Das neue Jahr hat begonnen und neben meinem Bett türmen sich die Bücherstapel auf. Da warten jede Menge neue Leseempfehlungen für euch, daher musste ich heute unbedingt endlich diesen Artikel für euch fertigstellen, damit wenigstens die Buchtipps für 2021 endlich mal komplett sind.

Denn natürlich habe ich nicht nur Krimis gelesen im letzten Jahr, wenn sie auch wahrscheinlich mengenmäßig einen großen Anteil an meinem Lesestoff ausmachen.

Meine große Tochter hatte mir zu Weihnachten 2020 dieses Lesejournal geschenkt, welches ich glücklich benutze und was mir tatsächlich sehr dabei hilft, mir genau zu merken, was ich wann und wo alles gelesen habe und wie ich es fand. Darin finden sich also seit Januar gewissenhaft eingetragen meine persönlichen Leseerlebnisse und Buchtipps für 2021. Diese Tradition werde ich definitiv im nächsten Jahr beibehalten – es macht einfach sehr viel Freude, auf diese Weise die eigenen Leseerfahrungen festzuhalten.

Meine Buchtipps für 2021 – Die Romanedition

Writers & Lovers von Lily King

Freitagslieblinge: Writers & Lovers | berlinmittemom.comDefinitiv ein absolutes Lieblingsbuch dieses Jahr! Schon lange nicht mehr bin ich in ein Buch so hineingetaucht und habe mir innerlich Notizen gemacht zu bestimmten Passagen. Es geht ums Schreiben und um die Liebe, aber auch um Abhängigkeiten und den Glauben an sich selbst – die Erfahrung, sich selbst zu vertrauen und sich selbst genug zu sein. Und letztlich geht es um Tod, Verlust und Trauer und das Verarbeiten der eigenen Geschichte. Die Geschichte von Casey, der Hauptfigur in Writers&Lovers, hat mich sehr berührt. Eindringlich geschrieben ist dieser Roman frei von Kitsch und Schwulst, stattdessen ist er wundervoll dicht erzählt und macht die Gefühlswelt der Heldin auf ganz eigene Weise erlebbar.Freitagslieblinge: Ein Hausboot in Paris | berlinmittemom.com

Einmal gefangen in der schönen Sprache von Lily King, habe ich mir gleich noch mehr Bücher von ihr angeschafft, unter anderem ein frühes Werk von ihr, Ein Hausboot in Paris, das ich mir antiquarisch besorgt habe. Es geht um eine Amerikanerin in Paris, ein Aupair, das zu einer Familie mit drei Kindern kommt, die auf einem Boot auf der Seine leben. Das meiste von der Geschichte wird aus ihrer Sicht beschrieben, welche Art Leben sie hatte, bevor sie nach Frankreich kam, warum sie zunächst versucht, allein zu bleiben und sich nicht zu sehr auf die Familie einzulassen und wie sich dann doch im Zusammenleben mit der Familie ihr Empfinden verändert. Aber es gibt auch viele Rückblenden und kurze Passagen aus der Sicht der anderen Familienmitglieder, die zeigen, was für Menschen sie sind.

Ein langsames Buch mit wunderschönen und intensiven Beschreibungen der verschiedenen Persönlichkeiten, keine rasante Handlung, nicht sehr viele unerwartete Wendungen, viel eher die lakonisch und dann wieder überraschend poetisch erzählte Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Mädchens, das erwachsen wird. Habe ich sehr gerne gelesen.

Das Jahr des magischen Denkens von Joan Didion

Jahr des magischen Denkens | berlinmittemom.comDieses Jahr habe ich außerdem einiges von Joan Didion gelesen, unter anderem “Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben”, Blaue Stunden und eben Das Jahr des magischen Denkens. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass ich in fast jedes ihrer geschriebenen Worte verliebt bin. Auch ihre Themen sind die großen: es geht um Liebe, Bindung, Tod und Verlust, sowie um den Prozess des Trauerns. Vor allem der letzte erwähnte Titel, Das Jahr des magischen Denkens, in dem sie über die Verarbeitung des plötzlichen Herztod ihres Mannes schreibt, hat mich sehr berührt. So schreiben zu können, so genau, so echt und emotional, und dabei immer und zu jederzeit literarische Qualität zu produzieren, fasziniert mich. Aber ganz abgesehen davon, ist Didions Geschichte, wert gelesen zu werden. Alle ihre Geschichten sind es.

“Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid” von Adina Schröder

Gerade gelesen und sehr geliebt! Eigentlich schrecken mich historische Romane jeglicher Art ab. Oft lege ich ein Buch schon gleich wieder aus der Hand, wenn ich auf dem Klappentext sowas lese wie “Sizilien, 1922” oder eben “Berlin, am Vorabend des zweiten Weltkriegs”. Nicht, dass ich nicht schon großartige Romane mit historischem Plot gelesen hätte. Aber oft strengt es mich an, mich darauf einzulassen. Und nicht immer überwinde ich diesen Moment, das Buch einfach wieder wegzulegen.Romantipps 2021 | berlinmittemom.com

Bei diesem Roman war es anders. Erzählt wird die Geschichte von Hannah im Berlin der Jetztzeit, deren einzige lebende Verwandte, ihre Großmutter Evelyn, ihr bei ihrem wöchentlichen Besuch im Altenheim ein Schreiben einer israelischen Anwaltskanzlei in die Hand drückt. Es geht um ein Restitutionsverfahren und um durch die Nazis widerrechtlich beschlagnahmte Kunstwerke. Es geht um eine jüdische Familie, von der Hannah noch nie gehört hat. Und da sich ihre Großmutter weigert, darüber zu sprechen, macht Hannah sich selbst daran, herauszufinden, welche unbekannte Familiengeschichte hier gerade ans Tageslicht kommt.

Parallel zu Hannahs Nachforschungen und ihrem leicht unsteten Privatleben wird außerdem die Geschichte von Senta erzählt, der Mutter von Evelyn. Ihre Geschichte beginnt in den 20er Jahren in Rostock mit einer verfrüht geschlossenen Ehe und führt quasi vom anderen Ende des Zeitstrahls auf den Moment zu, in dem die Beschlagnahmung von Kunst und die Deportation der jüdischen Familie die Antwort auf Hannahs Fragen beinhaltet. Wunderschön geschrieben, wunderbare Charaktere, von Senta über Evelyn bis zu Hannah und noch vielen Figuren mehr, ein spannender Plot (eigentlich sogar zwei), der mich nicht mehr losgelassen hat. Ein absolutes Lesevergnügen!

Der große Sommer von Ewald Arenz

Dieses Buch hat mich vollkommen überrascht. Dachte ich bei den ersten Seite noch, naja, Coming of Age- Roman, n bisschen 2000er Popliteratur-Anleihen vielleicht, mal sehn, mal sehn, war ich sehr schnell in eine Geschichte mit Tiefe eingetaucht, die sich um den Ich-Erzähler Friedrich herum entwickelt. Überraschend wegen der nicht existenten Oberflächlichkeit der Geschichte, überraschend wegen der interessanten Charaktere, die (fast alle) ebenfalls nicht oberflächlich gezeichnet sind, überraschend wegen der Sogwirkung, die die Handlung entwickelt. Ich konnte es abends kaum aus der Hand legen und ging am nächsten Abend gerne früher ins Bett, um mich wieder in diesen Roman zu versenken. Das Ende – war vielleicht ein Mü platt, im Gegensatz zum Rest des Buchs. Aber das verzeihe ich von Herzen gern. Da der Autor bzw sein Werk bisher komplett an mir vorbeigegangen war, freue ich mich zusätzlich darüber, da etwas (für mich) Neues gefunden zu haben, wo ich vielleicht weiterlesen kann. Als nächstes steht auf meiner Liste nämlich Alte Sorten.

Ewald Arenz: Der große Sommer | berlinmittemom.com

Den nächsten Roman auf meiner Liste mit Buchtipps für 2021 hatte ich zunächst für ein krasses Kontrastprogramm zu “Der große Sommer” gehalten: Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig. Das Buch wird vor allem in Social Media gerade sehr gehypt und ich war schon sehr gespannt darauf. Da ich Matt Haig schon eine ganze Weile auf Instagram folge, hatte ich gewisse Erwartungen. Er schreibt auf seinem Profil viel über seine persönlichen Erfahrungen mit Depressionen und versuchtem Suizid, und auch in der Mitternachtsbibliothek geht es sozusagen um die Existenz zwischen Leben und Tod.

