Sonntags auf meinem Balkon. Also auf dem Balkon, von dem aus ich hier alle soweit überblicken kann, dass meine Kinder auch mal ein paar Schritte alleine tun und ein bisschen ungestört Rollerfahren oder Kreidemalen oder Seilhüpfen üben können. Harmlose Sachen, alle. Und ich gönne meinen Kids wirklich diese Bewegungsfreiheit, die für unsere zentrale Wohnlage nicht so alltäglich ist. Manchmal allerdings tun sie dann Sachen, die ich, wenn ich sie schon nicht verhindern kann, am liebsten gar nicht gesehen hätte. Von meinem Balkon aus. Nie davon gewusst hätte! Aber man kann nicht das eine wollen und das andere verdammen, in diesem Fall die Bewegungsfreiheit und das damit einhergehende Risiko, dass die Gören Sauereien machen.

Ich sitze also auf meinem Balkon und schreibe (wie schon mal bemerkt: drei Sätze schreiben, drei Sätze löschen usw.) und lausche nebenher den beruhigenden Geräuschen, die meine spielenden Kinder so machen. Das Kleinste rollt mit Freundin Isabella immer im Kreis um die kleine Grünfläche in der Mitte der Straße und plappert höchst unterhaltsam vor sich hin. Das Große hockt mit Freundin Luzie auf der Reckstange, sie turnen und zanken zwischendurch ein bisschen. Der Bub sitzt auf dem Rasenstück der Nachbarn gegenüber, noch gerade in meinem Blickfeld und schnitzt an einem Stück Holz mit seinem nagelneuen, vom Opa geschenkten Kinderschnitzmesser. Natürlich mit abgerundeter Spitze. Nicht sehr scharf. Aber dennoch: ein Messer. Nun ist es so, dass der Bub ja zwischendurch gerne seine Testosteron-Anfälle kriegt und plötzlich ein wahnsinnig übles Benehmen an den Tag legt, das er natürlich für cool und männlich hält. Dazu gehört röhrendes, unmotiviertes Brüllen, ohne Helm wie der geölte Blitz mit dem Fahrrad fahren und gefährliche Kurven „schneiden“, die kleinen Mädchen auf ihren Rollern im Vorbeifahren ärgern und ihnen dann laut lachend davon fahren undsoweiter. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: abgesehen von den Testo-Rausch-Phasen ist der Bub ein Zuckerstück. Liebenswert, lustig, zuvorkommend, ein Schatz. Nun denn. Er hat also dieses Messer und ist dadurch natürlich um Nummern cooler, als ohne. Brav und wie abgesprochen an einem Stück Holz schnitzen ist natürlich schon ganz ok, cooler wäre aber wohl noch, damit was anderes zu machen. Ich sehe ihn also, wie er anfängt, das Messer in die Luft zu werfen und zu beobachten, ob es sich bei Herunterfallen eindrucksvoll in den Rasen bohrt. Tut es nicht. Jedenfalls nicht so oft, wie er es gerne hätte. Sag ich was? Ich beobachte ihn weiter und greife erst ein, als er anfängt, das Messer in die Luft zu werfen und sich dann über die Wiese zu rollen, quasi unter dem fliegenden Messer durch. Mir stockt der Atem und ich mache ihm eine Ansage, der Vater der Kinder führt ein ernstes Gespräch über Messer und Messer-Regeln mit dem Bub, dann sitzt er wieder da und schnitzt. Alles ist friedlich.

Plötzlich höre ich ein Geräusch, das in der mittäglichen Stille ungewöhnlich ist und das ich nicht identifizieren kann: tik-tok-tik-tok-tik-tok… ein helles Geräusch wie von Metall auf Stein. Ich schaue auf und suche, hämmert jemand? Ein Kind irgendwo? Ich sehe nichts, das Geräusch verstummt, ich arbeite weiter. Da ist es wieder: tik-tok-tik-tok… Wieder schaue ich auf und sehe: meinen Sohn. Wie er auf der Straße kniet. Wie er mit der Klinge seines Messers immer wieder auf die Straße „sticht“. Zwischen die Finger seiner gespreizten linken Hand. Immer hin und her. Daumen-Zeigefinger-Daumen-Mittelfinger undsoweiter. Ich kann kaum fassen, was ich sehe. Wer ist dieses Kind? Woher kennt es solche Spiele? Was läuft da? Ich interveniere heftig und nehme mir den Bub zur Brust. Unterstützt vom Vater der Kinder. Wir beide sehr ernst und klar. Der Bub grinst, er strahlt uns geradezu an, glücklich und, wie wir dann erfuhren, total mutig.

