Sonntagabend im Hause Berlinmittemom: drei Kinder plus Anhang sitzen auf der Couch und wir beenden das Wochenende mit einem Film zur „politischen Bildung“ und schauen Sonnenalle, während ich nebenher das Wochenende in Bildern schreibe.

Sonnenallee | berlinmittemom.com

Dieses Wochenende waren wir tatsächlich sehr viel im Sinne der politischen Bildung und der Erinnerungskultur mit den Kindern unterwegs, denn in Berlin gab es schon die ganze Woche viele Veranstaltungen zur Feier des 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Nicht nur darüber haben wir viel gesprochen, sondern auch über die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938.

Wie immer startete das Wochenende am Freitagabend hier mit diversen Gastkindern. Da ich nicht mehr rechtzeitig zum Einkaufen gekommen war, gab es Stulle, Käse, Rohkost, Quark, Snacks und allerhand zum Dippen. Fanden alle super und schauten dazu einen Film.

Stulle mit Brot | berlinmittemom.comFreitagsabendskinder | berlinmittemom.com

Am Frühstückstisch am nächsten Morgen waren es dann schon weniger Kinder und der Tag konnte losgehen.

Samstagsfrühstückskinder | berlinmittemom.com

Wie immer gab es zig Erledigungen am Samstag von Einkauf über Frisörbesuch und Hausaufgabengedöns mit dem Bub. Nach dem Abendessen machten wir uns mit Nachbar*innen und Freund*innen samt diverser Kinder auf zur East Side Gallery.

Lichtinstallation East Side Gallery | berlinmittemom.com

In der Spree wurde per Lichtinstallation der Verlauf der ehemaligen Grenzverlauf sichtbar gemacht. Die Oberbaumbrücke, die heute hier die Stadtteile Friedrichshain im Osten und Kreuzberg im Westen verbindet, war seit Mitte der 50er Jahren gesperrt.

Lichtinstallation 30 Jahre Mauerfall | berlinmittemom.com

Wir liefen bis zur Brücke, um von dort auf die Spree und den Fernsehturm zu schauen.

Eastside Gallery, 30 Jahre Mauerfall | berlinmittemom.comOberbaumbrücke | berlinmittemom.com30 Jahre Mauerfall | berlinmittemom.com

An der Eastside Gallery gab es außerdem dokumentarisches Filmmaterial in einer Installation zu sehen. Die Mauergeschichte wurde dort gezeigt, vom Bau und den ersten Maueropfern bis hin zur Grenzöffnung am 09. November 1989.

Mauergeschichte, Eastside Gallery | berlinmittemom.com

Wir haben viel über die Geschichte der Mauer gesprochen, den Kindern erzählt, wie es damals war, im geteilten Land zu leben. Ich war auf der Westseite, der Mann im Osten. Auch wir kennen uns dieses Jahr 30 Jahre, denn er ist bereits Anfang 1989 mit seiner Familie aus der ehemaligen DDR ausgereist und in meiner Heimtstadt Koblenz gelandet, wo er in meine Klasse kam. Und auch wenn wir während unserer Schulzeit bis zum Abitur und darüber hinaus nie einen „Crush“ aufeinander hatten, wie meine Kinder sagen würden, sind wir seitdem gute Freunde gewesen. Für unsere Familie ist das Datum der Maueröffnung immer etwas ganz besonderes und wir sind dankbar dafür, wie die Geschichte der Teilung, unsere Geschichte, unser aller Geschichte ausgegangen ist.

Die Oberbaumbrücke ist wie viele Brücken in Berlin nicht länger ein Symbol der Teilung sondern verbindet Menschen diesseits und jenseits der Spree miteinander.

Oberbaumbrücke bei Nacht | berlinmittemom.com

Über das Geschenk der Freiheit habe ich zum 25jährigen Mauerjubiläum hier schon einmal geschrieben.

Mein Sonntag fing gemütlich an. Der Mann brachte mir Kaffee ans Bett und verschwand mit der Großen zum Vater-Tochter-Yoga, was die beiden seit fast einem Jahr unregelmäßig an den Wochenenden gemeinsam machen. Ich konnte also noch ein bisschen rumliegen.

