Neulich sprachen meine Freundin Imke und ich in unserem Podcast KaffeeStulleGin über die Fridays for Future-Bewegung und junge Klimaschützer. Darüber, wie so viele Kinder und Jugendliche sich für ihren Planeten einsetzen – und ich sage bewusst „ihr Planet“, denn er gehört ihnen und ihrer Zukunft.

Junge Klimaschützer: ernst nehmen statt sie zu verspotten

Im Moment liest man allenthalben spöttische bis herablassende Artikel zu dieser Bewegung – gerade zuletzt über das Video des YouTubers Rezo, der sich rechtzeitig zur Europawahl mit den Altparteien auseinandersetzt. Es wird sich darüber mokiert, die jungen Menschen werden herabgesetzt und ihr Engagement wird nicht ernst genommen. Es wird ihnen abgesprochen zu wissen, was sie da tun oder es wird ihnen unterstellt, sie hätten nicht nur nicht genügend Lebenserfahrung, um in diesen Dingen eine Meinung haben zu dürfen, sie seien ohnehin nur darauf aus, nicht in die Schule zu müssen. In dieser Art Artikel (oder Tweets oder sonstiger Posts in Social Media) wird eine ganze Generation diffamiert und als verwöhnte Luxusblagen dargestellt, die nichts als Schuleschwänzen im Sinn haben, für ihre Smartphones über Leichen gehen und von ihren Eltern im SUV zur Demo kutschiert wird, bevor es mit dem Flieger übers Wochenende zum Shoppen nach Paris geht. Das ist nicht nur erbärmliche Polemik, das ist auch eine Unverschämtheit und eine absolute Fehleinschätzung. Mich ärgert diese Überheblichkeit einiger meiner Generationsgenoss*innen, in der es tatsächlich nur um folgendes geht: die Angst vor Machtverlust und dem Verlust von Privilegien.

Waldaktivisten in der Schule: Protect the forest

Umso mehr freut es mich, wenn ich bei meinen eigenen Kindern und ihren Freund*innen die Impulse sehen kann, mit denen sie sich darangeben, selbst etwas zu ändern, mögen ihre Mittel auch noch so klein sein. Sie lassen sich nicht abhalten oder übergehen, sie setzen sich für ihre Themen ein und möchten etwas bewegen. Der Lieblingsbub hat mit drei Freunden für ein Schulprojekt über die Folgen von Waldrodungen in europäischen Wäldern und ihre Auswirkungen auf die Lebensräume von Tieren, die Biodiversität und auch den Klimawandel recherchiert. Herausgekommen ist aber nicht nur eine Präsentation über den Ist-Zustand, sondern ein nachhaltigeres Projekt, das Möglichkeiten aufzeigt, wie man selbst aktiv werden kann. Inzwischen haben sie eine eigene Webseite aufgesetzt, auf der sie über die Problematik aufklären und Wege aufzeigen, wie andere den Wald schützen und sich für den Wald als wichtiges Biotop einsetzen können.

Junge Waldschützer | berlinmittemom.com

Die Jungs haben Visionen und Pläne, und dazu habe ich sie interviewt.

Interview mit den Klimaktivisten von „Protect the forest“

Ich spreche heute mit drei der vier Waldschützern über ihr Projekt und ihre Ideen, mit Mattis, Theo und Johann*. Das Interview entstand aus ihrem Wunsch heraus, ihre Seite Protect the forest und damit auch ihre Kampagne für den Wald zu verbreiten.

Was ist eigentlich das Thema eures Projekts? Worum geht es?

Theo: Wir haben uns mit der Abholzung in europäischen Wäldern beschäftigt, vor allem in Deutschland. Natürlich ist das ein weltweites Problem, aber wir finden, wenn man die Welt besser machen will, macht es am meisten Sinn, vor der eigenen Haustür anzufangen. Also ist das in unserem Fall Europa oder genauer gesagt Deutschland, weil wir nunmal hier leben.

Wie seid ihr auf das Thema Abholzung/Rodung in europäischen Wäldern gekommen?

Mattis: Ich wollte eigentlich was zum Thema Tierschutz machen, genauer gesagt über illegalen Tierhandel, aber auch über die Vertreibung und Ausrottung von Arten. Dass das auch durch Entwaldung in Europa passiert und nicht nur z.B. durch Palmölförderung in Indonesien, habe ich durch unser Projekt herausgefunden .

Johann: Ich habe mich schon früher mit dem Thema Abholzung und Entwaldung beschäftigt, deshalb hat mich das grundsätzlich interessiert. Und es hat dann gut gepasst, das mit den anderen in der Gruppe als Projektthema zu wählen. Hier kommen so viele Aspekte zusammen, über die wir recherchieren konnten. Und das hat dann dazu geführt, dass unsere Webseite entstanden ist.

