Musik ist meine tägliche Wegbegleiterin, schon immer. Manchmal träume ich von Musik oder vielleicht ist es eher so, dass  in meinen Träumen wie in meinen wachen Phasen stets eine Art Soundtrack läuft. Denn das ist es, was mein Bewusstsein mein Leben lang schon untermalt: Musik, die immer da ist. Ein Soundtrack meines Lebens. Und damit meine ich nicht einen Ohrwurm, das kenne ich natürlich auch. Die nervige Melodie, die man nicht loswird, manchmal tagelang.

Nein, ich habe einen sich immer verändernden Soundtrack meines Lebens im Kopf, der sich stetig der jeweiligen Situation oder Phase anpasst. Manchmal sind es schwere Klänge, Melodien ohne Worte. Manchmal sind es beschwingte Songs. Manche Lieder klingen in mir und untermalen die Gefühle, die ich gerade habe. Andere erinnern mich an Empfindungen, die ich durchlebt habe oder immer wieder durchlebe, sie dokumentieren sie sozusagen.

Und dann gibt es noch die Art von Musik, die mich emotional so aufwühlt, dass ich sie kaum ertragen kann. Das sind die Stücke, die ich bewusst niemals abspiele und auch meine Ohren und mein Herz davor verschließe, wenn ich sie zufällig irgendwo höre, weil sie unerträgliche Gefühle in mir triggern und ich fürchten muss, die Kontrolle über ebendiese Gefühle zu verlieren.  Aber ich kann nicht steuern, wenn diese Art Musik in mir erklingt, ohne, dass ich es mir ausgesucht habe. Manchmal geschieht das unwillkürlich.

Die Suite No. 3 „Air“ von Bach ist so ein Fall – so wunderschön, so ein perfektes Stück Musik, wie eine einzige Huldigung an einen liebevollen Gott. Aber für mich ist es für immer „verdorben“, egal in welcher Version. Weil es das von uns ausgewählte Stück war, zu dessen Begleitung der Sarg meiner Mutter aus der Friedhofskapelle getragen wurde. Das werde ich nie mehr los. Doch das ist okay. Ich kann auf dieses Musikstück in meinem Leben verzichten, weil ich an dem Auswahlprozess beteiligt war und es uns damals so wichtig war, dass es dieses vollkommene Musikstück war, das unsere geliebte Mama auf ihrem letzten Weg begleitet hat. Dafür konnte ich es von Herzen gerne gehen lassen. Ich wusste vorher, was es bedeuten würde.

Aber da ist noch mehr, was den Soundtrack meines Lebens angeht. Der Soundtrack meiner Teenagerjahre zum Beispiel tönt mit David Bowie und Prince in mir. Während des ersten Lockdowns war da ganz viel Klaviermusik. Ich bin eingeschlafen mit George Winston im Kopf und aufgewacht mit Mozart. Wenn ich mich konzentrieren will, erklingt in mir Dave Brubeck’s Take Five. Immer. Wenn ich aufs Meer schaue höre ich Stan Getz oder die Gilbertos mit ihren unvergesslichen Bossa Nova-Klängen.

Und im Moment, wo ich hier so geerdet bin wie gefühlt nie zuvor, wo ich meine Liebsten um mich habe und mal wieder so sicher weiß, wo ich hingehöre, wo meine Tage erfüllt sind von dem vielstimmigen Summen meiner Familie mit all ihren (nicht nur harmonischen) Zwischentönen – klingt der Soundtrack meines Lebens seit Tagen wie ein kleines, ganz einfaches Lied, gespielt auf einer Ukulele, gesungen von zwei weichen Stimmen. Dieses Lied ist offenbar das Leitmotiv dieses Sommers: „Lava“ von James Ford Murphy, Kuana Torres Kahele und Napua Greig.

Das ist die Melodie von Glück. Und ich bin dankbar, dass ich sie im Moment jeden Tag höre.

3 Kommentare

  1. Liebe Anna, danke für diesen berührenden Artikel. Ich habe mich vor allem an einer Stelle wiedergefunden: Das “ Air“ von Bach ist auch für mich verdorben, für immer besetzt und wird nie wieder von mir unbeschwert gehört werden. Es wurde auf der Beerdigung meiner sehr plötzlich verstorbenen Großmutter gespielt, ich war damals kurz vorm Abi. Zwei Jahre später stand ich im Chor bei einem Konzert, ein Zwischenteil war das „Air“. Ich weiß noch, wie ich davongeflossen bin, ich musste mich so zusammenreißen, das Konzert weiterzusingen. Nee, es ist auch für mich verdorben. Aber es gibt ja zum Glück noch so
    viel andere wunderbare Musik, auch von Bach!

    Liebe Grüße von Almut

schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: