Wie geht es euch? Wie entwickelt sich euer neuer Alltag in Zeiten von Covid19? Einige von euch haben ja ausführlich kommentiert und ich danke euch von Herzen. Das ist der Austausch, den ich meine, das ist der Abgleich und die Verbindung, die ich mir wünsche. Ich wünsche mir, dass mein Blog (wieder) der Ort dafür ist. Dass wir uns auch hier „treffen“ und miteinander sprechen können. Nicht nur ich mit oder zu euch, auch ihr untereinander. Ich bin davon überzeugt, dass wir das mehr denn je brauchen.

Neben den ganzen Alltagsthemen gehen mir wie wahrscheinlich vielen von euch auch im Moment auch sehr viele Fragen bezüglich unserer Zukunft durch den Kopf. Wie geht das alles weiter? Werden die Einschränkungen, die wir uns gerade auferlegen, ausreichen, um die schlimmsten Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem einzudämmen und zu verhindern, dass viele Menschen sterben müssen? Wie wird unser gesellschaftliches Leben sich entwickeln? Werden wir nie wieder in Restaurants sitzen wie früher? Werden wir uns für immer die Hände desinfizieren, wenn wir andere Menschen berührt haben? Viele dieser Fragen sind sicher unsinnig, aber einige sind eben essentiell und bewegen mich.

Sacrower Forst | berlinmittemom.com

Wie verändert sich unsere Welt?

Ich denke dieser Tage oft an ein Bowie-Zitat, das ich viele Jahre vor mir hergetragen habe, wie ein Gebet. Dazu muss man wissen, dass ich nicht nur ein unfassbar leidenschaftlicher Bowiefan bin, seit ich mit dreizehn oder vierzehn zum ersten Mal seine Musik bewusst gehört habe, es ist auch so, dass er mich durch meine Teenagerzeit begleitet hat wie eine Art Prophet. Die Musik, die Botschaften von absoluter Offenheit für alles, was einem so begegnet, das, was wir heute Gender Fluidity nennen und was damals noch total revolutionär war. Bowie hing als einziger Typ an der Wand meines Jugendzimmers, seine Texte schrieb ich überall hin, auf meine Jeans, meine Schultasche, meine Haut, in mein Tagebuch. Und irgendwann gesellte sich zu einigen Songtexten eben auch dieses Zitat:

„I don’t know where I’m going from here but I promise it won’t be boring.“ 

Was gerade auf der Welt los ist, ist alles andere als langweilig, soviel kann man wohl festhalten. Im Gegenteil, es passiert wahnsinnig viel in sehr kurzer Zeit und unser Leben wird gerade auf den Kopf gestellt. Alle Regeln von „gestern“ gelten nicht mehr und wir müssen uns jetzt alle sehr schnell auf den neuen Alltag in Zeiten von Covid19 einstellen.

Aber was mich an diesem Zitat vor allem gerade zum Nachdenken bringt, ist die andere Hälfte dieses Satzes: „I don’t know where I’m going from here“.

Sacrower See | berlinmittemom.com

Wir wissen, dass wir nichts wissen

Tatsächlich ist das genau der Punkt, an dem wir alle gerade stehen, ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird, wir wissen nicht, wie unsere Welt sich verändern haben wird, wenn dieser Spuk vorbei ist. Wir wissen nicht, wie wir als Familien, als Paare, als Eltern, als Individuen da durch gehen werden. Wir wissen nicht, was das mit uns machen wird, mit unseren Beziehungen zueinander, mit unserem Vertrauen  in die Welt und ineinander.

Ich spüre, wie mein Wissen über die Welt infrage gestellt wird von der neuen Situation und wie ich gefordert bin, neue Dinge zu lernen, neue Kategorien zu bilden in meinem Gehirn und das alles einzusortieren. Gleichzeitig ist da noch mein Herz, das sich bemüht, die Gefühle von Angst, Unsicherheit und Sorgen damit überein zu bringen, was der Kopf jeden Tag aufnehmen muss zur Zeit. Alles nicht so leicht.

