Schon oft habe ich über Freundschaft geschrieben und gesprochen, darüber was sie mir bedeutet – nein, ich habe über F R E U N D I N N E N geschrieben und darüber, wie die Verbindung zu meinen Freundinnen mich trägt und schon immer getragen hat.

Die BFF-Jahre: Besitzanspruch, Eifersucht und Tränen

Als ich jung war, waren meine Freundschaften oft bittersüß, ich war oft verstrickt in Vielfachverbindungen zwischen meinen Freundinnen und es gab viel Drama und auch Streit, viele Tränen und Verletzungen. Natürlich sind Freundschaften nie frei davon, aber ich erinnere mich an diese Dinge vor allem aus meiner Jugend. In dieser Phase formte sich in mir heraus, welche Art von Freundin ich eigentlich sein möchte, was mir in Freundschaften wichtig ist und wie ich sie gestalten will. Wer will ich sein als Freundin? Und wie wünsche ich mir eine Freundin an meiner Seite? Ich wurde kompromissloser einerseits und loyaler andererseits, denn ich „verschwendete“ meine Zeit nicht mehr so sehr an oberflächliche Verbindungen, sondern investierte in die, die tiefer gingen. Und dort wollte ich verlässlich sein, wollte viel von mir hineingeben, meine Freundinnen lieben, wie sie sind und an ihrer Seite sein, ganz gleich, was geschieht.

Viel von diesem Freundschaftsideal ist in mir heute noch genauso. Ich möchte die sein, die immer die Arme öffnet für ihre Freundinnen, die sich für deren Leben und Entwicklung genauso interessiert, wie für die eigene. Die sich mitfreut und auch mitleidet, wenn es drauf ankommt. Und da komme ich an den Punkt, der sich verändert hat, je älter ich werde – und mit mir meine Freundinnen: unsere Leben werden schwerer. Nicht, weil wir mehr Arbeit, mehr Verpflichtungen, mehr Verantwortung haben – das haben wir zwar in der Regel in unserem Alter, aber das meine ich nicht.

Freundinnen beim Älterwerden | berlinmittemom.com

Gerührt und geschüttelt: Freundinnen in schweren Zeiten

Nein, unsere Leben werden schwerer, weil darin gehäuft Dinge passieren, die vor fünfundzwanzig Jahren so gut wie keine Rolle spielten: Menschen, die wir lieben und die uns nahestehen, werden krank. Sie sterben sogar. Vermeintlich perfekte Paare trennen sich und es entstehen prekäre Situationen durch die Trennung. Unsere Kinder sind inzwischen gewachsen und mit ihnen die Herausforderungen, die das Leben mit großen Kindern uns stellt. Wir müssen nicht nur mit Liebeskummer und zu viel Internetkonsum umgehen, sondern auch mit dem ersten Alkoholrausch, dem ersten Sex (der, wie wir selbst am besten wissen, längst nicht immer wie im Bilderbuch abläuft), es gibt Kontakt mit Gewalt und Drogen und die Kinder machen sich fürchterliche Sorgen um ihre Zukunft. Sie haben Angst vor den Konsequenzen des Klimawandels und fühlen sich gleichzeitig hilflos, sie hinterfragen den Sinn ihrer Existenz und machen sich Gedanken, ob sie jemals eigene Kinder werden haben können in einer Welt, von der niemand wirklich weiß, wie sie in zwanzig oder dreißig Jahren aussehen wird. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber die Sorgen, die ich mir um meine großen Kinder mache, sind so viel komplexer als die, die ich mit ihnen hatte, als sie noch klein waren und es „nur“ um kleine Themen ging. Und meinen Freundinnen geht es ebenso.

Wenn ich also meine Freundschaften anschaue, jetzt, wo wir alle Mitte 40 und älter sind, dann stelle ich fest, dass alles schwerer geworden zu sein scheint. Und mir wird klar, dass es das ist, worum es heute in meinen Freundschaften geht. Darum, diese Dinge miteinander durchzustehen. Nachzufragen, auch wenn wir wissen, dass die Antwort, die wir bekommen, nicht gut sein wird. Weil beispielsweise die Ehe unwiderruflich gescheitert oder der schwerkranke Vater gestorben ist. Weil beim achtzehnjährigen Sohn undefinierbare Pillen in der Schreibtischschublade aufgetaucht sind oder die vierzehnjährige Tochter partout nicht einsieht, warum eine Beziehung zu ihrem 19jährigen Trainer zumindest nicht unproblematisch ist. Weil die demente Großmutter jetzt doch in ein Pflegeheim gegeben werden muss und es keine bezahlbaren Plätze gibt. Weil das halbwegs erwachsene Kind den dritten Studiengang abbricht und immer noch unglücklich nach dem richtigen Weg sucht. Weil klar wird, dass der unerfüllte Kinderwunsch endgültig unerfüllbar bleiben wird.

Weil die Krebsdiagnose da ist. Die eigene oder die des/der Partners*in oder, noch schlimmer, – die des Kindes.

