„Feministische Buchtipps? Wer braucht das?“ Diese Frage wurde mir gestellt, als ich mich durch massenweise aktuelle feministische Literatur wühlte, um diesen Artikel zu schreiben. Ich beantworte das für mich (und euch) folgendermaßen: feministische Buchtipps brauchen wir a l l e. Weil wir uns gar nicht genug darüber bilden können, was Feminismus eigentlich ist, wofür wir Feminismus brauchen und wer sich alles auf welche Weise als Feminist*in definiert.

Ich zum Beispiel. Nicht nur wurde ich durch meine Mutter schon feministisch geprägt, ich bin allein durch meine Identität immer wieder mit Feminismus befasst. Ich bin eine mittelalte Frau mit Migrationshintergrund, ich bin eine Mutter von drei Kindern, zwei davon Töchter, die sich mit der Zukunft von Frauen im Allgemeinen und mit der Zukunft ihrer Kinder befasst. Ich erfülle verschiedene Kriterien, durch die ich immer wieder darauf stoße, dass Frauen in dieser Gesellschaft nach wie vor nicht g l e i c h sind bzw nicht gleich behandelt werden (Beispiel: Stichwort Gender Paygap). Ich definiere mich als Feministin, nicht weil ich finde, dass Frauen die besseren Menschen sind und daher mehr Rechte als Männer haben sollten, sondern weil ich der Meinung bin, dass alle Menschen gleich behandelt werden sollten, unabhängig vom Geschlecht oder sexueller Identität, vom Alter, der Religion oder der Ethnie, der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung oder der körperlichen Verfassung. Ich definiere Feminismus für mich als schiere Menschlichkeit und bin der Auffassung, dass wir alle die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten.

Und weil ich glaube, dass viele von euch, meinen Leserinnen, das genauso sehen, habe ich die feministischen Buchtipps zusammengestellt. Dabei habe ich mir ein bisschen Mühe gemacht und allerhand ältere und ganz frische Titel zum Thema Feminismus, feminstische Mutterschaft und feministischer Bildung für Kinder durchgesehen und eine üppige Liste mit Lesetipps dazu erstellt. Ich hoffe, ihr könnt da für euch was mitnehmen!

11 Feministische Buchtipps für alle

Was ist Feminismus? Definitionen, Geschichte und Annäherungen

Kleine Geschichte des Feminismus von Antje Schrupp

Feministische Buchtipps gehen nicht ohne Antje Schrupp, Politologin und Journalistin, die unter anderem sehr viele kluge Dinge ins Internet schreibt, Vorträge hält und unter antjeschrupp.com ihre „Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz“ veröffentlicht. Sie hat die „Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext“* geschrieben. Dabei wird in Comicform, illustriert von Patu, die Geschichte des Feminismus von der Antike bis heute. Dabei geht es um prägende Ikonen der feministischen Bewegung genauso wie um wichtige Debatten, die die Entwicklung des Feminismus geprägt haben, so zum Beispiel die Debatte um Intersektionalität. Ein kleines Büchlein, das einen sehr guten Einblick über die Ursprünge und die Entwicklung des Feminismus gibt und viele wichtige Stimmen sammelt.

Oh , Simone! von Julia Korbik

Julia Korbik hat ein wunderbares Buch geschrieben, das sowohl persönlich als auch wahnsinnig informativ und spannend ist. Es geht um Simone de Beauvoir, eine Philosphin und Feminstin, die bereits Anfang des letzten Jahrhunders für ihre Freiheit kämpfte und ein unabhängiges und emazipiertes Leben führte. Julia Korbik nähert sich ihr ganz neu und erzählt sehr nahbar ein einzigartiges und relevantes Frauenleben nach. „Oh, Simone!“* ist ein Plädoyer für den Feminismus, für Emanzipation und macht es greif- und nachvollziehbar, warum es sich lohnt, Dinge kritisch zu hinterfragen und seine Ziele und Leidenschaften zu verfolgen. Im Moment eins meiner Lieblingsbücher.

Den Blog zum Buch findet ihr übrigens unter eaudebeauvoir.com.

Stand Up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene von Julia Korbik

Eins der Bücher, die ich schon lange besitze und das eine Einführung in den Feminismus auf eine ganz andere Art gibt. Hier werden die Themen tatsächlich oft nur angerissen, aber es ergibt sich dennoch ein guter Überblick über den Stand der Dinge in Sachen Feminismus. Grundbegriffe werden erklärt und viele Bereiche werden angesprochen: Sexualität, Politik, Biologie und Popkultur, um nur einige zu nennen. Ein guter Einstieg ins Thema mit Glossar und einem Überblick über feministische Geschichte und Theorie.

