute richtig angefühlt? Meistens ist es gar nicht nur ein Ding für jeden Tag, aber nur eins reicht am Ende aus, um die Dinge ins Verhältnis zu setzen. Ein kleines Ding, das gut war. Eins, das mich dankbar macht und mir dadurch Ruhe schenkt.

Das Glück der kleinen Dinge | berlinmittemom.com

Ich erlebe im Augenblick fast jeden Tag, wie schwierig es zurzeit ist, ungetrübtes Glück oder Dankbarkeit zu empfinden oder es gar auszudrücken und ich sehe, dass es vielen anderen um mich herum ähnlich geht. Wir leben in Zeiten, in denen die sich täglich ändernde Nachrichtenlage scheinbar ständig dazu führen kann, dass wir gefühlt stolpern. Dass unser Alltag uns schwerer fällt. Dass die Sorgen schwerer wiegen. Dass es schwerer wird, Ängste in Schach zu halten und stattdessen gute Perspektiven zu entwickeln. Ich erlebe aber auch, wie die kleinen Dinge an Bedeutung gewinnen. Wie plötzlich scheinbar unwichtige Kleinigkeiten einen ganzen Tag besser machen können. Wie wir uns wieder darauf besinnen, was wirklich wichtig ist und was uns tatsächlich etwas bedeutet. Ich versuche zurzeit mehr denn je, mir das in meiner täglichen Praxis der Dankbarkeit bewusst zu machen und auch, mit den Kindern wieder bewusster den Tag mit einer Dankbarkeitsübung zu beenden. Die Herzen werden ruhiger und sicherer, wenn es uns gelingt. Wir schaffen es nicht immer, das aufzuschreiben. Aber die paar Augenblicke beim Gute Nacht-Sagen am Bett dafür zu nutzen, den Tag kurz Revue passieren zu lassen und uns gemeinsam zu fragen, was heute gut war, das kriegen wir hin. Und ja, es macht einen Unterschied.

Dankbar für den Sand im Getriebe

Was mir dabei aufgefallen ist: wir verlieren im Alltag sehr leicht den Blick für das Kleine. Wir verlernen irgendwo unterwegs, dass es die Miniaturen sind, die uns im Leben Dankbarkeit und kleine Momente des Glücks schenken. Stattdessen erwarten wir immer das Große, das Umwerfende. Echtes Glück, unendliche Liebe, 12 Stunden Sonne am Tag. Tatsächlich ist das Leben aber nicht so. Wir müssen im Alltag mit vielen Dingen umgehen, die sich oft anfühlen wie Sand im Getriebe oder als würde jemand uns einen Knüppel zwischen die Beine werfen, während wir doch nur auf dem Weg zum perfekten Moment sind…! Und genau das ist das Problem.

Denn das Leben besteht genau daraus. Das Leben IST der Sand im Getriebe und die Stolperfalle auf unserem Weg. Immer wieder aufs Neue.

Dankbarkeit macht glücklich | berlinmittemom.com

Es gibt diesen Spruch, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat und natürlich trifft er zu. Irgendwie vermittelt er aber auch das Bild, dass man dieses Päckchen wieder loswerden, es irgendwann irgendwo ablegen könnte. Die Wahrheit ist aber, dass wir dieses Päckchen, unser Päckchen, annehmen müssen. Es gehört zu uns und zu unserem Leben. Es besteht aus vielen kleinen Herausforderungen an jedem einzelnen Tag, es ist aber auch die große Prüfung, der beängstigende Moment, der alles in unserem Leben ändern kann. Etwas, das uns vor die Füße geworfen wird und uns herausfordert, einen Weg zu finden, damit zu leben.

Der Sand im Getriebe ist genauso Teil unseres Lebens, wie die vielen kleinen Momente und Dinge, die uns perfekt erscheinen. Der wolkenlose Sonnenuntergang am Strand. Der vollkommene Urlaubstag. Eine Mahlzeit, die jemand extra für uns zubereitet hat. Das glückliche Kind, das an unserer Hand geht und jeden zweiten Schritt hüpft. Der richtige Job, der uns ausfüllt. Der/die Partner*in, der/die uns so wunderbar ergänzt.

Wenn wir immer nur darauf schauen, was uns perfekt erscheint, wenn wir immer alles daran messen, dass nur das richtig ist, was alle unsere Erwartungen erfüllt, verpassen wir nicht nur viele kleine gute Momente an jedem Tag. Wir verkennen auch, dass der Sand im Getriebe und all die vermeintlich unperfekten Dinge und Ereignisse, genau das sind, was uns diese Momente erst richtig spüren lässt.