Von durchtanzten Nächten zum Händchenhalten im Wartezimmer

Und dann bekommt das Wort „Freundschaft“ eine andere Dimension. Wir tanzen nicht mehr gemeinsam auf unseren Hochzeiten, geben uns Tipps fürs Stillen oder reden über Babynamen. Wir besprechen nicht mehr die Kitaeingewöhnung oder backen gemeinsam Mottotorten für die Geburtstage der Kinder. Nein, wir begleiten einander zum Brustscreening und halten Händchen im Wartezimmer. Wir fahren zur Beerdigung des geliebten Ehemannes und sind einfach da. Wir hören uns gegenseitig zu, wenn es um die großen Sorgen mit den großen Kindern geht. Wir eilen an Krankenbetten, helfen beim Packen von Kisten vor dem Umzug aus dem gemeinsamen Haus. Wir geben uns die Kontakte von vertrauenswürdigen Anwält*innen und Ärzt*innen weiter, wir schreiben gemeinsam wichtige Briefe, machen Listen für den Bestatter und packen Päckchen voller Liebe und Kuchen für den Krankenhausaufenthalt. Wir schneiden die Rosen im Garten der krebskranken Mutter unserer Freundin und zünden Kerzen an in fernen Kirchen, wenn sie gestorben ist. Wir fahren für die andere in die Apotheke, um Schmerzmittel zu holen und stehen nebeneinander an Gräbern. Wir hören einander zu und halten die Tränen der anderen aus, Tränen der Verzweiflung, der Trauer, die Tränen der Untröstlichkeit.

Und es ist so: wir wissen inzwischen, dass es für bestimmte Dinge kein „es wird alles wieder gut“ gibt. Weil es nicht so ist. Manche Dinge werden nie wieder gut, sie verändern sich und sie werden erträglicher, wir leben mit ihnen und entwickeln uns weiter und ja, manche Situationen haben unabhängig vom Alter das Potential, Wendepunkte in unseren Leben zu sein, an denen wir noch mal alles anders machen können. Das Ruder rumreißen, uns um wichtige Dinge kümmern, die wir vorher vernachlässigt haben und unser Leben neu gestalten. Phönix aus der Asche. Aber je älter wir werden, umso häufiger entstehen Situationen, in denen wir nur eins tun können: uns an die neuen Umstände anpassen und lernen, wie wir damit leben können, dass das, was wir bisher für unser Leben gehalten haben, sich für immer verändert hat.

Geteiltes Leben | berlinmittemom.com

Freundschaft heißt für mich heute, dazubleiben, wenn genau das im Leben einer lieben Freundin passiert. Nicht sagen: „melde dich, wenn du was brauchst“, sondern immer wieder einchecken. Konkrete Dinge anbieten. Rosen schneiden. Blumenkästen bepflanzen. Die Katze füttern. Lieblingsbücher verschenken. Nachrichten schicken und wenn es „nur“ ein Herz ist. Die Kinder der anderen bemuttern, wenn sie es nicht kann. Suppe kochen. Lieblingslieder zusammenstellen. Handcreme auftragen. Anrufen. Selbst wenn die andere nicht drangeht: wieder anrufen. Aushalten, dass die andere sich zurückzieht und sich nicht meldet und dennoch nicht weggehen. Am Telefon bleiben, weil die andere alleine nicht einschlafen kann vor Angst, Sorgen, Kummer und so lange reden, bis sie eingeschlafen ist. Vorbeikommen. Kuchen backen. Alberne Sachen machen und die andere zum Lachen bringen. Das Auto tanken. Einkäufe erledigen. Die Sonne erwischen, wenn sie sich für eine halbe Stunde zeigt. Aufs Land fahren und die Freundin abholen, deren Mann sie hat sitzenlassen, wenn sie kein Auto hat und nirgends hinkann. Zusammen ins Kino gehen. Sushi ins Krankenhaus bringen und mit dem Hund spazieren gehen. Nachts den Fahrservice machen, weil die andere nicht alleine fahren möchte – aber sie muss. In den Flieger steigen, um pünktlich zur Beerdigung der Freundinnenmutter da zu sein.

Immer die Freundin meinen, genau sie, nicht die Umstände. An ihrer Seite bleiben, weil sie es ist. Sie sehen, wenn sie im Elend ist und durch all das Schwere hindurch erkennen, wer sie ist und warum wir Freundinnen sind. Einander nicht alleine lassen, wenn das Leben schwer wird. Und wissen, wenn es so kommt, dass wir nicht alleine sind. Dass wir beieinander und Freundinnen bleiben, auch wenn all diese Dinge kommen und uns verändern.