Lesenswerte Bücher über Feminismus | berlinmittemom.com

Ich bin Feministin! Selbstverständnis und Selbstbewusstsein

The Future is Female herausgegeben von Scarlett Curtis

The Future is Female* ist die deutsche Fassung von Feminists don’t wear pink and other lies*, eine Sammlung von Essays inspirierender Frauen und ergänzt um Texte deutscher Feministinnen wie Stefanie Lohaus, Karla Paul oder Katrin Bauerfeind. In beiden Büchern werden Aufsätze von Frauen gesammelt, die einen ganz persönlichen Blick auf ihre eigene Definition von Feminismus werfen und dadurch sehr verschiedene Aspekte in weiblichen Biographien zeigen, in denen klar wird: wir brauchen Feminismus. Alltagsthemen wie Mansplaining, Alltagssexismus, Bodyshaming und die Gender Pay Gap werden hier genauso angesprochen wie die Frage danach, wie wir als Frauen untereinander die (vermeintlichen) Grenzen von Ethnie oder Zugehörigkeit zu einer Religion überwinden können, wenn wir einander wirklich unterstützen wollen.

Feministin sagt man doch* von Hanna Herbst

In dieses Buch bin ich quasi hineingesogen worden, denn Hanna Herbst erzählt in Feministin sagt man doch* ihre ganz persönliche Geschichte und enthüllt darin die typische „Mädchenprägung“, wie sie zumindest in meiner Generation noch Gang und Gäbe war. Das bedrückt und fasziniert mich beim Lesen, weil ich sehr viel davon in mir wieder erkenne und mich davor fürchte, dass die Prägungen von Mädchen heutzutage immer noch nicht viel anders sind. Es geht in Hanna Herbsts Buch aber neben ihrer Biographie auch um die Themen von Persönlichkeitsentwicklung als Frau, um Sexualität, um Macht und Gewalt und auch um die Beteiligung von Frauen bei der Unterdrückung anderer Frauen. Ein eindringliches und wichtiges Buch.

 „Untenrum frei“* von Margarete Stokowski

Margarete Stokowski ist eine polnisch-deutsche Kolumnistin und Buchautorin, die schon Texte im SPIEGEL, der taz und in diversen Anthologien veröffentlicht hat. Für mich gehört sie zu den wichtigsten feministischen Stimmen im deutschsprachigen Raum der Gegenwart, und auch wenn ihre Essays und Artikel mich manchmal an meine Grenze bringen, sind sie unumstritten wichtig und dazu noch sehr klug. Margarete Stokowski hat mit Untenrum frei* eine Textsammlung veröffentlicht, in der es um kleine und große Dinge geht, die gleichermaßen das Machtgefälle in unserer Gesellschaft dokumentieren. Sie scchreibt über manifestierte Rollenbilder und deren Auswirkungen, über unser Schamgefühl, das uns einschränkt und darüber, wie das alles mit (fehlender) Freiheit zu tun hat. Saukluge und scharfsinnige Texte, die auch noch unterhaltsam sind. Und natürlich kommen feministische Buchtipps nicht ohne diesen Titel aus. Oder ohne Margarete Stokowski.

Feministische Mütter

Liebe Ijeawele* von Chimamanda Ngozi Adichie

Ich habe mich selten über ein Buch so gefreut wie über Liebe Ijeawele*, als ich es fand. Nicht nur befasst sich die Autorin mit einem mir persönlich unendlich wichtigen Thema, nämlich der Frage, wie aus unseren Töchtern selbstbestimmte Frauen werden, sie hat auch noch gleich 15 Vorschläge, wie wir als Mütter durch eine feministische Erziehung dazu beitragen können, dass genau das passiert. Sie tut das, indem sie ihrer Freundin Ijeawele einen Brief zur Geburt von deren Tochter schreibt und dabei auf die Frage der Freundin eingeht, wie eine feministische Erziehung aussehen könnte. Ein kleines aber wichtiges Buch.

Ein weiterer Buchtipp von Chimamanda Ngozi Adichie: Mehr Feminismus!* In diesem Buch kann man ihren legendären TED-Talk „We should all be feminists“ nachlesen, den ich euch hier nochmal verlinke.