Mit Dankbarkeitsritualen und dem sich bewusst auf die kleinen Dinge besinnen, rückt für mich die Perspektive wieder ins Lot. Ich brauche nicht den perfekten Sonnenuntergang am Meer, mit dem perfekten Drink in der Hand und dem perfekt romantisch gestimmten Partner an meiner Seite. Es ist okay, wenn da Wolken sind, wenn der Partner gerade nicht in Stimmung für einen Strandspaziergang ist, wenn die Cocktailbar wegen Corona geschlossen hat oder ich mir auf dem Weg zum Wasser diverse Mückenstiche einfange, von denen ich weiß, dass ich allergisch auf sie reagieren werde, spätestes am nächsten Morgen. Der Wind in meinem Gesicht kann ausreichen, um mich glücklich zu stimmen, der Blick aufs Meer kann mich dankbar machen, allein dieser Augenblick – wenn ich mich darauf einlasse, ihn so zu spüren und wahrzunehmen.

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Für die Kinder ist das alles viel selbstverständlicher. Sie haben noch nicht verlernt, im Moment zu sein und ihn zu nehmen, wie er ist. Sie laufen voran, lassen die Schuhe irgendwo liegen und sind mit den Füßen schneller im Wasser, als sie sich Sorgen um ihre Hosenbeine machen, die nass werden. Aber genau dieser Moment ist das kleine große Ding, dass uns leicht werden lässt. Dankbar. Glücklich. Gerade von unseren Kindern können wir uns immer wieder abschauen, wie das geht – im Augenblick sein und ihn ganz erleben, ihn ganz auskosten, einfach DA sein.

Dankbarkeitsrituale am Ende eines Tages

Aber wie gesagt, Dankbarkeit kann man (wieder) einüben. Ich praktiziere schon seit vielen Jahren Dankbarkeitsrituale, mal mehr, mal weniger regelmäßig, aber immer wieder: ich schreibe oder sage mir jeden Abend drei Dinge auf, für die ich an diesem konkreten Tag dankbar war. Damit richte ich bewusst meinen Blick auf das Gute, Richtige, Schöne, das ich erfahren durfte und sei es noch so „klein“. Es macht mir nicht nur bewusst, dass jeder Tag etwas Positives für mich bereithält, für das ich dankbar sein kann, es macht mich auch sensibler für genau diese Momente, für die kleinen Dinge, die g u t sind, egal, was sonst noch gerade geschieht.

Vor allem in Zeiten wie diesen hilft mir dieser bewusst positive Blick, nicht den Glauben an die Menschheit zu verlieren oder mich selbst den Ängsten zu ergeben, die entstehen können, wenn ich die Zeitung aufschlage oder Newsseiten im Netz öffne. Es erscheint mir nicht selten so, als ob alle verrückt geworden wären. Als ob niemand mehr einem moralischen Kompass folgt oder als ob alle Werte, die (mir) etwas bedeuten und mit denen ich großgeworden bin, plötzlich nichts mehr gelten.

Aber dann… schaue ich auf den einen konkreten Tag zurück und sehe, was gut war.

Sehe die vielen vermeintlich kleinen Dinge, die dennoch am Ende einen großen Unterschied machen: Das eine meiner Kinder, das fröhlich das Haus gen Schule verlassen und mir noch eine Kusshand zugeworfen hat. Die Nachbarin, die mich fragt, ob ich Kleidung spenden kann für einen Konvoi mit Hilfsgütern für Flüchtende, den sie organisiert. Die Online-Freundin, die mir in einer Nachricht plötzlich ein Herz schickt und schreibt: ich denke an dich, bei dir ist was los, aber was immer es auch ist – ich denke an dich. Die Tasse Tee, die ich noch im Bett mit der Großen teile und wir reden einfach. Der Liebste, der mir die erste WhatsApp des Tages schickt, wenn er seine Runde durch den Park dreht. Die Freundinnen in meinem Handy. Die Freundinnen im Leben 1.0. Ein Gebet, in das ich alle Gefühle legen darf, die ich so habe, die guten, wie die schlechten. Der Blick auf meine aufgeblühten Rosen, die sich über Nacht entfaltet haben und an meiner Hauswand leuchten. Eine Meditation im Lieblingszimmer mit Morgenlicht im Gesicht, die mich freier und tiefer atmen lässt. Mir all diese Dinge bewusst zu machen, ihre Schönheit und Einzigartigkeit eigens zu wertschätzen, selbst wenn jedes einzelne noch so klein und alltäglich erscheint, setzt vieles wieder ins Verhältnis.

