Heute Morgen bin ich geflohen. Ich hatte mir kurz gewünscht, es wäre kein besonderer Tag für mich, einfach nur ein Tag wie jeder andere. Aber es ist der 05. August, es ist der zehnte Todestag meiner Mutter. Es ist kein Tag wie jeder andere. Also kam der Moment, als meine Selbstbeherrschung flöten ging und ich mich aufs Rad schwingen und eine Runde durch den Wald fahren musste, um in Ruhe zu heulen. Weil das nunmal dazugehört.

Ist es nicht merkwürdig, dass solche Tage diese Bedeutung haben? Geburtstage, Hochzeitstage, Todestage…. Wir altern schließlich jeden Tag, sind jeden Tag verheiratet, vermissen unsere Toten jeden Tag, nicht nur an diesen besonderen Tagen. Aber irgendwie ist es dennoch von Bedeutung, als ob unser innerer Kompass auf diese Tage ausgerichtet wäre, ohne dass wir es beeinflussen könnten. Ich war vorbereitet, so wie ich jedes Jahr vorbereitet bin. Und doch fuhr ich zum Heulen in den Wald.

Tatsächlich aber ist Weinen nicht schlimm, im Gegenteil. Auch heute war es nicht schlimm, sondern vielmehr das Ventil für die Gefühle, die sonst vielleicht nicht so zum Tragen kommen. Nach zehn Jahren kommen die Tränen nicht mehr häufig, doch über die Trauer und das Verlustgefühl sagt das nicht viel aus.

Noch immer denke ich an das Lachen meiner Mutter und stelle mir vor, wie sie sich über die Dinge freuen würde, die die Kinder sagen und tun. Noch immer vermisse ich ihre klugen Fragen, wenn ich mich mit etwas plage, worauf ich nicht sofort die Antwort finde. Noch immer wünsche ich mir, ich könnte sie anrufen, sie besuchen, ihr etwas erzählen, egal was, einfach mit ihr sprechen. Und noch immer sehe ich ihr Gesicht vor mir bei unserem letzten Abschied, als wir beide schon wussten, es würde der letzte sein.

Auch nach zehn Jahren hat sich das nicht geändert und das wird es auch nie. Das Vermissen, das Gefühl des Verlusts, die Trauer darüber, was ich verloren habe, wird unverändert bleiben. Was sich ändert, ist das Maß der Tränen, das ich darüber vergieße, die Menge der Worte, die ich darüber verliere und die Zeit am Tag, die ich dafür habe, diese Gefühle an die Oberfläche zu lassen. Was sich ändert, ist das Gegengewicht zur Trauer – alles, was im Leben weiterhin geschieht, die schönen, guten, hellen Dinge. Die Dinge, die die Trauer ausbalancieren. Sie machen sie nicht wett, diese Trauer, sie heben sie nicht auf. Aber sie sind das, was für ein Gleichgewicht sorgt.

Verlust und Trauer verändern uns, unwiderruflich. Aber danach wird nicht alles für immer finster und leer in unserem Leben. Wir lernen mit diesen Gefühlen umzugehen, wir lernen anzunehmen, wie sie uns verändern und wir akzeptieren das und leben weiter. Nicht mehr als der Mensch, der wir vorher waren. Es gibt kein Zurück zu diesem Zustand der Unwissenheit und Unschuld. Aber es gibt ein okayes danach. Ein okayes erweitertes Selbst.

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In den letzten zehn Jahren habe ich gelernt, diese Balance zu halten. Zu wissen, dass die Liebe, in der ich aufgewachsen bin und die ich erfahren habe, mich noch immer trägt und für immer tragen wird, egal, was noch passiert. Dass es dennoch schmerzhaft ist, dass die Trauer niemals ganz erlischt. Aber dass sie eben Seite an Seite mit den guten Gefühlen existiert. Sogar mit so etwas Großem wie Glück.

Ich habe Glück. Ich war immer ein geliebtes Kind, sogar als ich längst erwachsen war. Das ist meine Basis. Liebe. Sie trägt mich nicht nur, sie wächst und gibt sich weiter. Von meiner Mutter zu mir, von mir zu meinen Kindern. Mit noch mehr Glück wird sie weiterwachsen, wird weitergegeben zur nächsten Generation und unterwegs an viele Menschen, die in unser Leben treten. Und in jedem Kuss und jeder Umarmung ist ein Stück von meiner Mama. Für immer.

Das ist jede Träne wert, die ich um sie weine.

Last Updated on 8. August 2021 by Anna Luz de León

1 Kommentar

  1. Du findest einfach immer die besten Worte. Sehr berührend geschrieben. Herzlichen Dank liebe Anna!

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