Wir sind in Woche Vier der Quarantäne und es wird mal wieder Zeit für einen Eintrag im Lockdown-Tagebuch. Was fehlt mir am meisten in der aktuellen Situation? Ich denke über unsere eingeschränkte Bewegungsfreiheit nach und versuche mir vorzustellen, wie es damit bestellt sein wird, wenn wir wieder aus unseren Häusern, Gärten, Straßen dürfen. Wie wird diese Welt nach der Pandemie aussehen? Wie werden wir uns verhalten, wie werden wir einander begegnen? Mir fehlt meine Freiheit und die Begegnung mit anderen jeden Tag.

Lockdown Tagebuch: Was anders ist

Im Moment passiert in der Welt so viel und gleichzeitig ist mein eigener Radius so beschränkt, dass es mir schwerfällt, diese beiden Zustände übereinander zu legen, um so ein ganzes Bild zu bekommen. Im alten „Normal“ war das kein Problem, aber wenn ich genau hinschaue, lag das vor allem daran, dass ich alles, was vielleicht nicht zusammengepasst hat, einfach so hingenommen habe. Die Missklänge im eigenen Leben und die Missklänge im Außen waren ein Teil meiner bisherigen Normalität. Ich habe das selten bis nie hinterfragt. Es war einfach so.

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Freiheit: neues „Normal“ vs altes „Normal“

Jetzt ist alles anders. Das, was ich früher als „Ordnung“ wahrgenommen habe, weil es die strukturgebenden Elemente in meinem Leben bedingt hat, ist jetzt weitgehend aufgelöst. Das Familienleben läuft nicht nur anders als bisher, es verläuft sogar entgegengesetzt zu dem, wie es vor Corona war. Sind im alten Normal morgens spätestens um halb acht alle aus dem Haus geströmt, um ihren Tagesaufgaben nachzugehen, so bleiben jetzt alle ständig hier. Hat man früher für alles Termine gebraucht, ist das jetzt kaum nötig, weil auch alle anderen zu Hause und viel leichter erreichbar sind. Alle Aktivitäten außerhalb des privaten Raums waren eine Selbstverständlichkeit, die ich ohne einen weiteren Gedanken einfach so hingenommen habe. Einkaufen, Spazierengehen, Ausgehen, Freund*innen treffen, wann und wo und wieviele ich wollte, zu Veranstaltungen gehen, beruflich wie privat und natürlich Verreisen… Ich bin in diese Freiheit geboren und mit ihr aufgewachsen, ich habe diesbezüglich noch nie in meinem Leben irgendwelche Einschränkungen erlebt. Und auch wenn ich natürlich wusste, dass andere Menschen in anderen Teilen der Erde anders leben, hatte das nie wirklich viel mit mir selbst zu tun. Selbst mit der größten Awareness für die eigenen Privilegien, dass ich f r e i bin, habe ich nie hinterfragt. Es war schlicht nicht vorstellbar, dass sich das jemals ändern könnte.

Jetzt ist alles anders, und noch während ich sehe, wie massiv die Folgen und Effekte dieser neuen globalen Situation sind, versuche ich, für mich selber einen Sinn in alldem zu erkennen.  Weil wir Menschen nunmal so sind. Wir versuchen immer, einen Sinn in allem zu erkennen, was uns widerfährt. Im Augenblick ist das gar nicht so leicht.

Es wäre naheliegend, die Veränderungen in meinem Alltag positiv zu besetzen: wir haben mehr Zeit als Familie miteinander, wir stellen fest, dass wir in Wirklichkeit weniger brauchen, um glücklich zu sein, als wir vorher dachten. Die Umwelt wird geschont, Konsum ist ohnehin kritisch zu sehen, jetzt wird er von außen eingeschränkt und das ist doch auch was Gutes… undsoweiter. Aber ich glaube, das ist Pfeifen im Wald. Ich glaube, dass ich, in dem Wunsch einen Sinn in alldem zu finden, Dinge positiv besetze, die für sich genommen vor allem eins bedeuten: eine Einschränkung der Freiheit, mit der ich aufgewachsen bin. Die Freiheit, die mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Die Freiheit, die eine der wichtigsten Grundlagen unserer Gesellschaft bildet und die die Angehörigen unserer Generation und derer, die noch jünger sind nie wirklich als etwas Besonderes gesehen haben. Wir hätten es besser wissen können. Wir hätten es besser wissen sollen. Aber wir Menschen sind so: wir wertschätzen oft die Dinge erst wirklich, wenn sie drohen, uns zu entgleiten.