Sonntagskaffee im Bett | berlinmittemom.com

Dann gab’s Frühstück für alle. Da es spät war, bis alle vom Yoga zurück, aufgestanden und bereit für eine Mahlzeit waren, wurde es wie oft sonntags eher ein Brunch. Mit salvadorianischen roten Frijoles und Huevos a la Ranchera. Köstliches Lieblingsfrühstück!

Frijolitos am Sonntag | berlinmittemom.comFrijolitos, Sonntagsfrühstück | berlinmittemom.com

Den Tag verbrachten die Kinder weitgehend mit Spielen…

Schachspiel | berlinmittemom.com

… und mit unserem Archie.

Archie, my love | berlinmittemom.com

Am Abend ging es dann noch mal los für uns zur Installation Visions in Motion, einer Installation von 30000 auf bunte Bänder geschriebenen Wünschen, die sich vom Brandenburger Tor auf die Straße des 17. Juni zieht. Wie ein großer lebendiger Glücksdrache schwebten die bunten Bänder über uns, das war bezaubernd und schön.

Visions in Motion, Brandenburger Tor | berlinmittemom.com30000 Wünsche, Brandenburger Tor | berlinmittemom.com

Zu Hause gab es dann die Reste von unserer veganen Bolognese von gestern – das war übrigens ein Experiment. Ich bin noch nicht ganz überzeugt von der Konsistenz, geschmacklich war die Bolo super. Unser Sonntag endete mit „Sonnenallee“, wie ihr oben auf dem Foto sehen könnt.

Die Kinder rätseln über diese seltsame Zeit, in der das Land geteilt, unsere Nazivergangenheit völlig unbearbeitet und eine Vereinigung der beiden Länder undenkbar war.

Ich rätsele mit ihnen nach einem Wochenende, an dem uns unsere Geschichte besonders begleitet hat. Der Mauerfall, das Ergebnis einer friedlichen Revolution. Aber auch die Pogrome von 1938, die den Holocaust an 6.000.000 Juden eingeleitet haben, das schier unbegreifliche Grauen, das wir als Teil unserer Geschichte ebenso für immer mitnehmen und niemals vergessen dürfen.

Wir leben heute in einem wiedervereinigten Land und erfreuen uns alle der größtmöglichen Freiheit. Wir sind sicher. Wir sind frei zu sagen und zu tun, was wir wollen und zu gehen, wohin wir möchten. Und dennoch sind die Stimmen wieder laut, die uns erneut entzweien wollen. Wir leben in einem guten Land mit guten Menschen darin – und dennoch gibt es Terroranschläge auf Synagogen, Brandanschläge auf Wohnungen und Unterbringungen von Geflüchteten. Dennoch werden Menschen mit Kippa auf der Straße bespuckt und Frauen mit Hijab in der Sbahn beschimpft. Menschen mit brauner Haut werden diskriminiert und (gender)queere Menschen haben keine Lobby. Wir dürfen all das nicht vergessen. Und wir dürfen es nicht einfach so geschehen lassen.

Ich spreche mit meine privilegierten Kindern darüber, wie es war als die Mauer fiel und wie es dazu kam. Ich spreche mit ihnen über die Pogrome von 1938 und was darauf folgte. Und dann sprechen wir darüber, wie es dazu kommen konnte. Wieso Menschen geschwiegen und weggesehen haben. Wieso es für so viele leichter war, einfach alles hinzunehmen und totzuschweigen, statt aufzustehen und sich einzusetzen. Wieso es viele gab, die andere denunziert haben, im Dritten Reich genauso wie in der DDR. Viele ihrer Fragen kann ich nicht wirklich beantworten. Wer kann schon einem Kind nachvollziehbar erklären, wieso es eine Zeit gab, in der Menschen einander die schrecklichsten Dinge antaten? Das tut weh und macht Angst. Und ist dennoch so wichtig, weil wir wissen: es könnte wieder passieren. Genau hier. Auch die Kinder nehmen das wahr und denken laut darüber nach.

Ich rätsele also am Ende eines schönen Wochenendes mal wieder, wie ich es schaffen kann, mehr zu tun, lauter zu werden gegen die antidemokratischen, antifreiheitlichen Kräfte (das ist ein schöner Euphemismus!) in unserem Land. Wie ich den Kindern und mir weiter Mut mache. Wie ich weiterhin Halt geben und Haltung zeigen kann.