Aber ich habe schon verstanden, dass es mir nichts bringt, mich aufzuregen und mich zum Beispiel der Angst oder auch der Wut über den aktuellen Zustand zu ergeben. Ich kann nichts dafür tun, dass ein Impfstoff entwickelt, ein Medikament gefunden wird, ich kann keine politischen Entscheidungen treffen, ich bin nicht mal „systemrelevant“ und könnte in einem Krankenhaus, einer Kita oder einer Schule hilfreich sein. Ich bin nur ich und muss in meinem kleinen Kosmos zurechtkommen, wie alle anderen auch. Denn wir sind alle in dieser Situation und es geht uns allen gleich.

Selfie am Sacrower See | berlinmittemom.com

Es geht uns allen gleich

Bevor das jetzt missverstanden wird: natürlich geht es uns n i c h t allen gleich. Wir müssen mit unterschiedlichen Herausforderungen zurechtkommen und kämpfen mit verschieden Bedingungen.  Ich bin mir sehr bewusst,  dass wir auch jetzt wahnsinniges Glück haben. Wir haben ein Haus, wir haben einen kleinen Garten  und Balkone bzw. eine Dachterrasse. Wir sind beide seit über einer Woche im Homeoffice, keiner von uns muss zur  Zeit an die Frontlinie. Wir sind soweit gesund und die Kinder sind es auch. Und wir können uns zu Hause in Ruhe um sie kümmern. Das ist viel und das weiß ich sehr gut.

Aber wir müssen uns alle neu zurechtfinden, wir denken alle darüber nach, wie lange das jetzt so gehen soll und wie es dann weitergehen wird, irgendwann… Und wir versuchen alle, unsere kleinen Welten stabil, die Kinder auf Kurs und uns selbst in der Spur zu halten. Das ist alles nicht leicht, für keinen von uns. Wir wissen nicht, was richtig und was falsch ist, wir versuchen uns an den Fakten zu orientieren, die uns zur Verfügung stehen, aber wir können noch nicht wirklich unterscheiden, was im Moment wichtig ist und was nicht. Dazu ändert sich zur Zeit die Faktenlage viel zu schnell.

Wie kommen wir zurecht? Unsere Strategien im Alltag mit Covid19

Ich komme mit meinen Gefühlen besser klar, wenn ich verstehe, was hier zwischenmenschlich gerade passiert, im ganz Kleinen, hier bei uns zu Hause.

Mir klarzumachen, wie unterschiedlich unsere Bedürfnisse in der Familie gerade sind und was es für eine Kraftanstrengung für uns alle bedeutet, diese Bedürfnisse jetzt zu synchronisieren oder zumindest einen Weg zu finden, sie nebeneinander zu beantworten, hilft mir, mich zu sortieren und besser zu begreifen, was jetzt gefordert ist.

Alle Gefühle dürfen sein!

Es ist schwer, das auszuhalten, aber aufeinander zurückgeworfen zu sein, heißt auch, nicht mehr ausweichen zu können, wenn die Gefühle der anderen uns anstrengen oder triggern. Es kann nicht immer darum gehen, dass alles immer nur „happy family“ sein soll, das ist ohnehin unrealistisch, aber in diesen Zeiten kann es alles über den Haufen werfen, wenn wir es nicht schaffen, offen zu zeigen, wie es uns gerade geht. Und das gilt nicht nur für die Kinder.

Der Bub hat beispielsweise gestern Abend den großen Frust gehabt. Die Nachrichten, dass wir jetzt eine Art „weiche Ausgangssperre“ haben und die Aussicht auf noch mehr Homeschooling, was ihm ja viel mehr Selbstdisziplin abfordert, hat ihn richtig umgehauen.

Es war Geheule und Gewüte angesagt und da hilft es nichts, wenn ich versuche, an seine Vernunft zu appellieren, denn um die geht es dann nicht. Es geht um den wilden Zorn und das Aufbegehren gegen die Beschränkungen seiner Freiheiten, die Gewöhnung an die Einschränkungen, die Rebellion als solches…! Da darf laut geflucht und geschimpft werden, das gehört dazu, auch wenn mir das nicht gefällt – vor allem nicht der Teil mit den Kraftausdrücken…

Alltag in Zeiten von Cvoid19 | berlinmittemom.com

Es geht nicht ums Funktionieren.

