Heute habe ich den Morgen entspannt begonnen. Der Mann war mit dem Babyhund schon draußen gewesen und hatte mich noch schlafen lassen, ich habe ihn abgelöst und meinen ersten Kaffee noch im Hemd auf der sonnigen Terrasse genossen, meinen Laptop neben mir, bereit, loszuschreiben.

Dann habe ich in mein Handy geschaut – und es augenblicklich bereut. Nicht in erster Linie, weil es gegen meine eigene Regel verstößt, vor dem ersten Schreiben am Morgen auf keinen Fall aufs Handy zu schauen, sondern weil das, was ich da entdeckte mich zutiefst erschüttert hat.

Elfmeterschießen um den EM-Titel und die Folgen

Als wir gestern ins Bett gingen, war das letzte, was wir sahen, das Elfmeterschießen zwischen Italien und England im Finale der EM. Der Bub und der Mann sind beide große Fußballfans und sahen das Spiel voller Spannung, das Herzensmädchen war mit ihrer Besuchsfreundin unterwegs, wo sie das Spiel am Strand verfolgten, während das Goldkind und ich das Ganze eher nebenher mit schauten. Das Elfmeterschießen war spannend, wie eigentlich immer, wenn auf diese Weise ein Spiel um einen Titel entschieden wird. Gestern Abend hielt der Großteil der Familie der italienischen Mannschaft die Daumen, und der Sohn kommentierte schon vor dem Spiel, dass das aus seiner Sicht vor allem daran läge, dass die englischen Fans das Letzte seien und er persönlich der Mannschaft deshalb den Titel nicht so sehr gönne, wie den Italienern. Es sei, wie es wolle – der Abend endete hier trotz allem ruhig und wir gingen ins Bett.

Aber heute morgen erwachte ich zu den widerlichen Neuigkeiten in der Folge dieses Spiels. Während nämlich die Italiener letzte Nacht überall in den Straßen sangen und feierten, fingen Teile der englischen Fans gleich nach dem Abpfiff an, rassistisch zu eskalieren. In Social Media, aber auch tatsächlich, in den Pubs und in den Straßen. Denn die drei Torschützen der englischen Nationalmannschaft, die im entscheidenden Elfmeterschießen gegen Italien verschossen hatten, sind – drei Schwarze. Drei junge Männer, der jüngste erst neunzehn Jahre alt, die mit ihren Fehlschüssen den Zorn einer Nation entfesselten, nachdem sie für ebendiese Nation ein erfolgreiches Turnier gespielt hatten.

Ich las die Tweets von Stephan Anpalagan, geteilt von Louisa Dellert und vom Volksverpetzer in meinem Instafeed, und jeder Gedanke an selbstvergessene Morgenseiten war dahin. Ich las von Vergewaltigungsdrohungen und Aufrufen zur Gewalt, von einem Schwarzen Mann, der auf die Gleise gestoßen, von einem, der in die Themse geworfen worden war – beide Fälle allerdings nicht von offizieller bestätigt, soweit ich weiß. Davon, dass auf Twitter Schwarze Bürgerrechtsorganisationen davor warnten, auf die Straße zu gehen, wenn man dunkler Hautfarbe sei. Und dann, auf den Profilen von Saka und Rushford, zwei der betroffenen Spieler, den rassistischen Hass, das N-Wort unzählige Male, rassistische Stereotype, lange Zeit unwidersprochen, in den Kommentarspalten.

Nationalstolz, Fußball und Rassismus

Ich muss sagen: es hat mich nicht überrascht. Es hat mich entsetzt, es hat mich angewidert, es hat mich rasend wütend gemacht. Aber überrascht hat es mich nicht. Und das nicht etwa, weil die Engländer oder die englischen Fans besonders rassistisch sind und ich deshalb diese Art von Reaktion erwartet hätte, sondern weil es zeigt, was an Rassismus in unserer Gesellschaft unterschwellig immer da ist. Und was, sobald es ein Ventil bekommt, hervorbricht.

Fußball und Rassismus sind dabei ein besonders verlässliches Duo, denn bei fast keinem anderen Sport zeigt sich die Mischung aus Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus so deutlich, wie bei internationalen Fußballturnieren. Geht es Land gegen Land, wird alles ganz besonders auf eine Nationalität, auf die vermeintliche Zugehörigkeit zu einer Nation projiziert. Selten erlebt man den Hass auf Andersartigkeit so unverhohlen, wie in den Zuschauerrängen der gefüllten Stadien bei internationalen Turnieren.