Wie macht ihr das?

1 Kommentar

  1. „Und dann sprechen wir darüber, wie es dazu kommen konnte. Wieso Menschen geschwiegen und weggesehen haben. Wieso es für so viele leichter war, einfach alles hinzunehmen und totzuschweigen, statt aufzustehen und sich einzusetzen. “ Viele Jahrzehnte war das so ein Standard: zu sagen, die Menschen hätten geschwiegen, nichts „dagegen“ gemacht, alles hingenommen. Jetzt passieren in unserem längst nicht mehr so guten Land, in dem in einigen Regionen ein Viertel aller Wahlberechtigten (und auch da nur die, die überhaupt zur Wahl gehen) offen faschistische Parteien wählt, viele überhaupt nicht gute Sachen, die Du hier aufzählst. Was tun wir denn jetzt? Schweigen wir nicht genau so wie die Menschen in den 1930er Jahren?

    Nach der Thüringen-Wahl hast Du geschrieben: „Für mich ist es genauso schwer wie für alle anderen, mich nach den Wahlergebnissen in Thüringen und dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle irgendwie zu fassen und aufzustellen. Mir zu überlegen, was ich konkret tun kann.“ Aber das ist nicht so. Wenn eine Partei wie die AfD in Thüringen fast 24 Prozent bekommt, dann sind es längst nicht mehr „alle“, die das schockierend finde. Viele finden das sogar sehr begrüßenswert, sonst hätten sie anders gewählt (bzw. hätten überhaupt gewählt).

    Für viele Menschen ist Deutschland längst nicht mehr das gute, freie Land, in dem sie alles sagen dürfen und sämtliche Freiheiten haben (s. Titelstories von ZEIT und Spiegel über Meinungsfreiheit der letzten Woche). Wir leben in einer sich immer stärker gespaltenen Gesellschaft, in der – auch das stand gerade in der Zeit – ein Drittel der Bevölkerung sich „unsichtbar“, nicht mehr dazugehörig fühlt. Aktuell wird auf erbärmlichem Niveau über eine Grundrente diskutiert. Schon jetzt kenne ich viele Menschen über 65, die von ihrer Rente nicht mehr leben können und weiter arbeiten.
    Ich finde, es ist allerhöchste Zeit, und das nicht nur am 9. November, mit Kindern über Politik zu sprechen, Nachrichten zu sehen, mit ihnen aktuelle Ereignisse zu diskutieren. Kinder sollten die Möglichkeit haben, auch außerhalb von Zuhause über Politik zu sprechen und zu erfahren, warum andere Menschen ganz anders denken als ihre Eltern.
    Ich finde das einerseits ein sehr schwieriges Thema, dieses „nicht schweigen“. Denn so frei wir auch sind: wem sagen wir wo, was wir denken? Den Menschen in unserem Freundeskreis, in unserer Filterblase, die so denken und fühlen wie wir? Da kann sich politisches Verstehen nur sehr schwer entwickeln. Denn, wenn alle, mit denen wir reden, das gleiche sagen wie wir – wer sind dann diese komischen anderen?
    Du beginnst gerade, Deinen Blog zu nutzen für Deine politische Meinung. Das finde ich gut und richtig. Es ist höchste Zeit über mehr zu schreiben als darüber, wie schön das Leben so ist. Für viele Menschen ist es das schon längst nicht mehr.
    Ich bin weit davon entfernt zu denken, dass es logische Konsequenz ist, wegen niedriger Rente, bedrohlich steigender Mieten und einer immer größeren gesellschaftlichen Schere zwischen Arm und Reich andere Menschen umzubringen, Synagogen anzuzünden oder Faschisten zu wählen. Aber es gibt einen krassen und bedrohlichen gesellschaftlichen Wandel. Politische Bildung hilft. Aber das kann nur der erste Schritt sein.
    (habe mich bemüht, mich kurz zu fassen. hat nicht geklappt. und ich fürchte, ich habe trotzdem nur ansatzweise rübergebracht, was ich zu deinen posts der letzten wochen sagen möchte)

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