Es ist Ausnahmezustand überall, die Corona Krise ist da. Grenzen und Schulen werden geschlossen, die Großeltern sollen möglichst drinbleiben und die Kinderspielplätze werden zum Teil als Orte der Keimverteilung ebenfalls geschlossen. Alle, die können, sind im Homeoffice und unsere Ärzt*innen, Krankenschwestern und Pfleger stehen in der ersten Reihe und bemühen sich, den Schlag abzufangen, so gut es geht.

Es ist schwer, dazu kluge Dinge zu sagen, weil wir alle (oder doch die meisten von uns) keine Expert*innen sind. Aber es betrifft uns alle, wir machen uns alle Gedanken und Sorgen, versuchen, uns zu informieren und uns verantwortungsvoll zu verhalten. Denn jetzt geht es uns alle etwas an.

Auch ich bin keine Virologin. Ich bin keine Ärztin. Ich bin keine Lehrerin oder Erzieherin, niemand, der jetzt in diesen Zeiten der Krise besonders gefordert wäre. Ich bin nur ich, eine Mutter von 3en, mit der neuen Situation genauso plötzlich konfrontiert wie alle anderen.

Aber ich denke darüber nach, was ich tun kann. Was ich beitragen kann, damit diese Krise, die uns alle betrifft, möglichst wenig schmerzhaft für die Menschen um mich herum ist, die in der Nähe und die in der Ferne.

Wie wir Social Distancing ausbalancieren können, ohne jemanden zu gefährden

Alle reden über Social Distancing und „flattening the curve“ und das ist richtig. Ich bin überzeugt davon, dass das die richtigen Maßnahmen sind, um die Ausbreitung zu verlangsamen und zu gewährleisten, damit das System nicht überlastet wird. Ich bin überzeugt, dass wir deshalb jetzt besonders als Mitmenschen gefragt sind, dass wir solidarisch sein müssen, wenn wir nicht zur Hochrisikogruppe gehören, die eine Infektion mit Corona nicht einfach so wegstecken.

Aber mein Gefühl ist ein anderes. Ich möchte zusammenrücken, ich möchte meine Liebsten am liebsten alle um mich scharen, sie umarmen und an mich drücken. Ich würde gerne meinen Vater und seine Frau hier haben und meine Schwiegereltern, mit ihnen reden, mit ihnen Dinge unternehmen, mich austauschen. Ich hätte am liebsten meine Geschwister hier, die Neffchen und die Nichtenkinder, meine Schwager und Schwägerinnen, ganz dicht. Ich möchte mich um die beiden Schwestern meiner Mutter kümmern, für sie einkaufen, sie zerstreuen, mit ihnen im Garten Rosen schneiden und über alles sprechen. Ich denke an die beste Freundin meiner Mutter, die gerade durch eine Chemo geht und möchte ihr Blumen bringen, ihr Tee kochen, ihr ein Kirschkernkissen warmmachen und ein Gedicht vorlesen. Ich möchte meine engsten Freundinnen dahaben, meine Patenmädchen und all die meinem Herzen nahen Kinder, die großen wie die kleinen. Aber genau das sollen wir nicht, denn das verbietet die Corona Krise uns zur Zeit. Genau diesem Impuls folge ich nicht, weil es unvernünftig wäre und andere gefährden würde. Zu allererst meine Eltern und Schwiegereltern, auch die Tanten, aber auch alle, mit denen sie in Kontakt kommen. Die Kinder, mit denen ich sie beglücken und ablenken wollen würde, sind möglicherweise die Überträger*innen des Virus.

Was tue ich also, um meinen Impuls nach Zusammenrücken zu befriedigen? Was kann ich machen, um mich nicht so hilflos zu fühlen und stattdessen wirksam zu sein? Außer mich an die Empfehlungen halten und mich und die Meinen nicht unter die Menschheit zu mischen?

Für jede Umarmung, die ich nicht haben oder geben kann, weil sie kontraproduktiv ist, führe ich ein Telefonat oder mache einen Skype- oder Facetimecall. Für jede Hand, die ich nicht schüttele, frage ich: „Wie geht es dir? Was machst du gerade?“ Für jede Autofahrt hin zu einer*m meiner Liebsten, die ich mir verkneife, frage ich jemanden, ob er etwas braucht. Ich verschicke Blumen, Bücher und Malsachen für die Kleinen und ich schreibe Briefe und Nachrichten und hoffentlich aufmunternde, positive Worte.

Wenn wir alle isoliert sein sollen, wenn wir weitgehend in unseren Häusern und Wohnungen bleiben müssen und physisch nicht zueinanderkommen können, so müssen wir es auf andere Art und Weise umso mehr tun. Wenn wir dieser Krise etwas entgegensetzen wollen, müssen wir aneinander denken und uns immer an den Schwächsten orientieren, um sie zu schützen.

Covid19 - Corona Krise als Chance | berlinmittemom.com

Corona Krise: Denken wir an die anderen

Wenn wir ein starkes Immunsystem haben, vergessen wir nicht die, die es nicht haben. Es sind nicht nur „die Alten“, von denen jetzt immer die Rede ist. Es sind auch die chronisch Kranken und die mit herabgesetztem Immunsystem. Die mit progressiven Muskelerkrankungen, deren Atmung betroffen sein wird, wenn sie sich bei uns oder unseren Kindern anstecken. Die, die mit transplantierten Organen leben und die, die an Herz-Kreislauferkrankungen und Autoimmunerkrankungen leiden. Die, die gerade eine Chemotherapie machen oder hinter sich haben und die daher für jeden Keim ein gefundenes Fressen sind, wenn wir sie nicht schützen. Und auch all die tapferen und unermüdlichen Krankenschwestern und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, Lehrer*innen und Erzieher*innen, die sich um unsere Kranken kümmern und um unsere Kinder. Die sich jeden Tag aufs Neue dem Risiko aussetzen, sich zu infizieren und die dennoch weitermachen.

