Was für verrückte Zeiten. Dissonante Zeiten. Zeiten, in denen sich viel verändert und auch Zeiten, die uns verunsichern und uns Angst machen können. Wie gehen wir damit um? Ich meine nicht nur: wie kommen wir durch den Alltag, sondern wie verpacken wir für uns die sich stets ändernde, immer wieder neue Information? Wie werden wir damit fertig, nicht zu wissen, wie sich das Leben wann wie und in welchen Bereichen „normalisieren“ wird?

Ich denke seit Tagen darüber nach, ob und wie ich zur Stimmung im Moment etwas schreiben soll, aber es ist wie so oft im Leben: vielleicht sage ich nicht das Richtige, das ist gut möglich. Aber es wäre definitiv das Falsche, sich gar nicht dazu zu äußern. Zu nah rücken dieser Tage Verschwörungstheorien an uns alle heran. Daher heute mein Appell an die Geduld.

Corona – Gekommen um zu bleiben

Ich schrieb hier schon über unser „neues Normal“ vs das alte Normal, aber inzwischen sehen wir, dass wir uns wohl in vielen Aspekten vom alten Normal noch für lange Zeit werden verabschieden müssen – vielleicht sogar für immer.

Denn wenn wir eines inzwischen sicher wissen, dann dass das Corona Virus gekommen ist, um zu bleiben. So wie Viren das eben tun. Tadaa.

Was das für das öffentliche Leben langfristig bedeutet, werden wir wohl erst in den nächsten Monaten sehen, wenn sich zeigt, welche Maßnahmen (Abstand, Maskenpflicht, verschärfte Hygienemaßnahmen im öffentlichen Raum etc.) funktionieren und was uns vor Ansteckung schützen kann. Bis dahin aber leben wir mit der Unsicherheit.

Was ist richtig? Was ist vielleicht übertrieben? Wo sind wir unvorsichtig? Werden die Prioritäten richtig gesetzt? Werden alle in unserer Gesellschaft mitgedacht?

Ich weiß, viele haben auf all diese Fragen bereits fertige Antworten im Kopf. Aber mein Appell heute lautet: lasst uns vorsichtig sein mit den absoluten Wahrheiten. Lasst uns behutsam umgehen mit neuen Erkenntnissen und lasst uns bitte kritisch bleiben, wenn irgend jemand uns eine Schwarz-Weiß-Lösung verkaufen will, die die Welt in „Gut“ und „Böse“ unterteilt.

Das Wir-Gefühl: Sich richtig fühlen in schwierigen Zeiten

Wir brauchen alle das Gefühl, verbunden zu sein. Das Gefühl, uns als Teil von etwas zu fühlen, bestätigt zu werden innerhalb einer Gruppe, zu der wir uns zugehörig fühlen. Das ist die Familie, es sind Freund*innen, es sind Menschen, mit denen wir freiwillige Verbindungen eingehen, weil wir eine Übereinstimmung fühlen. Übereinstimmung trägt uns, sie bestätigt uns, sie stärkt uns. Wir wollen keine Disharmonie. Wir wollen eingeschwungen sein und uns aufgehoben fühlen in einem Gleichklang.  Das gibt uns Sicherheit. Wir fühlen uns richtig.

Wenn aber die eigenen Wertvorstellungen und die der Kohorte, der wir uns zuordnen, nicht übereinstimmen, wenn Dinge im Umfeld sich verändern und uns verunsichern, wenn die Regeln unserer Welt z.B. von äußeren Umständen außer Kraft gesetzt oder radikal verändert werden, funktioniert der Gleichklang nicht mehr. Das bringt uns aus dem Takt.

Und es fällt uns unter Umständen unendlich schwer, diese Dissonanz für uns wieder aufzulösen, damit wir uns wieder richtig fühlen können.