Unsere Freiheit, Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit, Entscheidungsfreiheit – ist massiv eingeschränkt. Jetzt fehlt sie uns. Wie wird es damit weitergehen? Was ist der Preis an Freiheit, den wir langfristig zahlen werden? Wir wissen es nicht.

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Und was fehlt mir noch? Spontane Begegnung

Denn jetzt ist alles anders. Niemand klingelt mehr an der Haustür, es sei denn, es ist der Lieferdienst oder die Post. Und was mich im alten Normal oft fast in den Wahnsinn treiben konnte, weil vor allem am Nachmittag oder am Wochenende ständig Kids mit Dauergeklingel vor der Tür standen, die zu meinen Kindern wollten, ist im neuen Normal eine Leerstelle, die sich mit nichts anderem füllen lässt. Die Spontaneität ist aus unserem Leben fast gänzlich verschwunden, das wirkt sich auf alle unsere zwischenmenschlichen Kontakte aus. Wir können nicht damit rechnen, das Begegnungen mit anderen Menschen einfach so passieren, wir müssen sie planen und müssen uns ständig fragen, ob sie konform sind mit diesem neuen Normal, in dem wir in allen unseren Begegnungen eingeschränkt sind.

Wegbleiben von anderen heißt in diesen Zeiten, sie zu schützen. Uns selbst zu schützen. Unsere Liebsten und Freunde*innen zu bewahren vor Infektion und Krankheit. Uns n i c h t zu sehen, uns nicht zu begegnen, bedeutet in diesen Tagen Fürsorge, ist also  eigentlich ein Ausdruck von Liebe. Und das sieht mein Kopf absolut ein, aber es fühlt sich dennoch falsch an. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass mich um andere kümmern auch heißt, ihnen nahe zu kommen. Sie zu berühren, sie in den Armen zu halten und nahbar zu sein, im ganz konkreten und körperlichen Sinn. Umarmungen und geteilte Mahlzeiten, gemeinsame Unternehmungen und Innigkeit, körperliche Nähe und die Sicherheit, dass niemand vor uns zurückschreckt.

Jetzt ist alles anders. Jetzt sollen wir uns vor allem körperlich distanzieren und dabei irgendwie lernen, uns anders nah zu sein. Für manche Aspekte im Leben klappt das und wir adaptieren schnell, zum Beispiel wenn es um Wissensvermittlung und Informationsaustausch geht. Ich sehe das vor allem bei den Kindern und staune mal wieder über deren Anpassungsfähigkeit und Vitalität. Für andere Aspekte fällt gerade mir die Anpassung furchtbar schwer. Die enge Freundin, der es schlecht geht und zu der ich nicht hineilen kann, um sie in den Arm zu nehmen. Ja, ich bin gut mit Worten, aber es sind eben nur Worte. Ich kann sie in Umschläge stecken und in die Welt schicken, ich kann sie aufschreiben, am Telefon sagen, ins Internet posten und auf Postkarten schreiben, aber es bleiben dennoch immer – nur Worte. Ich weiß, dass man auch mit Worten Nähe erzeugen kann, aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass sie keine Umarmung ersetzen können.

Letzte Woche habe ich mit „meiner“ Blumenfrau telefoniert. In ihrem Laden decke ich mich regelmäßig mit frischen Blumen und Pflanzen für meine Balkonkästen ein, wir schwatzen immer und kennen uns seit Jahren. Jetzt ist der Laden geschlossen und auch die eigentlich geplante Onlinebestellung funktioniert nicht, weil keine Ware mehr reinkommt. Was passiert jetzt? Wir haben uns lange unterhalten und uns über unsere Ängste und Sorgen ausgetauscht. Sie sagte, sie fragt sich, ob wir einander draußen auf der Straße je wieder so begegnen werden, wie vorher. Ob wir uns für immer vor Haltestangen in der Ubahn gruseln oder anderen immer mit einem seltsamen Gefühl die Hand geben werden. Ob wir weiterhin eineinnhalb Meter Sicherheitsabstand voneinander halten werden und ob es sich je wieder normal anfühlen wird, jemanden zur Begrüßung zu umarmen oder auf die Wangen zu küssen. Was ist, wenn jemand in unserer Gegenwart hustet? Was, wenn jemand in die hohle Hand niest? Wie lange wird das nachwirken, dass wir jetzt innerlich zusammenzucken und uns kurz fürchten?