Wir sind Gewohnheitstiere, wir fühlen uns wohl, wenn alles so läuft wie immer. Aber genau das ist jetzt außer Kraft gesetzt: nichts funktioniert mehr und auf eine Weise steht die Welt still. Alles wird in Frage gestellt. Das ist beängstigend und auf der anderen Seite birgt es vielleicht auch viele Möglichkeiten. Das wird man erst im Laufe der Zeit sehen.

Aber genau weil jetzt alle sozialen Rituale, Gewohnheiten, Abläufe und auch Werte in Frage gestellt werden, passiert das auch im Kleinen. Es k a n n jetzt nicht nur ums Funktionieren gehen, es kann nicht darum gehen, dass wir alle jetzt so weiterlaufen, als würde morgen alles wieder so weitergehen, wie zuvor. Ich kann nicht im neuen Alltag mit Covid19 von mir und meiner Familie erwarten, dass wir einfach so weiter „funktionieren“. Ich muss ein Stückchen davon loslassen und Platz machen für neue Dinge. Neue Routinen, neue Ideen, vielleicht auch neue Werte oder zumindest eine neue Gewichtung der alten Werte. Ich muss kreativ werden.

Wie sinnvoll ist beispielsweise das starre Beharren auf dem Abarbeiten der Schulaufgaben? Der Bildschirmzeiten? Meiner eigenen Arbeitsgewohnheiten? Da gibt es ganz viel, das wir jetzt überdenken dürfen. Aber auch das ist ein Prozess. Ich merke, dass mir das noch ziemlich schwer fällt, weil ich so verhaftet bin in allem, womit ich seit 46 Jahren lebe, aber… we’re getting there.

Waldeinsamkeit inn Zeiten von Corona | berlinmittemom.com

Die Krise als Chance?

Eigentlich hasse ich diesen Ausdruck, der ja nicht neu ist sondern auch in anderen Zusammenhängen schon oft benutzt wurde. Er impliziert, dass alles für jeden immer eine gute Seite hat, wenn man sie nur sehen will. Ich glaube, dass das eine privilegierte Perspektive ist, die nicht für jeden gleich leicht einzunehmen ist. Manche haben es schwerer als andere, das ist nunmal so. Und wer jetzt in der aktuellen Coronakrise zu denen gehört, die in der Frontlinie stehen, Ärzt*innen, Pflegekräfte, Kitaerzieher*innen in der Notbetreuung, alle im öffentlichen Dienst, die Supermarktkassierer*innen etc., die weiter ihre Jobs machen oder wer um seine Existenz bangen muss, weil er seinen Beruf nicht weiter ausüben kann, dem wird es schwer fallen, in dieser Situation eine Chance zu sehen. Aber.

Wir können im Kleinen die guten Dinge sehen, die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen. Wir können unseren Blick auf all das lenken, was uns gut tut, was immer noch da ist. Wir können Kraft schöpfen in der Natur. Wir können uns in der Liebe unserer Familie aufladen. Wir können uns darauf besinnen, welche Kräfte in uns selbst schlummern. Und es dürfen auch ganz kleine Dinge sein, die uns erfreuen. Die Lieblingsmusik. Ein Gedicht. Ein gutes Essen. Gemeinsamkeiten, gemeinsames Erleben, wie ich es in meinem Blogartikel zur Alltagsstruktur in Zeiten von Corona schon beschrieben habe.

Es ist nicht im mindesten leicht zur Zeit. Aber wir dürfen auch die schönen Dinge sehen und auskosten. Ich probiere gerade noch jeden Tag aufs Neue aus, welche Routinen mir besonders gut tun und wo ich den Kindern ein bisschen Genuss im neuen Alltag in Zeiten von Covid19 einbauen kann. Wir schreiben uns zum Beispiel gerade eine Feelgood-Liste mit Dingen, die uns Freude machen und versuchen, sie in den Alltag einzubauen. Es hilft, sich auf Dinge freuen zu können, selbst wenn sie noch so klein sind. Zimtschnecken backen steht zum Beispiel drauf. Und Singen.