Nora will sterben. Sie ist sich sicher, dass die Welt ohne sie eine bessere ist, dass sie ohnehin niemandem fehlen wird und sie ihr freudloses Leben beenden sollte. In ihrem ohnehin als trostlos gezeichneten Alltag gibt der Tod ihres Katers, der Verlust ihres Jobs und das Zerwürfnis mit ihrem Bruder ihr den Rest und sie beschließt, zu sterben. Damit beginnt der Roman.

Und während ich auf den ersten fünfzig Seiten noch dachte, dass sich die Handlung jetzt vor dem versuchten Selbstmord entfalten würde, ist das Gegenteil der Fall. Nora nimmt sich das Leben. Aber sie ist nicht sofort tot, sondern landet in der Mitternachtsbibliothek. Dort trifft sie auf Ms. Elm, die Schulbibliothekarin aus ihrer Kindheit, zu der sie eine besondere Beziehung hatte. Tatsächlich ist Ms. Elm diejenige, die diese besondere Bibliothek für Nora verwaltet, denn in den endlosen Regalen mit Büchern stehen die, in denen Noras unendlichen Varianten ihres Lebens geschrieben stehen. Sie erzählen die Geschichten einer parallelen Nora, die sie wäre, wenn sie all die Entscheidungen, kleine wie große, die sie in ihrem Leben getroffen hat und die zu bestimmten Entwicklungen geführt haben, anders getroffen hätte. Es sind begehbare Paralleluniversen, in die sie jetzt hineinschlüpfen kann, um sie auszuprobieren. Wenn sie ein Leben findet, in dem sie bleiben will, stirbt sie nicht, so Ms Elm.

Matt Haig, Die Mitternachtsbibliothek | berlinmittemom.com

Zunächst ist Nora skeptisch, sie will ja sterben und nicht leben. Denkt sie. Denn tatsächlich findet sie ein Buch vollgeschrieben mit all den Entscheidungen, die sie bereut. Und in den alternativen Leben hat sie diese Entscheidungen nicht getroffen. Also schaut sie in diese Leben hinein, zum zu sehen, wie es gewesen wäre oder wie es hätte sein können.

Ich will nicht zu viel verraten und hier schon ausplaudern, wie es ausgeht, aber der Roman ist wirklich nicht nur ein hochinteressantes Gedankenexperiment, das sich mit den verschiedenen Varianten und Möglichkeiten unserer  menschlichen Existenz befasst. Es ist außerdem ein Text mit philosophischen Ansätzen übers Leben, mit Einblicken in die Seele eines Menschen, der das eigene Leben lieber beenden möchte, als noch etwas zu wagen. Ich finde, da ist Matt Haig ein wirklich bemerkenswertes Buch gelungen, das ich definitiv empfehlen kann.

Hard Land von Benedict Wells

Ich bin ein Kind der 80er. Filme wie “Stand by me” haben mich geprägt und ich glaube, ich liebe diese absurde Serie “Stranger Things” so sehr wegen der vielen Anspielungen auf Filme der 80er. Daher kam das Buch Hard Land von Benedict Wells genau passend für mich.

Denn die Handlung spielt in den USA im Jahr 1985 und dreht sich um den Teenager Sam, der einen Sommer erlebt, in dem sich für ihn alles verändert. In gewisser Weise ist das Set Up ähnlich wie bei “Der große Sommer”: ein 15jähriger zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, neue Begegnungen und neue Gefühle und die Suche nach einer eigenen, neuen Identität. Ein Entwickluns- oder Coming of Age-Roman. Als für immer Fan von John Irving hat mich dieser Roman von Benedict Wells an die Welten von Hotel New Hampshire und Garp erinnert, das mochte ich sehr.

Ich habe Sam gerne begleitet, seine erste Verliebtheit mitgelesen, sein sich neu-Justieren in einer Welt der Erwachsenen, seinen neuen Blick auf seine Heimatstadt, seine neue Rolle in seinem Ferienjob, der alte und sich allmählich verändernde Blick auf seine Familie und deren Probleme. Ein gutes kleines Buch, das ich gern gelesen habe.