Ich: „Marius, bist du verrückt geworden? Was machst du denn da?!“
Bub: „Ich bin nicht der Marius, Mama! Ich bin Branko!“
Ich: „Wer? Wer ist das?“
Bub: „Also, Mama, du kennst doch die Rote Zora, oder? Aus Gretchens coolem Film?“
Ich: „Ja, natürlich, aber woher kennst du die?“
Bub: „Ich hab das neulich mitgeguckt, als Gretchen mit ihrer Freundin DVD gucken durfte. Der ist ab Null, Mama!“
Ich (nehme mir vor, die Auswahl an Filmen genauer zu inspizieren und mich nicht länger auf die FSK-Empfehlungen zu verlassen): „Ok. Und weiter..?“
Bub: „Da macht das der Branko, Mama. Das ist eine MUTPROBE von den großen Jungs, davon wird man dann der Mutigste. So wie der Branko. Und der bin ich jetzt.“

Einfach und einleuchtend in der Logik eines Fünfjährigen. Er hat mir dann noch weiter erläutert, dass der Branko sich in den Finger „gehackt“ hätte, das hieße „Fünf-Finger-Filet“, er aber ja nicht, also sei er noch viel cooler und mutiger als Branko. Und er könne jetzt auch sein Gretchen beschützen (die wird sich bedanken!), die sei ja die Rote Zora und sie seien jetzt eine echte Bande. Und wenn Rosanna auch die Mutprobe machen würde, könnte sie der mutige Duro sein. Und vielleicht wollte sie dann auch in der Bande mitmachen. Rosanna, die den Dialog ohnehin schon fasziniert verfolgte, sagte daraufhin ganz lakonisch: „Nee, ich bin nicht der Duro, ich bin ein Mädchen und natürlich bin ich die schöne Zlata. Du bist sowieso in mich verliebt, Branko!“

Ich schleiche wieder zurück auf meinen Balkon und verfluche Kurt Held und seine gefährlichen Geschichten über Kinderbanden und das Fünf-Finger-Filet. Ich frage mich, wie aus meinen süßen, frisch gekämmten Sonntagskindern dreckige, struppige Straßenkids geworden sind, die Messerspiele kennen und einander mit den Springseilen an die Straßenlaterne vorm Haus fesseln. Wahrscheinlich finden sie als nächstes die Rolle Hasendraht im Keller und bauen damit eine Falle.
Die supermutige Bande der Roten Zora tobt indessen rund um Haus und Garten, spielt Thunfische fangen mit Angelsehne, Messerwerfen und „Kampf gegen die Gymnasiasten“. Sie tragen einander auf Bahren hin und her, klettern am Haus hoch und fallen alle miteinander in die dornige Rosenhecke im Vorgarten. Und die schöne Zlata sitzt oben auf dem Spielhäuschen, spielt Föte und macht alle mutigen Brankos in sich verliebt.

Achja. Die Sonntage.

5 Kommentare

  1. Branko ist wunderbar! wie er da auf die steine haut… könnte man richtig neidisch werden: so ganz politisch unkorrekt freude an einer solchen körperlichen tätigkeit.. und strahlen und sich freuen dabei! Stattdessen haut man auf die tasten, aber die geben lange nicht ein so schönes geräusch ab und sind nun wirklich nicht vergleichbar!

    Vielen dank für deine Berlinmomgeschichten, die richtig gute laune machen!!!

    Sandra

    • Liebe Sandra, Branko macht hier gerade Pause zu gunsten diverser Fußballer-Identitäten, die täglich geswitched werden. Heute Philip Lahm, morgen Hummels und über Nacht Manuel Neuer. Darüber schreibe ich dann auch bald mal. :-) Liebe Grüße!

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