Ich habe solche Freundinnen und will selbst eine solche sein. Mich tröstet der Gedanke, dass ich, wenn ich durch schwere Zeiten gehe, wenn die Endgegner im Leben sich vor mir aufbauen in welcher Gestalt auch immer, nicht allein sein werde. Dass meine Freundinnen da und an meiner Seite sind, so wie ich es für sie sein will. Ein konkreter Zufluchtsort, ein Mensch, der im Ernstfall keine Erwartungen hat, keine Vorwürfe macht, sondern einfach die Arme öffnet.

Verbunden bleiben, wenn es hart wird

Als Anfang der 2000er der Vater einer langjährigen Freundin starb, standen wir bei der Beerdigung zu mehreren auf dem Friedhof und begleiteten in der alten Clique aus Kindertagen unsere gemeinsame Freundin in diesen schweren Momenten. Wir hatten gesehen, wie ihr Vater lange an Krebs gelitten und schließlich gestorben war und wie sie ihn begleitet und schließlich verabschiedet und beweint hatte. Und dann sagte eine von uns plötzlich: „So schlimm das jetzt ist, aber wir sind zusammen. Und mich tröstet der Gedanke, dass, wenn ich meine Eltern begraben muss, ihr auch da sein werdet. Wir werden nicht alleine sein, wenn wir an der Reihe sind. Die anderen werden da sein.“ Und so ist es. Das ist mein Freundschaftsideal.

Die lichte Zeit der Freuden miteinander teilen, die Hochzeiten, die Geburten, Taufen und Einschulungen. Und dann auch in schweren Zeiten beieinanderbleiben, wenn es um die andere Seite des Lebens geht, die mit der hellen, schönen untrennbar verbunden ist.

Als meine Mutter starb, war ich umgeben von Freundinnen aus den verschiedenen Phasen meines Lebens, manche waren ständig um mich, andere in der präfinalen Phase im Krankenhaus, manche „nur“ virtuell, andere zur Beerdigung und in den schweren Zeiten danach. Ich war eingehüllt in eine unschätzbare Freundinnenliebe, die ich wie ein Geschenk empfunden habe. Das werde ich niemals vergessen und es hat mein Ideal von Freundschaft um wichtige Aspekte erweitert.

Ich weiß jetzt, anders als vor zwanzig oder dreißig Jahren, dass es nicht nur um freundschaftliche Liebe geht, darum, einander nahe zu sein, zu vertrauen, Erfahrungen zu teilen und besondere Augenblicke zu teilen, sondern auch darum, einander beizustehen. Dass es nicht nur um das schöne Leben geht, um die Feste und die durchtanzten Nächte und die existentiellen Fragen danach, wer und wie wir sein wollen, wenn das Leben dann endlich „ernst“ wird.

Denn jetzt ist es ernst. Jetzt ist die Zeit, in der wir sehen, dass unsere Freundschaften tragfähig sind, manche mehr, manche vielleicht weniger. Aber wir sind hier. Wir sind Freundinnen. Wir leben ein geteiltes Leben – gestern, heute und mit ein bisschen Glück auch morgen.

6 Kommentare

  1. Man spürt beim Lesen förmlich die Liebe zu den Freundinnen! Es kann sich jeder glücklich schätzen der getragen wird von soviel Liebe.
    Danke, für den wunderschön berührenden Text!

  2. Obwohl ich noch bei den kleinen Problemen mit Kind bin, kann ich mit dem Text sehr gut mitfühlen. Ich ahne aber auch was auf meine Freundinnen und mich noch zukommt.
    Vielen Dank für deine wunderbaren Worte!
    Liebe Grüße

  3. Liebe Anna,
    ich gehe mit dir, was die zugrundeliegende Selbstlosigkeit in Freundschaften angeht. Dennoch fehlt mir für das nötige Gleichgewicht einer gesunden, langjährigen Freundschaft der Aspekt “ Wo darf ich auch mal nehmen statt immer nur zu geben?“
    Was darf ich erwarten, was muss ich sogar im Sinne der Selbstfürsorge erwarten?
    Vielleicht gar nicht dein Thema!? Sondern nur meines?
    Danke, dass wir an deinen Gedanken teilnehmen dürfen!
    Carla

  4. Das klingt wunderbar, das hätte ich auch gern, solche Freundinnen und würde selbst auch gerne so eine Freundin sein. Aber ich habe keine dieser Art. Wie findet man solche Menschen? Die sich ehrlich um einen sorgen und nicht hinter meinem Rücken über meine schlimme Lage tratschen und meine Vertraulichkeit damit ausnutzen? Vielleicht habe ich zu viele schlechte Erfahrungen gemacht, bin misstrauisch und öffne mich selbst nicht oft, aber ich wage zu behaupte, dass mir solche Freundinnen noch nie begegnet sind oder ich habe sie nicht erkannt. Wenn ich in eine solche schlimme Lebenssituation komme, habe ich fast niemanden als Beistand. Traurig, obwohl ich mitten im Leben stehe. Dennoch denke ich, dass das weitverbreitet ist. Bekannte sind eben nicht unbedingt Freunde. Wie findet man echte Freunde? Diese Frage beschäftigt mich schon lange…

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