Heute morgen ist hier wieder Vollbesetzung. Der Mann ist zurückgekommen aus der Stadt, ein Nichtenkind ist eingezogen, eine Freundin der Großen ist auch im Haus – die Bude bebt quasi mal wieder. Der Morgen ist also tatsächlich die friedlichste Zeit hier, wenn alle „Kinder“ noch schlafen. Dann kann ich mich mal sammeln und meinen Gedankenfäden folgen.

Heute denke ich darüber nach, was uns als Eltern eigentlich ausmacht. Nicht nur bezogen auf unsere Werte oder darauf, wie wir mit unseren Kindern leben wollen. Was wir ihnen beibringen, wie wir sie lieben. Sondern wer wir, ganz individuell, eigentlich sind und was deshalb wir, nur wir allein, unseren Kindern mitgeben, einfach dadurch, dass wir wir selbst sind. Wir selbst mit allem, was uns ausmacht.

Die Mutter, die ich bin

Alles, was zu mir gehört

Wenn ich darüber spreche oder schreibe, wie das Leben mit meinen Kindern bisher war, stelle ich immer wieder fest, dass ich dieselben Dinge wie selbstverständlich immer aufzähle: ich habe ihnen vorgesungen, tausend und ein Lied, als sie klein waren. Ich habe ihnen Geschichten erzählt und unendlich viele Bücher vor- oder mit ihnen gelesen. Ich habe Gitarre und Klavier mit ihnen gespielt und ihnen Gedichte aufgesagt. Ich bin mit ihnen raus gegangen, wir haben Pfützen und Ozeane erobert. Ich bin mit ihnen an fremde Orte gereist und habe mit ihnen Sonnenuntergänge am Strand angeschaut. Wir haben Schneckenhäuser betrachtet und Muschelschlösser gebaut. Ich habe mit ihnen gekocht und gebacken und auf dem Fußboden Picknicks veranstaltet. Wir haben Feste gefeiert und uns verkleidet und immer die Menschen zu uns eingeladen, die wir mögen. Ich habe Geheimsprachen mit ihnen erfunden und ihnen alberne Lieder beigebracht. Und ein paar Schimpfwörter auch.

All das ist Teil meines Mutterseins, vielleicht sogar der essentielle Teil, wenn es um meine Kinder geht. Denn all das ist die Mutter die ich bin. Genauso bin nur ich, und auch wenn es sehr viele Schnittmengen gibt mit allen anderen Müttern da draußen, ist diese eine Variante des Mutterseins einzigartig.

Die Mutter die ich bin | berlinmittemom.com

Alles, was ich nicht bin, gehört auch nicht zu meinem Muttersein

Was ich eigentlich sagen will: wenn es so etwas gibt wie die Essenz unseres Mutterseins, in der all das drinsteckt, was uns als Individuen ausmacht, was uns einzigartig und besonders macht und damit auch unser Muttersein, dann gibt es analog dazu auch jede Menge Sachen, die nicht zu unserem Muttersein gehören. Ganz einfach, weil sie nicht zu uns gehören. Weil sie nichts mit uns zu tun haben. Weil sie uns nicht interessieren oder uns keinen Spaß machen, weil sie uns nichts bedeuten oder weil wir sie ganz einfach nicht gut können.

Ich zum Beispiel hasse Basteln. Und Handarbeiten jeglicher Art. Wirklich, schon immer. Und es liegt NICHT daran, dass ich es nicht hätte machen müssen, in der Schule zum Beispiel. Ich hatte Handarbeits- und Kunstunterricht, natürlich musste ich häkeln, stricken und irgendwas falten lernen, musste Linoldruck machen, Speckstein und Holz bearbeiten, Gedöns aus Salzeig und Nelken herstellen und Puppenköpfe aus Pappmaché anfertigen. Ich habe es schon immer gehasst. All das hat nichts mit mir zu tun, hatte es nie.

Genauso so gut wie alle Sportarten. Außer Radfahren und Schwimmen (und manchmal Tanzen) – zum Spaß, nicht aus Wettbewerbsvorstellungen oder unter Leistungsdruck! Bin ich raus. Ich spiele mit den Kindern kein Volleyball oder Fußball oder Tennis, noch konnte ich ihnen je die Freude am Inlineskaten oder Hockeyspielen vermitteln, weil ich das alles selbst nicht gerne tue. Bin ich untauglich.

Warum sollte ich als Mutter also irgend etwas davon mit meinen Kindern machen? Dinge, die ich verabscheue? Nur, weil sie zum „Mütterkanon“ gehören? Dinge, die Mütter mit ihren Kindern tun?