Junge Klimaschützer - Protect the forest | berlinmittemom.com

Was ist dabei für euch das Wichtigste?

Theo: Das wichtigste für uns bei dem Projekt ist, andere Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das überhaupt ein Problem ist. Dass wir in Europa mit den Folgen von Abholzung und Entwaldung leben müssen und was das für Tiere und andere Organismen bedeutet. Und natürlich auch für uns als Menschen. Den meisten ist das gar nicht klar, dass das genau hier in unseren Wäldern auch passiert.

Johann: Mit unserer Webseite wollen wir andere informieren und auch Möglichkeiten zeigen, wie man selbst etwas zum Schutz unserer Wälder beitragen kann.

Habt ihr euch mit bestimmten Folgen von Entwaldung in Europa befasst? Was wisst ihr schon darüber?

Mattis: Wir haben uns mit drei problematischen Hauptaspekten beschäftigt, die durch Rodungen und Abholzungen entstehen:

  • Tiere verlieren ihren Lebensraum durch Abholzung
  • die Verringerung von Waldflächen begünstigt den Klimawandel (weniger Bäume bedeuten weniger CO2-Abbau und Umwandlung in Sauerstoff)
  • der Verlust von Biodiversität, was wiederum dazu führt, dass viele Lebewesen nicht die benötigte Nahrung finden dann in den betreffenden Wäldern einfach nicht mehr vorkommen

Buchenmischwald im Nationalpark Hainich

Was bedeutet Biodiversität bezogen auf den Wald?

Theo: Es gibt in Deutschland und in Europa generell das Problem, dass es zu wenig Diversität in den Wäldern gibt. Man hat viele Jahrzehnte lang vor allem eine Sorte nachgepflanzt und zwar die Kiefer, da sie am schnellsten wächst und sehr robust ist. Das hatte aber zur Folge, dass andere Baumsorten verdrängt wurden. Heutzutage bestehen die Wälder in Deutschland immer noch zu 26% aus Kiefern, das ist schon weniger als früher, aber immer noch viel. Für viele Tiere bietet ein Wald, der hauptsächlich aus Kiefern besteht, keine Lebensgrundlage. Nur bestimmte Tierarten können in einem solchen Wald überleben. Mischwälder bieten dagegen für viele Arten einen Lebensraum.

Johann: Man hat das schon erkannt und arbeitet dagegen. Wenn heutzutage gefällt wird, wird gemischt nachgepflanzt. Leider passieren beim Roden und Fällen wieder unschöne Dinge, die schlecht für den Wald sind. Weil dabei nämlich bestimmte Maschinen eingesetzt werden, wird der Boden auf eine schädliche Art beeinträchtigt, so dass nachwachsende Bäume viel langsamer wachsen, als sie es normalerweise tun. Da kann man auch noch viel besser machen.

Ihr habt eure Webseite mit Informationen gefüllt, habt Interviews mit großen Umweltschutz-Organisationen wie dem WWF oder Öko-Startups wie Ecosia geführt. Was sollen die Menschen mitnehmen, wenn sie auf eure Seite kommen?

Theo: Im Grunde genommen wollen wir sie informieren und darauf aufmerksam machen, dass es ein Problem gibt. Die meisten Menschen denken nämlich, dass Abholzung nur woanders passiert. Wir wissen alle viel über Palmöl und die Rodungen der Regenwälder für den Anbau von Soja zum Beispiel, aber die wenigsten beschäftigen sich damit, was hier passiert und dass auch hier Waldflächen vernichtet werden, die die Lebensgrundlage für viele Arten sind.

Mattis: Wir wollen aber auch zeigen, was man tun kann. Gerade Kinder denken doch oft, dass sie machtlos sind und nichts gegen die Entscheidungen von Erwachsenen tun können. Aber das stimmt so nicht. Wir können uns auch einsetzen und mit vielen kleinen Dingen viel verändern. Und eben anderen zeigen, wie das geht und was man machen kann.

Schützt den Wald | berlinmittemom.com

Was kann ich den konkret machen? Auf eurer Webseite lerne ich diese ganzen Fakten. Und was kann ich dann als Einzelperson tun?

Mattis: Im ganz Kleinen kann man zum Beispiel in den nächstgelegenen Wald gehen und da Müll sammeln. Wenn man da sowieso spazieren geht und hat eine Tasche dabei, kann man da den Müll reinsammeln und wegbringen. Das kann jeder.