Kirschblüte | berlinmittemom.comLockdown Tagebuch in Zeiten von Covid 19 | berlinmittemom.com

Fakt ist, wir wissen es nicht. Wir wissen nur, wie es früher war und wie es jetzt ist. Wie lange das J E T Z T andauern wird und wie das neue zukünftige „Normal“ diesbezüglich aussehen wird, wissen wir ebenfalls nicht. Aber ich glaube, wir haben mehr in der Hand, wie die Zukunft sein wird, als wir jetzt vielleicht denken.

Was ich weiß: ich werde niemals aufhören, die Menschen zu lieben, selbst wenn die Bedingungen dafür erschwert sein sollten. Ich werde mehr lächeln, das tue ich jetzt schon. Ich werde noch weniger darüber nachdenken, wie ich nach außen wirke. Ob jemand mich für albern oder übertrieben hält, ob jemand mit mir lachen oder über mich lachen möchte, ob jemand mich zurück liebt oder nicht. Es wird mir mit jedem Tag egaler, wie jemand mein äußeres Erscheinungsbild beurteilt oder wie mein Auftreten. Es spielt immer weniger eine Rolle für mich, ob jemand mich mag oder mögen könnte oder eben nicht.

Unsere Verbindungen untereinander sind das Kostbarste, das wir haben. Und jetzt ist nicht die Zeit, sie loszulassen oder sich vor lauter Sorgen und Angst davon abhalten zu lassen, neue Verbindungen herzustellen und zu suchen. Wir sind mehr denn je aufeinander angewiesen und damit meine ich nicht nur, dass wir unsere Gemeinschaften funktionstüchtig halten müssen und uns nicht voneinander zurückziehen dürfen. Wir müssen uns umeinander kümmern, trotz Social Distancing, trotz des Verlustes von Spontaneität und Freiheit. Wir können jetzt all unsere anderen Fähigkeiten entfalten, uns zu verbinden – dann wird aus dem Winken von Tür zu Tür und den Worten, die wir in die Welt schicken, bald wieder eine echte Umarmung. Und dann gehe ich in den Blumenladen so wie ich es immer tue und werde meine Blumenfrau fest an mich drücken. Ich hoffe, es ist bald.

3 Kommentare

  1. „Alle Aktivitäten außerhalb des privaten Raums waren eine Selbstverständlichkeit, die ich ohne einen weiteren Gedanken einfach so hingenommen habe. Einkaufen, Spazierengehen, Ausgehen, Freund*innen treffen, wann und wo und wieviele ich wollte, zu Veranstaltungen gehen, beruflich wie privat und natürlich Verreisen… Ich bin in diese Freiheit geboren und mit ihr aufgewachsen, ich habe diesbezüglich noch nie in meinem Leben irgendwelche Einschränkungen erlebt.“

    Ich habe diesen Text erst mal ein paar Tage sacken lassen. Er hat mich echt getroffen. Ich bin mir sicher, er ist wirklich aufrichtig gemeint und Sie leiden sehr unter der Situation. Ich kann das verstehen. Aber es macht mich auch sehr betroffen.

    Jede/r, der schon mal länger krank war, kennt natürlich Einschränkungen. Im Krankenhaus liegen, wenn draußen die Sonne scheint. Den gebuchten Urlaub canceln müssen. Die Freunde und Familie nicht um sich haben.

    Wünsche haben und sie sich nicht erfüllen können, sei es etwas Schickes zum Anziehen, eine tolle Reise, ein neues Auto oder so etwas in der Art – schlicht, weil das Geld dafür nicht da ist – das kennen vermutlich noch mal sehr viel mehr Menschen in unserem Land. Die nicht in jeden Ferien schöne weite Reisen machen können. Die nicht in einem wunderbar geräumigen, gemütlich eingerichteten Haus mit Garten mitten in Berlin leben. Für all diese Menschen ist diese Art der Freiheit schon aus ökonomischen Gründen eingeschränkt. Sie können sich das alles schlicht nicht leisten, auch mit ein bisschen Sparen nicht. Oder mit großem Fleiß.

    Auch, wer tagsüber zur Arbeit geht, Haushalt und Familie abends erledigen muss, hat weder Kraft noch Zeit, noch viel auszugehen und häufig tagsüber oder abends Freunde zu treffen.

    Bis 1989 hatten wir eine innderdeutsche Grenze und einen „Eisernen Vorhang“ durch ganz Europa. Viele Länder waren so gut wie nicht erreichbar. Wir hatten mit der DDR einen Staat direkt nebenan, in dem viele Freiheiten, die man im Westen kannte, schlicht nicht vorhanden waren.

