Wir haben im Vorfeld lange darüber gesprochen, dass sich in unmittelbarer Nähe der zauberhaften und kuluturträchtigen Stadt Weimar, unserem ersten Etappenziel, das KZ Buchenwald befindet. Wir haben darüber beratschlagt, ob wir es uns ansehen würden, wer von uns es sich würde ansehen wollen und wie wir das würden machen wollen, damit es so erträglich wie möglich sei, weil klar war, dass es eben auch das ist, was es sein muss: furchtbar.

Gedenkstätte Buchenwald: Jedem das seine | berlinmittemom.com

Für den Mann und mich war von vorne herein klar, dass wir herkommen würden. In Weimar wurde nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die amerikanischen Truppen die Bevölkerung gezwungen, sich das KZ anzuschauen, das Krematorium, die Desinfektionsräume, die noch vorhandenen Berge mit Leichen der Insassen. Sie hatten seit 1937, seit das Lager entstanden war, damit gelebt und sich darauf berufen, nicht gewusst zu haben, was da vor sich ging. Für uns schien es unmöglich, das als Tourist*in in dieser Stadt quasi zu wiederholen: das schöne Weimar zu besuchen, ohne nach Buchenwald zu gehen und das Grauen zu sehen, das hier Seite an Seite entstanden ist, kultiviert wurde, existiert hat. Das Grauen und seine schrecklichen Konsequenzen. Im Fall Buchenwald über 56.000 Tote bis 1945.

Den Kindern hatten wir freigestellt, ob sie mitkommen würden. Der Sohn und die große Tochter entschieden sich dafür, das Goldkind scheute davor zurück, was ich sehr gut nachempfinden konnte. Sie blieb mit dem Hund im Hotel. Tatsächlich hatte ich mich im Vorfeld schlau gemacht: der Besuch des Krematoriums wird frühestens ab 12 Jahren empfohlen, bucht man eine der eindringlichen und intensiven Führungen, ist sogar von einem Mindestalter von 15 Jahren die Rede. Damit fällt mein 13jähriges Kind voll in das Alter, in dem ein Besuch hier vielleicht nicht nur nicht Pflicht sein sollte, sondern möglicherweise traumatisierend sein würde.

Gedenkstätte Buchenwald. Der Wind, die Trauer, das Böse

Nach einem langen Tag voller schöner Orte in Weimar fuhren wir also zu viert hinauf nach Buchenwald. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, außer dass ich tatsächlich mit dem Gefühl des Grauens gerechnet hatte, welches sich auch genauso einstellte. Aber die Stille, die uns empfing an diesem Ort, der auf den ersten Blick so leer wirkt, war angefüllt mit Gefühlen. Nicht nur unsere eigenen, Trauer, Entsetzen, Abscheu. Da war noch mehr. Als könnten wir an diesem Ort noch immer die Aura dessen spüren, was dort geschehen ist. 56.000 mal Tod, Folter, Qual. 56.000 mal Ängste, Schrecken, Trauma. 56.000 mal ausgeliefert Sein, Elend, Ausweglosigkeit.

Krematorium Buchenwald | berlinmittemom.com

Als wir das Krematorium betraten, in dem zu beiden Seiten des Gebäudes Türe und Fenster weit offen standen, wehte der Wind durch die Räume. Und so albern das klingen mag, mir kamen nicht nur die Tränen, sondern ich hatte den intensiven körperlichen Eindruck, das Böse sei noch dort. Dabei ist mir vollkommen klargeworden, was das Böse ist, falls es das in dieser Form gibt. Es liegt in uns, in uns Menschen. Es ist die Fähigkeit, einander das Furchtbarste anzutun und dabei, so wie in Buchenwald seit 1937, so wie in Bergen-Belsen, in Ravensbrück, in Therensienstadt und in Auschwitz, nicht mal das kleinste bisschen Zweifel daran zu haben, dass es vollkommen gerechtfertigt ist. Keine Reue zu empfinden. Das Gegenüber so entmenschlicht zu haben, dass sich ein Wort wie “Endlösung” normalisiert hat und perfide Vorrichtungen wie Genickschussanlagen getarnt als ärztliche Untersuchungsräume sich richtig anfühlen.

Das Böse liegt in uns, im selben Maße, in dem wir zur Schöpfung der wunderschönsten Dinge in der Lage sind. Weimar und Buchenwald scheinen dafür das Sinnbild zu sein: das Schöne liegt so nah am Grauen. Das KZ Buchenwald am Ende eines Tages voller Kunst, Natur und Kultur in Weimar zu besuchen, erschien uns also nur folgerichtig.

Wir fühlten Trauer. Wir fühlten das Grauen und das Böse. Wir ließen uns durch unserem Audioguide alles erklären, was wir sahen und konnten es mitunter kaum aushalten.

