Es gibt Zeiten, die sind emotional anstrengend. Dennoch nehmen wir viel aus ihnen mit. Es klingt wie ein Kalenderspruch, aber es ist wahr: wenn wir herausgefordert werden, selbst wenn Erfahrungen schmerzhaft und schwer sind, wachsen wir an ihnen mehr, als wenn alles sachte vor sich hin plätschert. Darüber denke ich nach, und es tut mir leid, dass die Texte hier jetzt rund um den Todestag meiner Mutter ein bisschen düster daher kommen. Aber das ist, was mir zur Zeit wieder verstärkt durch den Kopf geht.

Ich bin weit davon entfernt, Schmerz oder gar Trauma zu glorifizieren. Ich bin noch weiter von einer Haltung entfernt, die sich an „gelobt sei, was uns hart macht“ anlehnt. Lichtjahre sozusagen. Ich habe lediglich für mich selbst gelernt, dass schwere Zeiten niemals nur dunkel sind, sondern im Gegenteil, sich in schmerzhaften Umbruchphasen im Leben in der Regel auch neue Wege zeigen. Neue Konstellationen möglich werden. Dass sich Fenster um einen herum öffnen und Licht hereindringt. Und dass es Menschen gibt, zu denen im Schmerz die Verbindung noch inniger wird, als sie ohnehin schon ist.

Schon oft habe ich über die enge Geschwisterbindung geschrieben, mit der ich das Glück habe, aufgewachsen zu sein. Wir drei Geschwister leben immer noch davon, wie sehr wir verbunden sind. Seit immer und für immer gehören mein Bruder und meine Schwester (und inzwischen eben auch ihre Partner*innen und Kinder, meine innig geliebten Neffen und Nichten) zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Weststrand im Winter | berlinmittemom.com

Und natürlich hat unsere schöne gemeinsame Kindheit uns geprägt und verschworen. Aber was unser Band darüber hinaus unzerstörbar gemacht hat, ist der gemeinsam durchlittene Schmerz, den wir erfahren haben. Jede*r von uns auf seine/ihre eigene Art, aber eben dennoch gemeinsam. Verbunden. Als eine enge Freundin von uns starb zum Beispiel, da waren wir 13, 10 und 4. Oder als unsere Eltern sich trennten, da waren wir 15, 12 und 6. Als unsere Cousine starb, da waren wir 17, 14 und 9. Als unsere Mutter ihre Krebsdiagnose bekam, da waren wir 23, 20 und 14. Durch diverse unserer eigenen Liebeskummer- und harten Trennungsphasen, berufliche Pleiten und individuelle Enttäuschungen, durch Standortwechsel, die Geburten unserer Kinder, Höhen und Tiefen in unseren Partnerschaften und schließlich… der Tod unserer Mutter.

In jeder dieser Phasen haben wir gelitten, wir haben mit uns gekämpft und ausgehalten, was uns vom Leben serviert wurde, gemeinsam. Ich weiß für jede schwere Zeit in meinem Leben genau, wie wichtig meine Geschwister für mich waren, aber erst als unsere Mutter starb, erinnere ich mich an die Gleichzeitigkeit von Licht und Schatten. Erst da war mir bewusst, wie dicht das Ende von etwas, der Tod, der uns in seiner Absolutheit fast das Herz rausreißt, direkt neben dem hellsten Licht existiert. Und das widerspricht sich nicht.

Während wir bereits zu Lebzeiten meiner Mutter darum trauerten, was wir verlieren würden, während wir voller Angst waren und nicht wussten, wie wir das überstehen sollten, befanden wir uns bereits in einer Transformationsphase, in der sich auf einmal lauter neue Konstellationen ergaben. Möglichkeiten. Und auch Chancen. Wir mussten jetzt bewusster denn je zueinander kommen, denn unsere Mutter, die immer wie eine Art Bahnhof funktioniert hat, an dem wir uns garantiert trafen, war bereits nicht mehr „da“. Wir konnten uns nicht auf die alten Muster, Rituale, Verbindungen, Sicherheiten verlassen und mussten stattdessen unser eigenes Netz enger knüpfen, damit es halten würde, wenn der Tag kommen würde, auf den wir alle warteten.

Ich weiß nicht, ob ich das richtig ausdrücken kann, aber wenn jemand stirbt, dann schließen sich Räume, Verbindungen werden gekappt und ein Universum mit all seinen Aspekten stirbt ebenfalls. Allerdings entstehen dafür auch neue Verbindungen, neue Wege, neue Universen – weil wir gezwungen werden, uns anders zu verhalten, anders zu denken, andere Wege zu finden, als zuvor. Genau das geschah.

Muschelsucher am Ostseestrand | berlinmittemom.com

Meine Mutter starb und wir waren uns näher, denn je. Sie starb und alles war voller Trauer, Angst, Wut und Schmerz – aber gleichzeitig war es, als wären wir in einem Raum gefüllt von Licht, das durch lauter auf einmal sich öffnende Fenster und Türen hereinströmte. Und wir waren im Zentrum dieses Raums. Da standen wir, unsere Partner*innen, unser Vater und seine Frau, die Geschwister meiner Mutter, ihre engen Freund*innen und Weggehfährt*innen, wir alle schauten auf meine sterbende Mutter und wussten, wir sind an einem Punkt, an dem sich alles unwiderruflich ändert. Und dass wir, obwohl wir nichts in der Hand hatten, obwohl wir nichts tun, den Tod und den Abschied nicht aufhalten konnten, doch die Macht hatten, alles neu zu gestalten.

Wir schauten aufeinander und begriffen (sicherlich nicht alle auf die gleiche Weise oder im gleichen Moment), dass jetzt ein Moment war, in dem wir neue Verbindungen schaffen und bestehende stärken könnten. Und das haben wir versucht.

Einige Verbindungen sind dadurch intensiviert worden, gestärkt, belastbar, so wie die zwischen meinen Geschwistern und mir und unseren Liebsten. Andere sind neu entstanden oder wir konnten einander in neuem Licht betrachten. Manche mussten wir auch loslassen, denn wir können die Verbindungen unsere Lieben nicht einfach erben, wenn diese die Augen für immer schließen.

Und so waren wir, nicht zum ersten Mal und auch nicht zum letzten Mal, aber vielleicht nie zuvor so deutlich inmitten von absolutem Verlust und der Entstehung von Neuem. Licht und Schatten – Hand in Hand, Tod und Leben – Hand in Hand, Vergehen und Werden – Hand in Hand.

Das alles ist jetzt zehn Jahre her und immer noch denke ich an diese Zeit mit dem Gefühl von Dankbarkeit und Schmerz zugleich, Liebe und Verlust, und die Gleichzeitigkeit dieser Gefühle erstaunt mich schon lange nicht mehr. Weil alles eins war, im selben Moment. Eine Lektion fürs Leben über die Verbindung zwischen allen Dingen, die ich nie vergesse und in mir trage, wie einen Schatz.

Last Updated on 9. August 2021 by Anna Luz de León

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