Benedict Wells, Hard Land | berlinmittemom.com

In guten wie in schlechten Tagen von Tayari Jones

Dieses Buch war eine neue Leseerfahrung für mich. Es hat mir außerdem mal wieder bewusst gemacht, wie wenig ich tatsächlich über die aktuellen Lebensrealitäten in der afroamerikanischen Community weiß. Natürlich fehlt mir der unmittelbare Bezug, aber dieses Buch hat mich mitgenommen in eine Welt, in der beispielsweise Polizeiwillkür (und auch -gewalt) nicht nur eine Meldung in einem Nachrichtenformat sind.

Tayari Jones schreibt eine Liebesgeschichte – aber es ist mehr als das. Die Geschichte des Liebespaares wird bestimmt und beeinflusst vom alltäglichen und systemimmanenten Rassismus, der in allen Lebensbereichen bestimmend ist.

Es geht um Roy und Celestial, die sich ein gemeinsames Leben aufbauen wollen. Bis Roy unschuldig im Gefängnis landet und die Liebe auf eine harte Probe gestellt wird. Im Buch teilt die Autorin die Geschichte des Paares in drei Teile auf: im ersten Teil stehen wir als Leser*innen mit den beiden Hauptfiguren am Anfang ihrer Ehe, wir lernen ihre Hoffnungen und Träume kennen und steuern mit ihnen in die unausweichliche Katastrophe: die Verhaftung und Verurteilung von Roy. Der zweite Teil besteht aus den Briefen zwischen Celestial und Roy, die sie sich während der Zeit seiner Haft schreiben. Der dritte Teil bildet den Abschluss des Romans und auch der Entwicklung einer Liebe unter härtesten Bedingungen.

Das Buch, das in den USA unter anderem auch deshalb ein großer Erfolg war, weil Oprah es in ihrem Buchclub vorgestellt hat, hat mich beeindruckt, wenn auch nicht in erster Linie, weil es mich literarisch so überzeugt hätte. Vielmehr war ich gefesselt von der Entwicklung der Figuren bzw ihrer Beziehung zueinander. Roy und Celestial und ihre Liebesgeschichte sind etwas Besonderes, unkitschig, unromantisch, fesselnd.

Lieblingsromane 2021 | berlinmittemom.com

Bonjour Liberté: Françoise Sagan und der Aufbruch in die Freiheit von Julia Korbik

Das letzte Buch auf meiner Liste mit Buchtipps ist eine Biographie von Julia Korbik. Sie schreibt in “Bonjour Liberté” über Françoise Sagan, über viele Jahre Frankreichs erfolgreichste Bestseller-Autorin und die Verfasserin des Kultromans “Bonjour Tristesse“. Schon als 17jährige habe ich “Bonjour Tristesse” geliebt und so ist es immer geblieben. Und da ich spätestens seit der Lektüre von “Oh, Simone…” und Stand Up (die Bücher habe ich hier unter anderem in meinem Artikel über feministische Buchtipps vorgestellt) ein Fan von Julia Korbik bin, war klar, dass diese Biographie auf meine Leseliste gehört.

Julia Korbik schreibt über Françoise Sagan mit einer Leichtigkeit und Leidenschaft, dass ich mich der Lebensgeschichte ganz nah fühlte beim Lesen. Nicht, dass ich nicht schon die Eckdaten über ihr Leben gekannt hätte. Aber so, wie ihre Biographie hier einsortiert wird in das Weltgeschehen und dabei gleichzeitig der fast intime Blick auf die Lebensgeschichte und den Werdegang gehalten wird, liest sich das Leben der Françoise Sagan wie einer ihrer Romane. Ich war glücklich beim Lesen und bin dankbar für so ein schönes Buch.

Julia Korbik, Bonjour Liberté | berlinmittemom.com

Mit diesem Titel beende ich vorerst meine Buchtipps für das alte Jahr. Für alle Fans der Buchempfehlungen hier: hier liegt schon wieder eine Liste mit Buchtipps für Teenager (jüngere und ältere) sowie ein neuer Stapel Lesestoff neben meinem Bett. Da kommt also mehr. Bald!

Übrigens: im letzten Jahr habe ich tatsächlich mehr Bücher gelesen, als in den ganzen zehn Jahren zuvor. Das werde ich dieses Jahr wieder so machen, denn ich habe festgestellt: nichts beruhigt mein Gemüt so gut, als wenn ich mich in eine Lesewelt zurückziehen und dort einsortieren kann. Ein Geschenk, das ich sicher mit allen anderen Leseratten teile, oder?

Happy reading!

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