Aber das, dachte ich heute Abend, ist genau das, was wir uns abverlangen müssen, wenn wir heutzutage dorthin gehen. Wir sind nicht betroffen. Wir waren nicht die Opfer. Ich bin persönlich nicht mal Nachfahrein von Opfern in irgend einer Weise. Was die Opfer und ihre Nachkommen ertragen mussten und teilweise noch müssen (Stichwort transgeneratives oder kollektives Trauma…) ist schier unerträglich. Das Mindeste, was wir tun können ist, hinzuschauen. Auszuhalten, all das zu erfahren, was dort geschehen ist. Das Grauen anzuschauen. Das Böse zu spüren und zu begreifen, dass das Potential dafür in uns allen liegt.

Jüdisches Mahnmal Buchenwald | berlinmittemom.com

Die traurige Gewissheit, die ich aus Buchenwald mitbringe ist, dass so etwas wieder geschehen könnte. Dass das Böse in uns sich immer wieder zum Ausdruck bringt. Nicht genauso wie in den KZ der Nationalsozialisten, das vielleicht nicht. Aber die Möglichkeit dazu, eine Kohorte Menschen zu entmenschlichen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer körperlichen Merkmale, ihrer Kultur… und damit den Weg zu ihrer Vernichtung freizumachen, ist sehr real und greifbar.

Ich habe heute das Grauen gespürt. Hand in Hand mit meinem Mann und meinen Kindern. Wir sind still zurück in die Stadt gefahren, in der alles so schön und lebendig ist. In unseren Herzen Gebete für 56.000 Opfer von Buchenwald. In meinem Herzen eine tiefe Traurigkeit. Und den festen Glauben daran, dass der nachhaltigste Widerstand gegen dieses Böse die Liebe zu den Menschen ist. Zu ALLEN Menschen, ohne Ausnahme. Sogar zu denen, die wir nicht mögen. Spricht da die Christin aus mir oder die Humanistin?

In jedem Fall spricht die Mutter aus mir, die davon überzeugt ist, dass in den Kindern, deren Seelen und Herzen wir nicht mit Vorurteilen vergiften, das Böse schlechte Chancen hat, zu gedeihen.

Passt aufeinander auf.

7 Kommentare

  1. Guten Morgen! Vielen Dank für deinen berührenden Bericht zum KZ Buchenwald. Dies zu lesen, hat mich sehr getriggert. Ich bin ein “DDR Kind”. Bei uns war es Pflicht, in der 8. Klasse, im Jahr der Jugendweihe, dass die Klasse nach Buchenwald fuhr. Da wurde nicht auf Alterempfehlung geschaut (was ich sehr gut finde, dass dies nun so ist) oder gefragt, wer dies überhaupt möchte. Ich war der letzte Jahrgang, der dies noch nach den DDR Regeln machen musste, dann kam die Wende.
    Beim Lesen deines Berichtes kam vieles hoch, was ich verdrängt hatte. Ich weiß noch, dass es mir genau wie dir ging, als ich dort war: dieses “spüren”. Obwohl man wusste, es kann einem da nichts passieren, machte sich in mir eine Angst auch breit. Ich kann es schwer in Worte fassen.
    Ich habe über die Jahre auch sehr viele Bücher über Anne Frank gelesen, nachdem ich ihr Tagebuch als Teenager gelesen hatte. Es ist erschreckend und unvorstellbar. Und ja, die Angst, dass so etwas wieder passieren kann ist groß.

    Nun wünsche ich dir & deiner Familie aber einen schönen, erlebnisreichen Urlaub! Passt auf euch auf!
    Herzliche Grüße aus Halle/Saale! Sandra

    • Liebe Sandra, lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich habe jetzt schon von vielen von diesen Pflichtbesuchen zu DDR-Zeiten gehört, das scheint ja bei aller guten Absicht nicht immer so leicht gewesen zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass es herausfordernd sein kann, das in einer Gruppe Gleichaltriger und mit Lehrer*innen zu erleben. Ganz liebe Grüße!

  2. Wir waren in der 9. oder 10. Klasse auf Klassenfahrt in Weimar und “mussten” auch alle zusammen zum KZ Buchenwald. Das war super hart. 2 Klassen zusammen (also rund 60 Kinder). Keine Zeit die Gefühle die aufkamen zu verarbeiten oder denen Raum zu geben.
    Das Böse war dort so krass zu spüren. Erschreckend.

    • Ich stelle mir das auch sehr herausfordernd vor. So richtig ich es finde, dass dieser Teil unserer Geschichte nachdrücklich im Lehrplan verankert und auch solche Erfahrungen mit eingebunden werden – es sollte doch immer mit dem entsprechenden Fingerspitzengefühl umgesetzt werden. Daher war es mir auch lieb, dass wir als Eltern das jetzt mit den Kids gemeinsam erleben konnten.

  3. Pingback: Roadtrippin France Tag 2 und 3 | Von Weimar in den Taunus und nach Reims | berlinmittemom

  4. Mich hat der Besuch vor wenigen Jahren auch sehr berührt. Es gibt sooo viele Schauplätze des Leids.
    Die getarnten Genickschussanlagen sind auch heftig.

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