Ich rufe also meine Tanten an und bestärke sie darin, lieber alleine in den Weinbergen spazieren zu gehen als auf dem Markt einzukaufen. Ich schreibe meine Nachrichten an die Liebsten in der Ferne und ich spiele Klavier bei weit offenem Fenster, in der Hoffnung, dass jemand hinter einem anderen Fenster es hört uns ich möglicherweise freut. Ich winke aus dem Fenster den Nachbar*innen zu. Ich versuche, positiv gestimmt zu bleiben oder eben diese positive Stimmung wiederzufinden, auch wenn mir das natürlich alles Angst macht und ich mich frage, wie es weitergehen wird und wie lange diese Ausnahmesituation andauern wird.

Was Covid19 uns abfordert: Ängste überwinden und zusammenstehen

Homeschooling. Social Distancing. Geschlossene Theater, Museen, Kinos und Konzertsäle. Hamsterkäufe in Supermärkten und die Angst vor Ansteckung, die alle wie verrückt ihre Hände desinfizieren lässt. Kurzarbeit. Unternehmen, die insolvent gehen trotz aller Bemühungen der Bundesregierung. Existenzängste. Geschlossene Grenzen. Ungewissheit. Hilflosigkeit. All das ist die Corona Krise.

Wir kennen das Virus noch nicht gut, wir kennen auch die Langzeitauswirkungen noch nicht und nicht die Effekte, die es auf unser Zusammenleben haben wird. Aber im Moment zwingt es uns, uns voneinander fern zu halten. Schon jetzt, obgleich wir am Anfang dieser Situation stehen, die uns allen mit Sicherheit noch einiges abverlangen wird, bringt uns das Gefühl der Unsicherheit an unsere Grenzen. Es verstärkt unsere Ängste und macht, dass wir uns hilflos fühlen.

Dagegen hilft nur: zusammenstehen. Auch wenn es „nur“ virtuell und aus der Ferne ist. Wir sehen jetzt schon in Social Media, wie die Italiener an offenen Fenstern singen, wie Menschen sich gegenseitig helfen und einander in der Quarantäne mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen, wie die Spanier gemeinsame Fitnessklassen an ihren Fenstern bzw. auf (Dach)Terrassen abhalten und wie im Iran Ärzte und Schwestern miteinander tanzen, um die Stimmung oben zu halten. Wir sehen, wie Menschen es schaffen, einander nah zu kommen und es zu bleiben, ohne das Gebot des Abstands zu brechen.

Das müssen wir jetzt auch tun. Wir müssen in der Liebe bleiben und im Miteinander, auch auf die Entfernung. Wir müssen uns umeinander sorgen und kümmern, wir müssen die Schwächsten schützen und sie gleichzeitig nicht alleine lassen. Wir dürfen unsere Ängste teilen, das ist okay, aber eben auch unsere Hoffnung. Und wir dürfen immer an die Macht der Liebe glauben und an die Kraft, die sie uns gibt.

Nicht nur, wenn wir geliebt werden, sondern viel mehr, wenn wir lieben. Wenn wir bereit sind, von uns etwas zu geben, uns wirklich zu verbinden mit anderen. Jetzt sind wir in unserer Liebesfähigkeit gefragt und herausgefordert, sie zu entfalten, auch wenn wir uns physisch isolieren oder uns zumindest weiter voneinander entfernt halten müssen. Mit was können wir jemand anderem den Tag erleichtern? Was hat jede*r von uns zu geben, das den anderen das Leben schöner, heller, leichter macht?

Manchmal sind es nur kleine Gesten, die einen großen Unterschied machen. Ein Lächeln. Ein Brief. Die Bereitschaft, jemandem zu helfen. Die Anerkennung dessen, was jemand anderes für uns oder die Gemeinschaft tut.

Es sind diese vermeintlich kleinen Dinge, die aus räumlich voneinander getrennten Menschen dennoch MITMenschen machen. Das dürfen wir niemals vergessen.

Die Corona-Krise können wir nur gemeinsam überstehen. Alleine sind wir nichts.

9 Kommentare

  1. Almut Elsässer Antworten

    Liebe Anna,

    Sie sind einfach wunderbar. Dank für diesen wunderbaren, mutmachenden Artikel. Das gibt vielen Menschen Kraft. Bitte schreiben Sie wieder öfter!

    Herzlich- Almut

    Allen da draußen alles Gute

    • Danke, liebe Almut. Es macht mir auch Mut und Hoffnung, dass wir uns hier austauschen können. Bitte kommen Sie wieder! Alles Liebe

  2. Liebe Anna,
    Vielen Dank, das ist so wertvoll für mich! Wunderbarer Text!
    Bleibt gesund und fühl dich unbekannterweise virtuell gedrückt

    *Rita

  3. Pingback: Mehr als nur Schule spielen | 5 Tipps für Homeschooling in Zeiten von Corona | berlinmittemom

  4. Vielen Dank, Anna! Wunderbar in Worte gefasst, was auch mir so im Kopf herumgeht! Ich freue mich immer auf Deine Posts. Liebe Grüße von Christine

  5. Pingback: Where are we going from here?| Alltag in Zeiten von Covid19 | berlinmittemom

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