Besonders jetzt in Zeiten von Corona, wo unser Alltag von Unsicherheiten geprägt ist, ist es für mich unerlässlich, mich im Kleinen an den guten Dingen zu orientieren. In Zeiten von gewalttätigem Rassismus, der noch immer Menschenleben fordert und mich ängstigt, mich wütend und traurig macht und mich eine große Hilflosigkeit spüren lässt. Umso wichtiger ist es, mich immer wieder danach auszurichten, was hier in meinem kleinen Leben geschieht und worauf ich tatsächlich Einfluss habe. Damit kann ich natürlich nicht all das umkehren, was in der Welt um uns herum verkehrt läuft, und es befreit mich auch nicht von der Verantwortung, etwas zu unternehmen und mich für die richtigen Dinge einzusetzen – was ich tue. Aber ich kann es besser aushalten und ertragen, wenn ich mich immer wieder nach den Momenten und kleinen Dingen ausrichte, die mir guttun. Die immer noch richtig sind. Die stimmen und die nicht außer Kraft gesetzt werden, sondern aus denen ich Kraft schöpfen kann.

Lernen am Modell: Dankbarkeit macht glücklich:

Wie üben wir Dankbarkeit ein? Was macht aus dem kleinen Ding, das gut war, eine Kraftquelle?

Wir Menschen sind unterschiedlich und es gelingt uns unterschiedlich gut, unsere Dankbarkeit für kleine Dinge zu spüren oder sie gar auszudrücken. Mein Mann zieht sich jeden Abend zurück, um das für sich kurz aufzuschreiben. Die Kinder wollen darüber sprechen, sich austauschen, wie der Tag gelaufen ist, was doof war loslassen und sich mit dem Guten noch ein bisschen befassen. Für mich ist es gut, das zu sehen und weiter einzuüben, aber ich brauche neben der eigenen Besinnung auf die guten kleinen Momente auch die Rückkopplung an die Dankbarkeit meiner Kinder.

Was heute gut war | berlinmittemom.com

Wenn wir alle am Abend einmal ruhig geworden sind, wenn wir einmal tief geatmet haben, gemeinsam oder jeder für sich und uns dabei bewusst gemacht haben, was heute gut war – schlafen wir tiefer und können uns besser der Nacht überlassen und der Gewissheit, dass die Sonne am nächsten Morgen wieder aufgeht. Dankbarkeit macht glücklich, nicht Glück macht dankbar.

Das ist eine wichtige Erkenntnis, die man durch tägliches sich bewusst machen einüben kann. Die Kinder sehen das an uns und orientieren sich daran, wir sehen es im Verhalten der Kinder und können uns daran erinnern, wie es war, als die Dankbarkeit für den kleinen Augenblick uns noch so leichtfiel. So lernen wir voneinander und miteinander und auch dafür sind wir dankbar.

Manchmal sind es die kleinen Dinge. Die ganz kleinen, die uns den einen Moment der Ruhe schenken, den einen tiefen Atemzug. Und mehr braucht es nicht für die kleine aber alles entscheidende Portion Glück am Tag.

Passt auf euch auf.

2 Kommentare

  1. Liebe Anna, vor ein paar Jahren hast Du hier im Advent eine „Dankbarkeit statt Sachen“-Reihe veröffentlicht (oder hieß sie anders und nur so ähnlich? Ich weiß es nicht mehr genau, Du aber bestimmt).
    Es war eine Art Adventskalender, der genau zu der hier beschriebenen Dankbarkeitsübung einlud. In dem Winter habe ich das auch gemacht, jeden Abend vor dem Einschlafen, das war wunderbar. Es tat gut, es hat meinen unruhigen Geist besänftigt und meinen Blick auf das Positive ausgerichtet. Und nach ein paar Wochen habe ich mehrmals am Tag gedacht: „Dieser Moment, gerade jetzt, der ist was für die Dankbarkeit heute Abend“. Bald hatte ich mehr als 3 Momente an jedem Tag gesammelt, da war ganz viel Fülle. Ich erinnere mich, dass ich sogar an einem Tag mit Noro und drei spuckenden Kindern auf diese Weise Schönes wahrgenommen habe. Da hast Du mir ein kostbares Geschenk gemacht. Ich glaube, heute Abend fange ich wieder an, meine 3 Dankbarkeitsmomente aus der Flut der Eindrücke eines stinknormalen Tages herauszufischen.

    Ganz liebe Grüße aus OWL nach Berlin.

    • Liebe Ingrid, wie schön, du erinnerst dich an die Adventsreihe! Ja, sie hieß „Dankbarkeit statt Sachen“ und ich denke oft daran, wie schön es war, das jeden Tag hier quasi gemeinsam zu machen: sich an die kleinen Momente erinnern und bewusst dankbar dafür sein. Ich freue mich sehr, dass du daran festgehalten hast und das Prinzip jetzt quasi wiedererkennst! Es ist schön, zu wissen, dass diese Idee weiterlebt und dir den Alltag aufhellt. Ganz liebe Grüße und dir einen schönen Tag, Anna

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