Feministische Bücher für alle | berlinmittemom.com

Milfmädchenrechnung* von Katja Grach

Das Buch Milfmädchenrechnung* hätte mich eigentlich schon wegen des Wortes MILF (für alle, die es noch nicht kennen, es ist die Abkürzung für „mother i’d like to f**k“) abgeschreckt, aber Katja Grach nimmt diesen Begriff gründlich auseinander. Sie beleuchtet, wie sich das aus dem Pornokontext stammende Kürzel in der aktuellen Popkultur verankert hat und wie der Zwang, eine „Milf“ zu sein uns Frauen und Mütter unter Druck setzt. Fuckability ist dabei das Schlagwort. Carolin Kebekus nennt es den Zwang „fi**bar“ zu bleiben „von 15 bis 75“ und Katja Grach setzt sich mit dem Begriff und seinen Auswirkungen  auseinander. „Es geht um die Dreifaltigkeit von Porno, Popkultur und Realität“ – nicht mehr und nicht weniger. Und es ist dabei ein sehr witziges und kluges Buch, das manchmal ein bisschen wehtut, weil es so wahr ist.

Feminismus für Kinder und Teenager

Powerfrauen. Was Beyoncé mit Michelle Obama und Anne Frank verbindet* von Kate Hodges

Ganz neu in meinem Besitz befindet sich das Buch Powerfrauen. Was Beyoncé mit Michelle Obama und Anne Frank verbindet* von Kate Hodges. In dem zauberhaft illustrierten Buch spinnt die Autorin den Faden zwischen den einzelnen Frauenfiguren. Was hat Meryl Streep mit Patti Smith zu tun? Und wie hat Harriet Tubman Oprah Winfrey beeinflusst? Und wie inspirierte Maria Montessori Beyoncé? Hier werden nicht nur persönliche Geschichten aus den Biographien der Persönlichkeiten erzählt und mit Einzelheiten aufgefüllt, die man so noch nie gehört hat, es werden auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Frauen sichtbar, die in deren Leben und Wirken viel bewirkt haben. Das Buch ist sicher wunderbar für größere Kinder, aber auch für Erwachsene, zum darin Blättern und um immer wieder daran erinnert zu werden, dass wir alle von Netzwerken leben, von anderen inspiriert werden und stärker sind, wenn wir uns zusammen tun.

Powerfrauen: feministische Buchtipps | berlinmittemom.com

How to be a girl: stark, frei und ganz du selbst* von Julia Korbik

How to be a girl. Julia Korbik | berlinmittemom.comIch habe How to be a girl: stark, frei und ganz du selbst gekauft, weil es von Julia Korbik stammt und ich wurde nicht enttäuscht. Der Verlag empfiehlt das Buch ab dreizehn Jahren, aber ich finde, es ist für interessierte Mädchen auch schon früher tauglich. Das Buch versammelt Kurzportraits historischer und aktueller Persönlichkeiten und informiert über Themen wie Bodyshaming (und wie man damit umgehen kann), Alltagssexismus (und wie man ihn erkennen kann) und Gleichberechtigung. Es geht folgerichtig auch um Jungen und deren Position heutzutage – hier wird beleuchtet, dass auch Jungen in die Falle von Geschlechterrollen geraten können und von Gleichberechtigung und differenzierteren Rollenbildern profitieren. Im Moment lesen das Goldkind und ich gemeinsam darin herum, aber ich denke, das Buch wird sie noch länger begleiten. Durch die vielen Listicles, DIY-Anleitungen, Sachinformationen und Checklisten, lässt sich das Buch benutzen wie eine Art Nachschlagewerk und man kann je nach Fragestellung immer wieder darauf zurückgreifen.

Good Night Stories for Rebel Girls* von Elena Favilli und Francesca Cavallo

Dieses wunderbare Buch, Good Night Stories for Rebel Girls* mit hundert Portraits starker Frauen aus der Wissenschaft, der Kunst, der Politik, der Geschichte, der Revolution… habe ich hier schon mal sehr ausführlich vorgestellt, daher nur eine kurze Bemerkung bzw ein Zitat aus meiner Rezension des Buches:

„(…) Es ist wunderbar, auf diese Weise meiner Tochter zu zeigen, dass Frauen alles schaffen können, was sie wollen. Dass Mädchen-Sein noch sehr viel mehr beinhaltet, als GNTM oder die Frauen auf der In Style (die es in diesem Haus nicht gibt by the way) oder die Instagram-Standards, sondern ganz im Gegenteil. Dass es nämlich keine Grenzen für sie, meine Tochter gibt, in dem, was sie gerne erreichen, wer sie gerne sein und wie sie gerne werden möchte. Good Night Stories for Rebel Girls ist das Buch, in dem all die Möglichkeiten zusammengefasst sind, die in ihr schlummern, so wie in jedem kleinen Mädchen. Allein die Vielfalt, die im Buch abgebildet wird, ist beeindruckend,  jede Seite ist eine Ermutigung für jedes Mädchen und jede Frau, die darin liest.(…)“