    All das sind Realitäten. In unserem Land. Für unsere Generation der Menschen zwischen 40 und 50.
    Sie sind so viel gereist, haben so viele fremde Länder gesehen, andere Menschen kennen gelernt – gibt es da niemanden, der von einer dieser Einschränkungen betroffen ist oder war?

    Und wirklich erst jetzt merken Sie, dass das, was für Sie so selbstverständlich ist, gar nicht für alle Zeiten gilt. Und Sie sagen: „Selbst mit der größten Awareness für die eigenen Privilegien, dass ich f r e i bin, habe ich nie hinterfragt. “

    Ich habe geweint, als ich das gelesen habe. Denn so viel „Awareness“ ist da nicht zu erkennen, wenn es erst einer Corona-Pandemie bedarf zu merken, wie groß Ihre Privilegien, die Möglichkeiten für Ihre Familie und sich selbst eigentlich wirklich bisher waren.

    Ich persönlich kenne wirklich niemanden, der so ein fabelhaftes Leben führt wie das, was wir hier in diesem Blog miterleben dürfem. Da reiht sich ein traumhafter Urlaub an den anderen, Sie haben ein wunderschönes Zuhause, in dem sich jede/r in eigene Räume zurückziehen kann, hübsche, gesunde und kluge Kinder, denen Sie ein sorgenfreies Leben ermöglichen können. Sie leben direkt an einem wunderbaren Park, Sie haben ein Auto vor der Tür. Sie könnten jeden Tag die Kinder ins Auto packen und mit Ihnen in den Wald fahren. Morgens eine Runde durch den Park joggen. Sie können den Lieferservice kommen lassen, wenn Sie nicht kochen möchten, haben Streamingdienste für die Unterhaltung, jedes Kind sitzt am eigenen Laptop beim homeschooling. Und Sie haben eine liebevolle Familie, die Sie umgibt. Freunde, mit denen Sie telefonieren. Sie sind nicht allein. Sie haben es immer noch richtig richtig gut.

    In Deutschland sind bestimmte Rechte eingeschränkt. Ja, das stimmt. Aber es gibt auch jetzt Länder, die werden gerade quasi zur Diktatur wie Ungarn. Da ist es verboten, Corona als Todesursache anzugeben, wie in Weißrussland. Da sterben Menschen, weil das Gesudnheitssystem und die Regierung versagen, wie in den USA. Wir dürfen immer noch sagen und schreiben, was wir denken. Wir dürfen auch das Haus verlassen und in der Sonne spazieren gehen, anders als in Russland oder Frankreich, wo das gerade massiv eingeschränkt wird. Und wir können – zumindest jetzt noch – davon ausgehen – dass das, was wir gerade erleben, eine temporäre Sache ist.

    Es geht mir in keiner Weise darum, Ihre Ängste und Befürchtungen kleinreden zu wollen. Angst sollte man immer ernst nehmen. Und Gefühle sind nie falsch. Oder nicht in Ordnung.

    Aber nach vier Wochen Reiseeinschränkungen in den Krisenmodus zu gehen, fällt mir sehr schwer nachzuvollziehen.

    Für uns hat sich das Leben gerade massiv verbessert: wir wohnen im Zentrum von Pankow, in der Einflugschneise von Berlin-Tegel. Reisefreiheit heißt für uns, dass im Minutentakt Flugzeuge über uns hinwegdonnern, Gespräche erschweren und jede Menge Dreck machen. Ich empfinde das als große Freiheit, draußen zu sitzen und die Ruhe zu genießen. Auch übrigens, von zu Hause arbeiten zu dürfen und nicht im stressigen Großraumbüro. Zumindestens so viel Geld zu haben, dass wir uns über Lebensmittel und Miete noch keine Sorgen machen müssen. Trotzdem mein Mann schon seit März auf Kurzarbeit ist.

    Sie sind ein empathischer Mensch, so scheint es mir aus diesem Blog. Aber was Sie da schreiben, ist irgendwie Jammern auf höchstem Niveau. Im Angesicht all der Menschen, die gerade überhaupt nicht wissen, wovon Sie in den kommenden Monaten Ihre Miete zahlen sollen, deren Läden und private Unternehmen pleite gehen, darüber zu verzweifeln, ein paar Wochen oder Monate mal auf das Reisen zu verzichen und abends nicht ausgehen zu können, das finde ich wirklich bitter.

    Und für alle, die finden, dass das ein unmöglicher Kommentar ist: Freiheit ist auch die, etwas öffentlich Geschriebenes kritisch zu kommentieren. Bei Zeitungen nennt man das „Leserbrief“. Und das ist zum Glück noch nicht verboten!