Theo: Man kann auch statt Google Ecosia benutzen, das ist eine nachhaltige Suchmaschine, bei der jeder, der dort sucht, dazu beiträgt, dass Bäume gepflanzt werden. Ecosia verwendet nämlich seine Gewinne dazu, gezielt Bäume zu pflanzen. Damit sind sie sogar mehr als CO2-neutral. Sie helfen beim Abbau von CO2.

Mattis: Aber man kann auch selber Bäume pflanzen. Nicht gleich einen ganzen Wald, aber ein paar Bäume schon. Nur keine Kiefern!

Johann: Und man kann als Kind auch ziemlich gut Erwachsene motivieren, selbst was zu tun. Erstens denken sie vielleicht: „Wenn Kinder das können, kann ich es auch.“ Und zweitens sind fast alle Erwachsenen, die wir kennen, mit uns verwandt oder befreundet oder sind unsere Lehrer. Sie mögen uns und Kinder generell, und sie wollen nicht, dass wir in einer zerstörten Umwelt leben müssen. Das sollte ja auch eine Motivation sein, uns zu helfen, etwas gegen den Klimawandel und das Artensterben oder eben die Rodungen von Wäldern zu unternehmen.

Noch was, was ich unbedingt aufschreiben soll?

Theo: Wir finden die Aktivist*innen aus dem Hambacher Forst super. Wenn die nicht so lange Widerstand geleistet hätten, wäre der Wald abgeholzt worden und diese seltene Fledermausart hätte auch ihren Lebensraum verloren. Wir wissen gar nicht, was in unseren Wäldern noch alles für Arten leben, die wir vielleicht gar nicht kennen und deren Lebensraum zerstört wird. Jedes Jahr werden tausende von Arten ausgerottet – es ist wirklich wichtig, dass wir uns dagegen stellen.

Danke für das Interview, ihr seid echt super, Jungs!

Schützt den Wald, schützt die Zukunft unserer Kinder

Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber mich beeindrucken diese vier Jungen, die sich in ihrem Projekt so intensiv mit solchen wichtigen Themen auseinandersetzen. Abgesehen davon, dass sie alle Recherche selbst durchgeführt und auch ihre Webseite ganz allein aufgesetzt haben, haben sie auch noch eine Dokumentation gedreht und geschnitten, die ich euch hier noch einbinde. Sie nennen es ihre „DocumenTREE“ und erklären darin noch einmal die wichtigen Aspekte ihres Projekts.

Natürlich sind die Jungs „erst“ 12 Jahre alt. Aber sie sind junge Klimaschützer und machen sich klügere Gedanken über ihre Möglichkeiten und zeigen mehr Ernsthaftigkeit bei dem Thema als so manche Erwachsene. Aus diesem Schulprojekt, das ihre Abschlussarbeit für die Grundschulzeit ist, ist wesentlich mehr geworden. Und ich bin stolz auf sie und freue mich, dass ich ihnen hoffentlich mit diesem Artikel ein bisschen bei ihrem wichtigen Vorhaben helfen kann. Denn diese Vier hören ganz sicher nicht auf, sich für ihre Umwelt einzusetzen und sie zu schützen.

Let’s protect the forest.

*Das sind nicht ihre richtigen Namen.

 

3 Kommentare

  1. Liebe Anna, die Jungs haben mich soeben sehr beeindruckt! Was diese 12-Jährigen mit ihrer Website und der Dukumentation auf die Beine gestellt haben ist wirklich großartig. Chapeau! Ich finde es beeindruckend, dass die nächste Generation ihre Stimme erhebt, denn ich habe dass Gefühl, dass Umweltschutz vor Jahren viel mehr im Fokus stand und nach und nach wieder an den Rand gedrängt wurde. Also: danke Jungs für Euer Engagement! :)
    Herzliche Grüße, Corinna

  2. Wow, ich bin auch beeindruckt!

    Aber ich erlebe es auch anders. Kürzlich demonstrierten einige Schüler und gingen an der Schule der Tochter vorbei. Die 14j NachbarJungs mittendrin.
    Aber ansonsten werden sie wirklich immer zum Bahnhof gebracht und geholt und haben einen beleuchteten und asphaltierten Weg. Unsre zarte 14j geht täglich alleine den steilen und unbeleuchteten und nicht asphaltierten Weg runter und rauf.
    Wenn ich statt Schule streike,.dann bitte im kleinen anfangen und mich nicht im Anschluss von Mamas suv abholen lassen für 1 Minute Fahrt. Dann das Handy reparieren lassen statt ein neues zu kaufen
    Wir haben das auch so gemacht bei der Tochter. Das neue wäre nur wenig teurer gewesen. Aber wir wollten Vorbild sein. Und es gibt auch nicht ständig ein anderes.

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