Die schönste Idylle kann einem um die Ohren fliegen, das kenne wir alle. Und manchmal genau dann, wenn wir es uns sehr schön darin gemütlich gemacht haben. Heute ist so ein Tag.

Er fängt an mit Sonne auf meiner Haut, der kleine Hund spielt lieb auf der Wiese und bringt mir eifrig immer wieder sein Spielzeug an, die Kinder frühstücken fröhlich auf der Terrasse und radeln voller Vorfreude zum Stall. So fängt der perfekte Urlaubstag hier im Haus am Meer an.

Aber dann fängt der Ablauf an, zu hinken. Ein Anruf kommt und der Mann versinkt in irgend einem Businesstalk (obwohl wir im Urlaub sind, das ist das ewige Schicksal, das uns begleitet, seit wir eine Familie sind), statt mit mir noch einen Kaffee auf der Terrasse zu trinken und den Tag zu besprechen. Ich räume die Reste vom Frühstück weg und will mich eigentlich an den Laptop setzen, da klingelt auch mein Telefon. Kein wichtiger Anruf, aber dennoch kann ich ihn nicht ignorieren. Es wird ein nettes Gespräch, aber es nimmt mir genau die halbe Stunde weg, die ich jetzt für mich reservieren wollte.

Dann tickert mir eins der Kinder vom Reitplatz, ob ich kommen könnte, sie würden springen und hätten gerne, dass ich das filme. Ich seh den Kindern liebend gern beim Reiten zu, packe also den Laptop weg und radle los. Natürlich ohne den Mann zu konsultieren, der telefoniert nämlich immer noch. Der kleine Hund schläft im Garten, der große Teenie liegt noch im Bett. Ich fahre los, erfreue mich am Reitplatz an den Sprüngen der Kinder bzw der Pferde. Da kommt der Mann mit dem Hund hinterher. Immer noch telefonierend. Er möchte auch zuschauen, das geht aber nur so halb, außerdem kollidieren mein Rad und der Hund, denn beide kann ich nicht handlen.

Wir gehen zurück. Die Kinder rufen mir hinterher, ob ich ihnen was zu essen machen könnte, sie kämen gleich und hätten „Sauhunger“. Kein Ding. Ich bereite Spiegelei auf Brot vor für vier Reiterkinder (zwei eigene, ein Nichtenkind und ein Besuchskind), der Teenie steht auf und macht sich ebenfalls Frühstück. Der Hund fällt knülle unter den Tisch und schläft. Der Mann… telefoniert.

Langsam steigt mein Stresslevel. Ich habe noch immer kein Wort geschrieben, stattdessen fällt mir jetzt in der Küche auch noch ein Wasserglas um und alles ergießt sich in die Spiegeleisituation. Ich muss jetzt also auch noch die Sauerei beseitigen – der Moment, wo ich mich mit dem Laptop ruhig hinsetzen kann, rückt immer weiter in die Ferne. Von Morgenseiten kann schon lange keine Rede mehr sein.

Die Agentur ruft an und kündigt die Putztruppe für den Nachmittag an. Eine super Nachricht, ich freu mich. Das heißt aber auch, dass die Kinder ihre Zimmer rechtzeitig in Ordnung bringen müssen. Dass eine Million Reitschuhe noch weggeräumt werden müssen. Dass der Geschirrspüler ein- und wieder ausgeräumt werden muss, bevor da in der Küche irgendwas saubergemacht werden kann. Und dass der volle Wäschständer ebenfalls weichen muss. Die Kinder reagieren auf meine diesbezügliche Ansage, wie Teenies es nunmal tun: quasi gar nicht.

Der kleine Hund wacht auf. Es ist Zeit für den Mittagssnack. Wedel, wedel, Vorfreude. Er geht mir um die Beine, ich stolpere über die Schlappen der Kinder. Der Mann hört auf zu telefonieren und eröffnet mir, er wolle, dass wir alle eine Fahrradtour an den Weststrand machen sollen. Wir könnten von ihm aus sofort los. Ob wir wohl noch Proviant genug haben? Ah, überhaupt eine gute Frage: was kochen wir heute Abend? Stresslevel pulst hoch.

Ich zähle die Kinder an, die inzwischen, immer noch in Reitklamotten, auf der Wiese Volleyball spielen, sie möchten bitte anfangen, sich hier einzubringen. Ich verteile Aufgaben. Das Besuchskind fängt beeindruckt an, die Reitschuhe wegzuräumen, während meine Kinder anfangen  zu streiten, wer das Katzenklo saubermachen und wer das Altpapier wegbringen muss. Mein Stresslevel eskaliert.

Idylle hinüber, jedenfalls für mich. Ich packe Laptop und Handy und den aktuellen Krimi und flüchte in die hinterste Ecke des Gartens in den Strandkorb. Dort angekommen entdecke ich, dass ich nur noch ca. 9% Akku habe. Das Handy schalte ich immerhin aus, damit mich keine Nachrichten der Gören und Bildschirmzeitanfragen erreichen. Ich könnte platzen.

Zehn Minuten später. Das große Kind winkt mir von weitem. Hat den Hund gefüttert, den Bruder beruhigt, Streit geschlichtet, zwei Zimmer aufgeräumt und Betten gemacht. Der Mann hat die Terrasse in Ordnung gebracht, das sehe ich von hier. Alte Blumensträuße entsorgt, leere Flaschen und Müll sortiert und die anderen Kinder zur Räson gebracht. Den Plan vom Fahrradausflug jedenfalls für den Moment beiseite geschoben.

Der kleine Hund trabt über die Wiese und fängt einen Schmetterling. Na gut. Möglicherweise kommt die Idylle nachher wieder vorbei. Könnte ja sein. Vielleicht.

3 Kommentare

  1. Vanessa Truknus Antworten

    Hallo Anna, ich kann das sehr gut nachvollziehen! Wenn ich nicht meine Zeit für mich alleine bekomme, könnt ich auch aggressiv werden…
    Man muss generell aufpassen, sich nicht zum Sklaven der Kinder zu machen, sonst wollen sie ständig irgendetwas..
    Und zum Kochen /Essen etc:deshalb buchen wir immer für den Urlaub ein Hotel, wo ich dann keinen Finger krumm machen muss und nicht kochen etc…

    Probiert das doch auch mal aus… Noch ein Tipp :Die Zeit fur einen selbst immer früh am Morgen nehmen, dann kommt meist nichts dazwischen… Und Handy weglegen während man liest.

  2. Danke, für deine Zeilen! Kann ich sooo gut nachvollziehen…

    Liebe Grüße
    Birgit

  3. Man muss echt aufpassen auf sich selber. Und ja, die Gefahr, sich zur Sklavin der eigenen Kinder zu machen, ist immens. Wir sind in den Ferien zu Hause geblieben. Ich koche hier mittlerweile einmal am Tag Essen, das sich dann jeder nehmen kann, wann er Hunger hat. Wenn es alle ist, ist es alle. Ich haben keine Lust mehr, meinen gesamten Tagesablauf auf unterschiedlichste Bedürfnisse einzustellen. Man kann gemeinsame Mahlzeiten anbieten. Wenn man dann nicht kann oder will oder was auch immer Teenies so tun, dann gibt es keine. Und ich nehme mir auch die Freiheit, einfach mal weg zu sein. Leider kommt bei uns nicht regelmäßig eine Putztruppe, so dass die Diskussion über herumliegende Schuhe, Klamotten, Pfandflaschen etc. ein tägliches Thema sein könnte. Auch das setzte ich jetzt nur noch wohldosiert ein. Das entspannt (mich und andere…) .

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