Ich bin eine liberale Mutter. Soll heißen, ich bin keine anti-autoritäre Mutter, im Gegenteil, davon bin ich Lichtjahre entfernt; aber ich bin immer dafür, dass meine Kinder Spaß haben sollen, sich ausprobieren dürfen, Fernsehen und Süßigkeiten in Maßen genießen können und ab und zu auch mal frech sein.

Und eigentlich fahre ich mit dieser Haltung ziemlich gut. Mein Sohn, der mich ja bisher vor allem als „süße Mama“, bezeichnet hat, ließ sich auch bis vor ganz kurzem mit der liberalen ich-erklär-dir-warum-ich-das-verbiete-Methode und der ergänzenden es-gibt-Regeln-und-die-halten-wir-ein-Parole gut lenken. Das scheint jetzt nicht mehr auszureichen. Und ich muss die Figur aus meinem Erziehungsrepertoire bemühen, die ich schon vor einigen Jahren im Umgang mit meiner großen Tochter in mir entdeckt habe und die bei ihr auch des Öfteren zum Einsatz kommt: den Feldwebel.

Mein Sohn kannte bisher den Feldwebel nur aus Sicht des Beobachters, nämlich wenn er bei seiner großen Schwester zum Einsatz kam. Da er aber von „süße Mama“ in der letzten Zeit öfter mal zu „du blöde alte Mama“ (alternativ gerne auch: blöde alte Kuh) umgeschwenkt ist und sich auch ansonsten aufführt, als würden unsichtbare Ströme von Testosteron ihn von einem rührenden, schokoladenaugigen Kerlchen in einen kleinen schnaubenden Berserker verwandeln, musste der Feldwebel raus. Auch für ihn.

Und eigentlich verträgt sich der Feldwebel nicht mit meinem Selbstbild als liberale Mutter. Ganz und gar nicht. Ich habe schwer zu kämpfen, wenn der Feldwebel die Szene betritt, aber ich habe im Laufe der letzten Jahre gelernt, wie viel ich ihm zu verdanken habe (ihn als Teil von MIR zu akzeptieren fällt mir schon schwerer, wie man leicht daran erkennt, dass ich mich im Umgang mit ihm benehme, wie eine Schizophrene…).

Der Feldwebel ist mein Retter, wenn die liberale Mutter kurz vor dem Nervenzusammenbruch ist und alle Erklärungsversuche auf taube Kinderohren stoßen. Er ist meine Zuflucht, wenn mir innerlich so der Hut hochgeht, dass ich manchmal befürchte, ich könnte ernsthaft ausfallend werden oder irgend etwas kaputtmachen (außer meiner Kinder). Er ist das Gerüst, das mich stützt, wenn die Kinder auf der Rückbank zanken wie die Kesselflicker, während ich versuche, in der heillos zugeparkten Schröderstraße durchzukommen und der Stau auf der Torstraße mir schon entgegen glotzt, wie eine mehrköpfige Schlange. Er ist meine Rüstung, wenn wir im Supermarkt an der Kasse stehen und das kleinste Kind anhaltend quengelt wegen der Überraschungseier, die ich nicht kaufe, der Bub mir in den Ohren liegt, was die große Schwester Gemeines gesagt hätte und die Große immer dann, wenn sie denkt ich sähe es nicht, ihrem Bruder einen Knuff gibt oder wieder was Gemeines sagt, woraufhin er immer lauter jammert, keift und petzt, bis hin zur atemlosen, gebrüllten Empörung.

Dann kommt der Feldwebel, erhebt die Stimme, schnauzt ein paar Mal lautstark herum und erreicht damit in der Regel zunächst den Effekt der erstaunten Stille. Ich atme durch und fühle mich besser. Aber der Feldwebel zieht durch, damit die Stille ein bisschen Bestand haben kann. Zu seinen Vokabeln gehören „Ruhe jetzt!“ und „Klappe halten!“ und auch „Wenn ihr jetzt nicht sofort aufhört, euch zu zanken/kloppen/kneifen/anzubrüllen, dann…!“ bis hin zu „Das ist eine letzte Warnung, habt ihr das verstanden?!“. Sowas würde ich ja nie sagen. Niemals würde ich mit meinen kostbaren Kindern so sprechen. Aber zum Glück habe ich den Feldwebel in der hohlen Hand. Und der hat mich noch nie hängen lassen. Und wenn der Feldwebel für Ruhe gesorgt hat, betritt die liberale Mutter wieder die Szene, versöhnlich und entspannt.

Ist das verwerflich? Bin ich noch länger würdig, in den Spiegel zu sehen und mich tatsächlich erzieherisch liberal zu nennen? Ist das überhaupt ein Erziehungsstil oder ist das ein Relikt aus meiner eigenen Kindheit mit durchaus eher autoritären Strukturen (jedenfalls meistens)? Ist das einfach ein Weg, Grenzen und Regeln zu formulieren, die die Kinder lernen müssen? Auf DIESE Weise?

Ich bin nicht sicher. Aber der Effekt, den der Feldwebel erzielt, wenn die liberale Mutter in mir kapitulieren muss, ist mehr als beeindruckend. Und ehrlich gesagt, solange das funktioniert, werde ich den Feldwebel nicht aus meinem Kabinett der multiplen Erziehungspersönlichkeiten streichen. Noch ist er meine Geheimwaffe.

Wenn ich mir allerdings meine große Tochter so anschaue, bin ich nicht sicher, wie lange ich damit noch durchkomme… Aber ich hab ja noch die Kleinen.

6 Kommentare

  1. Wenn ich den Feldwebel nicht hätte, wäre ich schon 6 mal in Mutter-Kind-Kur OHNE Kinder gewesen! Meine rennen allerdings sofort, wie auf ein stummes Kommando hin, in ihre Zimmer wenn sie ihn nur riechen und hören gar nicht erst was er alles zu sagen hätte… Manchmal frustrierend, da nicht erleichternd!

  2. So ungern wir „feldwebeln“, manchmal geht es nicht ohne. Vor allem wenn unsere zwei Jungs beide gemeinsam wieder mal bunte Knete im Kopf haben und auf nichts anderes hören als den Feldwebel. Dann wird einen Moment böse zurückgekuckt (v.a. Sohn I kann hervorragend die Stirn runzeln) und meistens wiederwillig das getan was angesagt ist. Bei aller Erziehungsliberalität müssen die Kinder auch erkennen, wenn eine Grenze erreicht ist oder überschritten wurde. Und das geht nicht immer mit dem deutlich ausgesprochenen Hinweis auf Augenhöhe, manchmal geht das halt nur im Kasernenton.

  3. Bei mir liegt der Feldwebel leider im Blut … Ich hoffe, ich bekomme ihn so gut in den Griff wie du, sodass er nur auftritt, wenn’s wirklich nötig ist!

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