Ich habe vor Jahren mal einen Dokumentarfilm über 5 Erstklässler gesehen, deren Alltag im Hamburger Stadtteil St. Georg vom ersten Schultag bis zum Ende der Grundschulzeit mit der Kamera begleitet wurde: Die Kinder von St. Georg. Fasziniert davon, wie gekonnt und unaufdringlich die Filmemacher hier die Entwicklung der Kinder in ihren vielen kleinen Alltagssituationen ganz unmittelbar eingefangen haben, wartete ich gespannt auf den angekündigten zweiten Teil. Am 24.05. wurde er auf Arte ausgestrahlt, und ich habe ihn mir aufgezeichnet: „Die Jugendjahre„.

Die Kinder von St. Georg - Die Jugendjahre

Gestern abend hatte ich endlich die Zeit und die Ruhe, mir den Film anzusehen und ich muss zugeben, dass ich kaum ausdrücken kann, wie begeistert ich bin.

Das hat, wenn ich genau in mich hinein horche, weniger damit zu tun, dass das Ganze ein überaus gelungenes Dokumentar-Filmprojekt ist und einfach gekonnt gemacht ist. Das, was mich wirklich umgehauen hat, sind diese fünf Kinder, die die Hauptdarsteller in ihren eigenen Leben sind, sowohl in Teil 1 als auch in Teil 2. Ich hatte die Geschichten der fünf Grundschüler noch gut im Kopf und auch deren Vorlieben, die individuellen Ängste und Probleme, die natürlich für jeden einzelnen überwältigend erscheinen. In den „Jugendjahren“ jetzt diese Kinder zu sehen, wie sie ihre Wege gehen, wie sie Konflikte austragen, über was sie nachdenken, wie sie nach wie vor einander verbunden sind und trotz aller Unterschiedlichkeiten einander begleiten, wie sie erste erwachsene Entscheidungen treffen (und vor allem: welche Entscheidungen sie treffen!) – das hat mich wahnsinnig beeindruckt.

Dass ja bei so einem Langzeitprojekt niemals vorher klar sein kann, was gezeigt werden soll bzw. was am Ende dabei herauskommt, macht es umso außerordentlicher: am Ende stehen 5 Abiturienten, 5 junge Menschen, die in meiner Wahrnehmung so außergewöhnlich und inspirierend sind, dass ich am liebsten jeden davon kennenlernen würde. Mitchel, der trotz aller (vorübergehender) Probleme mit seinem Vater oder seiner Sucht nach Onlinespielen nach einem Jahr Zivildienst in einem Kindergarten in Barcelona plötzlich erwachsen zu sein scheint, den man sieht, wie er liebevoll mit den ihm anvertrauten Kindern umgeht und sagt, dass sei das Schönste, was er je gemacht habe und er wüsste nun, dass er sich eine Familie wünsche. Nevena, die bereits mit 14 so klug und differenziert auf die Welt blickt und dennoch immer zuversichtlich und auch fröhlich bleibt – auch als Abiturientin ist sie noch glücklich und drückt aus, wie sehr sie sich darauf freue, durch alle offenen Türen zu gehen, die auf sie warten. Klara, die sehr genau reflektiert, was sie für eine beeindruckende Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen hat und die ihre nächsten Schritte so begeistert plant und auch angeht. Felix, der sich erst taufen lässt und dann ein Jahr in Neuseeland lebt, der für seine Freundin kocht und gleichzeitig ein Jahr in einem Hilfsprojekt in Ghana plant und sich so großartig selbst organisiert. Freya, die immer gefestigter zu werden scheint in ihrer Identität, die ihre erste Liebe durchlebt und dabei immer sie selbst bleibt und die sehr selbstsicher andere Wege wählt, als die Freunde…

Fünf unglaublich tolle Kinder! Man würde sie gerne auch noch die nächsten fünf Jahre sehen, am Rande miterleben, wie diese großartigen Persönlichkeiten weiter reifen und wachsen und was sie wohl aus ihren Leben machen. Sehr schön zu sehen, vielleicht am allerschönsten, ist die letzte Szene, in der nach der letzten Abiturprüfung alle noch einen Kommentar zu den gesamten mit-gefilmten Schuljahren abgeben. Einstimmig ist die Meinung, dass die Grundschulzeit die schönste Zeit war, groß ist die Achtung für die erste Lehrerin und deren Leistung, groß ist auch die Wertschätzung für die eigenen Familien und die engen Freunde, wichtig ist allen der Blick aufs Große Ganze: obwohl sie natürlich selbst der Mittelpunkt ihrer eigenen Universen sind, sehen sie offenbar immer über den Tellerrand. Die Welt ist nicht nur St. Georg, sondern die Welt steht offen, will bereist, erobert, verändert und auch besser gemacht werden.

Wenn ich diese Fünf sehe und mir vorstelle, dass noch viele andere junge Menschen so sind und dabei sind, so zu werden, mache ich mir nur noch halb so viele Sorgen um unsere Gesellschaft oder um „die Welt“ überhaupt. (Abgesehen davon, dass mich dieser Film natürlich auch hinsichtlich der sich drohend meinen Kindern nahenden Entwicklungsphase der Pubertät ein wenig beruhigt…) Lass sie alberne Frisuren haben und blöde Fernsehserien gucken, lass sie in doofe Clubs gehen und alberne Männlichkeitsrituale ausprobieren – wenn sie sich währenddessen für die Weltreligionen und andere Kulturen interessieren, wenn sie wissen, was ein Freiwilliges Soziales Jahr ist und dass man das auch im Ausland machen kann, wenn sie darüber nachdenken, warum sie so sind wie sie sind und sich hinterfragen, dann ist offenbar alles gut. Ist das nicht schön?

Danke, Kernfilm, für dieses Projekt. Danke, Herdolor Lorenz und Leslie Franze, für die großartige Arbeit. Aber vor allem: Danke Nevena, Klara, Mitchel, Felix und Freya dafür, dass ich in eure Leben schauen durfte. Ihr seid großartig. Wenn ihr nur ein bisschen so bleibt, wie ihr jetzt seid, wird alles gut. Irgendwie auch für uns alle.

1 Kommentar

  1. Mandy Gillmeister Antworten

    Hallo Anna,

    mit deinen Zeilen sprichst du mir aus der Seele. Ich habe die Doku vor einigen Monaten nur wenige Stunden vor der Abfahrt in unseren Sommerurlaub gesehen – und war derart beeindruckt von diesen fünf Menschen, dass sie sich in mein Hirn einbrannten.

    Wie großartig deren Entwicklung abläuft, auch bei welch liebevollen, toleranten Eltern sie aufwachsen dürfen. Deren Entwicklung wäre nicht diesselbe, wenn sich ständig Erwachsene reingehängt, mit „klugen“ Ratschlägen jegliche eigenen Gedanken und den Versuch, des eigenen Blicks auf die Welt verhindert hätten – wobei stellenweise ein Freikämpfen auch hier spürbar war und wohl dazu gehört. Vermutlich merken Eltern erst dadurch die Intention des Kindes: „Hey, ich will meinen eigenen Weg gehen.“

    Insbesondere das Wachsen der Frohnatur Nevena und der beeindruckenden Persönlichkeit Felix berührt mich noch immer in einem solchen Maße – ja, deinen Wunsch, diese Menschen kennenzulernen kann ich sehr gut nachvollziehen.

    Liebe Grüße

    Mandy

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