Ehrlich, ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, als die Kinder klein waren und natürlich gern mit beispielsweise Knete und Fimo experimentieren und Laternen basteln wollten, wie die meisten anderen Kinder auch. Und ich war immer dankbar, dass es andere Mütter gab, die das von Herzen gerne gemacht und meine Kinder eingebunden haben. Dafür habe ich dann mit anderen Kindern Gitarre gespielt und Lieder gesungen. Oder Karnevalsfeiern für die Kids veranstaltet, wo alle kommen durften. Puppentheater gemacht und mit zig Kindern Plätzchen gebacken in der Adventszeit. Dinge, die andere Mütter in den Wahnsinn treiben würden. Aber mich eben nicht.Die Mutter die ich bin | berlinmittemom.com

Nicht, weil ich irgendwie eine „bessere Mutter“ wäre oder etwas kompensieren wollte, sondern weil es mir einfach furchtbar viel Spaß gemacht hat. Es macht mir Freude, deshalb tue ich diese Dinge. Viele Menschen um mich zu haben, die ich mag, macht mir Freude. Singen und Lesen und Gedichte aufsagen und mir Quatsch ausdenken macht mir Freude. Kochen und Backen und bunte Brotdosen packen macht mir Freude. Mit den Kindern Schlafpartys veranstalten und Picknicks mitten im Wohnzimmer macht mir Freude. Aber Laternenbasteln nervt mich. Knete nervt mich. Salzteig und Fimo nerven. Laubsägen und Makramée und Upcycling nerven mich. DIY? Hier nicht, tut mir leid.

Wir sind, wer wir sind – auch als Mütter

Quatsch, nein. Es tut mir eben genau nicht leid.

Die Mutter die ich bin, ist keine Bastelmutter. Ich habe große Ehrfurcht vor allen, die da begabt sind und Freude empfinden, wenn sie auf diese Weise kreativ sind. Aber ich bin da raus. Bei mir gab es keine Origamikleinigkeiten oder geplottete T-Shirts oder selbstgestaltete Fensterbilder. Nicht mal Aufnäher auf Jeansjacken gab es hier. Und die Schultüten meiner Kinder waren nur selbstgebastelt, weil meine liebste Freundin und Patentante der Kinder das übernommen hat. Das Maximum an „Selbermachen“ ist bei mir von jeher das Geschenkeverpacken für den Adventskalender und an den Geburtstagen der Kinder. Und auch da bin ich aus Nachhaltigkeitsgründen vor Jahren auf selbstgenähte Säckchen umgestiegen. Nicht von mir genäht, versteht sich.

Ich habe vor vielen Jahren aufgehört, das als einen persönlichen Mangel zu sehen. Oder als einen Mangel, unter dem meine Kinder leiden könnten. Und auch als alle Blogs dieser Welt anfingen, mit Serviettentechnik Geschenke für die Lieblingserzieherinnen zu basteln oder selbst Osterkörbchen zu flechten und Bettwäsche zu batiken und und und… konnte ich da nicht mithalten. Einen kurzen Moment lang habe ich mich deshalb schuldig gefühlt. Wie eine schlechtere Mutter. Social Media hat einen guten Teil zu diesem Gefühl beigetragen. Aber nur für einen Moment.

Die Mutter die ich bin | berlinmittemom.com

Ich bin all das nicht – und das ist okay so. Meine Kinder haben keinen Mangel gelitten, weil all diese Dinge in ihrem Leben nicht von mir vermittelt oder vorgelebt wurden. Dafür gab es andere Menschen in ihrem Leben, die das konnten. Weit kompetenter und glaubwürdiger als ich. Kein Kind der Welt wird von einem Elternteil zu etwas angeregt, das eben dieses Elternteil selbst nicht gerne tut.

Die Mutter die ich bin – ist okay wie sie ist. Sie singt und macht Quatsch und kennt Gedichte und liest Bücher (vor), sie fährt Fahrrad durch den Wald und lacht viel zu laut, sie lädt sich das Haus voller (meist netter) Menschen und schnitzt zu Halloween Kürbisse. Und sie nimmt ihre Kinder mit zu Konzerten und zu Lesungen und auf schöne Friedhöfe, und sie weint manchmal, wenn sie nach Hause kommt und den Rhein wiedersieht. Sie erzählt ihnen Geschichten, erfundene und wahre und denkt sich neue Wörter aus, um die Augenfarben ihrer Kinder zu beschreiben. Sie backt Lieblingskuchen und pflückt Blumen und liebt den Garten und das Meer und den Wald.

Sie kann keine Ballspiele und macht keine Adventsgestecke selbst, sie kann nicht nähen und keine Löcher in der Lieblingsstrickpuppe flicken. Nicht mal Socken stopfen kann sie. Sie färbt nicht selber Kerzen oder macht Seife oder Perlenschmuck… nichts von alledem.

Sie ist, wie sie ist. Die Mutter die ich bin. Und das ist okay.

5 Kommentare

  1. Ich freue mich jeden Tag auf deine Gedanken, das war wirklich eine tolle Idee. Gerade die Überlegungen zur Familie sprechen mich an, weil es mich als Mutter eines gerade Einjährigen ziemlich beschäftigt. Ich versuche, mir eine Scheibe deiner Gelassenheit, die aus jedem Beitrag spricht, abzuschneiden und meine Version von „Mama-sein“ zu definieren.
    Ich wünsche dir noch entspannte Tage an der See – irgendwann muss ich da auch mal hin!

  2. Anna – Highfive!!! Ich habe mich beim ersten Schultütebasteln im Kindergarten einfach ein bisschen zu dusselig angestellt, so dass die Bastelqueens dort mir die anderen beiden gemacht haben. Dafür habe ich bei Sommerfesten gern gespült, Vorlesemutti gemacht &&&. Jede nach ihrer Façon :-)

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