    • Liebe Gaby, zunächst mal danke für Ihren Kommentar. Es tut mir leid, wenn mein Text Sie derartig getriggert hat. Tatsächlich ist da offenbar auch einiges missverständlich, denn selbstverständlich bin ich nicht blind und taub gegenüber anderen Lebenssituationen (ich habe zB jahrelang meine krebskranke Mutter betreut, bevor sie vor fast 9 Jahren starb und kenne auch die damit verbundenen Einschränkungen sehr gut, um auf Ihr Beispiel mit den Krankenhausaufenthalten oder längeren Krankheiten einzugehen) und schon gar nicht in Bezug auf die deutsche Geschichte. Die Familie meines Mannes ist aus der ehemaligen DDR ausgereist und hat dort alle Repressalien erfahren, derer dieser Staat mächtig war. Dennoch ist weder das eine noch das andere meine persönliche Erfahrungswelt und darum ging es mir. Ich bin eben tatsächlich selbst nicht hinter dem Eisernen Vorhang gewesen, ich bin nicht diejenige gewesen, die sich wegen einer Chemotherapie von anderen fern halten musste – das haben andere Menschen in meinem Umfeld erlebt und wie nahe sie mir auch stehen/standen, ich habe das selbst noch nie am eigenen Leib erfahren. Das ist der Punkt. Ich kann mich sehr gut hineinversetzen in Menschen in anderen Lebenssituationen als meine eigene, aber es ging mir um meinen ganz persönlichen Erfahrungswert und darin unterscheidet sich eben das „wissen“ vom „nachfühlen“.

      Was das „schöne Leben“ angeht, das Sie hier sehen: ich habe nie gesagt, es ginge mir schlecht. Ich habe mich nie beschwert oder beklagt, dass ich zB unbedingt eine Fernreise machen möchte und jetzt rumjammere, weil das wegen Corona nicht geht. Kein Wort davon in diesem oder irgend einem anderen Text. Es geht in diesem Text um Begegnung mit anderen und um Spontaneität. Und ja, das fehlt mir beides, OBWOHL ich meine innig geliebten Kinder und meinen Mann um mich habe.

      Und um materielle Dinge geht es schon gar nicht. Ich bin mir sehr bewusst, dass wir auch jetzt sehr gut leben – das heißt nicht, dass hier alles gut ist. Unser Leben ist, wie es ist. Wir arbeiten dafür jeden Tag. Und wenn Sie den Eindruck haben, dass mein Maßstab für ein „gutes Leben“ ist, dass jedes Kind ein elektronisches Device zum Arbeiten und ein eigenes Zimmer hat, dann muss ich mich fragen, welches Bild von meinen Werten hier in den letzten 8 Jahren entstanden ist, die ich den Blog schon schreibe.

      Ich will mich hier gar nicht rechtfertigen, Sie haben den Text so gelesen und verstanden, wie Sie ihn verstanden haben, das ist eine Realität, die ich nicht leugnen oder negieren möchte.
      Aber ich erhebe mit meinem Text an keiner Stelle irgendeinen Anspruch auf eine vollständige und differenzierte Einschätzung der aktuellen Situation unter Einbeziehung aller möglichen Aspekte, individueller Lebensumstände und gesamtgesellschaftlicher Faktoren. Vielmehr handelt es sich um etwas wie einen Tagebucheintrag, einen höchst subjektiven Blick auf das, was wir hier erleben. Insofern empfinde ich es als schwierig, dass Sie mir genau das vorwerfen: in einem ganz persönlichen Text nicht an all das zu denken bzw auch darüber zu schreiben, wie es anderen gerade mit der Situation geht. Im Übrigen könne Sie anhand dieses Textes nicht beurteilen, ob ich daran denke oder nicht. Sie leiten es daraus ab, dass ich in diesem Text nicht darüber geschrieben habe, sondern nur über meine subjektive Sicht.
      Ob Sie außerdem daraus ablesen, dass ich unempathisch bin oder keinerlei Awareness habe für andere und ihre Bedingungen, kann ich nicht beeinflussen. Wenn Sie das so empfinden, dann ist das Ihr Gefühl, daran kann ich nichts ändern.

      Und als Letztes: hier ist gar nichts verboten, das ist mir sehr wichtig. Alle sachlichen und nicht beleidigenden Kommentare und Meinungsäußerungen dürfen hier immer stattfinden.

      Ich wünsche Ihnen alles Gute, dass Sie und Ihre Familie in dieser Zeit gesund bleiben und diese Phase gut überstehen.

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