Als ich 9 Jahre alt war, verreisten wir zum ersten Mal in meinem Leben in den Sommerferien nicht. Meine Schwester war neugeboren und meine Eltern trafen die Entscheidung, mit dem Säugling würde im brütenden Hochsommer nicht nach Spanien oder Frankreich oder sonst wohin ans Meer gefahren. Ich weiß nicht mehr, was mein Bruder in diesen Ferien unternahm, aber ich fuhr mit meinen Tanten, meiner Lieblingscousine und meinem einzigen (und daher also auch liebsten) Cousin in den Schwarzwald.
Vielleicht erinnere ich mich so gut daran, weil ich in diesen Ferien zum ersten Mal Tagebuch führte und heute noch nachlesen kann, was wir wann unternahmen und wie ich die jeweilige Unternehmung dann fand. Ein Faktor dafür, dass ich mich so gut erinnere ist aber sicher auch, dass meine Mutter mir vorher in der schon mal erwähnten Lieblingsbuchhandlung Lesefutter für die Ferien kaufte.In diesem Sommer las ich zum ersten Mal ein Buch von Edith Nesbit, es waren Die Kinder von Arden (die heutzutage leider auf deutsch komplett vergriffen sind) und war sofort völlig dem Zauber ihrer fantastischen Welten verfallen. In der Folge las ich alles, was es auf deutsch von ihr gab und hatte wohl das Glück, dass zu dieser Zeit nacheinander ihre bekanntesten Werke bei Dressler in sehr schönen Ausgaben im Hardvocer veröffentlicht wurden. Als Buchliebhaberin, die ich damals schon war, habe ich diese Bände natürlich aufgehoben und sie gerade erst in einer Kiste mit anderen Buchschätzen aus meiner Kindheit und Jugend von einem Speicher in Koblenz hierher nach Berlin geholt. Da waren neben den Bänden über die Kinder von Arden auch noch diverse Nöstlinger-Sachen, natürlich Momo und die Unendliche Geschichte und auch das Buch, das ich heute empfehlen will – nicht zuletzt, weil es eins der wenigen Bücher von Edith Nesbit ist, die heute noch lieferbar sind:

Der verzauberte Garten.

Cover

In dieser Geschichte geht es um drei Kinder, Caroline, Charlotte und Charles, deren Lebenssituation allein aus heutiger Sicht schon ungewöhnlich ist: sie leben bei entfernten Verwandten, während ihre Eltern sich in Indien aufhalten. Die Handlung setzt zu Carolines Geburtstag ein, an dem die Kinder erfahren, dass sie ihre anstehenden Ferien bei ihrem Großonkel Charles verbringen werden. Die Kinder freuen sich vor allem darauf, ein wenig mehr sich selbst überlassen zu sein und treten die Reise an.
Onkel Charles erweist sich als nett, das Haus als groß und geheimnisvoll und der Garten als ein kleines Wunder, denn in ihm gibt es nur prächtig blühende und besonders schöne Pflanzen und Blumen. Nichts scheint je zu verwelken oder einzugehen, alles ist quasi perfekt. Die drei Kinder entdecken im Haus bald ein Portrait einer Ahnfrau, die als Hexe verbrannt wurde und finden schließlich eines ihrer Zauberbücher. Wie alle Kinder wünschen sich die drei nichts sehnlicher, als selbst zaubern zu können und schon bald beginnen sie, mithilfe des Buches und diverser Pflanzen aus dem wunderbaren Garten, allerhand Zaubersprüche auszuprobieren: es wird aber niemals ganz klar, ob die Zauber wirklich wirken oder ob es nur wundersame Zufälle und ihre Einbildungskraft sind, die dazu führen, dass sich Wünsche erfüllen, sie „unsichtbar“ sind oder die Erwachsenen um sie her ihnen wohlgesonnen sind.
Zum zaubernden Geschwistertrio gesellt sich bald noch ein viertes Kind, Rupert, dessen Eltern ebenfalls in Indien sind und der bei einem Verwandten leben muss, der ihn schlecht behandelt. In den Augen der Geschwister ist er ein Sklave, der befreit werden muss. Als er ausreißt, um zu seinen Eltern zu fahren, wird er krank und ist auf die Hilfe der drei Geschwister angewiesen. Sie bilden nun den Geheimbund der Rose und finden Unterstützer in der Person des örtlichen Pfarrers und schließlich ihres Onkels. Die Geschichte endet mit der Erfüllung ihres größten Wunsches: einer Reise zu den Eltern in Indien.

Edith Nesbits Geschichte ist aus heutiger Sicht altmodisch, die Abenteuer sind „klein“ und die hier beschriebene Magie entspringt vor allem der großen Fantasie der sehr sympathischen Geschwister und nicht irgendwelchen Zauberstäben oder sonstige Utensilien, wie beispielsweise bei Harry Potter. Aber gerade das macht die Geschichte so zauberhaft und schön. Wir bewegen uns nicht in gefährlichen magischen Welten, hier wird nicht gegen übermächtige böse Zauberer gekämpft, hier gilt es nicht, tiefsitzende Ängste zu überwinden, die eigene Zauberkraft zu entwickeln oder sich magischen Kreaturen zu stellen. Es ist ein kleiner Kosmos, in dem die täglichen Dinge zu Abenteuern werden und in denen die Geschwister gemeinsam eine magische Welt erschaffen, in der sie mithilfe von Farnkrautsamen unsichtbar werden können oder durch eine Zusammenstellung gewisser Pflanzen und Blumen andere dazu bewegen, ihnen zu helfen. Die Charaktere sind sympathisch und glaubwürdig und die Szenerie ist sicher für heutige Leserinnen außerordentlich genug, da die Geschichte im England des späten 19.Jahrhunderts spielt.
Meine Tochter hat das Buch mit 7 gelesen, ebenso einen weiteren Band aus der „Verzaubert“-Reihe von Edith Nesibt, Das verzauberte Schloss, das auch noch bei Amazon zu bekommen ist, auch wenn es nicht mehr im Verlagsverzeichnis erscheint. Beide Bände sind bei Dressler in der Reihe Dressler Klassiker erschienen, gut übersetzt, sorgfältig aufgelegt und schön illustriert.

Ein Vorlesevergnügen für Kinder ab 6, zum Selberlesen ab 7-8, das einen Kontrapunkt setzt zu den schnellen und gefährlichen „Zaubergeschichten“, die aktuell so zu bekommen sind. Es ist nicht besser, es ist einfach anders: leiser, behutsamer, in einer ruhigen Sprache, aber nichtsdestotrotz eine Geschichte aus einer magischen anderen Welt, die einen in Bann zieht. Lesen!

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