Damit fangen wir jetzt gleich an.

Morgen lesen wir uns wieder! Bleibt tapfer.

 

7 Kommentare

  1. Ein alter, asiatischer Fluch besagt:
    Mögest du in interessanten Zeiten leben.

    Das tun wir.

    Dabei ist das jetzt auch eine riesige Chance um innezuhalten, nachzudenken und zu erkennen, was wir wirklich wollen und/ oder brauchen.

    Wir haben jetzt die Zeit für die Liebsten, für Projekte und auch mal Hausarbeit.

    Daher ist es eine Chance, die jeder von uns nutzen kann und es vielleicht auch sollte.

    Ich nutze die Zeit zum Schreiben und dem Aufbau meines Projektes …

  2. Danke für die Zeilen, liebe Anna.
    Und wie du im pdcast sagtest, man verbringt viel Zeit mich sich selbst und auch das muss man erstmal verkraften- es macht mich alles sehr nachdenklich und ich wünsche mir sehr, dass wir alle aus dieser Krise besser, solidarischer und gestärkter hervorghen…
    Alles Liebe

  3. Ich sage auch Danke für die Zeilen.
    Bei uns sieht es so aus, dass meine Tochter vormittags die Schulaufgaben macht und ich sie dabei begleite wenn sie Hilfe braucht(3.Klasse).Dann mache ich Mittag und danach geht es auch schon mit dem Fahrrad zur Arbeit (Apotheke).Mein Mann hat heute den ersten Tag Home Office und wir geniessen auch ein wenig die Zeit zusammen, da er sonst viel unterwegs ist.
    Das nur zu Hause sein, ist schon anstrengend.Wir haben Ausgangssperre (Dresden), aber die Sonne scheint, das Kind unter uns spielt/übt täglich Klavier und gibt uns damit auch ein paar schöne Minuten.
    Es sind Kleinigkeiten, aber gerade die sind so wichtig und tun gut.
    Haltet durch und bleibt gesund!
    Katja

    • Liebe Katja, du hast recht, es sind die Kleinigkeiten. Danke für den Reminder! Ich werde gleich mal mit meiner Dankbarkeitsübung anfangen. Das hilft mir immer. Alles Liebe für dich und deine Lieben!

  4. Deine Worte tun so gut. Vielen Dank für deine Impulse.

    Wir müssen uns die Tage neu finden.
    Die große Tochter ist aus Neuseeland zurück und mein Mann zwischendurch im HomeOffice zuhause (systemrelevanter Beruf mit viel Arbeitseinsatz zurzeit.
    Auf einmal sind wir zu viert.
    Und das Wohnzimmer ist voll und da ich aufgrund einer vorerkrankung der Lunge freigestellt bin von der Arbeit (Erzieherin), weiß ich zwischendurch gar nicht mehr, wo mein Raum ist.
    Aber ich will nicht jammern.
    Wir müssen uns keine finanziellen Sorgen machen. Unsere Arbeitgeber achten auf uns und den Kindern geht es gut.
    Wir haben ein Haus mit Garten und Juhu, nach 20 Jahren fühlt sich das Landleben plötzlich super an ;-)
    Wir haben die Schwiegereltern und meine Mutter gleich nebenan und können helfen.

    Aber trotzdem schlafe ich sehr schlecht und die Jüngste träumt ständig vom Sterben. Sie hat Asthma und sorgt sich um sich und um mich.
    Sie beklagt sich nur über die Menge der Schulaufgaben.

    Schönes Wochenende für dich und deine Familie
    LG Tanja

    • Liebe Tanja, das mit dem fehlenden Raum für dich kann ich sehr gut nachvollziehen. Hier ist es ähnlich, obwohl wir wirklich viel Platz haben. Es fehlt Zeit für mich, Exklusivzeit mit jedem meiner Kinder, Rückzugsorte für alle… wir müssen uns einfach alle arrangieren, aber wir lernen auch noch. Es ist nicht leicht.
      Ich wünsch dir und deinen Lieben einen kühlen Kopf, bleibt gesund und passt auf euch auf. Liebste Grüße!

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