Im Moment ist Corona das, was uns die Dissonanz beschert. Die Unsicherheit über die Effekte des Virus, all die Fragen, wie ansteckend und wie gefährlich es wirklich ist, ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind, wen wir als kompetent empfinden und wie wir mit der Tatsache umgehen, dass sich der Stand der Dinge spätestens im 14-Tage-Rhythmus ändert und immer wieder angepasst wird. Noch dazu zeigt sich in dieser Ausnahmesituation, an welchen Stellen in unserem System wir als Gesellschaft wirklich schlecht aufgestellt sind – ich nenne mal nur unsere überspannte Präsenzkultur in Job und Schule als Beispiel, die uns jetzt auf die Füße fällt und vieles effektiv lahmlegt. Aber da ist noch mehr.

Denn die Situation, in der wir uns alle seit einigen Wochen befinden, bringt all die Filterblasen zum Blubbern, in denen wir es uns so gut eingerichtet haben. Die Angst vor dem Unbekannten bringt uns alle dazu, uns nach einfachen Lösungen, einfachen Antworten und schwarz-weißen Ansichten der Situation  zu sehnen. Wir wollen Fakten.

Und die seriösen Wissenschaftler, die seit Jahren an Coronaviren und wirksamen Medikamenten forschen, sind nicht die Adresse für einfache Antworten.

Wer jemals wissenschaftlich gearbeitet hat und sich entsinnt weiß das: wissenschaftlich arbeiten heißt immer, alle Seiten abzuwägen, alles immer wieder in Frage zu stellen und auf Basis der neuen Erkenntnisse die nächste Hypothese aufzustellen, um sie dann wieder zu überprüfen, anzupassen oder gegebenenfalls  auch wieder zu verwerfen.

Das bedeutet aber eben auch, dass Fakten sich ändern können oder sogar zwangsläufig ändern müssen, weil sie immer wieder gegengecheckt werden. Dabei nähert man sich allmählich dem, was wir gesichertes Wissen nennen.

Doch viele von uns haben nicht die Geduld, nicht das Vertrauen, nicht die Kraft, um der Angst, die wir alle spüren etwas entgegenzusetzen. Ich verstehe das so gut!

Das Tröpfchen Gift auf unsere Angst: Futter für Aufwiegler und Hetzer

Aber das ist genau die Lücke, auf die Aufwiegler, Hetzer und Verschwörungstheoretiker jetzt setzen. Sie spielen mit unserer Angst, mit der Sorge um unsere Existenz, mit der Unsicherheit und dem mangelnden Vertrauen in die Entscheidungen von Politiker*innen. Sie geben dieser Mixtur den einen Tropfen Gift bei, der die Gefühlslage kippen lassen und verheerende Auswirkungen haben kann. Auf uns alle.

Denn wir sehnen uns nach Wahrheit und nach einfachen Lösungen. Nach Perspektiven, die tragfähig sind. Aber tatsächlich ist es Corona, was uns jetzt die Marschrichtung vorgibt. Das Virus ist es, das uns in Schach hält. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, das ein Virus in der Form die ganze Welt betrifft und es kein Land mehr gibt, das nicht damit zu kämpfen hat. Und wir alle, egal, in welcher Position wir gerade sind, machen das zum ersten Mal: die Lehrer*innen, die Politiker*innen, auch die Mediziner*innen und alle, die in der Pflege arbeiten usw. Jede Bevölkerungsgruppe, jede*r Arbeitgeber*in und jede*r Arbeitnehmer*in, egal, was wir gerade tun: mit Corona in der Rechnung tun wir es alle zum ersten Mal.

Das bedeutet vor allem, dass wir uns alle (noch) nicht auskennen. Es g i b t schlicht noch keine belastbaren Erkenntnisse, wie man sich wo und unter welchen Bedingungen ansteckt, welche Maßnahmen wirklich helfen und wie sehr das Ansteckungsrisiko mit den Lockerungen wieder steigen wird. Wir wissen es nicht. Weder die Politiker*innen wissen es, noch die Schulen, die wieder aufmachen müssen, noch die Betreiber*innen der Kitas, die sich trotz Notbetreuung immer weiter füllen, nicht mal die Virolog*innen der Stunde wissen es.

Das hier ist der Versuchsmodus. Versuch und Irrtum. Und wieder von vorne. Bis wir es wissen werden. Irgendwann.