Wofür braucht man also nochmal feministische Buchtipps? Ich hoffe, meine kleine Auswahl hier hat das deutlich gemacht. Es gibt bei dem Thema Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft noch wahnsinnig viel zu tun und es kann uns allen nur gut tun, so viel wie möglich darüber zu wissen und zu lernen. Dabei geht es mir persönlich bei der Auswahl der Titel nicht darum, Expert*innenwissen anzusammeln, sondern vor allem darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was Feminismus eigentlich ist und was er für Frauen und Mädchen heute bedeutet. Wenn wir wirklich möchten, dass es a l l e n in unserer Gesellschaft gutgeht, müssen wir uns auch anschauen, was nicht funktioniert. Feminismus löst nicht alle Probleme, aber er ist ein guter Anfang, um sich mit Themen auseinanderzusetzen, die uns alle angehen.

Habt ihr noch mehr gute Buchtipps zum Thema Feminismus? Dann gerne her damit in den Kommentaren.

Kommt gut in die neue Woche!

8 Kommentare

  1. Danke für diese Liste, besonders auch mit Blick auf sehr junge LeserInnen! Ich habe gerade vor ein paar Tagen „Frauen, die ihre Träume lebten“ entdeckt und frage mich, ob das für Jugendliche interessant ist. Kennt das hier zufällig jemand?
    Außerdem finde ich feministische Perspektiven auf Mutterschaft interessant. Dazu will ich demnächst mal in „Oh Mother Where Art Thou“ reinschauen – das ist allerdings, glaube ich, vor allem ein soziologisches Fachbuch.
    Viele Grüße,
    Karo

  2. Die Good night Stories for Rebel Girls haben einen zweiten Band, auch dieser stellt starke Frauen vor. Bei uns gerade hoch im Kurs ist „Für mein Mädchen“ von Amy Krause Rosenthal und zwar kein feministisches Buch aber dennoch wichtig für Kinder ist „Ich so Du so! von Labor Ateliergemeinschaft. Vielen Dank für die spannende Liste! Ach und Oh, Simone! habe ich meinen feministischen Papa erst kürzlich zum 83 Geburtstag geschenkt :-)

    • Danke für die Tipps! Den zweiten Band der Good Night Stories haben wir hier schon liegen, aber die anderen Titel kenne ich noch nicht. Das schau ich mir genauer an! Liebe Grüße

  3. Vielen Dank, einige Bücher kannte ich noch nicht, da werde ich mich vor dem Urlaub noch ein bisschen eindecken. Wahrscheinlich kann man gerade aus den biographischen Büchern einiges durch Selbstreflexion mitnehmen … Und die Tipps für junge Leser sind auch super!

  4. Du Tolle, was für eine schöne Liste (2x meine Lieblingsjulia :-)) und was für ein wichtiges Thema. Danke, dass du das immer so wunderbar leicht in deinen schönen Blog integrierst. Lieben Gruß, Corinne

    • Liebe Corinne, danke dir von Herzen für deinen Kommentar. Eigentlich gehört ja dein schönes Buch auch ganz genau auf diese Liste – ich muss sie wohl noch ergänzen! :-*

  5. So wichtig. So richtig. Vielen Dank für die Buchtipps.
    Auch (oder gerade!?) wichtig für Mütter von Söhnen. Meiner ist 3 und mit dem zweiten bin ich schwanger (also noch nicht ganz im Zielbereich der Bücher), aber das Thema geht- wie du ja auch schon selbst schreibst- auch die Jungs und Männer dieser Welt an.

    Meine Söhne haben, so glaube ich, großes Glück mit ihren männlichen Rollenvorbildern in der Familie. Ihr Vater und ihre Onkel wurden allesamt von sehr starken Frauen (und Männern!) großgezogen, die sich nie in die „typisch weiblichen“ Rollenbilder haben zwängen lassen; die alle (trotz einigem Widerstand) Berufe gelernt, studiert, gearbeitet und für ihre Rechte gekämpft haben und in deren Familien es selbstverständlich war, dass Papa genauso Zuhause bleibt und sich um die Kinder kümmert, weil Mama arbeitet wie umgekehrt.

    Das ein oder andere Buch werde ich mir auf jeden Fall bestellen!
    Vielen Dank dafür!
    Habt eine sonnige Restwoche!
    Liebe Grüße aus Hamburg!

  6. Pingback: Es ist doch schon Sonntag | Freitagslieblinge am 21. Juni 2019 | berlinmittemom

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