Gestern beim Elfmeterschießen wurden drei exzellente Spieler der englischen Nationalmannschaft fürs Elfmeterschießen ausgewählt. Drei blutjunge Spieler, am Anfang ihrer sportlichen Karrieren. Drei junge Schwarze Männer. Sie haben einen nicht unerheblichen Anteil am Erfolg der Mannschaft in dieser EM, aber gestern wurden sie nach dem Aus sofort auf ihre Hautfarbe reduziert. Alles, was sie zuvor jemals geleistet hatten, sportlich oder persönlich, verblasste plötzlich daneben, dass sie Schwarz sind. Und dass die Schwarzen der englischen Mannschaft den EM Sieg gekostet hätten.

All das war keine Überraschung. Dass ihre Hautfarbe im Moment ihres „Versagens“ das war, worauf sich eingeschossen wurde, war keine Überraschung. Dass sie reduziert wurden auf ihre Hautfarbe, war keine Überraschung. Es war der Reflex einer rassistisch geprägten Struktur, in denen der „gute Schwarze“ dazugehört, solange er leistet, was erwartet wird. Dann ist er „einer von uns“. Bringt er nicht, was erwartet wird, ist er der N***, der des Landes verwiesen werden soll – und Schlimmeres.

Und noch etwas: dass es gestern die englischen Fans waren, die sich so verhalten haben, war ein Zufall. So sehr wir uns darüber aufregen, so sehr es uns anwidert, was da geschehen ist: es hätte in Deutschland, Spanien, Frankreich etc. exakt genauso passieren können. Eine Vielzahl deutscher Fans wären ohne zu Zögern einen Antonio Rüdiger in derselben Situation genauso angegangen oder einen Leroy Sané. Es wäre wurscht gewesen.

Was gestern in Social Media und auf den Straßen und Pubs passiert ist, war keine Überraschung. Es ist widerlich, verachtenswert und muss verurteilt werden. Jede*r, der/die sich auf diese Art äußert, gehört zur Rechenschaft gezogen wegen rassistischer Hetze und Hass. Aber das ist die Spitze des Eisbergs.

Wir leben in einer immer noch zutiefst rassistischen Gesellschaft, und der Alltag unserer Schwestern und Brüder mit Brauner und Schwarzer Haut ist davon geprägt, dass sie auf ihre Hautfarbe reduziert werden, jeden Tag aufs Neue. Deshalb dürfen wir nie wieder leise sein, wenn wir so etwas miterleben, wenn wir es hören oder sehen und wenn wir es in Social Media mitlesen.

Rassist*innen gehören bloßgestellt, zur Verantwortung gezogen, gemeldet, angezeigt, öffentlich beschämt. Immer wieder und zu jeder Zeit. Es genügt nicht, im Stillen den Kopf zu schütteln über sie. Denn das wird sie nicht aufhalten. Das wird nicht dazu führen, dass sich etwas ändert.

Passt auf euch auf.

7 Kommentare

  1. Danke für Deine klaren, deutlichen, Mut machenden Worte,liebe Anna! Danke, dass Du nicht stumm den Kopf schüttelst. ❤️

  2. Danke, dass das hier so klar und umfänglich Platz findet! Man hatte es schon beim Zuschauen befürchtet, es wurde von der Realität an Widerwärtigkeit übertroffen.
    Und nein, das waren nicht einfach ein paar betrunkene Fußballfans, wie ich in der Kommentarspalte auf Spiegel online gestern las.
    Und ja, das hätte hier genau so laufen können in Deutschland.

  3. Liebe Anna! Ich hänge an der Aussage deines Sohnes über die englischen Fans… was ist willst du damit ausdrücken? Mich irritiert, dass du damit deinen Sohn auch undifferenziert denkend beschreibst.
    Um Klarheit bittend,
    Carla
    PS: Die Morgenseiten liebe ich sehr und warte jeden Tag darauf.

    • Liebe Carla, er meinte damit, dass die englischen Fans schon vor dem Finale ein unsportliches und abstoßendes Verhalten gezeigt haben: die eigene Mannschaft ausbuhen, weil sie als Zeichen gegen Rassismus vor den Spielen niederkniete, die gegenerischen Mannschaften ausbuhen, wenn deren Hymne gespielt wird, gegnerische Torhüter mit einem Laserpointer blenden… all das fiel schon vor dem Finale unangenehm auf.

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