Das ist schwer. Das ist furchtbar anstrengend. Es macht Angst, uns allen. Aber es hilft alles nichts, das ist die Situation. Das lässt sich durch keinen Aufschrei nach Gerechtigkeit (berechtigt oder nicht), durch keine Existenzangst, durch keine Sehnsucht nach Bewegungsfreiheit und durch keine „Hygiene-Demo“ ändern. Denn das Virus ist es, das das mit uns macht. Sonst niemand. Und solange der Forschungsstand sich da nicht ändert, ändert sich auch an der Situation nichts. Die Pandemie ist nicht vorbei. Wir sind da irgendwo mittendrin. Es dauert. It ain’t over ‚til it’s over.

Der Punkt ist: auch die, die jetzt so tun, als wüssten sie es, wissen es nicht. Sie reimen sich Dinge zusammen, sie versuchen, die dünne Faktenlage zu manipulieren, um Ängste zu schüren und uns aufzuwiegeln.

Deshalb bitte ich euch, ich bitte uns alle: lasst uns kritisch und wach bleiben, nicht nur gegenüber dem System, in dem wir leben, sondern auch und vor allem gegenüber denjenigen, die es kippen und zerstören wollen. Denn diejenigen, die jetzt am lautesten schreien, sind zu großen Teilen dieselben, die gestern noch Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken lassen wollten, die Greta Thunberg (und viele andere Unweltaktivist*innen) lächerlich machen und mit dem Tode bedrohen, die die jüdische Weltverschwörung herbeispinnen und bewaffnete Angriffe auf Synagogen und Moscheen bagatellisieren. Es sind die Feinde der Demokratie und auch die Verächtlichmacher des Grundgesetzes, denn die unantastbare Würde des Menschen, die davon geschützt werden soll, meint ALLE Menschen. Nicht nur die, die uns gerade in den Kram passen. Immer. Ohne Bedingung.

Lasst uns weiter genau hinschauen. Lasst uns vorsichtig und genau sein, wenn wir Dinge teilen. Lassen wir uns nicht von Angstmachern und Hetzern vor ihre Karren spannen. Wir stehen am Anfang einer gigantischen Lernkurve, die können wir uns nicht ersparen. Und ja, unser Leben wird sich weiterhin sehr verändern, das fordert uns viel ab.

Aber es liegt an uns, wofür wir uns entscheiden. Wie wir dieses neue „Normal“ gestalten. Denn eins ist klar: Corona geht nicht mehr weg. Wir werden Wege finden müssen, damit zu leben, ohne uns und andere zu sehr zu gefährden. Das alles geht nur gut, wenn wir weiter aufeinander achten und nicht nur jeder an sich selbst denkt.

Denken wir aneinander. Angst ist eine schlechte Ratgeberin. Aber Hetze und Paranoia ist pures Gift.

Passt auf euch auf.

 

7 Kommentare

  1. Danke! Du bringst auf den Punkt, was mir seit Tagen durch den Kopf geistert.

  2. Ein Text mit so vielen klugen, wahren Sätzen, dass ich ihn sicher noch ein paar Mal öfter lesen werde- danke!

  3. ….danke, dass du es so schreibst und so beschreibst….du bündelst deine gedanken so, dass ich hier sitze und immer wieder innerlich sage: ja genau so ist es….
    herzlichst
    annette

  4. DANKE FÜR DIESE WORTE!!! Jeder möge sie lesen, der sich gerade auf die Straße stellt. Einfach um seine grauen Zellen endlich mal zu aktivieren. Dazu braucht man noch nicht einmal ein Abitur!!
    Wir alle wollen wieder raus und „normal“ leben. Aber das „wie“ ist noch nicht bekannt. So lange wird man es wohl schon noch aushalten. Zumindest die meisten und die die es schwer haben, den sollten wir als erstes helfen. Da kommt sie wieder die Solidarität ins Spiel. Ist das denn so schwer? Offensichtlich!
    SCHREIB WEITER SO!!! DANKE!

  5. Pingback: Day to night to morning | Freitagslieblinge am 08. Mai 2020 | berlinmittemom

  6. Diesen Text sollte bitte jeder lesen. Er ist so toll geschrieben. Dankeschön

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